»Familienhöllen« und Theaterhimmel

Im Theater arbeiten wollte sie, das stand für Yvonne Büdenhölzer fest. Und weil Theater auch recht viel mit Literatur zu tun hat, lag ein Studium der Germanistik nicht fern. Nachdem sie sich für ihre Abschlussarbeit mit »Familienhöllen« in deutschen Dramen wissenschaftlich auseinandergesetzt und anschließend ein paar Stationen als Regiehospitantin und -assistentin absolviert hat, kann sie heute als Dramaturgin am Stückemarkt beim Theatertreffen der Berliner Festspiele ihr Wissen für die Bretter, die die Welt bedeuten, praktisch zur Anwendung bringen.Im Theater arbeiten wollte sie, das stand für Yvonne Büdenhölzer fest. Und weil Theater auch recht viel mit Literatur zu tun hat, lag ein Studium der Germanistik nicht fern. Nachdem sie sich für ihre Abschlussarbeit mit »Familienhöllen« in deutschen Dramen wissenschaftlich auseinandergesetzt und anschließend ein paar Stationen als Regiehospitantin und -assistentin absolviert hat, kann sie heute als Dramaturgin am Stückemarkt beim Theatertreffen der Berliner Festspiele ihr Wissen für die Bretter, die die Welt bedeuten, praktisch zur Anwendung bringen. Zudem ist sie als Lehrbeauftragte tätig, für den Studiengang »Angewandte Literaturwissenschaft« an der FU Berlin untersucht sie mit Studierenden neue Texte für das Theater. In ihren Antworten zu unserem Fragebogen erläutert sie exemplarisch, welche Wege in den Theaterhimmel führen – für all jene, deren Herz für Bühne und Theater schlägt. Auf einen anderen Weg, über den man als junger Kulturjournalist auf Tuchfühlung mit dem Theater gehen kann, machte uns Yvonne Büdenhölzer außerdem aufmerksam – Details dazu gibt es hier.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Yvonne Büdenhölzer:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? Von 1996 bis 2003 in Bonn. Magistra Artium steht im Zeugnis. Germanistik war mein Hauptfach.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Ich hatte in der Schule Deutsch-LK, das hat mir immer Spaß gemacht und ich dachte, Literatur spielt eine wichtige Rolle im Theater (stimmt ja auch meistens) – und da wollte ich arbeiten, darum Germanistik.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? Familienhöllen. Literaturwissenschaftliche Studien zur deutschsprachigen Dramatik des 20. Jahrhunderts. Beschäftigt habe ich mich vor allem mit den Expressionisten und einem zeitgenössischen Dramatiker – Marius von Mayenburg.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Wissenschaftlich? Dass die »Familie« ein Lieblingsthema der Dramatik ist. Dies ist auch heute noch so. Für den Stückemarkt werden jedes Jahr über 500 neue Stücke aus ganz Europa eingereicht. Ich schätze mal, dass sich mindestens 60% der Stücke mit dem Sujet »Familie« auseinandersetzen. Aber Theaterleute sind ständig auf der Suche nach den »großen« Themen und wollen keine Familienstücke und auch keine -höllen mehr sehen.
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Professor Claus Sommerhage, leider viel zu früh gestorben. Mit ihm habe ich das Thema meiner Arbeit besprochen. Er starb, als ich mitten in der Arbeit war. Das war ein großer Schock. Was Prof. Sommerhage ausmachte: Er sagte immer: »Mich interessiert, was sie zum Theater zu sagen haben, schreiben sie das.« Einmal kam er mit seiner Frau in eine Vorstellung am Theater Bonn, bei der ich Regieassistentin war. Es war eine Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Push up. Damals wusste ich schon, dass ich über zeitgenössische Dramatik schreiben wollte, war aber noch auf der Suche nach dem Thema und den Texten. Nach der Vorstellung sagte er dann: »Die Inszenierung ist ganz toll gewesen, der Text aber etwas ›klein‹ für eine Magisterarbeit.« Im Kolloquium empfahl er den Kommilitonen aber dennoch, Push up anzusehen, das sei sehr lustig!
  6. Was war/ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Ein Lieblingsbuch habe ich nicht. Mein Lieblingsgenre sollten natürlich Theaterstücke sein, aber eigentlich lese ich viel lieber Romane.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Ich habe während des Studiums bereits im Theater gearbeitet – zuerst hospitiert, dann war ich Regie- und Dramaturgieassistentin an verschiedenen Stadttheatern, in der Freien Szene, z.B. beim fringe ensemble Bonn und beim Festival »Neue Stücke aus Europa« in Bonn und Wiesbaden. Da habe ich den Theaterbetrieb kennen gelernt. Einmal habe ich auch für einen Film gearbeitet. Viel Theater habe ich immer geschaut, die Seh-Erfahrungen geschult. Das alles war sehr wichtig und hilfreich für das, was ich jetzt mache.
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Ich bin Dramaturgin und leite den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens bei den Berliner Festspielen. – Wie wird man das? Siehe Frage 7. Ob ich das werden wollte, konnte ich gar nicht wissen, denn das, was ich mache, gibt es so nur einmal. Dass ich im Theater arbeiten wollte, wusste ich!
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Am meisten eigentlich für meine Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin. Dort gebe ich ein Praxisseminar zum Stückemarkt im Fach Angewandte Literaturwissenschaft. Neben viel Praxiswissen (Festivaldramaturgie, Schreiben von Lektoraten zu den Stückemarkt-Texten etc.) beschäftigen wir uns auch mit Dramen- und Theatertheorie – dieses Wissen habe ich zum Teil im Studium erworben.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Vielleicht ja, vielleicht würde ich aber auch Dramaturgie oder Angewandte Theaterwissenschaften studieren. Den konkreten Bezug zum Theater habe ich bei den Bonner Germanisten immer sehr vermisst!*
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Viele Dramaturgen haben irgendein geisteswissenschaftliches Studium absolviert, viele aber auch nicht. Im Theatertreffen-Team arbeitet kein weiterer Germanist (und wir suchen auch keinen).
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Fragen habe ich keine – raten würde ich, sehr früh zu schauen, in welche Richtung es gehen soll. Da helfen Praktika sehr, aber Vorsicht: nicht sich ausbeuten lassen! Für das Theater gilt: nach zwei bis drei Regiehospitanzen (ohne Geld), am besten an renommierten Häusern bei netten Regisseuren, sollte man schauen, dass man als nächstes eine Regieassistenz (mit Geld) machen kann – das geht aber nicht immer in den Semesterferien.

