»This Bird Has Flown«

Nils Koppruchs Solodebüt Den Teufel tun

Nils Koppruch: Den Teufel tun (V2 records GmbH) Zu sagen, die vor zehn Jahren gegründete Band Fink sei immer nur eine Durchgangsstation gewesen, wäre falsch. Schaut man sich die Listen der mitwirkenden Musiker auf den sechs zwischen 1997 und 2005 erschienen Alben genauer an, so herrschte trotz einiger Wechsel bis zu ihrer Auflösung im letzten Jahr Kontinuität. Der Gitarrist Dinesh Ketelsen beispielsweise spielte als Gast bei den ersten Alben mit, um von Album Nummer drei bis vier als Bandmitglied mitzutouren. Das vorletzte Album produzierte er schließlich, um Fink erst dann endgültig zu verlassen. Begleiter von Anfang bis Ende von Fink aber war, neben dem Songschreiber Nils Koppruch, der Bassist Andreas Voss. Heute spielt er bei Halma eine Musik, die, meist instrumental, mit Fink wenig gemein hat, bei der sich aber deutlich zeigt, was Koppruch bei seiner Solowanderung fehlt: der Mut, den Song zu durchbrechen und Pfade jenseits eines Strophe-Refrain-Schemas zu suchen. Als die Beatles sich auflösten zeigte sich sehr bald, dass diese Truppe genialer Musiker nur zusammen wirklich funktionierte. Einzelne Hits sollten noch Erfolg haben, gute Platten waren eher die Ausnahme. Allein George Harrison gelang es, nach dem Ende der Beatles – in neuer Freiheit – mit All Things must pass direkt eine vielbeachtete Soloplatte zu machen. Nach langen Vorarbeiten veröffentlichte nun Nils Koppruch im April mit Den Teufel tun sein erstes Soloalbum. Als Mitstreiter sind nur ehemalige Fink-Gäste wie Ecki Heins (Geige), Peter Lohmeyer (Gesang), oder Lars Paetzelt (Bass) geblieben. Von den Mitgliedern Finks dagegen ist auf dem Album nichts zu hören, und so wird auf diesem Soloalbum deutlich, wer in dieser Band den größten Einfluss hatte: Es klingt nach Fink und ist es eben doch nicht. Während Andreas Voss schon seit Jahren mit seiner Band Halma großartige Rockmusik liefert, war das Parallelprojekt von Nils Koppruch seine Malerei unter dem Pseudonym SAM. Doch ohne ständige Begleiter fehlt Nils Koppruchs Musik die interessante Mischung. Bam Bam Bam, das letzte Album von Fink, das von dem Zusammenspiel der verjüngten Band lebte und neue Wege betrat, lässt Den Teufel tun fad und leer klingen. Die Aufbruchsstimmung von Bam Bam Bam ist einer Trägheit gewichen, die einen ersten Zugang zum Album versperrt. Viele Stücke, die er mit der Vielseitigkeit von Fink leicht hätte veredeln können, bleiben in der spärlichen Instrumentierung trocken und leer. Nils Koppruchs Gitarrenspiel wiederholt sich, Themen und Rhythmen variieren zu wenig, als dass sich ein Interesse über die Gesamtlänge aufrecht erhalten ließe. Schlagzeug ist spärlich, eine E-Gitarre nur auf Heimweh zu hören, das aber die zum Titel passende Stimmung nur anzudeuten vermag. Sein Gesang ist ungewohnt brüchig, wirkt unsicher. Was eine Chance hätte sein können, klingt bei nichts ist verloren dann sogar, als suche er noch den passenden Ton zur Zeile. Auch textlich ist das Album weniger originell: Da es sich um die gleichen Spielereien wie bei Fink handelt, wird es in seiner Nacktheit ohne durch Fink erweiterte Begleitung langweilig. Konstruktionen wie:

ich wünsch mir, ich wünsch mir ich wünsch mir dich her und ich wünsch mir du wünschst mich zu dir (mein einziges lied, 2007)

heben sich leider kaum von denen älteren Datums ab:

und sie weiß dass ich weiß dass sie weiß wie schnell der sommer verstreicht (Dass sie weiß, 1999)

Es geht um das Singen, es geht um die Liebe. Das Thema Angst, das die ersten vier Fink-Alben durchzog, bleibt verdrängt. Die Komponente des druckvollen Zusammenspiels, das Bam Bam Bam ausmachte, ist auch nicht gerettet. Statt dessen ein Drehen im eigenen Kreis:

›den teufel will ich tun‹, sang dieses mädchen, […] den teufel will ich tun allein wenn nötig hier sing ich bis mich der teufel holt nur vorher soll er sich ersaufen sing ich sing ich sing ich immer fort ich wünschte dass ich wüsste was sie sang ich wünschte mir ich hätte dieses lied dann würd ich singen, singen doch ich hab nur dies (den teufel tun, 2007)

Das macht wenig Freude, dafür findet man wenig Verständnis. Und vor allem der Optimismus in näher seit gestern klingt verordnet:

der tag wenn ich krieg was ich will ist nah, näher seit gestern ein tag […] der tag kommt näher mit jedem tag und wenn’s noch nicht der nächste ist, dann ist es bestimmt der danach (näher seit gestern, 2007)

Das Negative, das viele frühere Lieder Koppruchs ausmachte, wird verdrängt zugunsten eines diffusen Optimismus, der in ähnlichen Bildern schon auf Bam Bam Bam in dem Lied Ja ja ja zu hören war. Es ist die Einfallslosigkeit nicht nur in den Texten, die dem Album zu schaffen macht, auch musikalisch sind dem Vogel ohne seine Mitstreiter die Flügel gestutzt. Die Neben- und jetzt Hauptprojekte der Finks sind von der Presse positiv aufgenommene Bands, sei es Mountaineer oder Halma. Nils Koppruch allerdings täte gut daran, sich auch dauerhaft mit Bandkollegen auseinanderzusetzen, denn leider schmort er auf Den Teufel tun sehr stark im eigenen Saft. Das Potenzial seiner Songs ist in nur wenigen Ausnahmen ausgenutzt, die Reduktion auf wenige Instrumente im Vergleich zu den Alben von Fink kein Gewinn. Den Teufel tun ist kein Neuanfang, es ist aber auch keine Weiterentwicklung – zu sehr klingt es nach Fink. Nach Bam Bam Bam hätte man von Koppruch Solo einfach mehr Experiment erwartet. Die Songs brauchen mindestens ein drittes Hören, um sich ein wenig zu entfalten. Das dritte Hören aber ist nur dem Wohlwollen geschuldet, das ein Finkkenner dem Solisten entgegenbringt. Vielleicht beginnt man sich aber auch nur von den Erwartungen zu lösen, die die Band des Solisten geweckt hat? Doch bleibt zuletzt der Eindruck: was Nils Koppruch mit Band im Zusammenspiel mit seinen Lieder gelang, will solo nicht so recht tragen.

 

Nils Koppruch: Den Teufel tun. V2 records GmbH. Berlin 2007. 43 Min. Spielzeit. 15 Euro. Anm. d. Red.: Nils Koppruch spielt mit Begleitband am 16.05. im Gebäude 9 in Köln.

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