»Ich glaube einfach an die menschenverändernde Wirkung von Rock ‘n’ Roll«

Tomte-Sänger und -Texter Thees Uhlmann über Vorbilder, Erfolge und sein Verhältnis zu Deutschland

Geboren 1974 in Hemmoor, einer kleinen Stadt bei Cuxhaven, hat es Thees Uhlmann mit seiner Band Tomte zunächst nach Hamburg verschlagen. Hier gründete er mit Kollegen von Kettcar das Plattenlabel Grand Hotel van Cleef. Im Februar erschien das vierte Tomte-Album, »Buchstaben über der Stadt«. Mittlerweile hat es ihn nach Berlin gelockt, wo ihn K.A.-Redakteur Benedikt Viertelhaus in der Tourpause im März für das folgende Gespräch traf.

 

Thees Uhlmann (Foto: privat)

K.A.: Deine Liedtexte bestehen zu einem großen Teil aus zusammengesetzten Satzfetzen. Da würde es sich ja anbieten, sich dafür auch in der Literatur zu bedienen.

Thees Uhlmann: Viele Sachen stammen aus dem Alltag und sind gesammelt. Auf jeden Fall scheiße ich auf Grammatik. Zum Lesen komme ich gar nicht. Mein Bruder ist der totale Leser, vom Science-Fiction-Trash bis zum Politischen liest der alles. Ich hab früher nur Schund gelesen, jetzt lese ich die »Zeit« oder die »Weltwoche«, aber halt nie ein Buch. Das ist echt ätzend. Man kann ja auch gut aus Büchern klauen…

K.A.: Wie viel von dir steckt also in deinen Texten?

T.U.: Das ist das, womit ich mich jetzt, da ich in der Öffentlichkeit stehe, immer wieder auseinandersetzen muss. Ich habe letztens von Sven Regener gelesen, er habe nie die Faszination an der Authentizität verstanden. Er meinte, dass es zwischen »Herr Lehmann«, Element of Crime und Sven Regener wenig Verbindung gebe. Aber a) glaube ich ihm das nicht, und b) habe ich das zumindest so gelernt, dass man selber ganz in die ganze Sache eingeht. K.A.: Du würdest also bei deinen Liedern sagen, dass du als Person komplett dahinter stehst? T.U.: Ja, auf jeden Fall! Zu 70 % ich, zu 25% mein Umfeld und was einem so passiert, und 5 % sind dann wirklich abstruse Inspiration oder wie man das nennen möchte. Das ist aber alles an meiner Person gebrochen oder gespiegelt, also meine Sicht auf die Dinge, meine Sicht auf die Welt, aber viele Sachen sind persönlich erlebt.

K.A.: Und davon abstrahiert?

T.U.: Nicht wirklich abstrahiert. Entbanalisiert. Ich hab halt keine Lust zu singen: »Ich war in New York im Urlaub und es war ganz toll.« Ich will das dahin biegen, was wirklich war. Egal, ob es Element of Crime, »Delmenhorst« ist oder Thees Uhlmann, »New York«, es geht ja ein bisschen in die gleiche Richtung. Zum Abstrahieren bin ich vielleicht nicht schlau genug, aber ich will etwas singen, das mehr ausdrückt als »Toll war es damals in New York«.

K.A.: Bleiben wir beim Stichwort: In »New York« ist mit den Versen »in der Stadt mit Loch / in einem verwirrten Land / mit gekränktem Herz / über das jeder lacht oder hasst« auch ein politisches Statement eingeflochten, obwohl du immer wieder betonst, dass du eigentlich keine politische Botschaft vermitteln willst.

T.U.: Ja, aber da ist es mir dann auch wichtig, es zu singen. Dass ich einen so großen amerikanischen Konflikt – Außenpolitik, Innenpolitik, Gesellschaftliches, links gegen rechts, Christen gegen Nichtchristen – runterbreche auf zwei Sätze, einfach mal »verwirrtes Land« und »gekränktes Herz« zusammenwerfe, erscheint vielleicht banalisierend. In der Live Music Hall erlebte ich einen schönen Moment, als eine 45-jährige Programmiererin aus Seattle zu mir meinte, dass es sie erstaune, dass ein Deutscher es schafft, einen amerikanischen Konflikt in zwei Zeilen zu besingen. Sowas würde kein Amerikaner bringen, weil er da zu sehr drinnen sei. Das macht dann wirklich stolz.

