»Hey Ozonloch, geh wieder zu!«

Das neue Album der Aeronauten ist ihrem Debüt näher als den fein produzierten Alben der Zwischenjahre

Früher waren Debüt-Alben oft mangelhaft produziert. Zwischen schlechten Arrangements und mittelmäßigen Songs musste man das Potential lange suchen oder aber bis zur nächsten Platte warten. Ob Beatles, Rolling Stones, ob Fink oder Tocotronic, erste Alben erscheinen meist uneinheitlich, bestenfalls lässt sich mit einigem Wohlwollen die Experimentierfreude als so etwas wie ein Konzept bezeichnen. In letzter Zeit allerdings ist dieser Querschuss am Anfang selten geworden. Vielleicht liegt es daran, dass die Technik zugänglicher und das nötige Equipment erschwinglicher geworden sind und die Musiker dadurch mehr Möglichkeiten zur Vorabübung haben; vielleicht liegt es auch an den Firmen, die mehr und anders als früher in neue Künstler investieren. Franz Ferdinand, Bloc Party oder Juli haben schon mit ihren Debüts klar angesagt, in welche Richtung es für sie gehen wird, und einheitliche, schlüssige Alben abgeliefert. Das erste Album der Aeronauten, »1:72« (1993), war noch von den typischen Brüchen eines traditionellen Debüts geprägt. In rauer, punkiger Aufnahmequalität enthielt das Album auch einige englischsprachige Songs, die es quasi dreiteilten. Mit ihrer neuen Platte »Hier« kehren die Schweizer nun nach fünfjähriger Pause dem Sound nach zu ihren Wurzeln zurück. Dabei hat sich in den dreizehn Jahren naturgemäß einiges geändert. Gerade die Tatsache, dass einige Bandmitglieder ihr Geld als Tontechniker verdienen, lässt aufhorchen, wenn sie selbst sagen, dass sie den ganzen technischen Schnickschnack beiseite lassen und ein raues Album produzieren wollten, zurück zum Punk, zurück zu den Anfängen. Ist der Spruch »Punks nicht tot«, der im gleichnamigen Stück auf einem Sprungbrett im Freibad steht, vielleicht mehr als nur Anlass zu einem Song, also auch Programm? Um es gleich vorwegzunehmen: Um als Punkalbum durchzugehen, ist »Hier« zu intellektuell. Zu reflektiert wird die eigene Position ironisiert. So wird zum Beispiel die grüne Weltverbesserungsmentalität aufs Korn genommen. Wenn sonst nichts mehr hilft, sollte man vielleicht mit den Problemen selbst sprechen: »Hey Ozonloch, geh wieder zu«. Die eigene Vorstellung davon, etwas verändern zu können, ist verloren gegangen: »Für eine nette Welt wieder Grün gewählt, schade, dass es nicht sehr drauf ankommt«. Wenn der Sänger und Texter der Band, Olifr Maurmann, im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung betont, kein Linker zu sein, nimmt man ihm das so ganz nicht ab. Dass ihn zumindest das Politische nicht loslässt, dafür sind Passagen wie die folgende aus dem Song »Tunnel« ein deutlicher Hinweis:

Kein Fußbreit den Faschisten rufst du zu mir, dreh dich besser nicht um, sie stehn längst hinter dir.

Neben Gesellschaftlichem und Politischem thematisieren die Aeronauten aber auch den Wahnsinn des Alltags, erzählen vom Schuften, »um den Schinken nach Hause zu schieben«, oder präsentieren alternativ ehrliche Liebeslieder: »Ich werd immer bei dir bleiben, solang in unsrer Welt nichts passiert« (»Junge Herzen gehen frei«). Erzählten sie auf dem Vorgänger »Bohème, pas de problème« (2001) noch skurrile Geschichten, etwa über eine Parallelwelt, die sich hinter der neuen Tür »zuhaus an meiner Wand« verbirgt, oder den »Einsame-Herzen-Club ›Admiral Peperoni‹«, bewegen sie sich nun mit »Mein bester Feind« sowie »Männer« und »Frauen« (die vorab auch schon auf ihrer Fußball-WM-Single »Männer Fussball Frauen Sensibel« erschienen waren) eher in vertrauten Sphären. Mit »Holzfällen« findet sich sogar ein Song für literarisch interessiertes Publikum, nämlich eine Art Abrechnung mit politischen Schriftstellern (nicht umsonst wird hier Elfriede Jelinek, Günter Grass, Durs Grünbein und besonders Thomas Bernhard für »inhaltliche Anregung« gedankt):

Und wenn das alles nichts ist dann antifaschistisch […] und als letzte Rache die Schönheit der Sprache Hey Literaten Ab in die Karpaten Und dann heißt es Holzfällen

Das alles präsentieren die Aeronauten mit den für sie typischen Bläser-Arrangements, die ihre Musik ein wenig in Richtung Ska-Punk treiben, Olifr Maurmann singt dazu gewohnt kratzig bis schief, und auch die Gitarren haben ihren saftigen Sound nicht eingebüßt. »Hier« versammelt also zwar neue Songs, aber keine wirklich neue Musik. Technischer Schnickschnack wurde allerdings tatsächlich gemieden, so dass das Album eher wie die Alternative zu einem Konzert klingt. Und das ist gar nicht mal schlecht, denn man wird in Zukunft wohl seltener in den Genuss kommen, die Aeronauten live zu erleben. Die Band habe nämlich, so Maurmann zur NZZ, eingesehen, dass es nicht zu schaffen sei, nur von der Musik zu leben. Große Alben der letzten Zeit waren oft Oden an die Technik, die Produktion, das Detail – man denke etwa an Radiohead, Blur oder auch die deutsche Ex-Schrammel-Rockband Tocotronic. Die Aeronauten präsentieren einfach Rockmusik, ohne Rücksicht auf Weichspülproduktionen gewohnte Radiohörer-Ohren. »Hier« versammelt 13 der solidesten Songs der Band. Keiner davon ist schwach, aber es sticht auch keiner besonders hervor, was diesem Album im Vergleich zu den früheren eine stärkere Geschlossenheit verleiht. Der Ottonormalhörer wird damit zwar sicherlich erstmal Probleme haben, da er es ja gewohnt ist, beim Einschalten der meisten Radiosender seinen Verstand auf »Pause« zu stellen. Genau das sollte man beim Einschalten der neuen Aeronauten-Platte nicht tun, denn dann wäre der Spaß nur halb so groß. Die Aeronauten: Hier: die Aeronauten. L’Age D’Or 2006, ca. 36 Min., ca. 15,– Euro. Die Aeronauten im Internet: www.aeronauten.ch

 

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