»Die Schrift war immer ein Refugium für die Juden«

Zum dritten »Fest des jüdischen Buches« lädt die Jüdische Gemeinde in Duisburg am Sonntag, den 15. März ein. Von 11 bis 19 Uhr dreht sich in der Synagoge am Duisburger Innenhafen alles um Literatur, unter anderem werden Robert Schindel, Lena Gorelik und der israelische Autor Assaf Gavron dort lesen. Mit Organisatorin Liliana Ruth Feierstein sprach Stefan Andres.

 

Fest des jüdischen Buches (Logo)

 

Frau Feierstein, am Sonntag richten Sie in Duisburg zum dritten Mal das »Fest des jüdischen Buches« aus. Neben Autoren und Literaturwissenschaftlern bieten auch Rabbiner Studiengruppen an. Wie nahe sind sich Religion und Literatur in der jüdischen Tradition? Man kann das nicht so auseinanderhalten, die jüdischen Quellen sind nicht so streng trennbar wie in der westlichen Tradition. Der Neokantianer Hermann Cohen beschreibt das ganz treffend in »Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums«: Demzufolge wirken Literatur und Religion zusammen, da die Quellen des Judentums auch als »literarisch« interpretiert werden können oder in der Literatur kommentiert und ergänzt werden. Übrigens repräsentiert diese Nähe auch das Logo unserer Veranstaltung: Es zeigt eine Tora, die in ein Buch übergeht. Und Lesungen in einer Synagoge, das finde ich sehr spannend, auch wenn viele sagen mögen, dass das nicht gehe. Aber das Wort »Synagoge« steht ursprünglich einfach für einen Platz, an dem man sich versammelt und gemeinsam studiert – also liest. Sie feiern das Fest parallel zur Leipziger Buchmesse. Denken Sie, dass jüdische Literatur im deutschen Literaturbetrieb unterrepräsentiert ist?

Liliana Ruth Feierstein (Foto: buch-jugedu.de)
Liliana Ruth Feierstein (Foto: buch-jugedu.de)

Das hat zunächst ganz praktische Gründe: Israelische Autoren wie Assaf Gavron sind bei der Buchmesse und können von dort bequem zu uns kommen. Aber man kann dieses Fest durchaus auch als eine Art Supplement im Sinne von Jacques Derrida verstehen. Es ist eine ganz andere Erfahrung, in einem Gebäude, das die Form eines offenen Buches hat, die Schrift und die Literatur zu feiern. Da schaffen wir eine mikro-jüdische Umgebung, in der die jüdische Schrift »zu Hause« – und ausnahmsweise in der Mehrheit ist. Diese Erfahrung, die Schrift in einem jüdischen Kontext zu erleben, wollen wir auch gerne mit unseren nicht-jüdischen Freunden teilen.

Spielt die jüdische Identität für zeitgenössische deutschsprachige Autoren noch eine Rolle für deren Schreiben? Als Jude auf Deutsch zu schreiben ist nach der Shoah problematisch, aber zugleich ist es auch sehr wichtig. Es gibt verschiedene Positionen, wie man mit diesem Trauma umgeht, daher laden wir verschiedene Generationen zu unserem Fest ein. Edgar Hilsenrath, der vor zwei Jahren bei uns war, Vladimir Vertlib, Lena Gorelik – das sind drei Generationen und dementsprechend unterschiedliche Strategien, mit dieser jüdischen Identität in deutscher Sprache umzugehen. Es war, finde ich, richtig von Adorno, sein Diktum, nach Auschwitz sei es barbarisch, Gedichte zu schreiben, zurückzunehmen. Denn die Schrift war immer ein Refugium für die Juden, sie bot eine Möglichkeit, diese Traumata zu verarbeiten, bis heute. Und es gibt natürlich auch andere Themen für jüdische Autoren als die Shoah. Welche Autoren oder Titel können Sie spontan zur Lektüre empfehlen? Vladimir Vertlib finde ich wirklich großartig. Seine Muttersprache ist Russisch, aber er hat eine wunderschöne deutsche Sprache für sein literarisches Schreiben entwickelt. Robert Schindel hat natürlich eine ganz eigene Weise zu schreiben. Lena Gorelik ist eine sehr erfrischende, junge Stimme, die in ihren Romanen vor allem die Erfahrung der russischen Juden in Deutschland verarbeitet. Die neue Perspektive einer jungen israelischen Autorengeneration bietet Assaf Gavron mit seinem Roman »Ein schönes Attentat« – mit viel Ironie, sehr spannend und wirklich sehr empfehlenswert.

 

Das »Fest des jüdischen Buches« beginnt am Sonntag um 11 Uhr, der Eintritt kostet 5,– Euro (Kinder bis 12 Jahre frei). Weitere Informationen unter www.buch-jugedu.de. Das Programm steht hier als PDF zum Download bereit.

 

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