»Das ist eine maximale Situation von Einsamkeit«

Ein Interview mit dem Autor Benjamin Maack

2012 wurde mit Monster der zweite Erzählband Benjamin Maacks (geb. 1978) im mairisch Verlag veröffentlicht. Dies ist das insgesamt dritte Buch des in Hamburg lebenden Autors, der neben der Schriftstellerei als Journalist für »einestages« arbeitet. Monster ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die von Menschen handeln, denen die kleinen Stücke sicher geglaubten Lebens durch die Hände gleiten, ohne dass sie etwas dagegen tun können, einsame Menschen, die den Überblick verlieren, die ihr Leben nicht mehr verstehen. Die Kritische Ausgabe sprach mit dem Autor Benjamin Maack über Monster und Kontrolle, über die Literaturszene in Hamburg und darüber, warum eigentlich jeder Mensch einsam ist.

 

 
Kritische Ausgabe: Gerade wurde Dein zweiter Erzählband, Monster veröffentlicht. Wie fühlt es sich an, das eigene Buch auf dem Nachttisch liegen zu haben?
 
Benjamin Maack: Am Anfang fühlt sich das recht merkwürdig an, wenn alles abgeschlossen und fertig ist. Man ist sich noch nicht sicher, was man da gemacht hat. Aber nach einigen Lesungen, fühlt sich das ganze so langsam an wie ein Buch und ich habe das Gefühl, dass es als Buch gelungen ist. Davor war ich mir nicht so sicher.
 
K.A.: Was unterscheidet Monster von seinem Vorgänger?
 
Maack: Die Geschichten in Disneyland sind erst entstanden und wurden dann zu einem Buch zusammengefasst. Zwar funktionierten alle stilistisch und auch inhaltlich im gleichen, einem sehr engen erzählerischen Konzept. Aber Monster habe ich gleich als Buch konzeptioniert und geschrieben. Dabei wollte das Korsett des letzten Buches sprengen und Geschichten schreiben, die mich herausfordern, mir auch stilistisch und formal Angst machen, bei denen ich mich frage, ob ich das kann oder ob ich mich da schon übernommen habe. Die erste Version von Monster war Anfang 2011 fertig, das heißt ich hatte ein Jahr, um an Kleinigkeiten zu arbeiten. Jetzt habe ich aber schon eine Idee für einen Roman im Kopf. Ich hoffe, dass ich so nicht noch einmal zu viel Respekt vor dem aktuellen Buch zu haben, um ein neues anzufangen.
 
K.A.: Was ist Dir wichtig, wenn du ein Buch schreibst?
 
Maack: Mir ist es ganz wichtig, obwohl ich bislang hauptsächlich Erzählungen geschrieben habe, dass das ganze Buch einem Konzept unterworfen ist. Ich möchte, dass das Buch ähnlichen Kriterien gerecht wird, wie ein Roman, dass es etwas hat, was es zusammenhält. Deshalb überlege ich mir Regeln für einen Band. Die erste Geschichte, die ich für Monster geschrieben habe, ist die »Las Casas« Geschichte, die dann die Tonalität gesetzt hat.
 
K.A.: Wie oft hast Du die erste Geschichte bei deiner Arbeit an Monster umgearbeitet? 
 
Maack: Ich habe die Geschichte erst in der Ich-Perspektive geschrieben, danach habe ich sie einmal komplett in die dritte Person umgeschrieben und da habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr alles in erster Person und nur aus der Sicht von Jugendlichen erzählen möchte – obwohl die Erfahrungen der Jugend und der Kindheit immer noch eine große Dominanz in den Geschichten haben. Dann ging es mir darum zu sehen, auf was für Arten man Geschichten durchbrechen kann, zum Beispiel durch die Einschübe der spanischen Eroberer in der »Las Casas«-Erzählung, oder wie man mit bestimmten Strukturen arbeiten kann, zum Beispiel mit Rhythmik, oder mit Verfremdung, auch mit Stellen zu arbeiten, an denen sich der Prosatext in eine Form von Lyrik verwandelt.
 
K.A.: Monster handelt von Menschen, die mit sich selbst und ihrem Leben kämpfen, Menschen, denen ihr Leben unverständlich ist. Wie kamst Du beim Schreiben auf den Titel, »Monster«?
 