K.A.: Erzählen in wenigen Sätzen – das ist doch schon fast Dichtung, zumindest »dicht«…

T.U.: Inzwischen empfinde ich das tatsächlich fast als Lyrik. Es ist nicht mehr so popsongmäßig. Ich war früher nie an Gedichten interessiert. In Deutsch war ich immer wahnsinnig schlecht, aber inzwischen hab ich dann doch so eine Leidenschaft dafür entwickelt. Auch als Leser.

K.A.: Also zum Gedichtelesen, zum Musiktexte richtig Hören kommst du schon?

T.U.: Ja, das schon. In der Schule ist da richtig viel versaut worden, aber ich glaube, dass man sich das erarbeitet, je älter man wird. Das ist auch ein lustiges Tourerlebnis: Da meinte neulich eine zu mir: »Du, ich hab ’ne Songzeile von dir in ’nem Theaterstück eingebaut.« Darauf ich: »Wie alt bist du denn?« – »Ich bin 17.« – »Und du schreibst Theaterstücke, so richtig mit Dialogen und Szenen und so?« – »Mhm.« Und das finde ich toll! Es ist komisch, man macht das schon so lange und plötzlich gewinnt es für einen selber Qualität und ist nicht mehr nur ein Tomte-Text, sondern ist halt Lyrik. Ich lass mich ja auch inspirieren beim Schreiben und finde das bei anderen auch toll, wenn die das schaffen, in vier Zeilen ganze Gemälde zu malen. Conor Oberst ist da ganz groß drin: kleine Hollywoodfilme in wenigen Zeilen. Da geht nur keiner drauf ein, und bei mir wird das gerade alles diskutiert. Ist das gut, ist das schlecht, ist das neu ist das alt. Ist das vielleicht ein Tocotronic-Rip-off? Oder ist das die größte Band, die es zur Zeit gibt?

K.A.: Liegt das nicht auch daran, dass deutschsprachige Rockmusik noch immer im Kommen ist und dass da lange ein Defizit herrschte?

T.U.: Weiß ich nicht. Das ist ja jetzt schon die zweite Welle mit deutscher Lyrik, die ich mitbekomme. Es gab ja NDW in den Achtzigern. Ich kann mich noch gut an einen lustigen musikalischen Erweckungsmoment erinnern: Ich war mit meinen Eltern im Auto unterwegs und im Radio lief »Wissenswertes über Erlangen« von Foyer des Arts. Ich war sechs Jahre alt und ich erinnere mich noch daran, dass ich davon total verstört war, wie die gesungen haben. Dann natürlich Tocotronic, Blumfeld, die Sterne… und jetzt wir vielleicht? Keine Ahnung! Natürlich habe ich viel von denen gelernt. Ich schreibe halt so aus reiner Dummheit. Ich habe nicht viel drüber nachgedacht. Natürlich habe ich mir meinen Stil mit der Zeit erkämpft. Aber die Amerikaner und Engländer mit ihrer unverkrampften Einstellung zur Sprache können halt wirklich so etwas erfinden wie die Sex Pistols, The Clash oder Modest Mouse. Etwas, wo so eine Art Generationenhärte drin ist. Und in Deutschland heißt es: »War ’ne geile Zeit«. Das geht mir so auf die Nerven. Ich finde, das hat überhaupt keine Sprengkraft, keine gesunde Härte, keinen gesunden Rock-Aspekt. Ich glaube einfach an die menschenverändernde Wirkung von Rock ‘n’ Roll. Amerika und England haben das nur zu häufig bewiesen und ich möchte halt auch, dass es kein Thema mehr ist, auf Deutsch oder auf Englisch zu singen. Ich möchte aber auch kein Schulterklopfen bekommen: »Oh toll, du singst auf Deutsch, du machst das so cool.«

K.A.: Nils Koppruch zum Beispiel meint, dass diese Frage, ob auf Deutsch oder Englisch gesungen werden soll, gar kein so großes Thema mehr ist.

T.U.: Ich glaube, das ist immer noch so. Ich fand Fink immer geil – aber muss ich mich eigentlich dauernd zu anderen Bands positionieren, zu denen ich keine Verbindung habe? Silbermond – sind die aus dem Osten?

K.A.: Ja.

