»Das Lebendige im Judentum ergründen«

Die Frankfurter Buchmesse dominieren die Stände der großen Verlage mit ihrem imposanten, fast unüberschaubaren Angebot. Während hier Sitzbänke zum Lesen und Ausruhen einladen, müssen sich kleinere Verlage oft mit Kabinen begnügen, in denen gerade ein Mensch stehen kann und an denen die Besucher lediglich vorbeischlendern können.

Logo des Jüdischen Verlages im Suhrkamp VerlagViele Leser zieht es zunächst zu den großen Verlagen, deren Buchtitel man bereits aus den Bestsellerlisten und Feuilletons kennt oder zu kennen glaubt. Aber auch sie bieten häufig mehr, als man erwartet. So zum Beispiel der Suhrkamp Verlag, zu dem seit 1990 auch der Jüdische Verlag gehört.

Der Messestand des Jüdischen Verlages schließt unmittelbar an den des Mutterkonzerns an: weiße Regale, die an »BILLY« erinnern und die man aus vielen Wohnzimmern kennt, versehen mit blauen Beschriftungen. Im Vorbeigehen ist der Stand leicht zu übersehen. Die Bücher, die hier ausgestellt werden, stammen von israelischen Autoren, namhaften deutschen Juden oder behandeln jüdische Themen. In einer Ecke hängt ein Plakat mit einem Motiv von Else Lasker-Schüler: »Der Bund der wilden Juden«.

Der Jüdische Verlag, der 1902 in Berlin gegründet wurde, hat sich zum Ziel gesetzt, »durch ›jüdische Inhalte‹ eine ›neue jüdische Selbstverständlichkeit‹ zu schaffen« – so heißt es auf dessen Internetseite. 1938, in der Zeit des Nationalsozialismus, wurde der Verlag geschlossen und zwanzig Jahre später, 1958, neu gegründet. Seit 1992 erscheint das Programm des Jüdischen Verlages im Frankfurter Suhrkamp Verlag. Es umfasst neben Büchern von Autoren wie Lea Goldberg und Amos Oz auch Titel von Anna Maria Jokl und Lizzie Doron. Doch nicht nur Literatur im engeren Sinne findet sich im Jüdischen Verlag, sondern auch Lexika und Nachschlagewerke, die die Kultur und Geschichte des Judentums illustrieren. So erschien bereits in den Anfangsjahren des Verlages mit dem »Jüdischen Lexikon« eine fünfbändige Reihe, die auch heute noch aufgelegt wird. Ein weiterer wichtiger Titel ist die Übersetzung des »Babylonischen Talmud« in zwölf Bänden. Gerade dieses Neben- und Miteinander von Vergangenheit und Gegenwart des kulturellen Judentums machen das Verlagsprogramm so vielfältig und interessant. Dort heißt es:

Die Beschäftigung mit jüdischer Kultur bedeutet nach der Shoah gerade in Deutschland eine besondere Herausforderung. In dieser historischen Situation bildet der Jüdische Verlag ein Forum für Werke über das religiöse, politische und kulturelle Leben der Juden in der Vergangenheit und Gegenwart.

Jüdischer Almanach 2006: FrauenUnd dies beschränkt sich nicht nur auf Kultur und Geschichte der Juden in Deutschland: So erscheinen im Jüdischen Verlag etwa die wichtigsten Werke des Literaturnobelpreisträgers Samuel Josef Agnon, der als Begründer der modernen hebräischen Literatur gilt, ebenso wie die Schriften von Hannah Arendt und eine Kritische Ausgabe der Werke und Briefe Else Lasker-Schülers.

Wie sehr das jüdische Leben und die jüdische Kultur europäische Städte beeinflusst und geprägt haben, macht die Reihe »Jüdische Städtebilder« deutlich, mit Publikationen zu Städten wie Prag und Amsterdam, aber auch Hamburg und Frankfurt am Main.

Der jährlich erscheinende »Jüdische Almanach« des Jerusalemer Leo-Baeck-Instituts widmet sich Aspekten der jüdischen Geschichte und Kultur – die aktuelle Ausgabe etwa dem Klischee und den Lebensentwürfen jüdischer Frauen in Vergangenheit und Gegenwart – und ermöglicht interessante Einblicke.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Autobiographien und Erinnerungen von Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen, die gerade für nachfolgende Generationen von großer Bedeutung sind. Denn je länger die Shoah zurückliegt, desto weniger Überlebende gibt es, die darüber berichten können. So ist es nicht verwunderlich, dass das 1995 im Jüdischen Verlag erschienene Buch »Bruchstücke« von Binjamin Wilkomirski auch international mit großem Interesse wahrgenommen wurde. Es schilderte die frühe Kindheit eines Überlebenden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, dessen Rekonstruktion der eigenen Erinnerung und Suche nach Identität. Selten hatte es ein Buch gegeben, das so eindrücklich die Brutalität der Nationalsozialisten zur Sprache brachte. Es diente als Vorlage für drei Filme und ein Theaterstück und wurde mit renommierten Preisen bedacht. Im August 1998 dann der Skandal: Der Schweizer Journalist Daniel Ganzfried enthüllte in der Weltwoche, dass Wilkomirski keineswegs ein Überlebender der Shoah sei, sondern »Auschwitz und Majdanek nur als Tourist« kennengelernt habe. Tatsächlich heißt Wilkomirski Bruno Dössekker, ist Schweizer Staatsbürger und seine Autobiographie reine Fiktion. In der Folge nahm der Verlag das Buch 1999 wieder vom Markt. Die Debatte, die in den Feuilletons und insbesondere in der Literaturwissenschaft daran anknüpfte, wird jedoch teilweise bis heute weitergeführt. »Das wirklich Tragische an dem Fall Wilkomirski«, so der Historiker Julius H. Schoeps damals in der FAZ, »ist der angerichtete Schaden. Mißtrauen wurde dort gesät, wo es gerade darauf ankommen würde, Glaubwürdigkeit zu vermitteln.«

Heimat und Exil (2006)Dem Ansehen des Verlages hat der »Bruchstücke«-Skandal zum Glück nicht nachhaltig geschadet. Zumal es in einer Zeit, in der die Menschen in Deutschland über jüdisches Leben, die jüdische Religion und Kultur immer noch wenig oder nichts wissen, umso wichtiger ist, dass es Institutionen wie den Jüdischen Verlag gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, solches Wissen zu vermitteln. Der Blick richtet sich dabei nach vorn, in die Zukunft. So hat sich der Verlag denn auch, in Anlehnung an ein Zitat des Religionshistorikers Gershom Scholem, »dem Versuch verschrieben, das Lebendige im Judentum zu ergründen, statt einer antiquarisch-literaturhistorischen eine phänomenologisch durchdringende, sachliche Betrachtung zu unternehmen«.

Dass die Shoah dabei nach wie vor ein wichtiges Thema bleibt, zeigt etwa der in diesen Tagen erscheinende Band »Heimat und Exil«, der die gleichnamige Sonderausstellung im Jüdischen Museum Berlin begleitet. Die Ausstellung, die im kommenden Jahr auch im Bonner Haus der Geschichte und in Leipzig zu sehen sein wird, wie auch das Buch beschäftigen sich mit der Emigration der deutschen Juden nach 1933 und ihrem Leben im Ausland. Publikationen wie diese vereinen Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Juden weltweit.

 

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