»Die Tat wird aufgedeckt, der Täter überführt«

Meisterdetektiv Kalle Blomquist ermittelt in den Bonner Kammerspielen

Kalle Blomquist, wohnhaft in Kleinköping, Hauptstraße 14, hat große Ambitionen: Er will Verbrechen aufklären, wie ein richtiger Detektiv, und zwar wie der beste – da können Sherlock Holmes und Hercule Poirot einpacken. Doch anders als bei seinen berühmten Kollegen eignet sich seine kleinbürgerliche Umgebung leider so gar nicht für den Schauplatz eines gruseligen Verbrechens. So verleben Kalle und seine Freunde Anders und Eva-Lotta eine beschauliche Jugend, die nur durch den Krieg mit der Bande der roten Rosen an Spannung gewinnt – bis Eva-Lottas zwielichtiger Onkel Einar auftaucht.

Szenenfoto aus »Meisterdetektiv Kalle Blomquist« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Meisterdetektiv Kalle Blomquist
(Foto: © Thilo Beu)

In der Erzählung von Astrid Lindgren ist alles enthalten, was das (Kinder-) Herz begehrt: Freiheit, Spiele, Zimtwecken, Bandenkriege, erste Verliebtheiten und Verbrecher, die am Ende ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Thomas Goritzki gelingt es mit seiner Inszenierung der dramatisierten Fassung von Eberhard Möbius den Überschwang und die Lebendigkeit aus dem Lindgrenschen Text auf die Bühne zu übertragen. Hauptgrund für dieses Gelingen sind sicherlich die spritzigen Lieder, für deren Text er verantwortlich ist und die Michael Barfuß mit schönen, eingängigen Kindermelodien vertont hat. Dass Barfuß auf der Bühne von Martin Erdmann in Frack mit Zylinder und weißen Handschuhen am Klavier begleitet wird, gibt dem Ganzen den Anstrich eines Puppenspiels. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das sehr plastische Bühnenbild von Heiko Mönnich, das die von Häusern gesäumte Hauptstraße Kleinköpings in all ihren Details samt Ampel, Klingelschildern und Gulli zeigt.

Meisterdetektiv Kalle, verträumt-tollpatschig gespielt von Oliver Chomik, hat vor allem eines im Kopf: endlich einen Verbrecher zur Strecke zu bringen. Dass die Blutspuren, die er in der Anfangsszene untersucht, nur Resultat seines Unfalls mit einem Bleistiftspitzer sind, trübt seinen Eifer nicht. Sein Freund Anders (Konstantin Lindhorst) ist das komplette Gegenstück dazu: In seiner sehr bodenständigen, locker-flapsigen Art reißt er den angehenden Ermittler aus seinen Tagträumen. Aber auch er lässt sich leicht aus dem Konzept bringen von Eva-Lotta (Franziska Hartmann), in die die beiden unsterblich verliebt sind. Ihrer Wirkung nur allzu bewusst, spielt das Mädchen selbstbewusst und aufgedreht mit ihren Verehrern. Zu dritt bilden die Freunde aber ein unschlagbares Team, das sich mit Streichen und Spielen die Zeit vertreibt, wobei Eltern und sogar der Dorfpolizist Björk (Carl-Ludwig Weinknecht) immer ein Auge zudrücken und für jeden Spaß zu haben sind. Als Eva-Lottas unsympathischer Onkel Einar (herrlich lächerlich: Ralf Drexler) sich unangekündigt auf unbestimmte Zeit bei seiner Verwandtschaft einnistet, erwacht Kalles Spürsinn. Der aufdringliche Gast nimmt die Kinder mit zu einem Ausflug auf eine abgesperrte Burgruine, die er wie ein routinierter Einbrecher mit Hilfe eines Dietrichs öffnet. Er streunt nachts durch die Gegend und bekommt schließlich unangenehmen Besuch von zwei dubiosen Gestalten. Kalle, der all diese Geschehnisse aufmerksam verfolgt und sorgfältig Spuren sichert, gelingt es, Einar eines Diamantendiebstahls zu überführen. Leider mischen er und seine Freunde sich zu sehr ein und werden in die Burgruine eingesperrt. Nun muss Kalle sein detektivisches Können unter Beweis stellen: Ein Fluchtweg aus der Burgruine muss gefunden und die Schurken gestellt werden.