Maack: Der Titel war irgendwann wichtig für mich. Ich musste wissen, wie das Buch heißt. Ab der Hälfte des Buches habe ich mit dem Titel Monster geliebäugelt und irgendwann gab es dann kein Zurück mehr. Es ist nicht so ein zwingender Titel wie Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland wo acht von zehn Leuten sagen: »Ja, geil!«. Es ist eher ein generischer Titel. Ich fand es interessant, etwas zu nehmen, das oft verwendet wird, sei es jetzt bezogen auf Monsterwellen, Monster-Tsunamis, Monstererdbeben, Serienkiller, die ja auch gern als Monster bezeichnet werden, Monster AG, Kinderfilme, was auch immer. Ich wollte diesen Titel nehmen und sehen, wohin man den zurückführen kann.
 
K.A.: Du sollst ein sehr großer Kontrollfreak sein. In Deinen Büchern aber erleben die Protagonisten häufig Kontrollverluste. Warum ist gerade dieses Thema so interessant für Dich?
 
Maack: Ich glaube, damit Menschen sich so verhalten, wie sie eigentlich sind, müssen sie ein bisschen aus ihren geregelten Zusammenhängen rausgeschubst werden. Interessant sind dabei Dinge, die dir auf den ersten Blick nicht besonders nahe gehen, die aber irgendwas mit dir machen. Es passiert kein Kernkraftsupergau, sondern es ist viel unheimlicher zu sagen: »Okay, du bist in diesem Haus, und du bist Haussitter und du hast dir das einfacher vorgestellt und du bist auf einmal auf dich zurückgeworfen und du merkst, dass du, wenn du mit dir allein bist, kein Typ bist, mit dem du besonders gerne Zeit verbringst.« Dort, wo diese leisen Brüche sind wird es spannend, Brüche, die man vielleicht gar nicht bemerkt, die eher wie ein Haarriss im Porzellan sind, aber wenn du die nächste Tasse einkippst verbrennst du dir die Finger und der ganze Boden ist vollgesaut.
 
K.A.: »Atavismen« in Monster handelt von einem jungen Mann, der das Haus eines Pärchens hütet. Dabei ist er die ganze Zeit mit sich und seinen Gedanken allein. Einsamkeit, wie diese findet man häufig in Deinen Geschichten. Was was macht Einsamkeit besonders?
 
Maack: Wenn man ein Buch liest ist man mit sich allein. Ich mag diese Momente von Einsamkeit, und finde es interessant sie maximal zu steigern. Da ist also jemand, und der ist allein, das ist schon recht einsam, das ist in einem Haus, das ist eine Steigerung von Einsamkeit, der ist in seinem Schlafzimmer, privater Bereich, der lässt die Rollläden runter, noch einsamer, der fängt an zu onanieren, macht man mit niemand anderem auf der Welt, und dann fängt es auch noch an zu bluten. Das ist eine maximale Situation von Einsamkeit, weil er gleichzeitig etwas verstohlenes macht und ihm etwas schreckliches passiert (in: »Atavismen«, Anm. d. Red.). Einsamkeit ist ein großes Thema, auch beim Menschsein überhaupt. Wer weiß, ob andere Leute einen überhaupt verstehen? Ich glaube es gibt so etwas wie eine grundsätzliche Einsamkeit, eine grundsätzliche Unüberwindbarkeit zwischen Menschen und das ist ein spannendes Thema, das sich glaube ich in vielen meiner Motive widerspiegelt.
 
K.A.: In der Erzählung »Australien« wirkt es, als würdest Du viel mit Schnitttechniken arbeiten. Inspirieren Dich Filme beim schreiben?
 
Maack: Ich bin ein unglaublicher Filmfan. Film ist eigentlich das Medium mit dem ich die meiste Zeit verbringe und Schnitttechniken sind interessant, aber bei diesem Buch habe ich mich mehr als vom Film von Comics inspirieren lassen, also versucht Bilder zu schaffen, die wie Panels funktionieren. Ich habe in den letzten drei, vier Jahren angefangen mich mit dieser Materie zu beschäftigen. Diese Panels, einzelne Bilder in denen schon ganz viel drin steckt, obwohl das Geschehen eigentlich oft auch zwischen den Bildern stattfindet, finde ich sehr poetisch. Einer meiner absoluten Lieblingscomicautoren heißt Chris Ware, ein totaler Kontrollfreak, der alles von vorne bis hinten selbst macht. In einem seiner Comics hat er eine Seite voll mit Anzeigen für alle möglichen ausgedachten Sachen, die zum Teil in so kleiner Schrift sind, dass man sie kaum lesen kann, und trotzdem steht in jeder dieser Anzeigen etwas und es steht in vielen dieser Anzeigen etwas unglaublich witziges, oder trauriges, oder wunderschönes. Der Versuch etwas zu machen, das im Detail ganz ganz fein ist, aber auch im großen Bild funktioniert war ein großer Ansporn für mich.
 
