»Ich bin auch ein irrlichtender Angsthase«

Ein Interview mit Kathrin Röggla

Kathrin Röggla ist eine kritische Beobachterin der Gegenwart. In Ihren Texten behandelt die österreichische Schriftstellerin politische Themen wie den Klimawandel, die Wirtschaftskrise oder die Übermacht der Massenmedien gegenüber dem menschlich-physischen Miteinander. Mit der Kritischen Ausgabe sprach die Wahlberlinerin über ihren Bezug zu den Besonderheiten unserer Zeit, die Angst der modernen Gesellschaft und das Politische der Literatur.

Kritische Ausgabe (K.A.): Begriffe wie Angst und Panik tauchen oft in Ihren Texten auf. Menschen reden atemlos aufeinander ein und ohne sich zuzuhören aneinander vorbei. Oft vor dem Hintergrund großer Weltereignisse. »und doch müsse man die Ängste der Bürger ernst nehmen«, sagt eine Figur in Ihrem Erzählband die alarmbereiten. Was, wenn sie stattdessen mit einem guten Glas Rotwein vor dem Kamin säßen? Würden Sie über andere Dinge sprechen?

Kathrin Röggla: Nein. Ich glaube, das ist relativ unabhängig. Gewisse Themen sind ubiquitär. Es ist die Frage mit welcher Hysterie oder Anspannung über sie gesprochen wird. Aber letztlich sind ja gerade die Kaminfeuergespräche durchdrungen von Katastrophenthemen (lacht). Kathrin Röggla im Januar 2011 in Bonn (Foto: © Mona Lang)

K.A.: Ist es denn so, dass Angst oder Panik ein Merkmal unserer Zeit sind?

Röggla: Ja, absolut! Wir leben in einer Gesellschaft, in der Ängste sehr stark funktionalisiert werden, geschürt werden, missbraucht werden, gewollt sind. Es ist schon eine Angst-Tortur, was auch viel damit zu tun hat, dass wir in Zeiten, die eines extremen Umbruchs leben und eine Systemwende stattfindet, die wir seit 20 Jahren erfahren. Daher kommen viele Unsicherheiten, die Ängste auslöst und auch die Psyche verändert– die kollektive Psyche.

K.A.: Für viele ältere Menschen ist die ›Epoche der Angst‹ der Kalte Krieg und nicht die Gegenwart. Besteht zwischen beiden ein Bruch oder ist das Gefühl das Gleiche und es haben sich heute nur die Auslöser geändert?

Röggla: Ängste gab es schon immer. Ich denke mir, dass die Angst im Kalten Krieg eine andere Färbung hatte, auch andere Qualitäten, als die Ängste, die wir heute erleben. Damals war sie viel mehr an das konkrete Thema gebunden, beispielsweise die ›grünen Ängste‹ in den 80er Jahren: Der sterbende Regenwald, der saure Regen oder auch die Atomkraft. Heute ist es neben dem großen Panorama verstärkt die Unsicherheit, die einen persönlich betrifft. Wir sind viel stärker in mediale Dramaturgien und Rhetoriken eingespannt, die diese Ängste schüren, als das noch in den 80er Jahren der Fall war. Man kann da keine klaren Epochegrenzen ausmachen. Aber es ist auffällig, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sehr sehr stark von Ängsten geprägt ist. Angststörungen sind, genau wie Depressionen, Krankheiten, die de facto auf dem Vormarsch sind.

K.A.: Also sind die Ängste heute weniger kollektiv, nicht mehr der ›Russe‹, der vor der Tür steht, sondern stärker eingebundener in das Umfeld des Einzelnen? Das erinnert an Ihren Essay die rückkehr der körperfresser.

Röggla: Es gibt heute auch kollektive Ängste. Aber die Angststörung als solche ist bei den Individuen deutlicher angekommen – und diffuser geworden. Es ist weniger ein bestimmtes Thema, das uns angstbesetzt macht, sondern eher eine Rhetorik oder eine Form. Wir vergessen die Katastrophen ja auch ständig. Heute haben wir den Klimawandel, morgen haben wir die Finanzkrise, übermorgen die Schweinegrippe. Es wechselt sich ständig ab. Aber alles wird in derselben Dramaturgie erzählt und ist gar nicht mehr so an ein Thema gebunden.

K.A.: Hinter der Dramaturgie steht natürlich auch die mediale Vermittlung. Kann man dem denn eigentlich als Individuum heutzutage entkommen?