T.U.: Die sind super, ganz nette Leute. Aber ich habe mit denen nichts zu tun. Die wollen sich auch keine Musik vom alten Sack anhören. Hier wird gerade das ganze Haus entkernt, hier und da wird ’ne Wohnung renoviert, und der Installateur redet natürlich auch mal mit dem Maurer, aber die haben ja auch keine Ahnung von dem, was der andere da so macht, und das wollen sie auch gar nicht. Wahrscheinlich hängt der eine lieber mit seinen Sanitärleuten rum und der andere mit den Maurern. Und genau so empfinde ich das auch bei uns. Deutsche Texte! Oh, wir müssen alle mal dringend über uns reden und wie wir uns gegenseitig finden! Und das beweist mir dann doch, wie unnormal es ist, ganz gute Texte zu schreiben, so wie ich, wenn man dann gleich zum Abgesandten Jesu Christi der deutschen Songwriterszene erklärt wird.

Tomte (Foto: Ingo Pertramer, <a href=www.pertramer.at)" class="frei" src="/sites/default/files/images/pertramer_tomte.jpg" title="Tomte (Foto: Ingo Pertramer, www.pertramer.at)" />

K.A.: Bei eurem Konzert in Köln hast du erzählt, dass du immer wieder gefragt würdest, wo du mit deiner Band noch hin wollest. Und hättest dir nicht vorstellen können, in der ausverkauften Live Music Hall zu spielen, da du ursprünglich nur aus Langeweile mit dem allen angefangen hättest.

T.U.: Ja, so ist das. Wir waren 14, 15 Jahre alt, kamen vom Dorf, und da war die Frage halt nicht, ob du Skinhead bist oder Postpunk, Punk oder Raver. Da gab es einfach nur Leute, die haben sich für Musik interessiert, und andere eben nicht. Die Leute, die sich für Musik interessierten, haben auch alle Bands gegründet. »Lass mal irgendwas machen, das nicht langweilig ist.« Und dann hat man halt Musik gemacht.

K.A.: Und seitdem ist Langeweile kein Thema mehr?

T.U.: Nö, dann hat man auf Straßenfesten rumgedröhnt, Coverversionen gespielt, »Marmor, Stein und Eisen bricht«, »Smoke on the Water« angepunkt. Und seitdem ist mir nicht mehr langweilig. Ich vergleiche das ein wenig damit: Wenn du einen St.-Pauli-Pullover trägst, dann bedeutet das zwar nicht, dass du zum Führer der Weltrevolution wirst, aber es bedeutet auf jeden Fall, dass du jedem Typen auf deinem Dorf sagen kannst: Ich bin ein bisschen anders. Es ist für Leute zwischen 14 und 18 wichtig, sich als Gegensatz zu ihrer Umwelt zu positionieren. Es gibt keinen tieferen Grund, warum Leute anfangen, mit einer Spraydose etwas irgendwo hinzuschmieren – sie wollen sich einfach nur gegenüber der Gesellschaft positionieren. Und so war das für uns damals mit der Musik. Dadurch war es uns auf dem Dorf möglich, weil wir unglaublich laut und schlecht gespielt haben, gegenüber unseren Eltern und unserer Umwelt Position zu beziehen.

K.A.: Dann hatte die Musik also doch die Wirkung, von der du eben in Bezug auf die USA und Großbritannien gesprochen hast?

T.U.: Das ja, aber aus Deutschland werden in 20 Jahren keine Arctic Monkeys kommen. Ich will auch keine deutsche Kultur in diesem Sinne. Tokio Hotel ist ein wichtiges Phänomen. Nur alte Säcke dreschen auf so eine Band ein, das ist echt konservativ. Aber neunjährige Mädchen singen plötzlich Lieder über Selbstbefreiung. »Schrei bis du du selbst bist.« Das ist doch super, da bleibt auf jeden Fall was hängen. Es ist halt nur nicht so cool wie die Arctic Monkeys.