K.A.: Haben Deine Erfahrungen auf Poetry Slams Deine Texte beeinflusst?
 
Maack: Als ich 19 war habe ich das erste Mal bei einem Slam mitgemacht. Ich war gerade neu in Hamburg und habe mir gedacht: gut, du liest da mal vor, und wenn es irgendjemanden interessiert, dann schreibst du weiter. Den Slam habe ich dann gewonnen. Organisiert wurde er von Freunden mit denen ich später eine Gruppe Literatengruppe namens »Macht« gegründet habe. Meine ersten Verbindungen zur Literaturszene in Hamburg sind also über Slams entstanden. Aber in Bezug auf die Kürze meiner Texte hat mich der Poetry Slam nicht beeinflusst. »Australien« z.B. hat nur sechs Seiten, aber ich habe etliche Bücher über Australien dafür gelesen. Die Erzählung ist so kurz, weil ich das Gefühl hatte, dass das die bestmögliche Geschichte ist, die ich zu diesem Gedanken schreiben kann und nicht, damit ich sie irgendwo vortragen kann.
 
K.A.: Würdest Du nochmal bei einem Poetryslam auftreten?
 
Maack: Ich habe seit etlichen Jahren keine Texte mehr nur zum Vorlesen geschrieben. Alle Geschichten, mit denen ich beginne, werden irgendwann veröffentlicht. Ich könnte gar keine Texte mehr schreiben, die in einen Slam-Kontext passen. Ich nehme meine Sachen zu ernst, um einen Text zu machen, der nur für fünf Minuten begeistern soll. Vielleicht ist das auch ein bisschen blöd und ein bisschen selbstverliebt, aber ich habe einfach nicht so viele Ideen und will nichts verschwenden.
 
KA: Wie sahen Poetry Slams zu der Zeit aus, als Du damit angefangen hast?
 
Maack: Slam vor 14 Jahren war etwas ganz anderes. Heute ist es auf eine Art weitgehend professionalisiert, es gibt stark ausgeprägte Sparten und hat sehr viel mit Comedy zu tun. Früher war es so, dass es eine große Vielfalt gab und die Zuschauer eine große Ernsthaftigkeit hatten, man konnte da auf die Bühne gehen und zeigen, dass es einem wichtig war.
 
K.A.: Und heute?
 
Maack: Heute ist es so, dass es in Hamburg 28 Slams gibt, aber keine vernünftige Literaturveranstaltung mehr, weil die sich alle nicht halten konnten. Ich habe zuletzt vor eineinhalb Jahren eine Veranstaltung gemacht, auf der ich Douglas Coupland interviewt habe. Für mich war das ein großer Moment, weil er einfach eine große literarische Stimme ist, aber dann kamen 80 Leute. Und zu einem Slam in Hamburg kommen zum Teil 300 oder 400 Leute. Slams waren wichtig für mich, um mich auszuprobieren und ich glaube heute gibt es immer noch die Möglichkeit sich bei Slams auszuprobieren und da die erste Bühne zu suchen, aber man muss eben wissen, was man will: Will man die Leute in fünf Minuten unterhalten, um sich dann mit einer Zahl zwischen eins und zehn abkanzeln zu lassen, oder möchte man gerne Literatur machen?
 
K.A.: Was wolltest Du mit Monster beim Leser bewirken?
 
