»Heute werde ich Absonderliches sehen«

Therese von Bacheracht: »Heute werde ich Absonderliches sehen«Java ist auch heute noch für viele Europäer »terra incognita«, unbekanntes Land, dem zwar ein Hauch von Exotik und Abenteuer anhaftet, über das man aber ansonsten wenig weiß. Und wenn die Insel doch einmal den Weg ins Bewusstsein der Menschen findet, sind meistens verheerende Naturkatastrophen dafür verantwortlich. So ist unser Bild von Java von Vulkanausbrüchen oder Erdbeben mit Tausenden von Toten und Verletzten geprägt. Dabei gerät die reiche und vielfältige Kultur, die faszinierende Geschichte und die farbenprächtige Natur Indonesiens in Vergessenheit. Ein Buch, das dem entgegenwirkt, ist »Heute werde ich Absonderliches sehen«, die Veröffentlichung der Briefe Therese von Bacherachts, die diese in den Jahren 1850 bis 1852 aus Java geschrieben hat und die nun, von Renate Sternagel kommentiert, im Ulrike-Helmer-Verlag erschienen sind.

Therese von Bacheracht, beste Freundin der Autorin Fanny Lewald und zeitweilige Geliebte von Karl Gutzkow, ist heute kaum noch bekannt. Zu Lebzeiten dagegen zählte sie zu den wenigen erfolgreichen und gut verdienenden deutschen Schriftstellerinnen. Renate Sternagels engagierter Arbeit ist es zu verdanken, dass ihr Werk nun erneut die Chance bekommt, wahrgenommen und gelesen zu werden. Der umfangreiche Kommentar zu den Briefen und die ausführliche biografische Exposition tragen einen erheblichen Teil dazu bei. Renate Sternagel bietet nicht nur ein literarisches Dokument zur Lektüre an, sondern beleuchtet auch dessen historischen und politischen Hintergrund und präsentiert damit zugleich ein Stück Literatur- und Kulturgeschichte.

Die als Tochter eines Diplomaten geborene Therese von Struve heiratete mit 21 Jahren Robert von Bacheracht, einen Diplomatenkollegen ihres Vaters. Doch die Ehe der von Bacherachts war keine glückliche. Spätestens nach dem Tod des gemeinsamen Sohnes ging das Paar getrennte Wege. Therese wurde die Geliebte des Schriftstellers und Kritikers Karl Gutzkow. Als dieser sich 1848 von ihr zurückzog, war sie bereits Mitte vierzig, erfolgreiche Schriftstellerin und ob des Scheiterns ihrer Beziehung(en) völlig verzweifelt.

In dieser Situation tauchte Heinrich von Lützow auf, Therese von Bacherachts Cousin und ehemaliger Verehrer, der als Kommandeur der niederländischen Kolonialarmee auf Java Karriere gemacht hatte. Auf Anraten ihrer Freundin Fanny Lewald gab Therese dem Werben Heinrichs bald nach, ließ sich von Robert scheiden und folgte im Oktober 1849 ihrem zweiten Ehemann zu einem radikalen Neubeginn nach Indonesien, dem damaligen Niederländisch-Indien.

Von dort aus schrieb sie vom 11. Oktober 1849 bis zum 28. Juni 1852 zahlreiche Briefe an ihren Vater, in denen sie lebhaft und detailliert Auskunft gab über die Natur der Insel, über die Bekanntschaft mit verschiedenen hohen kolonialherrschaftlichen und einheimischen Persönlichkeiten, über ihre Bediensteten und über die Reisen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann unternahm. Dabei bestechen besonders ihre genaue Beobachtungsgabe und die humorvollen Beschreibungen der Menschen ihrer Umgebung:

Ich wollte, ich könnte meinen buginesischen Koch zeichnen. Er ist eine der possierlichsten Erscheinungen, die ich je gesehen. Leidenschaftlich für sein Fach eingenommen, fühlt er sich aufs Tiefste getroffen, wenn ich hie und da eine Anmerkung wage.

Immer zentralere Bedeutung bekam für Therese die sie umgebende Wildnis, die unberührte Natur Javas, die sie als Gegensatz zur Zivilisation der Kolonialmacht, in der die »Intrige, diese[r] Krebsschaden des Beamtenlebens« herrschte, empfand:

Jeder ist darauf angewiesen, dem anderen zu schaden oder ihn zu verdrängen. […] Wenn ich dieses Treiben sehe, dann flüchte ich mich in die Natur. Sie ist beim Sonnenuntergang am schönsten. Der Moment, wo sich der Glanz des Tages in das Gewand der Trauer hüllt, wo der Purpur des Abends in den Nachtschatten sinkt, wo das Leben in Ahnungen des Todes aufgeht, der Moment hat etwas unbeschreiblich Feierliches.