K.A.: Aber dieses identitätsstiftende Moment ist in diesem Alter ja viel stärker als zum Beispiel bei Studenten. Und Tomte ist ja schon eher eine Band, die von Studenten gehört wird, und die sind in einer ganz anderen Lebenssituation. T.U.: Ich meine, das sind so die härtesten Sachen, die man sagen muss, und es ist zwar total verpönt, das in Deutschland zu sagen, aber: Hey, dann bin ich halt der Macker da draußen, und ich bin gerne der Macker, denn ich hatte auch meine Macker. Eine Zeit lang waren das DVL oder irgendwelche Punkbands, die keiner mehr kennt, da hab ich dann nach dem Konzert »You’re so great!« und sowas gelabert. Jetzt bin ich der Macker da draußen, und das finde ich total okay. So funktioniert Rockmusik, und vielleicht muss sie sogar so funktionieren. Meinetwegen können wir nach dem Konzert eine Schlange aufmachen, wo die Leute sich hinstellen und mir erzählen: »Dein Song bedeutet mir so viel!« Mir bringt das Spaß und das ist mir auch nicht peinlich. Ich kann das verstehen, und ich finde das eine gute Sache, weil ich genauso war. Das klingt vielleicht dumm und nicht intellektuell, aber das war ich auch nie.

K.A.: Viele Leute empfinden das ja als arrogant, aber aus deinen Songs ist ja auch Dankbarkeit herauszuhören für das, was du erleben darfst. T.U.: Ja, auf jeden Fall! Es gab da einen ganz großen Moment. Erst seit einem Jahr haben wir einen Manager, und es gab da Reibereien in der Band darüber, wo das hinführen sollte. Darauf meinte unser Manager, der eigentlich gar nicht so helle ist, aber ein großes Herz hat: »Ihr Idioten, hört mal auf, euch aufzuregen, denn alles, was ihr in den nächsten drei Jahren macht, müsst ihr als Geschenk betrachten! Wie viele Bands gibt es da draußen, die tun und machen, und daraus wird nie was!« Und deshalb bin ich auch dankbar für eine ausverkaufte Live Music Hall. Und für mein Privatleben, das mir das alles erlaubt. Wenn ich mich auf früheren Platten über gewisse Dinge beschwert habe, war das genauso normal, wie ich mich heute eben für vieles bedanke. Das ist dann dieses Über-mich-selber-Singen. Ich bin wahnsinnig dankbar für das, was mit mir und meiner Band passiert ist. K.A.: »Die Schönheit der Chance« vom Vorgängeralbum handelt ja auch schon davon.

T.U.: Ja, das war einer der letzten Texte, als mein Leben in Auflösungsprozessen war und geldmäßig überhaupt nichts mehr ging. Das war natürlich cool und wahnsinnig hart, so von wegen: »Für Bier ist noch Geld da«. Im Nachhinein hört sich das so romantisch an, aber da hast du dann nach den Glücksspitzen im Alltag gesucht, und wenn du die nicht gefunden hättest, dann hättest du dir vielleicht doch gesagt: Ich bin jetzt 27, ich guck mal, ob ich noch eine Lehrstelle als HTML-Programmierer bekomme. Und da hat man dann solche Texte geschrieben.

K.A.: Damit hast du ausgedrückt, was viele andere auch empfinden.

T.U.: Klar, Studenten haben wenig Geld, da spricht man vielleicht vielen aus der Seele. Als ich damals von Köln nach Hamburg gefahren bin und nur bis Essen gelöst hatte, weil ich wusste, dass danach das IC-Team wechselt und da keiner mehr nachguckt. Aber »Hinter all diesen Fenstern« war nie als Generationen-Album angelegt. Die meisten Leute kommen halt immer noch vom Dorf, die ziehen dann in die Stadt. Das riechst du bei Tomte durch, dass wir so Kleinstadt-Freaks sind. Ich finde das ganz reizend, ehrlich gesagt.

Tomte: Buchstaben über der Stadt (CD-Cover)

K.A.: Der Tod ist immer wieder ein Thema in deinen Liedern, wenn du zum Beispiel singst, »Lass mich vor dir sterben«.