Maack: Ich bin ein sehr schlechter Leser. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich gepackt werden, ich möchte berührt werden, und ich möchte, dass in mir etwas angestoßen wird. Das ist es eigentlich auch, was ich für den Leser mit dem Buch tun wollte. Der Leser soll sich fragen können, wie viel von ihm in der Geschichte steckt, oder wie viel er in die Geschichte stecken kann. Ich wollte dieses Mal an dem Punkt, wo ich mir sonst denke, dass ich alles kontrollieren muss die Zügel ein bisschen schießen lassen. Eigentlich sind gute Bücher diejenigen, in denen der Autor nur den halben Weg entgegenkommt, und einen die andere Hälfte gehen lässt. Ich wollte etwas schreiben, das offen ist, wo man reingehen kann, in das man aber auch irgendwie reingezogen wird.
 
K.A.: Siehst Du Monster als eine Weiterentwicklung von Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland?
 
Maack: Ich hoffe das sehr. Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland ist ein sehr reines Buch, ein sehr geordnetes Buch, in dem die Dinge an ihrem Platz sind. Monster ist auf eine Art ein wilderes Buch, das aber auch mehr Angebote macht. Es ist auf vielen Ebenen lyrischer und letztlich ein komplexeres Werk. Ich denke schon, dass man merkt, dass ich mich in den letzten fünf Jahren nicht ausgeruht habe und sehr hart an mir als Autor gearbeitet habe. Die Welt da draußen ist so voller Geschichten, dass man vorsichtig sein muss, was man da noch zu tut. Ich bin mir dieser Verantwortung bewusst. Ich will die Welt nicht mit Geschichten zumüllen, sondern zumindest für Momente das Gefühl haben, dass diese Geschichten auch gebraucht werden.
 
K.A.: Wie bist Du denn zum Schreiben gekommen?
 
Maack: Ich habe mir immer gerne Sachen ausgedacht und ich liebe es zu versuchen mich nach Dingen, die ich großartig finde zu strecken. Schreiben bietet mir die Möglichkeit, alles alleine zu machen, mit mir selbst auszumachen und mit mir hart ins Gericht zu gehen, was passt, da ich nicht so gut mit Kompromissen bin. Gleichzeitig gibt mir das Schreiben die Möglichkeit mit sehr begrenztem Budget jede Reise anzutreten, die ich machen möchte. Das ist die Freiheit und gleichzeitig auch die Verantwortung, die einem das Schreiben gibt: Alles machen zu können, sich aber trotzdem zu beschränken und nur die Geschichten zu erzählen, von denen man denkt, dass sie erzählt werden müssen.
 
K.A.: Wie schreiben die Autoren, nach denen Du dich strecken möchtest?
 
Maack: Ich mag Autoren, deren Werk sich um ein und dasselbe Thema dreht. Es ist komisch, wenn ein Autor seine Themen ständig wechselt. Dann habe ich das Gefühl, das Thema liegt ihm nicht sehr am Herzen. Autoren, die glauben, sie könnten zu allen Dingen gleich gute Sachen sagen finde ich auch komisch. Die besten Autoren erzählen in Variationen, ob es jetzt Hemingway ist oder Steinbeck. Es gibt ja auch viele Menschen auf der Welt, viele Künstler, viele Schriftsteller, warum soll ich mich also mit etlichen verschiedenen Themen beschäftigen?
 
K.A.: Und wie fühlst du dich in deiner eigenen thematischen Welt?
 
Maack: Im Moment fühle ich mich in der Welt in der ich mich befinde noch nicht so sicher, dass ich mich langweile, aber ich fühle mich sicher genug, um zu denken, dass ich etwas sagen kann, was eine Bedeutung hat. Damit fühle ich mich sehr wohl. Schreiben hat für mich aber auch etwas von einem Laborversuch; und ich habe mich in dem, was ich jetzt habe, nicht eingerichtet. Ich will weiter herum experimentieren, ich möchte weiterhin versuchen das Maximale herauszuholen. Als ich Monster schrieb, habe ich versucht einen Erzählband zu machen, der ein bisschen mehr ist als ein Erzählband, und ich würde auch gerne, was natürlich ein hochgestecktes Ziel ist, versuchen mit dem Medium Roman zu spielen. Inwiefern man sich dann am Ende doch wieder zurücknimmt und einfach nur ein Buch hat, muss man halt mal sehen. Ich bin da offen für alles, nur so gut wie ich gerade sein kann soll es sein.
 
Benjamin Maack: Monster. Erzählungen. Hamburg/Berlin: mairisch Verlag, 2012. 192 Seiten. ISBN 978-3-938539-21-7. 16,90 Euro

 

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