Röggla: Nein. Natürlich, man kann in die Wälder ziehen (lacht). Interessanterweise scheint das in die Wälder ziehen – wir lachen da jetzt – derzeit die einzige konsequente Alternative zu sein. Zumindest im öffentlichen Diskurs. Aber der Alternativgedanke scheint ja im Kommen. Da wächst kollektiver Widerstand, lasst es uns hoffen …

K.A.: … gegen die Angst. Aber ob das auch beim Einzelnen ankommt? Wovor haben Sie eigentlich Angst?

Röggla: Ich habe eine Hundephobie. Insofern sind mir Phobien sehr nahe. Ich bin auch so ein irrlichtender Angsthase. Im Grunde, glaube ich, schreibe ich auch über die Angst, weil ich diese Gefühle sehr stark wahrnehme. Auch apokalyptische Vorstellungen ziehen mich an. Angstlust ist ein sehr wichtiges Thema, das den Menschen zum Beispiel ins Kino treibt. Ich liebe das Katastrophengenre sehr. Früher noch mehr auch das Horrorgenre. Mit Kindern ändert sich das ein wenig (lacht).

Das ›Jetzt‹ als Fiktion

K.A.: Ihre Texte sind sehr nah am Zeitgeschehen. Bei all den gleich erzählten medialen Ereignissen, wie wählt man da eines aus, mit dem man sich dann künstlerisch beschäftigt?

Röggla: Man wählt kein spezielles Ereignis aus. Bei mir sind es mittlerweile Themenstränge, an denen ich mich seit 10, 15 Jahren entlang bewege. Ein Strang ist Arbeit und Ökonomie und der andere das Katastrophische, die Krise oder die Angstkultur. Ich habe jüngst mein Theaterstück über Konferenzdolmetscher geschrieben und hatte die Unternehmensberater im Hinterkopf, über die ich auch schon was gemacht habe.

K.A.: Eins ergibt sozusagen …

Röggla: … das Andere, ja. Ein Text hat immer blinde Flecken oder stellt neue Fragen. Natürlich gibt es auch Zufälle. Grade bei dem Theaterstück war es ein Gespräch mit David Bernet, der den Film Die Flüsterer gemacht hat, über Konferenzdolmetscher. Was er erzählte, hat mich einfach fasziniert: dieses ›nicht eine Figur sein‹, sondern immer auch in einer anderen Figur mit drinstecken. Weil man ja im Übersetzungsvorgang immer in Kontakt mit der Figur ist, die man übersetzt. Meine Faszination ist auch das Indirekte, was sich durch den häufigen Gebrauch des Konjunktivs zeigt, der zeitliche, räumliche und personelle Verschiebungen erzeugt.

K.A.: Dabei bleiben die Themen dennoch nah am Puls der Zeit, beispielsweise das Theaterstück über Natascha Kamputsch. Diese Texte sind natürlich auch Kommentar und geben Anregungen, selber über die aktuellen Dinge nachzudenken. So sind die Texte zeitgebunden. Wie denken Sie, werden Ihre Texte in, sagen wir, 50 Jahren gelesen?

Röggla: Das ist schwer zu sagen. Bis jetzt hat sich mir diese Frage nicht gestellt. Es ist eine Frage, die sich aber langsam zu stellen beginnt, weil ich mit Texten zu tun habe, die ich vor 20 Jahren geschrieben habe. Man selber hat natürlich kaum den richtigen Blick dafür, weil man trotzdem zu nah dran ist. Letztendlich ist es in meiner konkreten Arbeit keine wichtige Frage. Manche Texte haben in 50 Jahren nach wie vor eine Aktualität und manche vielleicht nicht so sehr. Das liegt auch am historischen Prozess. Mein Grundsatz ist, dass ich verstehen will, was um mich herum geschieht. Das zeigt ja auch in die Zukunft und in die Vergangenheit, weil das ›Jetzt‹ letztlich Fiktion ist.

K.A.: Und wie fühlt sich das an, so alte Texte jetzt nochmal zu lesen? Erkennen sie sich denn wieder?

Röggla: Das ist so eine narzisstische Sache, wie mit einem Kind, das flügge geworden ist - man hat eine gewisse Distanz, steht ihnen aber dennoch nahe. Diese Texte sind nicht mehr das, was ich heute machen würde. Ich lese sie eigentlich auch nicht mehr, aber ich mag sie dennoch. Andererseits trauere ich den ersten drei Büchern und ihrer barocken Sprache nach und wünsche sie mir wieder für die Zukunft; natürlich in Verbindung mit den dokumentarischen Arbeiten, die ich in der letzten Zeit gemacht habe.

