»In einem gläsernen Sarg«?

Potential: ja – aber... Voltaires Debütalbum Heute ist jeder Tag

Was »richtig« oder »falsch« ist, diese Frage erübrigt sich eigentlich, wenn es um Popmusik geht. Letzten Endes bleibt eben vieles Geschmackssache – und es wäre entsetzlich, wäre es nicht so. Eine gute Rezension allerdings sollte ihre Kriterien stets transparent machen. Dies gilt auch bei Heute ist jeder Tag, dem Debütalbum der Bonner Band Voltaire, zu dem sich ein einheitliches Urteil nicht so recht fassen lässt ...Voltaire: »Heute ist jeder Tag«Wer mit einem Kunstwerk an die Öffentlichkeit geht, sollte sich warm anziehen! Zumindest in den ersten Wochen. Denn wenn ein Buch/eine CD neu auf dem Markt ist, der Verlag/die Plattenfirma gute Werbung und damit die Journalisten neugierig gemacht hat, könnte so einiges über den Künstler hereinbrechen. Die Plattenfirma schreibt einen tollen Werbe-, der Verlag einen Klappentext, dass das Buch/die CD jede Käuferschicht ansprechen werde, und dann: der Verriss. Unverständnis, vielleicht auch Wut haben schon so manchen zur Mordlust getrieben. Ob populär (Martin Walser: Tod eines Kritikers) oder eher vergessen (Ernst Kreuder: Der Mann im Bahnwärterhaus) – Papier ist geduldig. Erstaunlicherweise ist, soweit ich weiß, noch keinem Musikkritiker in einem Lied Gewalt angetan worden, geschweige denn dass einer darin gemordet worden wäre. Eine Ausnahme in der deutschsprachigen Musik lässt sich bei Dziuks Küche finden, die dem »Starkritiker« des Rolling Stone Wolfgang Doebeling einen Song (»Shake it, Wolfgang«) gewidmet haben, in dem es aber mit der Zeile »und fallen, wenn nichts mehr geht, zusammen von der Leiter in Keith Richards Bibliothek« mit der Gewalt auch schon vorbei ist. Auch Marcus Wiebusch (heute Kettcar) sang bei seiner alten Band But Alive trotzig über die Musikkritik: »Über Musik schreiben ist wie zur Architektur tanzen«. Vielleicht aber verhalten sich die meisten Interpreten auch nur deshalb so zahm, weil sie wissen, dass in den meisten Zeitungen und Zeitschriften für eine ausführlich begründete Kritik nicht genügend Raum zur Verfügung steht? So heißt es beispielweise in der Plattenkritik zu Voltaires neuem Album Heute ist jeder Tag in der Musikzeitschrift Intro schon nach 20 Zeilen: »Und für Textanalysen ist jetzt halt einfach kein Platz mehr.« Hier hätte ich den Platz – auch wenn ich mit Herrn Minck völlig übereinstimme: Es lohnt sich in diesem Fall nicht, über die Texte zu sprechen. Wer sich hingegen meist über die Musikkritik beschwert, sind die Fans. »Mach's doch besser!«, frotzeln die einen, während die anderen dem Kritiker gleich die Befähigung für seine Profession absprechen, denn schließlich habe er das ja nicht »gelernt«. Aber haben sich nicht auch die meisten Bands und Interpreten ihr Handwerk, das Musizieren und Komponieren, selbst beigebracht? Und wer würde ihnen das ankreiden wollen? Aber Musik ist eben eine emotionalere Sache als Literatur, und auf dieser Ebene lässt sich schwer diskutieren, zumal das Identifikationsmoment hier eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt – der berühmt-berüchtigte »Geschmack«, der so streitbar daherkommt, dass mitunter ziemlich fadenscheinig argumentiert wird, sowohl auf Fan- als auch auf Kritikerseite. Es ist in der Popmusik somit nicht wirklich möglich zu fragen, was »richtig« oder »falsch« ist. Es bleibt eben letzten Endes Geschmackssache – und es wäre entsetzlich, wäre es nicht so. Aber es ist auch eine Frage der Kriterien, die eine gute Rezension stets transparent machen sollte. Dies gilt auch bei Voltaires Heute ist jeder Tag. Nicht, dass einem Ohrwürmer auf die Nerven fielen; auch nicht, dass einem Textzeilen aufstießen; trotzdem lässt sich zu diesem Album ein einheitliches Urteil nicht so recht fassen. Die Einflüsse, auf die sich die Bonner Band berufen kann, sind zahlreich. Radiohead ist sicherlich einer davon oder auch die Doors, die für das großartige Orgelgedudel in »Wie du willst« Pate gestanden haben mögen. Doch welche Musik steht nicht in Traditionen? Sicherlich ist es einer Band oder einem Künstler möglich, sich innerhalb dieser Traditionen als eigenständig zu behaupten, aber Debütanten schaffen das in der Regel nur selten. Und spätestens wenn bei »Flut« eine Gitarre zerrt, wie wir das von Radioheads OK Computer (1997) kennen, fällt auf, dass Voltaire mit den vorgefundenen Traditionen durchaus umgehen und einen schlüssigen Song abliefern können. Leider aber kommt Roland Meyer de Voltaires Gesang dort nicht so gut rüber. Kopfstimme kann, gut eingesetzt, durchaus eine großartige Wirkung erzielen, ob im klassischen Gesang oder auch, wie das Engel Wider Willen einst vorführten, in der Rockmusik. Was dort allerdings einen echten Bruch darstellte, sucht man hier vergebens. Selbst die an die Beatles erinnernden Klänge in »Tür« sind nur noch Mittel zum Zweck: Popmusik eben. Etwas Vorgefundenes neu zusammenzusetzen, ist ja eigentlich Kunst. Aber vielleicht sollte man das Wort »neu« groß schreiben, um in diesem »Neu« mitzudenken, dass das Zusammengesetzte auch etwas Besonderes darstellen sollte: Brüche, Ungereimtheiten, etwas Unerhörtes, zumindest aber Begeisterndes. »Vampir« zum Beispiel kann das. Hier lassen Voltaire die Kopfstimme erstmal beiseite und rocken in ihrer Virtuosität aus zusammengesetzten Stilen wirklich gut. Vielleicht gerät die geballte Emotionalität etwas zu sehr zum Wall of Sound, nachdem es so schön bassgetragen begonnen hat, zumal das Lied zum Ende hin auch psychedelische Klänge bemüht. Das wirklich Eigene jedoch, das uns dazu verleiten könnte, diese Platte wieder und wieder zu hören, fehlt. Da hilft auch das virtuoseste Spiel auf den Instrumenten und der kreativste Umgang mit Poptraditionen nicht, denn spätestens, wenn Roland Meyer de Voltaire anfängt zur Musik zu jaulen wie ein Hund, wird klar: Diese Band braucht eigentlich einen neuen Sänger – und, nachdem sie bewiesen, dass sie die Tradition begriffen hat, eine zweite Chance, um die Brüche auszuloten. Für diejenigen aber, die diese Stimme mögen, ist diese Platte wirklich ein verdammt beachtliches Pop-Debüt!

 

Voltaire: Heute ist jeder Tag. Vertigo/Universal Music 2006. Ca. 60 Min. Spielzeit. Ca. 19,- Euro. Voltaire im Internet: www.voltaire-musik.de

 

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