»Die Kunst insgesamt ist ja auch nichts anderes als eine Überlebenskunst«

Thomas Bernhard: Alte MeisterDer Mensch braucht seine Gewohnheiten. Er könnte sonst nicht leben. Ganz gleich, ob es das morgendliche Zur-Arbeit-Kriechen oder der abendliche Spaziergang ist. Man nennt es auch Alltag, und so negativ, wie das Wort besetzt ist, so wichtig ist er doch, denn wir wollen die Unterbrechungen im Reigen des Immergleichen nicht vermissen. Daß die vermeintlichen Unterbrechungen mitunter nur einem Gegenalltag entsprechen und sich das Fitneßstudio bestenfalls noch als der liebliche Refrain im Schema Strophe – Refrain – Strophe ausmachen läßt, ist vielleicht nur ein letztes Detail im Leben des erfolgreich scheinenden Abendländers, der sich am liebsten durch sogenannte »gesellschaftliche Verpflichtungen« verwalten läßt. Wie wichtig aber der Alltag eines selbstbestimmten Menschen tatsächlich sein kann, ist eine Facette, die Thomas Bernhards Werk »Alte Meister« aufzeigt.

Thomas Bernhards Schreiben selbst war spätestens seit Anfang der 80er Jahre auch ein Schreiben gegen den Tod, gegen die Lungenerkrankung, die ihm das Leben schon immer schwer machte. Für seine Figur des Musikjournalisten Reger ist die Gewohnheit, jeden zweiten Vormittag im Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums in Wien vor dem ›Weißbärtigen Mann‹ von Tintoretto zu sitzen, lebensrettend. Nach dem Tode seiner Frau verkroch er sich in seiner Wohnung, bis die Schopenhauer-Lektüre in ihm wieder Lebenskräfte weckte:

Natürlich habe ich auch bei Schopenhauer nur deshalb eine Überlebenschance gehabt, weil ich ihn für meine Zwecke mißbraucht und tatsächlich auf die gemeinste Weise verfälscht habe, so Reger, indem ich ihn ganz einfach zu meinem Überlebensmedikament gemacht habe, das er in Wirklichkeit ja gar nicht ist.

Er beginnt wieder zu essen und geht auch bald wieder seiner alten Gewohnheit nach, sich ins Kunsthistorische Museum zu setzen und eben nicht, wie ursprünglich vorgenommen, seiner Frau hinterher zu sterben.

Bei Regers Gewohnheit im Kunsthistorischen Museum zu sitzen, beobachtet Atzbacher Reger eine Stunde lang, bevor er zu einer Verabredung mit ihm erscheint:

Erst für halb zwölf Uhr mit Reger im Kunsthistorischen Museum verabredet, war ich schon um halb elf Uhr dort, um ihn, wie ich mir schon längere Zeit vorgenommen gehabt hatte, einmal von einem möglichst idealen Winkel aus ungestört beobachten zu können, schreibt Atzbacher.

Aus dieser Beobachtungsposition heraus läßt Atzbacher Begegnungen und seine Gespräche mit Reger Revue passieren. In Rückblicken werden Regers Hasstiraden auf den Staat Österreich, die Stadt Wien und die Kirche wiedergegeben, aber auch von dem Zusammentreffen mit einem Waliser, sowie das Kennenlernen seiner Frau auf der Sitzbank im Bordone-Saal wird erzählt. Dabei kennt der Text, wie bei Bernhard üblich, keinen Absatz und es ist anfangs schwer das Buch für einige Stunden zur Seite zu legen, allein, weil man keinen Schnitt findet, der sich dazu anbieten würde.

Ähnliches gilt für die Hörbuchproduktion des Südwestfunks von 1991. Nicht nur, weil die Textvorlage den Gedankenstrom vorgibt, sondern auch, weil der Sprecher Thomas Holtzmann konsequent in jener Atem- und Absatzlosigkeit vorliest, die den Text Thomas Bernhards auszeichnet. Das funktioniert so gut, daß man das Gefühl bekommen könnte, der Text sei eigens auf Holtzmann als Sprecher zugeschnitten. Mit einer Gesamtlaufzeit von ca. 430 Minuten hat man allerdings ein ganz schönes Stück Weg vor sich, bis man erfährt, warum Reger Atzbacher gegen seine Gewohnheit ein zweites Mal in der Woche im Kunsthistorischen Museum treffen wollte. Doch man ist bereit, Holtzmann bei seiner Lesung zu folgen, denn er verleiht Bernhards Text eine Stimme, die ihn lebendig und anschaulich macht, aber auch die Besonderheit Bernhards zu vermitteln weiß.

 

Thomas Bernhard: Alte Meister. Vollständige Lesung. Gelesen von Thomas Holtzmann. Regie: Heinz Nesselrath. Produktion: Südwestfunk, 1991. Der Hörverlag, München 2005. 6 CDs. 430 Minuten. ISBN: 3-89584-950-2. Ca. 39,95 Euro.

 

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