»Das Mittelalter ist eine fremde Zeit, die fasziniert.«

Ein Interview mit Rebecca Gablé

Rebecca Gablé ist seit Jahren ein Name auf deutschen Bestsellerlisten. Ihre historischen Romane entführen den Leser ins englische Mittelalter und die frühe Renaissance. Nicht zuletzt durch ihre sorgfältige Recherche wird die Zeit der Ritter und Burgen in ihren Texten wieder lebendig. Mit der Kritischen-Ausgabe sprach Gablé anlässlich des Erscheinens des Heftes »Zeit« (NR. 21) über die Fremdheit einer Vergangenen Epoche und die Möglichkeiten eines Autors, diese Lesern zugänglich zu machen.

 

Kritische Ausgabe: Warum glauben Sie, dass historische Romane bei den Lesern in der heutigen Zeit so erfolgreich sind?

Rebecca Gablé: Das hat natürlich auch etwas mit Eskapismus zu tun. Alles was schrecklich ist in historischen Romanen – Pest, Krieg mit Schwertern Mann gegen Mann, Obrigkeitswillkür oder Hungerwinter – bedroht uns in Westeuropa heutzutage nicht. Andersherum gab es im Mittelalter nicht, was uns heute bedroht. Es ist eine fremde Welt, in die man sich reinfallen lassen und dabei wirklich seinen eigenen Alltag völlig vergessen kann. Aber ich glaube, es gibt noch einen zweiten Grund. Leser wollen in Historischen Romanen auch etwas über die Vergangenheit lernen.

K.A.: Ist es dabei das spezifisch Historische der jeweiligen Zeit, was den Leser anspricht? Oder sind es am Ende doch überzeitliche Themen, durch die der Leser eine Verbindung zur heutigen Zeit herstellen kann?

Gablé: Ich glaube, es ist durchaus beides. Das Mittelalter ist eine fremde Zeit, die fasziniert. Die Neugierde auf die Vergangenheit geht dabei immer mit den Fragen einher: »Wie sind wir geworden, was wir sind?«, »Wo sind die Wurzeln all dessen?«. Zum anderen ist es immer wieder spannend zu entdecken, dass es universelle Themen gibt, die im Mittelalter schon genauso aktuell waren, wie sie es heute sind.

K.A.: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Sie würden lieber heute leben als im Mittelalter. Ihr aktueller Roman, Der dunkle Thron, spielt ein bisschen später, in der Renaissance. Wie ist es denn mit dieser Zeit?

Gablé: (lacht) Finde ich noch viel schlimmer als das Mittelalter. Die Renaissance war viel brutaler. Es wurden mehr Menschen verbrannt und es kommen schauderhafte neue Hinrichtungsmethoden auf. Das ist das Abstoßende neben all den Fortschritten, dem Prunk und der Pracht – eine Art merkwürdige Dekadenz im prächtigen Gewand. Da ist mir das Mittelalter viel lieber, das ist direkter, es ist ehrlicher.

K.A.: Sie haben sich als Autorin mit beiden Epochen ausführlich beschäftigt und sogar mit Von Ratlosen und Löwenherzen ein historisches Sachbuch über das Mittelalter geschrieben. War es für Sie dabei schwierig, sich in eine fremde Zeit einzufühlen?

Gablé: Man entwickelt dabei natürlich eine gewisse Routine als Autor. Aber so richtig schwer gefallen ist es mir mit dem Mittelalter eigentlich von Anfang an nicht. Meinen ersten historischen Roman, Das Lächeln der Fortuna, habe ich ja zum Spaß geschrieben, als ich noch Studentin war. Da habe ich mich mit Wonne ins 14. Jahrhundert gewühlt und versucht mir vorzustellen, wie das war, wie sich das angefühlt hat, wie das gerochen hat, wie sich das angehört hat – das hat mich immer eher beflügelt. Bei der Recherche zu Der dunkle Thron gab es da schon Unterschiede; allein die Masse an Quellen nach der Erfindung des Buchdrucks. Jeder, der irgendwie meinte, er hätte was mitzuteilen, hat es drucken lassen. Es war eine Art von Geschwätzigkeit, die mich sehr ans Internet erinnert. Das hat mich ein bisschen erschlagen zu Anfang.