Literatur ist immer politisch

K.A.: Wenn wir über das aktuelle Geschehen, über die Zeitgeschehnisse reden, reden wir im Endeffekt auch über Politik. Und gerade Politik spielt ja auch bei den Texten eine sehr prominente und immer größer werdende Rolle. Wie viel Politik verkraftet die Literatur? Oder muss Literatur politischer werden?

Röggla: Ich glaube Literatur kann gar nicht unpolitisch sein. Sie ist immer politisch. Wenn sie vermeidet, politisch zu sein, kann es sehr schnell ins Reaktionäre umschlagen. Von parteipolitischen Statements halte ich aber nichts, weil es einfach keine ästhetischen Positionen sind. Ich halte es mit dem Begriff der Kritik gerne etwas foucaultianisch: »Kritik ist der Prozess die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin.« Das ist eine Lösung, die auch in meine literarische Arbeit einfließt. Um eine kritische Position einzunehmen, muss ich dabei nicht unbedingt eine Sache von außen beurteilen, wie es der klassische Kritikbegriff ist, sondern gehe in die Sache rein und schaue mir an, welche Regierungstechnologien in diesen Identifikationsprozessen oder Wahrnehmungsvorgängen stecken, um das in meine Arbeit aufzunehmen oder überhaupt meine Figuren sprechen zu lassen. Das ist, was es heute heißt, Subjekt zu sein. Welche Identifikationsprozesse laufen da ab, wie funktioniert die Selbstvermarktung, wie funktioniert das ganze Ich- Unternehmertum? Diese Fragen zu stellen und das sind automatisch politische Fragen – aber keine parteipolitischen Fragen.

K.A.: Aber andererseits haben die Parteien immer noch das Sagen.

Röggla: Das ist gar nicht so klar, ob die Parteien das Sagen haben. Wer kontrolliert denn die Parteien? Eine Szene, die ich nie vergessen werde war: Ich hab den Förderpreis des Kulturkreises des BDI bekommen und habe dort die ganzen Vorstandsvorsitzenden erlebt. Und wie die mit dem brandenburgischen Ministerpräsidenten umgegangen sind, da war mir klar, das ist der Hans Wurst, den man nicht mal nach seiner Rede beklatschte.

Finanzielle Abhängigkeiten

K.A.: Förderpreise und Stipendien sind für Schriftsteller heutzutage immer wichtiger. Beeinflussen solche Unterstützungen die Arbeit, weil man vom Staat abhängig ist und er einem gewogen bleiben soll?

Röggla: Nein, in meinem Fall nicht; und ich kenne das auch nicht von anderen Autoren, die wirklich von Stipendium zu Stipendium gehen. Das wichtige ist, dass diese staatlichen Förderungen unabhängige Jurys haben. Und im Falle Österreichs kenne ich die Jurymitglieder und wurde selbst einmal gefragt, in einer Jury mit drinzusitzen. Das sind unabhängige Schriftsteller und Kritiker. Der Staat wird den Teufel tun, da Einfluss zu nehmen, denn da ist man schnell bei einer Zensurmaschine. Das Problem liegt nicht beim Staat, sondern bei den Firmen, dem Sponsoring. Hans Haacke hat bei der Documenta 1997 gezeigt, was es heißt, vom Sponsoring abhängig zu sein. Aber Literatur ist eh nicht so interessant für Sponsoren, weil sie nicht so repräsentativ ist.

K.A.: Je weniger Fördermöglichkeiten man hat, desto mehr ist man darauf angewiesen, dass man verkauft, was man erzeugt. Besteht dann auch irgendwann die Gefahr, dass man von der anspruchsvolleren Literatur abweicht und etwas macht, das für die breite Masse zugänglich ist? Zum Beispiel einen klassischen Roman? Röggla: Natürlich! (lacht) Ja, doch. Dieser Traum vom Bestseller ist wahrscheinlich in jedem Autoren irgendwie drin. Letztendlich macht man ja trotzdem seine Arbeit. Aber natürlich ist das eine Gefahr der Selbstkorruption. Es kann aber auch das Gegenteil passieren – d.h., dass man aus Angst davor, hartnäckig beim vermeintlich Experimentellen bleibt, z.B. meine Kleinschreibung– die hat so an Gewicht gewonnen. Für mich war das nur eine ästhetische Operation unter anderen und war wichtig. Im Moment verliert sie an Bedeutung und ich habe schon länger das Gefühl, es nicht mehr zu wollen. Aber ich traue mich nicht, es zu ändern, weil ich Angst davor habe, was dann passiert. Als ich im Essayband wieder groß schrieb, habe ich prompt einen Leserbrief bekommen, dass ich ja jetzt korrumpiert wäre. Dabei finde ich es einfach mal interessant, einen Wechsel zu machen, um mir auch so einen Kick zu geben, woanders hinzukommen, zu experimentieren, wieder was Neues auszuprobieren, nicht immer so festzuhängen an dem Alten.

