»Die Perspektive eines Außenseiters«

Ein Interview mit Marcel Beyer

Marcel Beyer setzt sich als deutscher Autor in seinen Werken historisch und psychologisch mit der Geschichte der DDR und des Dritten Reiches auseinander. Seine Texte reflektieren deutsche Geschichte durch die psychologische Auseinandersetzung mit individuellen Schicksalen. Mit der Kritischen Ausgabe sprach Beyer über die Faszination des deutschen Ostens und die Inspirationen für seinen neusten Roman Kaltenburg.

Kritische Ausgabe (K.A.): Viele Autoren ziehen heute nach Berlin, warum sind Sie 1996 nach Dresden gezogen?

Marcel Beyer: (schmunzelt) Ich habe 1995 meine Lebensgefährtin kennengelernt, eine Schweizerin, die in Dresden lebte. Gemeinsam haben wir tatsächlich überlegt ob wir zusammen nach Berlin ziehen sollten. Aber es war auch die Zeit als alle sagten »es muss nach Berlin gehen«. Das war schon ein Grund, es nicht zu tun. Berlin war ja nicht mehr die DDR, sondern ein ganz eigener Organismus, auch während der deutschen Teilung. Im Gegensatz zum Osten kannte ich Berlin schon und hatte große Lust tief in den Osten zu ziehen. Dresden war da der tiefste Osten, den ich mir vorstellen konnte. Und ich befürchtete, dass ich den Osten sonst nicht mehr kennenlernen würde, der sich gerade dem Westen anpasste.

K.A.: Und haben Sie in Dresden den Osten kennengelernt?

Beyer: Es war schon eine sehr andere Lebenswelt. Nun bin ich fünfzehn Jahre dort und kann mir kaum mehr vorstellen in den Westen zurückzuziehen. Man hat ganz andere Erfahrungen gemacht, die sich kaum in Worte fassen lassen; Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten. Der Osten und der Westen werden sich immer voneinander unterscheiden. Im Umgang ist man in Dresden viel zurückhaltender als man es aus dem Rheinland kennt. Man ist nicht aufdringlich, wartet erst mal und schätzt ab. Das erkläre ich mir immer damit, dass die DDR sehr klein war und es keinen regen internationalen Austausch an Menschen gab – man hatte alle Zeit der Welt sich kennenzulernen und Freundschaften aufzubauen.

K.A.: Was war es, das sie damals am Osten interessiert hat?

Beyer: Für mich war es das Fremde und Neue. Es war ja einfach verrückt mit Gleichaltrigen zusammenzutreffen und, oft auch über Missverständnisse, herauszufinden inwiefern man sich unterscheidet, weil man in unterschiedlichen Ländern und Systemen aufgewachsen ist.

Spurenschau in Dresden

Beyer: Inwiefern waren für Sie die Geschichte des Dritten Reiches oder der DDR noch in Dresden präsent?

In Dresden gibt es natürlich Spuren des Nationalsozialismus, die wurden in der DDR jedoch ein bisschen unter den Teppich gekehrt. Es gibt auf der neustädtischen Elbseite den Rosengarten. Dort wurde zwar umgebaut, aber wenn man genau hinsieht, dann bemerkt man dass er ein Prestigeprojekt aus den 30er Jahren ist. Dort gibt es einen Fußgängerdurchgang zum Elbufer, worin an der Decke ein großes Hakenkreuz ist, welches zwar öfter in der DDR übermalt wurde, aber immer wieder durchscheint. Dort wird gerade grundsaniert, damit es endlich verschwindet (lacht).

In der Architektur ist das Ineinandergreifen der Zeiten im Osten einfach präsenter als im Westen. Gerade in Dresden sieht man die Spuren aller Zeiten. Dadurch fühle ich mich angeregt mich mit der architektonischen Geschichte einzelner Gebäude zu beschäftigen. Wenn ich durch Dresden fahre, komme ich immer wieder an Gebäuden vorbei und denke: Über dieses Haus willst du eigentlich mehr wissen.

K.A.: Ihr neuer Roman Kaltenburg spielt sich ja auch zum großen Teil in Dresden ab. Ist der Mikrokosmos der Personen des Romans auch eine Darstellung der Verhältnisse zur Zeit der DDR?

