»Everything is average nowadays!«

Die Kaiser Chiefs zum Zweiten

Erst knapp zwei Jahre ist es her, dass die Kaiser Chiefs ihren fulminanten Einstieg ins Musikbusiness feiern durften. Nach ihrem sehr erfolgreichen Debüt Employment im Jahre 2005 sollte jedoch noch lange nicht Schluss sein mit dem Hype, der um die Newcomer aus Leeds gemacht wurde. Im Februar 2006 räumten sie nämlich erst richtig ab...Kaiser Chiefs: Yours Truly, Angry Mob.

Es hat schon fast Tradition bei der Kritischen Ausgabe, einzelne Bücher, Platten oder Bühnenstücke nicht nur einmal, sondern gleich mehreren RezensentInnen zur Bewertung vorzulegen. Heute ist es wieder soweit: Lena Sundheimer bespricht die neue Platte der Kaiser Chiefs, die vor kurzem auch schon von Benedikt Viertelhaus kritisch begutachtet wurde. Diskutieren Sie mit!

 

»Everything is average nowadays!«

Wohl wahr, aber wie sieht das mit dem neuen Album der Kaiser Chiefs aus? Erst knapp zwei Jahre ist es her, dass die Kaiser Chiefs ihren fulminanten Einstieg ins Musikbusiness feiern durften. Nach ihrem sehr erfolgreichen Debüt Employment im Jahre 2005 sollte jedoch noch lange nicht Schluss sein mit dem Hype, der um die Newcomer aus Leeds gemacht wurde. Im Februar 2006 räumten sie nämlich erst richtig ab, und zwar bei den Brit Awards – dem wohl begehrtesten Musikpreis Großbritanniens. Dort triumphierten sie rückblickend auf das Jahr 2005 nicht nur in einer, sondern gleich in drei Kategorien – beste britische Band, beste britische Rockgruppe und bester britischer Liveact. Nachdem es jetzt ein Jahr lang still war um die fünf Musiker, sind sie seit Ende Februar zurück mit ihrem neuen Album Yours Truly, Angry Mob – ein viel versprechender Titel für eine Band die, wie Frontmann Ricky im Interview mit der Visions meint, auch in Bezug auf die Texte lohnenswert ist. Ihre erste Singleauskopplung Ruby allerdings, die zugleich der Opener des neuen Albums ist, scheint dieser Selbsteinschätzung zu widersprechen, denn »Ruby, Ruby, Ruby, Ruby« ist nichts weiter als ein Liebeslied über eine gescheiterte Beziehung, wie es sie hundertfach in der englischen Musikgeschichte gibt. Zwar wirkt der Song bei den ersten Takten noch relativ einladend, aber spätestens beim Refrain wird klar, dass die Kaiser Chiefs mit ihrem Opener dort weitermachen, wo sie beim letzten Album aufgehört haben. Wiederholungen jagen Wiederholungen jagen Wiederholungen, selbst wenn die zahlreichen »Oh«s und »Ah«s des letzten Albums nun zu einem Quäntchen Text weiterentwickelt worden sind. Der darauf folgende Titelsong hingegen zeigt schon eher eine Entwicklung, fällt er doch aus dem typischen Popsong-Schema raus, dem die Kaiser Chiefs von Zeit zu Zeit erliegen. The Angry Mob handelt von dem einfachen, manipulierbaren Volk, dass sich seine Meinung aufgrund von Medienberichten bildet und zu den aktuellen politischen Themen wie ein Fähnchen im Wind steht. Zwar scheint die Botschaft des Songs gewollt politisch und überaus plakativ, dennoch überzeugt die Band - auch musikalisch - weitaus mehr als bei Ruby. Damit aber wäre das Thema Politik fürs erste bei den Kaiser Chiefs auch schon wieder abgehandelt und wird erst wieder auf der zweiten Hälfte des Albums, in Titeln wie Everything is average nowadays aufgegriffen. Denn der sich anschließende Titel Heat dies down handelt wieder einmal von Liebe, genauer gesagt von abflauender Leidenschaft in einer (Bett-)Beziehung. Ein Song, bei dem das lyrische Ich auf seine Freiheiten und Unabhängigkeit besteht und zudem den Macho raushängen lässt, wie die Zeilen »cose I doubt I could stomach twenty years spending time at hers, talking to that mother« beweisen. So richtig schöne Rockstar-Attitüden also, die uns die Kaiser Chiefs hier servieren. Weiß der Text auch nur wenig zu überzeugen, so ist der Sound aber durchaus gekonnt und vor allem eins: tanzbar. Zählen diese Art von Popsongs zu dem Standardrepertoire der Band, überraschen auf Truly Yours, Angry Mob allerdings die von den Kaiser Chiefs bisher ungekannten Balladen. Das überaus zynische Love’s not a competetion (but I’m winning) zum Beispiel setzt mit sanften Elektronikklängen ein, die man so bisher von den Leedsern nicht kannte. Ebenso ruhig, wenn nicht sogar noch ruhiger, zeigen sich die Stücke I can do it without you und Try your best, welches leider von einem kitschigen Gitarrensolo geprägt ist, das einem unweigerlich Guns’n’Roses ins Gedächtnis ruft. Ganz im Gegenteil zu dem Song My kind of guy, der mit einer überaus ungewohnten und beinahe verstörenden Melodik einsetzt. Textlich handelt das Stück von der Sympathie für einen recht unangenehmen Brutalo-Typen, die daraus resultiert, dass der Sänger sich an sich selbst erinnert fühlt: »You’re my kind of guy cos I like your style, and you sound as horrible as me, and I don’t mind if you’re unkind, you’re reminding me of me« heißt es da im Refrain. Doch nicht nur textlich, sondern auch musikalisch hinterlässt dieser Song durch seinen eingängigen Rhythmus einen bleibenden Eindruck. Yours Truly, Angry Mob wirkt im Ganzen wesentlich vielschichtiger und experimenteller als der Vorgänger Employment. Die Kaiser Chiefs gehen teils von ihrem gewohnten und von den Fans geschätzten Sound weg und beschreiten musikalisches Neuland. Obwohl dies definitiv eine Weiterentwicklung zum ersten Album darstellt, fehlt es dem Zweitwerk immer noch an Tiefgang und Ausgefeiltheit, denn Yours Truly, Angry Mob weist auch durchaus schwache Stücke auf. So zum Beispiel „Highroyds“, welches durch seine einfallslosen, unmelodischen Strophen und den dazu im Kontrast stehenden, von Gejaule geprägten Refrain ziemlich negativ aufstößt. Dafür dass die Band sich textlich angeblich weiterentwickelt haben soll und offenkundig auch nicht gerade Sympathien für Rüpelrocker Pete Doherty hegt, pflegt sie aber auf ihrem neuen Album gehörig das Image des egozentrischen Rockstars inklusive Arschloch-Manier. Viele der Textzeilen erinnern in ihrer brutalen Ehrlichkeit an frühere Songs wie Everyday I love you less and less. Fragt sich nur, ob die Kaiser Chiefs mit diesem Bad Boy-Gehabe auch weiterhin Erfolg haben werden und sich, wie im finalen Song des Albums beschrieben, dem ersehnten Ruhestand anheim geben können: »A brand new product in place and a potential buyer. Upon this next transaction surely I can retire«. We’ll see about that…

 

Kaiser Chiefs: Yours Truly, Angry Mob. Universal Music Company, London 2007. Ca. 44 Min. Spielzeit. Ca. 18,– Euro.

 

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