K.A.: Heißt das, ein Autor sollte generell vorgefasste Meinungen und Stilmittel überdenken?

Röggla: Man darf nicht an Positionen festhalten, nur damit man sich nicht selbst verrät. Das ist zwar im Kopf drin, aber besonders als Autor muss man frei bleiben und sich nach vorne möglichst alles frei halten.

K.A.: Also doch der Bestseller am Horizont?

 

Röggla: Ökonomische Fragen sind total wichtig. Mein Schreiben wird auch von kaufmännischen Entscheidungen beeinflusst, aber nicht ästhetisch-formal, sondern mehr im übergeordneten Sinne: Mache ich jetzt ein Theaterstück, wer gibt mir den Auftrag, wie takte ich das ein, wo kriege ich meine Gelder her, wie verläuft der Schreibprozess? Irgendwie ist das kaufmännische Kalkül schon da, das will ich auch nicht kleinreden.

Bilder als ästhetischer Kontrapunkt

K.A.: Intermedialität spielt auch in Ihren Texten wieder eine Rolle. die alarmbereiten ist mit Illustrationen erschienen.Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit mit Oliver Grajewski gekommen?

Röggla: Durch eine Freundschaft und durch ein anderes Projekt. Ich kannte Oliver Grajewskis Arbeit, wir sind vor ewigen Zeiten zusammen aufgetreten, von einer Kuratorin dazu angestiftet. Vor einigen Jahren haben wir im Schreibheft etwas zusammen gemacht. Die engere Zusammenarbeit kam, als Manfred Rothenberger es mir überließ, zum tokio rückwärtstagebuch einen Künstler vorzuschlagen. Da kam mir Oliver Grajewski in den Sinn. Mir gefällt seine Ästhetik sehr gut, ich hatte den Eindruck, dass es dem Buch gut tun könnte, so einen ästhetischen Kontrapunkt zu bekommen, einen visuellen Thrill. Das schien mir deshalb trés possible.

K.A.: Hatten Sie Angst, dass die Bilder die Interpretation des Lesers steuern?

Rögla: Es sind ja doch relativ abstrakte Bilder geworden. Zwei waren schon konkreter, da hatte ich mir auch gedacht: »Will ich das?« Aber eigentlich ist es ein Spiel, ein Anknüpfungspunkt, manchmal vielleicht sogar eine Hilfe für den Leser.

K.A.: Wobei es so wirkt, als ob immer einsame Menschen gezeigt würden …

Röggla: Stimmt, das ist mir noch gar nicht aufgefallen! Es ist nie ein trautes Zusammensein am Kamin.

K.A.: Die intermediale Synthese zwischen Text und Bild hat gerade in einem anderen Medium Hochkonjunktur, das auf den klassischen Literaturmarkt drängt: dem Comic. Ist das vielleicht etwas, was Sie sich in Zukunft vorstellen könnten? Vor allem, da sie ja in vielen Genres und Medien zu Hause sind.

Röggla: Ich kann mir das schon sehr gut vorstellen. Aber einen konkreten Plan habe ich noch nicht. Ich finde das sehr reizvoll, aber ich bleibe sicher auch beim Text.

K.A.: Und was ist mit der Idee, mehr mit Bildern in Texten zu arbeiten? Oder bleibt eine einmalige Sache?

Röggla: Bei der Zusammenarbeit mit Oliver war es ja so, dass ich seine Bilder kannte und das sich verbunden hat. Ich wusste wie er tickt und das passte zusammen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es bei anderen Leuten so schnell passt. Ich kann mir also schon eine weitere Zusammenarbeit mit ihm vorstellen und würde ihn auch wieder vorschlagen. Mit ihm möchte ich auch weiterhin die Cover machen.

K.A.: Die Bilder sind ja aufgrund der Erzählungen entstanden. Haben Sie schon mal einen Text über ein konkretes Bild geschrieben.