Beyer: Der Ich-Erzähler aus Kaltenburg, Hermann Funk, hat eine spezielle Perspektive. Er ist selbst kein Dresdner, kein Einheimischer. Als Dazugekommener wirft er einen Blick von der Seite auf die Gesellschaft. Außerdem hat er auch den Blick Vogelkundlers auf alles. Natürlich ist er ein parteiischer Erzähler, dessen Partei nie Mehrheitsverhältnisse wird herstellen können. Dabei geht es nicht um monolithische Objektivität – wenn es das eine Buch  zu einem Thema geben soll, bin ich immer skeptisch. Ich gehöre eben nicht zu den Autoren, die die Absicht haben, die Welt zu erfassen und objektiv darzustellen. Es ist eigentlich immer die Perspektive eines Außenseiters die mich interessiert.

K.A.: Ist die Außenseiterperspektive von Hermann Funk dabei auch ein bisschen Ihre eigene?

Beyer: Ja. Wobei ich bestimmte Parameter umgedreht habe. Ursprünglich war meine Vorstellung: Jemand Jüngeres aus dem Westen kommt in den Osten und trifft auf jemanden, der ihm aus seinem Leben in der DDR erzählt.  Während des Nachdenkens über den Roman ist das aber nicht in Gang gekommen, besonders wie ich es gestalten kann, dass der Junge aus dem Westen nicht nur ein Mikrophon wird. Dann kam die Blitzentscheidung, dass der ältere Mensch, der die ganze Zeit in der DDR verbracht hat, eigentlich der Ich-Erzähler sein muss. Und dann war‘s wirklich so als würde der Erzähler, Hermann Funk, anfangen zu mir zu sprechen.

Schräge Vögel und historische Begebenheiten

K.A.: Bei Ludwig Kaltenburg kann man klare Parallelen zum 1989 verstorbenen Ornithologen und Nobelpreisträger Konrad Lorenz erkennen.  Haben Sie Lorenz jemals selbst getroffen?

Beyer: Es wäre theoretisch möglich gewesen, dass ich Konrad Lorenz noch begegnet wäre. Stattdessen habe ich Menschen kennengelernt, die mit ihm befreundet waren. Aber das eigentlich zum Glück erst, als der Roman schon erschienen war. Ich könnte mir auch nicht vorstellen über eine Person zu schreiben, die ich tatsächlich kenne, geschweige denn eine Person, die auch noch lebt und von der ich umgeben bin. Dann denke ich immer, ich würde demjenigen die Möglichkeit nehmen selber zu sprechen. Es ging eher darum, meinen ostdeutschen Altersgenossen zu erzählen, was mich und mein Aufwachsen ausmacht. Dabei stieß ich auf Arbeiten vom Tierfilmer Heinz Sielmann und seine Freundschaft mit dem Künstler Joseph Beuys. Die Arbeiten der beiden waren in meiner Kindheit sehr präsent und wurden für mich zu einer Art Hintergrund. Sielmann nahm Beuys mit auf Schloss Buldern, wo Lorenz sein Institut hatte. Man weiß von dieser Begegnung, aber man weiß nicht, wie sie verlaufen ist. Das hat mich sehr gereizt. Dabei wollte ich kein historisches Buch schreiben, sondern die Biographien dieser Figuren auf eine andere Weise produktiv machen und in einen Roman-Kosmos einfügen, wo sie sich von dem realen Hintergrund ablösen. In Dresden habe ich festgestellt, dass bestimmte Szenen vor dem Hintergrund dieser Stadt noch einmal eine ganz andere Reibung ergaben. Auf einmal gewannen kleine dahingesagte Bemerkungen von Ludwig Kaltenburg eine politische Ebene und einen ganz anderen Echoraum. Das war der Moment, wo die Figuren sich von den historischen Personen gelöst hatten.

K.A.: Die Frauenfiguren aus Kaltenburg bleiben eher im Hintergrund und sind doch über das Buch weg präsent.

