»Das ist das Ende meiner Welt«

Patrice Chéreau und Thierry Thieu Niang bringen mit La douleur Marguerite Duras' Tagebuchaufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg auf die Bühne

April 1945 in Paris. Der Untergang des Nazi-Regimes zeichnet sich ab. Die großen Politiker wie Charles de Gaulle wissen: »Die Tage der Trauer sind vorbei. Die Tage des Ruhmes sind angebrochen.« Sie warten nur noch auf den Frieden. Und wissen nicht, was Warten wirklich bedeutet. Eine Frau tritt in ein Zimmer. Sie heißt Marguerite Duras (Dominique Blanc). Plötzlich ist Licht da. Licht, das ausreicht, um Tagebuch zu schreiben, vielleicht auch nur, um es zu lesen. Licht, das aber nicht ausreichen wird, die Dunkelheit zu vertreiben. Duras tritt in ein spärlich eingerichtetes Zimmer. Ein Tisch, darauf einige Tagebücher, am Tisch ein Stuhl und irgendwo im Raum noch mehr Stühle. Stühle in einer Reihe aufgestellt, alle unbesetzt, alle leer. Leere ist es, die den Raum strukturiert. Abwesenheit. Die Abwesenheit des Robert L. Die Frau nimmt ihre Tagebücher und beginnt zu erzählen. Vom Warten. Darin besteht ihr Tag. Warten. Warten auf Robert L. Robert L., der ihr Ehemann ist und der nach Dachau deportiert wurde. Warten an der Gare d’Orsay. Warten zu Hause vor dem Telefon. Bleischweres, zähes, verlorenes Warten. Und am schlimmsten: das Warten in der Nacht. Die Visionen des Ehemanns, irgendwo in einem Graben, tot, verrottend. Dann wieder Hoffnung. Nein, sicher, er lebt noch.

Szenenfoto aus »La Douleur« (Foto: Ros Ribas/Agentur Les Visiteurs du Soir, Paris)
Szenenfoto aus La Douleur (Foto: Ros Ribas/Agentur Les Visiteurs du Soir, Paris)

Es hat den Anschein, als spiele das Stück von Chéreau und Niang in einem Raum im zeitlosen Nirgendwo, vielleicht existiert dieser Raum nur in Gedanken. Denn Marguerite Duras rekapituliert ihre Tagebücher, erzählt von Vergangenem und doch hat man den Eindruck, dass sie sich noch immer in der Vergangenheit befindet. Dass sie in dieser Vergangenheit gefangen ist. Ihre Gedanken sind haltlos, unstet. Dominique Blanc schafft es, diesen Eindruck der zeitlichen Haltlosigkeit das ganze Stück über aufrecht zu erhalten. Blanc ist eine hervorragende Schauspielerin, sie benötigt keine groß ausstaffierte Bühnengestaltung, die das Seelenleben der Duras verdeutlicht, ihre Blicke genügen, um das Ausmaß des inneren Schmerzes zu vermitteln. »C’est ma fin du monde. – Das ist das Ende meiner Welt.« Gerade durch ihren sachlichen, undramatisschen Ton vermag es Blanc, die Tragik dieses Satzes auszudrücken. Ganz groß ist Blanc in ihren ganz kleinen Gesten. Indem sie ihre Haarspange aus dem Haar nimmt, löst sie ihren inneren Schmerz aus ihrem persönlichen Kontext heraus und erhebt ihn in einen allgemeineren: Sie erzählt vom Krieg als Kollektivverbechen, das alle Europäer teilen, an dem alle Schuld haben. Dieser Minimalismus macht das Stück glaubwürdiger als es die Effekthascherei groß angelegter Bühneninszenierungen je erreichen könnte.

Dann eines Tages: Das Hoffen war nicht vergebens. Marguerite Duras erzählt, wie Robert L. vor ihr steht. Der ist auf der Bühne allerdings nicht wirklich anwesend. Dennoch erzählt die Schauspielerin so eindringlich, dass man meint, er stünde tatsächlich vor ihr. »Ich erkenne ihn nicht wieder.«, so wandeln Marguerite Duras ausgesprochene Gedanken durch den Raum. Doch weiter auch die Erkenntnis »Ich kann ihm nicht ausweichen.« Trotzdem der Versuch: Sie weicht zurück. Es ist aber nicht nur die Angst vor der körperlich verfallenen Gestalt dieses einst so gut gekannten Menschen, die sie zurückweichen lässt. Da ist noch mehr: Duras hat während der Zeit, in der ihr Ehemann vermisst war, ein Verhältnis mit einem anderen Mann, D., begonnen. Das wird im Stück allerdings nur marginal mit wenigen Sätzen angedeutet (»D. war da.«, »Wo ist D.?«). Ob das daran liegt, dass wir es mit Marguerites Gedanken zu tun haben, die ihrem Gewissen erst einmal ausweichen wollen, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die Bedeutung, die D. tatsächlich für Duras besitzt, nicht klar wird. Das liegt auch daran, dass das Stück mitten in Duras Aufzeichnungen abbricht. Schließlich hat Duras ihren Ehemann tatsächlich einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen. Problematisch ist an dem Stück außerdem, dass die »Decknamen« Robert L. und D., die Duras den beiden Männern in ihrem Tagebuch gegeben hat, nicht durch die vollen Namen ersetzt worden sind. Diese Anonymität und Verfremdung passt nicht zur Innerlichkeit, die Blanc verkörpert. Wenn Blanc schon das Warten auf Robert L. in all seiner Schrecklichkeit darzustellen vermochte, so verdeutlicht erst ihre Schilderung der Pflege von Robert L. das ganze Ausmaß der Pein. Die Kissen, die L. in seinem Bett stützen, weil sein ausgemergelter Körper sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen kann. Der üble Gestank seiner Ausscheidungen, der Marguerite ahnen lässt, dass L. im Kampf ums Überleben Unmögliches gegessen haben muss. Die nüchterne Feststellung, dass der hungernde L. nicht ausreichend essen darf, weil sein zerschundener Magen unter der ungewohnten Last der Nahrung zerreißen würde. Es sind diese grausigen Details, die Marguerites Kampf um das Überleben ihres Ehemannes so bewegend machen. Und Blanc erzählt von ihnen ohne jeden Anspruch auf vollbrachte Heldentaten, nüchtern und mit fester Stimme. 17 Tage dauert ihr Kampf gegen den Tod und Blanc schafft es, die Spannung zu halten, ja sogar, das Stück zum Ende hin zu seinem Höhepunkt zu treiben. Denn das Ende ist von Patrice Chéreau und Thierry Thieu Niang als dramatisches Optimum gut durchdacht. Blanc setzt den Paukenschlag durch ihre kraftvolle Stimme mit einem Zitat von Robert L. Mit einem Zitat von Robert L., das nach 17 Tagen Ungewissheit und Kampf klarstellt: Es ist überstandenen. Mit einem Zitat von Robert L., das Marguerite Duras und das Publikum wieder freigibt. Denn der sagt nichts weiter als: »J’ai faim. – Ich habe Hunger.«

 

La Douleur. Gastspiel in französischer Sprache im Rahmen des westwärts-Festivals in Bonn. Inszenierung und Choreographie: Patrice Chéreau und Thierry Thieu Niang. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Deutschland-Premiere.

 

Foto: © Ros Ribas/Agentur Les Visiteurs du Soir, Paris

 

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