Röggla: Es gab schon mal kleinere Anthologiebeiträge, die von einem Bild ausgingen, wie Bildbeschreibung à la Heiner Müller.

»Ich glaube nicht, dass es egal ist, wo man Kunst macht«

K.A.: Wir haben eben ein bisschen über Österreich und die dortige Kulturförderung gesprochen, die sicherlich nur möglich ist, weil Sie Österreicherin sind.

Röggla: Ja, als Deutsche müsste ich schon in Österreich leben.

K.A.: Begreifen Sie sich heute nicht eher als Berlinerin?

Röggla: Ich begreife mich schon als Berlinerin, aber auch als Österreicherin. Es ist beides. Vielleicht kann man das nicht trennen? Ich habe gleichzeitig einfach mehrere Identitäten, bin auch deutsch und vieles andere mehr: urban z.B.

K.A.: Wie ist es denn mit Berlin und der Kulturszene. Befruchtet sich das? Kathrin Röggla im Januar 2011 in Bonn (Foto: © Mona Lang)Röggla: Im Grunde war und ist es mir immer noch sehr wichtig, in Berlin zu leben: die Größe, Vielfalt, Anonymität und die Möglichkeit hier ›anders‹ zu leben. Auch Gleichgesinnte zu treffen und spannende Inszenierungen zu sehen ist hier möglich. Das klingt wie ein Berlinwerbeslogan, aber das ist schon die Wahrheit. Am platten Land würde ich mich mit meiner Arbeit schwer tun.

K.A.: Also ist es nicht egal, wo man Kunst macht?

Röggla: Nein, ich glaube nicht, dass das egal ist. Wenn man in der Einöde lebt und nichts zur Verfügung hat, oder im Jemen wohnt und ein anderer Literaturbegriff einen umgibt, dann wird man auch anders schreiben. In Usbekistan hat man kein Verständnis für alles, was die Moderne angeht. Das ist gar nicht fassbar, dass man da schreiben kann.

K.A.: Sie erleben diese fremden Kulturen und deren Rezeptionsansätze ja hautnah auf ihren vielen Reisen. Wie würden denn Menschen in Usbekistan oder Jemen Ihre Bücher lesen?

Röggla: Das ist sehr schwierig. Ich glaube, die Missverständnisse wären zahlreich. Das habe ich immer wieder auf eigenen Lesereisen erlebt und es betrifft nicht nur meine Bücher. Gerade in Diktaturen wie Usbekistan wird der kritische Ansatz zumindest offiziell nicht verstanden, da Kritik am Regime nicht erlaubt ist. Umgekehrt muss man aber sagen, dass z.B. die arabische intellektuelle Welt eher die europäische Moderne kennt als umgekehrt wir deren Literatur. Die kolonialistische Ignoranzhaltung, sich für den Nabel der Welt zu halten, setzt sich da also peinlicherweise auch in mir fort.

 

Werke von Kathrin Röggla:

die alarmbereiten. Frankfurt am Main: S.Fischer, 2010. 188 Seiten. ISBN 978-3-10-066061-9. 18,95 Euro. Niemand lacht rückwärts. Salzburg: Residenzverlag, 1995. 156 Seiten. ISBN 978-3-7017-0959-9. 17,90 Euro. wir schlafen nicht. Frankfurt am Main: S.Fischer, 2004. 219 Seiten. ISBN 978-3-10-066055-8. 18,90 Euro.

Weitere im Interview erwähnte Werke: tokio, rückwärtstagebuch (zusammen mit Oliver Grajewski). Nürnberg: Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2009. 152 Seiten. ISBN 978-3-922895-20-6. 18,– Euro. die rückkehr der körperfresser (Essay in: disaster awareness fair – zum katastrophischen in stadt, land und film. Graz: Droschl, 2006. 56 Seiten. ISBN 978-3854207115. 9,50 Euro).

Übersetzungen: Noi non dormiamo. L'insonnia dei precari di successo (wir schlafen nicht), Mailand: Isbn Edizioni, 2005. 188 Seiten. ISBN 978-88-7638-015-9. 17,99 Euro. we never sleep (wir schlafen nicht), Riverside, CA: Ariadne Press, 2009. 211 Seiten. ISBN 978-1-57241-153-1. 15,99 Euro. lekopni (abrauschen), Budapest: József Attila Kör bei Osiris, 1999. ISBN 978-963-379-700-4. 1.100,– Forint.

 

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