T.U.: Das ist für mich ein ganz normales Thema. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich ein bisschen überemotionalisiert bin. Mein Vater ist an MS erkrankt, seit ich sechs war. Mit 14 starb ein guter Freund von mir. Mit 17, 18 wusste ich: Du bist dabei, wie dein Vater stirbt. Andere Leute werden alt, aber die Krankheit meines Vaters breitet sich immer weiter aus. Ich nehme mir auch das Recht heraus, darüber zu singen. Es ist ein ganz klassischer, Anfang-90er-Jahre-Punk-Entwurf, sich sein Leben von der Seele zu singen. Das hat jeder damals gesagt: Ich singe das, was mich beschäftigt, weil ich sonst die ganze Scheiße nicht mehr aushalten würde. So bin ich aufgewachsen. Das habe ich immer gemacht. Das war total normal. Ich habe das früher einfach so aufgeschrieben, und die Band hat das natürlich gerafft. Unser Schlagzeuger hat dann mal gesagt: »Ey, wenn auf der nächsten Platte noch ein Song über deine Eltern ist, dann steig ich aus!« Und dann habe ich ein Jahr lang keinen Song geschrieben, da meinte er: »Och, schreib doch mal wieder einen Song über deine Eltern!« Das sind dann oft auch nur so Hirnspiele.

K.A.: Sich ein Stück Naivität bewahren – fließt das auch ein wenig in dein Songwriting mit ein? T.U.: Das wird immer schwieriger. Man sollte gar nicht darüber nachdenken, ob man sich ein Stück Naivität bewahren will, sondern einfach machen. Bei der letzten Platte hieß es immer wieder: »Och, was der Uhlmann sich da rausnimmt, das finden wir ganz witzig«, und bei der jetzigen halt auch wieder. Der Entschluss, eine glückliche Platte zu schreiben, hatte schon ein bisschen mit »kick ass« zu tun: Hier wird ’ne gute Platte komponiert, wo aber über Glück gesungen wird. Dabei war der Ursprung selbst noch naiv, aber das wird immer schwieriger, weil immer mehr über einen geschrieben wird. Letztlich bin ich dumm genug dazu, meine Naivität zu bewahren.

K.A.: Hattest du bei der Idee, eine »glückliche« Platte zu schreiben, nicht Angst, in Richtung Schlager zu rutschen?

T.U.: Nö. Ich habe das bei Blumfeld ein bisschen verstanden, dass die Leute gesagt haben: »Öh, wie jetzt, Schlager?« Aber bei mir ist das zu abstrus. Du kannst dir die Texte durchlesen und sagen: Versteh ich nicht. Der textlich größte Einfluss bei Tomte ist: englischsprachige Platten hören, Texte herausnehmen, verstehen und das dann übersetzen. Wenn das Musikhistoriker in hundert Jahren mal durchgehen sollten: »Der Uhlmann war wahnsinnig frech. Der hat das da und da geklaut und nur ein Wort ausgetauscht.« Das Wort »Reservoir« singe ich zum Beispiel nur, weil der auf der letzten At-The-Drive-In-Platte irgendwas singt, was so klingt, und ich dachte: Super, das müsste man irgendwo einbringen. Dann schrieb ich »New York«, und da passte das dann. Ich bin halt nicht von deutscher Musik inspiriert, außer von Kettcar. Ich fühle mich da als internationaler Künstler, leider nur dadurch, dass ich klaue, aber ich fühle mich Typen wie Mike Skinner einfach nahe durch das, was er singt.

K.A.: Aber du vermisst nicht den internationalen Erfolg?

T.U.: Ich wollte auch nie internationalen Erfolg. Ich wollte nur in London durch die Carnaby Street gehen und sagen: Der dumme Deutsche hat grad in England in ’nem Club gespielt. Das wollte ich haben. Ich bin auch kein karrieristischer Typ. Es bockt mich natürlich an, mit Coldplay zusammen zu spielen, und ich finde es auch geil, wenn uns 25.000 Leute in Wien auf einem Festival sehen. Das gefällt mir einfach. Aber es ist nicht so, dass ich einen Masterplan hätte, sowas wie »Ja, wir machen die Platte jetzt auf Englisch und verdecken unsere deutsche Identität«, sondern ich will einfach nur in London auf einer Bühne spielen, wo schon x meiner Lieblingsbands gestanden haben. Manche Dinge kommen auch einfach auf mich zu. Die Weakerthans holten wir in London ab und spielten dann ein paar Konzerte in Deutschland zusammen. Oder irgendwann ist eine Plattenfirma auf mich zugekommen, und plötzlich hatte ich das Grand Hotel van Cleef, ohne irgendwelche Bandwettbewerbe gewonnen zu haben, sondern einfach nur: »Wollt ihr nicht mit Coldplay zusammen spielen?« – »Jo, machen wir! Ist doch ’ne gute Idee.« Das ist schön, und daher ist es mir auch nicht peinlich.