Schilderungen wie diese lassen erahnen, dass die Autorin auf Java nicht nur die erwarteten paradiesischen Zustände vorgefunden hat. Konkreter wird sie allerdings nur selten, da sie selbst bereits beim Schreiben über eine Veröffentlichung ihrer Briefe nachgedacht hat. Schwierigkeiten und Probleme gab es dennoch genug, wie der Leser der Einführung und den Kommentaren der Herausgeberin entnehmen kann. Nicht nur Heimweh und Hitze machten ihr zu schaffen, ihr Mann war zudem hoch verschuldet und einige Jahre mit einer »Nyai« liiert gewesen, einer Einheimischen, die gleichzeitig die Rolle der Putzfrau, Köchin und Geliebten in seinem Haus erfüllte. Die Kinder aus dieser Verbindung sollte die neue Hausherrin nun großziehen. Solche privaten Probleme werden in den Briefen fast vollständig ausgeklammert. Auch Kritik an der Kolonialmacht übt die Autorin nur selten, um im Falle einer Veröffentlichung die Position ihres Mannes nicht zu gefährden.

Interessanter und aufschlussreicher sind dagegen die Ansichten Therese von Bacherachts über die verschiedenen einheimischen Völker, die Javaner, Malaiien und Chinesen. Vieles musste der Deutschen fremd und seltsam erscheinen:

Ich war neulich bei der Geburt eines lieblichen Knaben gegenwärtig. Wie erstaunte ich, als mir eine der Dienerinnen eine Tasse schwarzen Kaffee reichte und mir bedeutete, das Neugeborene davon trinken zu lassen! Ich hielt diese Aufforderung für Scherz, allein die Mutter sagte mir, dies Getränk den Kindern bei der Geburt zu geben, sei Sitte.

Als adlige Europäerin war Therese von Bacheracht zumindest zu Beginn ihres Java-Aufenthaltes von der Überlegenheit der europäischen Rasse überzeugt. Politisch völlig unkorrekt wirken heute einige Aussagen der Autorin, die sie mit völliger Selbstverständlichkeit äußerte: So etwa erkenne der Eingeborene, »dass der Europäer ihm überlegen in der Kultur ist, dass er sich seiner Führung unterwerfen kann«. Ebenso wie ihre Hinwendung zur Natur wuchs aber auch ihr Verständnis für die »unzivilisierten« Völker:

Wer die Kinder der Tropen sieht, wenn sie mit dem Buch in der Hand im Winkel sitzen, der wird sie nicht wieder erkennen, wenn sie im Garten oder im Freien spielen. So schweigsam, so bedrückt sind sie von der Arbeit und so rasch, so unbändig, sobald es darauf ankommt, ein Vergnügen zu haben. Die hier geborenen Kinder stehen unter eigentümlichen Einflüssen. Sie sind der Natur näher und der Bildung ferner.

Mit ihrer politischen und persönlichen Meinung allerdings hält sich die Autorin sehr zurück. So genau ihre Beobachtungen von Menschen und Kulturen auch sein mögen, der Person der Therese von Bacheracht selbst ist durch die Lektüre ihrer Briefe kaum näher zu kommen. Ein umso größeres Glück stellt für den Leser daher der Kommentar von Renate Sternagel dar. Neben der schon erwähnten Einleitung helfen vor allem der umfangreiche Fußnotenapparat und die beigefügte Sammlung von Kurzbiografien der wichtigsten beteiligten Persönlichkeiten weiter.

Verzichtet wurde hingegen leider auf gutes Kartenmaterial, was gerade bei einem Buch, das von einem so wenig bekannten Land wie Ostjava handelt, zur Orientierung erforderlich wäre. Die vorhandenen Karten sind sehr ungenau und kaum lesbar. Auch ein Glossar, in dem die wichtigsten javanischen und malaiischen Begriffe und Titel erklärt werden, hätte zum besseren Verständnis beigetragen. Zwar ergibt sich vieles auch aus den Fußnoten oder dem Kontext, dennoch fällt es dem ungeübten, mit dieser doch sehr speziellen Materie nicht vertrauten Leser schwer, sich von all den »Raden Ayus« und »Tuan Ratus«, von Regenten und Häuptlingen, von »Suka Pura«, »Wedono« und »Ronggo« nicht durcheinander bringen zu lassen.

