»in konzentrischen Kreisen immer weiter nach außen gehen«

Katie Mitchell bringt in der Kölner Halle Kalk Sebalds Die Ringe des Saturn auf die Bühne

Inszenierungen von Prosawerken finden sich immer häufiger auf den Spielplänen der Theater. Doch warum – so mag man sich fragen – wagt man sich an den Text eines Autors, der auf 350 Seiten die ›Wallfahrt‹ seines namenlosen Erzählers durch die englische Grafschaft Suffolk beschreibt und den Leser in langen Rückblenden an dessen oft weit abschweifenden Gedanken während der Wanderung entlang der ostenglischen Küste teilhaben lässt? Und wie kann dies gelingen? Regisseurin Katie Mitchell beantwortet diese Frage mit ihrer Bearbeitung von W.G. Sebalds Die Ringe des Saturn, die zur Zeit am Schauspiel Köln zu sehen ist, und einer ganz eigenen Theatersprache.

Was dem Zuschauer in etwas mehr als zwei Stunden in der Halle Kalk präsentiert wird, ist nicht wirklich eine szenische Bühnenbearbeitung, wohl eher eine Art Hörspielversion, in der eine gekürzte Fassung des Originaltextes von drei Schauspielern im Wechsel gelesen und von diesen zusammen mit sog. Foley Artists mit einem Klangteppich verschiedenster Geräusche unterlegt wird. Doch auch diese Beschreibung ist nicht ganz treffend, denn es gibt außerdem einige Szenen, die in einem hinteren Teil der Bühne, durch eine große Fensterfront vom eigentlichen Geschehen abgeteilt, dargestellt werden. Katie Mitchell nutzt die große leere Wand der alten Fabrikhalle, die die Bühne nach hinten begrenzt, außerdem für die Projektion von Videosequenzen. Daraus ergibt sich eine Collage von akustischen und optischen Reizen und man weiß zu Beginn nicht recht, wo man eigentlich hinschauen soll. Soll man die jeweilige Szene auf der Bühne oder in der zeitgleichen Projektion verfolgen? Und auch in der Beobachtung der minutiösen Erzeugung der Geräusche im Vordergrund der Bühne kann man sich schnell verlieren. Damit stellt sich zunächst ein ganz ähnlicher Effekt ein, wie man ihn auch vom Lesen der Sebald’schen Prosa kennt: man beginnt sich in dem Text mit seiner eine Sogwirkung entfaltenden Syntax und den vielen verschiedenen Zeitebenen zu verlieren; man lässt sich gefangennehmen, genau wie vom Rythmus von Sebalds mitunter sehr langen und verschachtelten Sätzen.

Genau wie im Originaltext beginnt alles mit der Erinnerung des Erzählers an seine Einlieferung in das Krankenhaus von Norwich, genau ein Jahr nachdem er seine Wanderung entlang der ostenglischen Küste begonne hatte. Es ist in seinem Zimmer im achten Stockwerk des Krankenhauses wo er – »in Gedanken zumindest« – beginnt, seine Erinnerungen zu verschriftlichen. Der hintere, vom Rest der Bühne durch eine schwere Stahltür abtrennbare Teil zeigt das Krankenzimmer, in das ein älterer Herr mit grauen Haaren in einem Bett liegend geschoben wird. Diese gespielten Szenen markieren das Hier und Jetzt, die Gegenwart, von der aus der Erzähler in den kommenden gut zwei Stunden immer wieder zurück geht in die Vergangenheit, in die Zeit vor einem Jahr, als er zu Fuß die Grafschaft Suffolk erkundete und in weiter zurück liegende Zeiten, in die ihn seine Gedanken während seiner Wanderungen immer wieder führten. Diese Erinnerungen werden dem Zuschauer vor Augen geführt durch das perfekt choreografierte Zusammenspiel der gelesenen Passagen, dem akustischen Heraufbeschwören von Schritten, Meeresrauschen oder Geschirrklappern und der Videosequenzen, die die Ästhetik der von Sebald verwendeten Bilder einfangen und diese sogar manchmal direkt zitieren. Von Zeit zu Zeit öffnet sich die Stahltür und gibt den Blick auf den hinteren Bereich der Bühne und das Krankenzimmer frei, wie um ins Gedächtnis zu rufen, wessen Erinnerungen wir uns da eigentlich gerade hingeben. Auf den ersten Blick scheinen zumindest die beiden Zeitebenen der Gegenwart des Erzählens und der Vergangenheit der Erinnerungen sauber getrennt zu sein. Doch durch die Tatsache, dass die Szenen im hinteren Teil der Bühne gefilmt und zeitgleich projeziert werden, wird diese klare Trennung der Zeitebenen unterlaufen und es wird darauf verwiesen, dass der Erzähler die Niederschrift seiner Erinnerungen im Krankenhaus liegend zwar ›in Gedanken‹ begonnen hat, dass die tatsächliche Niederschrift jedoch später erfolgt sein muss und sich somit eine weitere Zeitebene eröffnet. Der Inszenierung gelingt es so, das Ineiander-Verwoben-Sein der unterschiedlichen Zeitebenen, das für Sebalds Werk so charakteristisch ist, auf eindrückliche Weise hervorzubringen. Durch die Projektion von bis zu drei verschiedenen Bildern nebeneinander und die Teilung der Bühne, gelingt es Mitchell, die Wahrnehmung der Zeit zu verräumlichen. Auf der Bühne sind beide Zeitebenen – der in seinem Krankenbett liegende Erzähler im hinteren Teil der Bühne und seine Wanderung durch Suffolk, die im vorderen Teil auf die Bühne gebracht wird – parallel präsent und drohen sich doch immer wieder zu vermischen, besonders weil die Geräusche zu den projezierten Krankenzimmer-Szenen punktgenau von den Foley Artists erzeugt werden. Damit erweist sich die Bearbeitung als äußerst nahe an der Vorlage, denn es sind genau solche Effekte von verräumlichter Zeit, die Sebald in seinen Werken durch das Zusammenspiel von Text und Bildern sowie durch die Verschachtelung der Zeitebenen und der verschiedenen Stimmen auf der Ebene der Syntax erreicht.

