»Der Stand der Dinge ist, dass ich bis zuletzt hier singe«

Himmel für alle – das neue Album von Samba

Samba: Himmel für alleNicht erst in den vergangenen Jahren mit Bands wie Wir sind Helden, auch Mitte der 90er gab es eine Welle deutschsprachiger Musik. Angespornt durch den Erfolg von Tocotronic, Die Sterne und Blumfeld wurden auch die Münsteraner Samba ins Rennen geschickt, um für Sony das große Geld einzufahren. Mit ihren nicht immer eindeutig sinnhaltigen Songs tat sich die Band um Sänger und Texter Knut Stenert in der deutschen Poplandschaft, in der es vielen anderen nur darum zu gehen schien, anspruchsvoll zu klingen oder möglichst albern um Schlagerfloskeln, die im Englischsprachigen gang und gäbe sind, herumzusingen, angenehm hervor. Um den Vorwurf des Schlagerartigen kamen Samba bereits durch ihre rockigen ersten Platten »Zuckerkick« (1996) und »t.b.a.« (1997) herum. Schwieriger wurde das mit den Nachfolgealben »Millionen ziehen mit« (1999) und »Komando« (2001), die zwar mit ihren teils unangestrengt witzigen, teils grotesken Texten kein Massenerfolg wurden, aber musikalisch eher massentauglich waren. Leider sind diese Alben schlecht alt geworden und heute nicht unbedingt mehr ein Hörgenuss. Dass die Band trotz ausgebliebenem großen Erfolg auch heute noch Platten veröffentlicht, ist sicher auch ihrem neuen Label Tapete Records zu verdanken. Die kleine Firma aus Hamburg hat sich in den letzten Jahren um die deutschsprachige Musikszene verdient gemacht und einige Perlen produziert – neben Samba beispielsweise Besser aus Lüneburg –, die beweisen, dass hier, weitab vom Berliner Trubel, auch auf Nachhaltigkeit gesetzt wird, statt schnelle Erfolge zu provozieren. Dass Kontinuität oftmals für die Entwicklung einer Band wichtiger ist als gut gefüllte Stadien, zeigt auch das neue Samba-Album »Himmel für alle«. Samba (Foto: Tapete Records)Schon der Vorgänger, »Aus den Kolonien« (2004), zeigte an, wohin der Weg gehen sollte. Wieder etwas härter in den Arrangements, aber im Gesamtklang eher im Bereich der Popmusik angesiedelt, war es eine erfrischende Überraschung. Dass Samba auch für schräge Experimente noch immer zu haben sind, zeigt der letzte Song des aktuellen Albums. »Es gibt« ist ein ruhiger Song, zu dem neben Gitarre, Bass und Gesang vor allem eine scheinbar viel zu große Portion Hall kommt. Die dadurch erzeugte Leere eines unbenannten Raumes ist zwischen der ersten Zeile, »Sie hat mich mit dir verlassen«, und den letzten des Refrains, »wie könnt ihr das nur übersehen / und zur Tagesordnung übergehen«, umschrieben und wird im sich überschlagenden Hall der letzten Worte, »wir scheinen zusammen allein«, abgeschlossen. Was zunächst übertrieben nach einem albernen Witz zwischen Kitsch und Ironie klingen mag, erschließt sich beim genaueren Hinhören als Schmerz, der im deutlichen Kontrast zur Stimmung der übrigen Songs zu stehen scheint. Denn »Himmel für alle« beginnt wie ein leichtes Sommeralbum. Nett beschwingt und harmlos der Auftakt mit »Bürgersteig in deiner Nähe«: »Wenn ich nachts aufwache, steh ich auf und gehe / auf einem Bürgersteig in deiner Nähe«. Was hier noch wie der Gesang eines Teenagers klingt, der frisch verliebt nicht wachliegen mag, wird schon wenige Zeilen später gebrochen, denn: »sie ist im Gegensatz zu mir schon weiter / es läuft ganz gut für sie und den Begleiter«. Schon nach der ersten Strophe wächst die Distanz, aus dem »du« wird »sie« und ein »Begleiter«. Dieses Mittel der Distanzierung zieht sich durch das gesamte Album und bricht erst im kompletten Selbstbezug des letzten Songs in Trauer aus: »Sie hat mich mit dir verlassen / und stellt sich für mich tot« zeugt von dem Verlust eines Menschen, den man eben nicht mehr mit dem vertrauten Du anreden kann – eine sicherlich für jeden Hörer nachvollziehbare Erfahrung: Wie oft liegt die Vermutung nahe, dass man entweder einen anderen Menschen liebte oder nur das Bild, das man sich von ihm machte? Zwischen diesen beiden Songs aber hängt das Glück (»Küss mich für immer«), erste Krisen (»Auf den Mauern«) und mit »Über den Rhein« ein Verweis über die persönliche Thematik des »Erlebnisteam d’amour« hinaus: »wir jubeln, jubeln, jubeln / und wir wissen auch warum / wir jubeln, jubeln, jubeln / die Kriege sind um«. In dem ruhigeren Trennungslied »Alle meine Gründe« zeigt Stenert, dass er mit den üblichen Bildern auf unterschwellige Art zu spielen versteht: »wir haben alles gut besprochen / denn gute Freunde tun das auch«. Das alles wird mit denkbar unaufgeregter Stimme vorgetragen. Es ist heutzutage schon bemerkenswert, wenn man von einer Band sagen kann, dass der Gesang nicht gelangweilt oder absichtlich schlecht betont klingt. Der etwas näselnde Sänger verleiht der Musik seine eigene Note, und man hört gerne zu, ohne über Aussprachefehler wie bei Wir sind Helden zu stolpern oder sich an Thees Uhlmanns (Tomte) langgezogene Wörter erst gewöhnen zu müssen. Samba haben einen langen Weg hinter sich. Mit »Himmel für alle« ist es ihnen gelungen, ihren Stil neu zu erfinden. So heißt es in »Fair«: »Der Stand der Dinge / ist, dass ich bis zuletzt hier singe / es wäre schön / wenn es ginge«. Und ab 07.09. live unterwegs, ist »hier« vielleicht auch in Deiner Stadt!

 

Samba: Himmel für alle. Tapete Records, Hamburg 2006. Ca. 40 Min. Spielzeit. Ca. 15,00 Euro. Samba im Internet: www.samba-pop.de – Reinhören unter www.tapeterecords.de

 

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