K.A.: Du boxt dich nicht durch?

T.U.: Durchgeboxt habe ich mich schon, deshalb habe ich ja auch so ein großes Ego, weil keiner uns geglaubt hat. Aber wir haben halt wenig Sachen gemacht, die gang und gäbe sind im Business.

Thees Uhlmann (Foto: privat)

K.A.: Wir haben eben über die deutsche Sprache in der Popmusik gesprochen. Was fällt dir zu Deutschland selber ein?

T.U.: Meine Freundin ist halb Schweizerin, halb Schwedin und ist in Basel aufgewachsen. Wenn man dann mal in Göteborg auf Kurzurlaub ist, hast du den Eindruck, dass du einer Gesellschaft beim Leben zusiehst.

K.A.: Aber würdest du das auch empfinden, wenn du nach Deutschland kämest?

T.U.: Ich glaube, ich würde das in Deutschland so empfinden, wenn ich aus San Diego käme. Jeder Amerikaner, der denken kann, sagt: »Ihr seid so friedlich und ökologisch.« Das gibt es natürlich immer. Aber ich finde das Klima in Deutschland zur Zeit extrem angespannt. Es sind im Moment so viele Gesellschaftskonflikte in der Verhandlung – das ist eine wahnsinnig harte, aber auch spannende Zeit. Zum Beispiel der Umgang mit Migrantenkindern der dritten Generation, dass davon wahrscheinlich 70 % dem Arbeitsmarkt gar nicht zugeführt werden können. Die kannst du nicht mal zum Amt schicken und sagen: »Füll mal Führerscheine aus!« Die können das gar nicht. Die haben das nicht gelernt. Woher kommt das, wo geht das hin, bekommt man die wieder ins Boot? Oder machen wir die Löhne so billig, dass hier Streichhölzer eingetütet werden, damit die wenigstens irgendeine Arbeit bekommen? Und was machst du mit den Leuten, denen man jetzt ALG II gibt, und zehn Jahre später ist selbst das nicht mehr da? Oder ein Thema, das gerade sehr stark von rechts dominiert wird: Deutsche Identität, was ist das überhaupt? Was machen wir, wenn in zehn Jahren 30 % der Bevölkerung gar keine »deutsche Identität« hat, weil die in halben Ghettos aufgewachsen sind? Was geht mit EU, wenn du in Frankreich noch viel größere Ghettos hast? Wir haben die erste große Verelendung breiter Massen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Leute wissen einfach nicht mehr, wo die Kohle herkommen soll. Das ist schon extrem spannend. Oder der Osten. Wir haben in Rostock gespielt, da haben wir uns gefragt: Was geht hier eigentlich? Da war so das Göteborg-Feeling, überall 20-Jährige, die Kinderwagen durch die Gegend schieben. Ist das so, weil die denken: »Ich bekomme jetzt ein Kind, damit ich Kohle bekomme«, oder weil die wissen, dass das hier in zehn Jahren läuft? Das interessiert mich, und was mir dazu einfällt, fließt dann auch in unsere Platten ein.

K.A.: Aber nicht als politisches Statement.

T.U.: Nein, als Beschreibung gesellschaftlicher Zustände, wenn man das so spießig ausdrücken möchte. Man kann ja auch nicht singen: »Kriegt mehr Babys!«, das ist ja scheiße. Aber du kannst natürlich singen: »Ich habe das nie geglaubt, aber du bist das Beste, was mir passiert ist.« Dann kommt als Reaktion: »Oh, Thees Uhlmann hat jetzt ein Kind bekommen!«, und dann wird man gefragt: »Wie ist das so, wenn man sich öffnet...« Ein Kind zu bekommen, ist eine großartige Sache, keine gesellschaftliche Analyse.

K.A.: Wenn du darüber singen würdest, dann auch, um etwas zu verändern?

T.U.: Nee, dann ist das Glück wahrscheinlich so groß, dass ich sage: Ich muss jetzt über mein Kind singen, sonst platz ich, und der andere Gedanke ist: Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht einen Top-Rock ‘n’ Roll-Text über das Kinderkriegen hinbekommen!

K.A.: Du kämest auch sonst nicht auf die Idee, etwas politisch bewegen zu wollen?