Vor allem aber die Ästhetik der in schwarz-weiß gehaltenen und leicht grobkörnigen Videobilder, die durch die mit leichten Grauschleiern überzogene Fabrikwand als Projektionsfläche eine zusätzliche, kaum merkliche Unschärfe erhalten, trägt dazu bei, dass das Experiment, Sebalds Prosa auf die Bühne zu bringen, gelingt. Wer Die Ringe des Saturn gelesen hat, der erkennt gleich zu Beginn der Inszenierung, wenn die Projektion den Blick des Erzählers aus dem mit einem Gitter verhangenen Fenster seines Krankenzimmers zeigt, das erste Bild aus dem Originaltext wieder: ein helles, durch ein feines Gitter gerastertes Rechteck, in dem man Wolken zu erkennen meint. Auch später gelingt es Mitchell mit ihren Bildern, solche Momente des Erkennens auszulösen und diese tragen dazu bei, dass man sich als Sebald-Leser auf vertrautem Terrain fühlt.

Diesen Eindruck unterstützt auch die Auswahl der Episoden der ›englischen Wallfahrt‹, die für eine solche Bearbeitung notwendigerweise vorgenommen werden müssen. Die gekürzte Version umfasst alle Themen und Motive, die als typisch für Sebalds Schreiben gelten können: Verfall und Zerstörung, eine gewisse Schwermut, Bahnhöfe und Flughäfen, die Bombardierung der deutschen Städte durch die Alliierten während des Zweiten Weltkriegs sowie die langen Gespräche des Erzählers mit anderen Figuren und die Auseinandersetzung mit deren Erinnerungen. Diese motivische Schwerpunktsetzung wird besonders deutlich, wenn man einen Blick in das Programmheft wirft. Neben einer Zeittafel zu Leben und Werk W.G. Sebalds finden sich dort vor allem Auszüge aus verschiedenen Gesprächen mit dem Schriftsteller, die alle diese Themen umkreisen sowie einen Auszug aus Luftkrieg und Literatur. Was auffällt ist die Tatsache, dass das Programmheft außerdem bemüht scheint, die Werke Sebalds streng biografisch zu verorten. Dass die Erzählerfigur in all seinen Werken stark autobiografische Züge trägt ist wohl nicht zu leugnen. Dennoch kann man sich fragen, ob es für die Inszenierung nötig gewesen wäre, diese Annahme zur Tatsache zu erheben und in der Szene, in der der Erzähler am Flughafen Schiphol ausgerufen wird, die Worte »immediate boarding at Gate C 4 please« um den Zusatz ›Mr Sebald‹ zu erweitern.

Abgesehen von dieser kleinen Unstimmigkeit stellen die im Programmheft versammelten Texte eine gelungene Ergänzung zur Inszenierung dar: Sie umkreisen die für Sebalds Schreiben wichtigen Themen. Ihnen vorangestellt ist ein Zitat aus der Brockhaus Enzyklopädie, das auch zu Beginn der Ringe des Saturn zu finden ist:

Die Ringe des Saturn bestehen aus Eiskristallen und vermutlich meteoritischen Staubteilchen, die den Planeten in dessen Äquatorebene in kreisförmigen Bahnen umlaufen. Wahrscheinlich handelt es sich um die Bruchstücke eines früheren Mondes, der, dem Planeten zu nahe, von dessen Gezeitenwirkung zerstört wurde (→Roch’sche Gesetze).

Es darf wie ein Motto gelesen werden, denn in der Tat wirken die einzelnen Episoden, die Katie Mitchell aus Sebalds Vorlage herausgelöst hat, wie Bruchstücke, die den Gesamttext immerfort umkreisen, ohne sich ihm vollständig annähern zu können. Aber die Inszenierung stellt auf diese Weise nicht nur Die Ringe des Saturn vor, sie nähert sich in ebenso kreisförmigen Bahnen dem gesamten Schreiben Sebalds. Wer die Texte des Autors zuvor noch nicht kannte, bei dem weckt die Inszenierung also sicher Lust auf die Lektüre. Wer bereits einiges von Sebald gelesen hat, der muss sich an diesem Theaterabend trotzdem nicht langweilen, denn es macht durchaus Spaß, das Entstehen der Collage aus Akustischem und Visuellem zu beobachten und sich der Sogwirkung hinzugeben.

 

Die Ringe des Saturn. W.G. Sebald. Eine englische Wallfahrt. Schauspiel Köln. Regie: Katie Mitchell. Weitere Vorstellungen: 23., 26. und 28. Mai 2012, jeweils um 19:30 Uhr in der Halle Kalk. www.schauspielkoeln.de

 

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