Beyer: Die Ornithologie ist schon eher eine Männerwelt. Das war jetzt erst mal eine Tatsache mit der ich leben musste. Alle drei Männerfiguren: Sieverding, Spengler und Kaltenburg haben auch einen militärischen, männerbündischen Hintergrund. So konnte ich die Frauenfiguren wie einen Magnet benutzen, welche Hermann zwar nicht komplett aus deren Bann ziehen, aber ihn doch immer wieder  auf Distanz zu ihnen bringen. Gerade das Kindermädchen Maria macht dabei noch einmal als Bezugsperson eine andere Perspektive auf. Sie fällt aus der Welt heraus und wird zu einer unaufgelösten Erinnerung. Auch später geistert sie im Untergrund des Romans als etwas Unabgeschlossenes herum. Das gleiche geschieht mit Klara, die die Sicht des Erzählers auf die Welt verändert und ihn von seiner Ersatzfamilie (Kaltenburg) entfernt.

K.A.: Dabei ist das Ende ja eher offen.

Beyer: Kaltenburg ist ein Roman, der beim Schreiben ein Eigenleben entwickelte. Ich glaube, die Leser wären darauf abgefahren, wenn das Kindermädchen am Ende wieder aufgetaucht wäre und alle offenen Fragen beantwortet hätte. Für mich war damit aber klar, dass genau das nicht passieren darf. Dieses vermeintliche Verheilen der Wunden … nein, es gibt einfach bestimmte Dinge, da verheilt nichts.

K.A.: Das Thema Ornithologie zieht sich ja durch den ganzen Roman. Sind Tiere der gemeinsame Nenner Ihrer Texte?

Beyer: Mir sind in Dresden die Vogel- und die Tierwelt im städtischen Raum einfach viel stärker aufgefallen als im Rheinland. In Köln gab es nur die Taube. Dresden ist da sehr viel grüner. Da wurde mir beim Betrachten der Vögel klar, dass diese auch uns die ganze Zeit beobachten. Wir leben in einer Welt, in der es wieder andere Welten gibt, die uns wahrnehmen. Das fand ich faszinierend. Meine Freunde im Osten kennen sich auch ungeheuer gut mit dieser Vogelwelt aus. Dazu kam die Wiederentdeckung von Konrad Lorenz, der mit seinen Graugänsen berühmt geworden ist. Als junger Wissenschaftler hat er aber eine Dohle gehabt und wäre ohne diese womöglich nicht zum Verhaltensforscher geworden. So wurde die Dohle zum ›Leitvogel‹ des Romans. Dabei wird die Vogelwelt zum dritten Bereich in der Fremdheitserfahrung zwischen Ost und West. In den letzten Jahren fallen mir dabei öfter Sachen mit Tieren ein. Ich arbeite seit einiger Zeit immer wieder an einem Essay über Tiere, der der Abschluss der Tiere in meinen Texten sein soll. Ich darf ja nicht der ›Tieronkel‹ werden.

K.A.: Mit der Arbeit am Filmkommentar zu Revolution im Ton (Arbeitstitel) von Martin Reinhart und Thomas Tode wenden Sie sich jetzt ja einem neuen Thema und Medium zu. Können Sie sich vorstellen dass Kaltenburg einmal verfilmt wird?

Beyer: Nein! Ich wäre sehr gespannt wenn jemand sagen würde ich habe eine Idee wie man das machen könnte. Das innere vor sich hin Murmeln und Entstehenlassen von Bildern ist für den Text sehr wichtig. Wahrscheinlich würde es ein sehr langer Film ohne große äußere Handlung werden. Die meiste Zeit schwirrt halt eine Dohle herum und die Figuren sitzen am Tisch und reden. Oder? (lacht)

 

 

Über Marcel Beyer

Marcel Beyer, geboren 1965 in Tailfingen, studierte an der Universität Siegen Germanistik, Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft. Bevor er 1996 nach Dresden zog, lebte Marcel Beyer in Köln. Sein erster Roman Das Menschenfleisch erschien 1991. Seitdem veröffentlicht er neben Romanen auch Lyrik und Essays. Unter anderem wurde er 2001 mit dem Heinrich-Böll-Preis und 2008 mit dem Erich-Fried-Preis ausgezeichnet. Das Interview wurde im Rahmen einer Lesung seines aktuellen Romans Kaltenburg am 4. Juli 2011 geführt.

 

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