T.U.: Ich will höchstens Fronten aufbauen, den Konflikt ein wenig verschärfen. Wenn ich auf den Konzerten solche Ansagen mache wie: »Das Arctic-Monkeys-Konzert in Berlin war die Bankrotterklärung der deutschen Popmusik«, das ist natürlich total vermessen und stimmt so auch gar nicht, aber damit möchte ich die Leute anstoßen und nehme dafür auch zwei, drei Disse in Kauf. Man ist so ein wenig Klassensprecher. Ich will auch mal erleben, dass so ein 21-jähriger Typ zu mir kommt und sagt: »Ja, Tomte ist geil, aber irgendwie seid ihr auch scheiße, und unsere Band ist viel geiler.« Diese Band würde ich sofort signen, denn wer solche Eier hat... Das finde ich halt gut! Jemand, der alles mal so wegwischt.

K.A.: Kaputt machen und neu aufbauen?

T.U.: Nein, ich will schon meine verdiente Rockrente bekommen, ich habe ja auch einiges getan für dieses Land. Vielleicht geht das auch nicht. Vielleicht gehen solche Sachen wie fantastische Kultur nach Auschwitz einfach nicht. Vielleicht liegt es daran, dass wir 90 % der großen Künstler einfach umgebracht oder ins Ausland getrieben haben. Damit haben wir mit unserer Dummheit einen solchen Riss in unserer Geschichte verursacht…

K.A.: … der sich auch in der Musik wiederfindet, was in Deutschland aber musikalisch kaum thematisiert wird.

T.U.: Einer französischen Wirtschaftszeitung gab ich mal ein ganz langes Interview, und da sprachen wir natürlich auch über Deutschland. Es ging da um Mia [d.h. den Vorwurf, Mias Song »Was es ist« sei nationalistisch; d. Red.]. Die Franzosen checken die Diskussion bei uns gar nicht. Wir sind mit diesen Dingen ganz anders aufgewachsen, wir Wessis zumindest: 9. Klasse Nationalsozialismus, 11. Klasse Nationalsozialismus, 13. Klasse Nationalsozialismus, ein eigenes Gehirn und ins KZ fahren. Der Interviewer meinte dazu, »Vichy«, das sei in Frankreich einfach nur eine Kosmetikfirma. Das haben die Leute einfach aus ihrem Hirn rausgeixt, das waren die anderen, das waren nicht wir. In Deutschland merke man das so, dass das tief in der Gesellschafts verankert sei: die Entnazifizierung, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, durch Denkmäler, in den Schulen und so weiter. Das fand er beeindruckend. K.A.: Besteht nicht ein wenig die Gefahr, im Anblick der Geschichte und vielleicht einer Übersensibilisierung dafür zu sagen: »Ich habe keine deutsche Identität, sondern eine europäische«? T.U.: Also, für mich kann ich nur sagen: Ich habe einen deutschen Erfahrungshorizont. 90 % der Dinge, die ich erfahren habe, sind deutsch – die guten, wie die schlechten.

 

Tomte spielen am 6. August zusammen mit Kettcar, The Weakerthans, Olli Schulz & der Hund Marie, Pale und Home of the Lame auf der Bonner Museumsmeile. Weitere Termine unter www.tomte.de und im Tomte-Weblog unter http://croc.antville.org. (Bildnachweis: Fotos auf S. 1 und 4 von Thees Uhlmann, auf S. 2 von Ingo Pertramer)

[...] Zugegeben habe ich mich

[...] Zugegeben habe ich mich noch nie wirklich mit Tomte beschäftigt. Seit ich nun aber Durch die Nacht mit Thees Uhlmann und Feridun Zaimoglu gesehen habe (ersterer ist der Sänger von Tomte), bin ich sehr angetan von Ihm. Nun kam bei Benjamin Nickel die zweite Begegnung. Der Song Der letzte große Wal ist einfach großartig, und zeigt mir einmal mehr, warum ich deutsche Texte so mag. Zumindest wenn Sie von solcher Qualität sind, wie dieser. Übrigens gibt es auch ein Blog, und in der Kritischen Ausgabe ein tolles Interview. [...]

Glückwunsch, Benedikt!

Glückwunsch, Benedikt! Wirklich gutes Interview, kann meinen Neid kaum verstecken, wär gern dabei gewesen ;-)

 

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