Szenenfoto aus »Meisterdetektiv Kalle Blomquist« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Meisterdetektiv Kalle Blomquist
(Foto: © Thilo Beu)

Doch nicht die Verbrecherjagd alleine macht den Charme der Lindgrenschen Texte aus, ihre Stärke liegt in den lebendigen Schilderungen des Alltags. Deswegen überzeugt, dass die Bühnenfassung auch Szenen übernimmt, die für die Haupthandlung nicht besonders relevant, für das Kinderleben aber essentiell sind: so der große Auftritt des Zirkus Kallotan, in dem die Freunde als Gewichtheber, Seiltänzer oder Clowns auftreten, oder der Kampf der Rosen, in dem Kalle, Anders und Eva-Lotta als die weißen Rosen sich gegen die Bande der roten Rosen in Straßenkämpfen und Ritualen nach einem strengen Kodex beweisen müssen. Diese Kinderspiele sind in ihrer Welt genauso wichtig wie reale Bedrohungen und lockern die Handlung angenehm auf – die Kinder im Publikum jedenfalls lassen sich von ihnen genauso mitreißen wie von der dramatischen Verbrecherjagd in der Burgruine. Leider gerät das Stück so aber recht lang – mit Pause gut über zwei Stunden – und streckenweise auch langatmig. Einfälle wie die Verkürzung von Szenen durch schlaglichtartige Momentaufnahmen oder die Verdichtung der Verbrecherjagd auf Rauch und Sirenengeheul versuchen dem zwar entgegenzuwirken, führen aber eher zu einem Eindruck von Gehetztheit an zentralen Stellen.

Eine der großen Stärken der Inszenierung liegt in den Liedern, die von den Schauspielern mal stimmgewaltig, mal leise-melancholisch gesungen werden. Auch das Bühnenbild ist gelungen: Alle Elemente werden in das Spiel einbezogen, die Kinder turnen an den Ampeln und auf den Dächern entlang, wenn Kalle das Geheimnis um Onkel Einar lüftet, lüftet sich auch der Gullideckel, auf dem er sitzt. Verlagert sich der Schauplatz in die Burgruinen, werden einfach dunkle Wände auf die Bühne herunter gelassen. Genauso wie die Szenerie sind auch die Kostümbilder sehr anschaulich, mit denen Goritzkis Inszenierung arbeitet. Der Unsympath Einar wirkt noch lächerlicher, als seine Komplizen in dunklen Anzügen und an die Blues-Brothers erinnernden Frisuren vor im stehen, während er sich hemdsärmelig im Liegestuhl fläzt. Die weißen Rosen in braven Karohosen und Röckchen heben sich schon durch ihre Kleidung von ihren Gegnern, den roten Rosen, ab, die mit geklebten Brillen und zerrissenen Jeans ein deutliches Feindbild abgeben. Es ist insgesamt eine gelungene Inszenierung, die am Ende mit gebührendem Applaus belohnt wird. Das wichtigste dabei: Die Kinder sind begeistert, und einige hört man beim Hinausgehen noch singen: »Denn ich bin Kalle Kalle Blomquist, der für alle alle Fälle da ist ...« – Verbrecher aufgepasst! Meisterdetektiv Kalle Blomquist. Familienstück nach Astrid Lindgren. Bühnenfassung von Eberhard Möbius. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Weitere Termine: 3., 6., 7., 8., 9., 10., 19., 20., 22., 25. und 31. Dezember sowie 2., 11., 12., 13. und 24. Januar 2008.

Fotos: © Thilo Beu

 

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