 

* Anm. d. Red.: Da hat sie das Angebot von Frau Einecke-Klövekorn offenbar versäumt! ;-) [Zurück!]

 

Hinweis: In unserer Serie Germanisten im Beruf haben seit 2006 bereits mehr als ein Dutzend ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten Auskunft über ihren Werdegang und den Nutzen ihres Studiums gegeben; der Reihe nach: Martin Sonneborn (Titanic-Redakteur) – Jan Sting (freiberuflicher Journalist) – Axel Joerss (Journalist und Fotograf) – Christine Henschel (Wissenschaftslektorin) – Nikola Richter (Schriftstellerin und Journalistin) – Burkhard Spinnen (Schriftsteller) – Kathrin Passig (Autorin und Geschäftsführerin der »Zentralen Intelligenz Agentur«) – Adam Soboczynski (ZEIT-Redakteur) – Cornelia Schu (wiss. Referentin beim Wissenschaftsrat) – David Eisermann (Kulturjournalist und WDR-Radiomoderator) – Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und – seit kurzem – Professorin an der FH Düsseldorf) – Carla Christiany (Deutschlektorin an der Università di Bologna) – Christoph Wenzel (Mitbegründer und -herausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) – Christian Eichner (promovierter Rechtsanwalt und Germanistik-Habilitand) – Olaf Kutzmutz (Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel) – Andreas Wilink (Mitbegründer, -herausgeber und leitender Redakteur des Magazins K.WEST – das Feuilleton für NRW) – Tilman Krause (Literaturkritiker und leitender Literatur-Redakteur bei der Welt) – Andrea Vetsch (TV-Moderatorin im Schweizer Fernsehen) – Axel von Ernst (Schriftsteller und Verleger) – Bernd Draser (freiberuflicher Dozent). – Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Yvonne Büdenhölzer (Foto: Nina Urban)Yvonne Büdenhölzer, 1977 geboren, studierte Germanistik und Pädagogik (Abschluss: Magistra Artium) an der Universität Bonn. Sie arbeitete als Regie- und Dramaturgieassistentin an verschiedenen Theatern und in der Freien Szene sowie bei der Theaterbiennale »Neue Stücke aus Europa« in Bonn und Wiesbaden. An der Freien Universität Berlin unterrichtet sie seit 2005 als Lehrbeauftragte im Studiengang der »Angewandten Literaturwissenschaft«. Ebenfalls seit 2005 leitet sie den Stückemarkt beim Theatertreffen der Berliner Festspiele.

(Foto: Nina Urban)

 

 

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