K.A.: Wie überbrücken Sie in Ihren Texten die Distanz zwischen Gegenwart und Vergangenheit für den Leser?

Gablé: Ich versuche Distanz gar nicht erst aufkommen zu lassen. Gerade bei einem so umfangreichen Buch ist die Identifikation mit den Figuren wichtig. Es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass die Menschen nicht so grundlegend anders waren, als wir es heute sind. Auch verwende ich keine altertümliche Sprache, sondern streue nur ab und  mittelalterliche Worte ein. Das baut Atmosphäre auf, ohne den Leser zu befremden. Immerhin verbinden wir, Leser und Verfasser, mit dem Mittelalter vor allem vertraute romantische Vorstellungen, mit denen wir in unserer Kindheit aufgewachsen sind. »Der Prinz und die Prinzessin auf der Burg«, das ist kultureller Bodensatz. Auch tatsächliche Romantik ist wichtig. Die Frage »Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?« baut Spannung auf und ist eine Einladung an die Leser, sich mit den Figuren zu identifizieren.

K.A.: Vor Identifikation ist natürlich auch ein Autor nicht gefeit. Mussten Sie sich beim Schreibprozess auch ab und an zurücknehmen, um auf eine historisch kritischere Ebene zurückzukehren?

Gablé: Graham Greene hat gesagt, Identifikation für den Autor sei schlecht. Aber ich sehe das anders, also ich tu das (lacht). Eine Gefahr steckt natürlich durchaus darin. Als Autorin entwickelt man von Buch zu Buch bestimmte Techniken, mit denen man Objektivität wahrt. Ich fertige von meinen Hauptfiguren vor dem Schreibprozess sehr exakte Psychogramme an. Dadurch lerne ich sie genau kennen und laufe nicht Gefahr, dass sie mir davonlaufen. Solange ich die Figuren unter Kontrolle hab, hab ich auch die Welt, in der sie leben unter Kontrolle. Identifikation mit den Figuren, ja, aber der Gott in dem Universum ist die Autorin.

K.A.: Zieht es Sie nach Ihrem ›Ausflug‹ in die Renaissance nun wieder zurück in das Mittelalter oder vielleicht sogar in eine ganz andere, modernere Epoche?

Gablé: Es sind auf jeden Fall die Geschichten des Mittelalters, die mich faszinieren. Es ist meine Lieblingsepoche. Den Schritt in die Renaissance habe ich als großes Wagnis empfunden, wie das Überqueren einer Hemmschwelle. Als Autorin könnte ich jetzt durchaus weiter in der Zeit gehen. Warum nicht einmal ins 17. Jahrhundert, wobei ich dabei im Moment noch das Problem hab, dass das die Epoche war, in der die Männer angefangen haben, Perücken zu tragen. Ich kann mir wirklich keinen Helden vorstellen, der so aussieht. Ein historisches Werk wie Von Ratlosen und Löwenherzen werde ich aber so schnell nicht nochmal tun. Es hat mir riesengroßen Spaß gemacht, aber es war wahnsinnig viel Arbeit.

K.A.: Angenommen, Sie wären im Besitz einer Zeitmaschine, die Sie ein einziges Mal benutzen könnten. In welches Jahr und wohin soll die Reise gehen?
Gablé: Sommer 1330 nach London. Es war ein schöner Sommer  und eine Aufbruchszeit, Edward III übernahm gerade die Macht, ein neuer, junger König, auf den alle ihre Hoffnungen setzten und ich glaube, das wäre eine gute Zeit gewesen, um sich einmal im Mittelalter umzuschauen.

K.A.: Frau Gablé, wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview.

 

Über Rebecca Gablé

Rebecca Gablé, geboren 1964 in Wickrath/Mönchengladbach, studierte nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Germanistik und Anglistik. 1995 erschien ihr erster kriminalroman Jagdfieber. Ihren Durchbruch feierte Gablé 1997 mit dem historischen Roman Das Lächeln der Fortuna. Neben einer Lehrtätigkeit an der Heinrich-Heine Universität veröffentlichte sie seither zahlreiche historische Romane, von denen die meisten zu Bestsellern wurden. Gablé ist Mitglied des Autorenkreis Quo Vadis und lebt in Wickrath.

 

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