Genauso abenteuerlich, wie die letztgenannten Begriffe klingen, war – so jedenfalls mein Gesamteindruck – auch das Leben der Therese von Bacheracht während ihres Java-Aufenthalts. Diesen überlebte die Autorin nicht. Im Alter von nur 48 Jahren starb sie in der Nacht vom 15. auf den 16. September 1852 in Mitteljava an einer Darmerkrankung.

Für den Leser bietet die Lektüre dieses Buches einen zweifachen Gewinn: Einmal erfährt er etwas über das faszinierende Leben der Therese von Bacheracht, zum anderen erhält er einen Einblick in die Kultur und Geschichte Javas und Indonesiens, dessen Zauber sich in den Briefen erhalten hat und die den Wunsch wecken, die Insel zu besuchen. Gerade heute, da die Zeitungen voll sind von den Zahlen der Todesopfer und Verletzten des letzten Erdbebens, sollte man nicht vergessen, dass es diese Seite Javas auch gibt.

 

Therese von Bacheracht: »Heute werde ich Absonderliches sehen«. Briefe aus Java 1850-1852. Hg. von Renate Sternagel. Königstein: Ulrike Helmer Verlag, 2006. 320 Seiten. ISBN 3-89741-194-6. 24,90 Euro.

Man fände wohl keine

Man fände wohl keine geeignetere Herausgeberin der Java-Briefe von Therese von Bacheracht als die ehemalige Lektorin beim Goethe-Institut auf Java Renate Sternagel. Wie aus dieser Rezension zu lesen ist, gibt uns Frau Sternagel, abgesehen von der Übertragung des schwer lesbaren Texts, einen ausserordentlich hilfreichen Kommentar aus ihren persönlichen Erlebnissen. Aber sie liess es gar nicht dabei. Sie bringt zum Text Vergleiche mit anderen naturwissenschaftlichen Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts and dazu auch Kenntnis des aufschlussreichen Briefwechsels zwischen Fanny Lewald und ihrem damaligen Geliebten Adolf Stahr. Aus letzterem können wir erst Thereses Briefe mit den wichtigen fehlenden persönlichen Details ergänzen.

Diese Rezension gibt uns einen vollkommen befriedigenden Überblick auf Thereses Leben und deren Bild von Java. Was man vermisst, wenn man das Manuskript selber gelesen und übertragen hat, wie ich es tat, ist eine Kritik an der Manipulation des Texts, wobei die Herausgeberin Stellen ausliess ohne diese Redaktion im Nachwort zu erwähnen noch die fehlenden Stellen im Text zu merken. (Ich meine nicht die sechs längeren ausgelassenen Stellen, die klar gekennzeichnet sind.) Manchmal scheint sie die Stellen zu empfindsam oder wortreich zu finden. Manchmal aber vermissen wir dabei einen wichtigen Einblick in Thereses selbstironischen Gesellschaftssinn, z.B., wenn sie schreibt: “Abends muss ich mit den Sträuchern auf unserer Tafel blühen, muss mit den Lampen strahlen und bin doch nur mit halbem Gedanken dabei” (Manuskript, S. 611). Anderswo, wenn wir nicht die Stellen lessen dürfen, worin Therese Sokrates oder Shakespeare zitiert, scheint sie uns nicht so weltbewandt, wie sie es eigentlich war.

Wie wir in der Rezension lesen, gibt uns Sternagel einen umfangreichen Fussnotenapparat, worin fast jeder wichtige Name, ob Tier, Pflanze oder Mineral, erklärt wird. Man fragt sich daher warum wir nicht auch lernen, wie die Stifterin des Bildmaterials Frau Dr. Astrid Kafka-Lützow mit Heinrich von Lützow verwandt ist. Noch bemerkenswerter ist es, dass Therese von Oertzen, die in einer Anmerkung erscheint, nicht als leibliche Tochter von Therese und Heinrich von Lützow identifiziert wird, besonders weil sie als kleines Kind in den Briefen auftritt.

Abgesehen von diesen relativ wenigen Einwänden und dem von der Rezensentin erwähnten mangelnden Kartenmaterial, bin ich Frau Sternagel äusserst dankbar, dass sie nach 150 Jahren diese interessante Briefsammung der Öffentlichkeit zugängig gemacht hat.

 

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