»Ich hab die Tradition immer als total bindend begriffen«

Samba-Frontmann Knut Stenert über die deutsche Musikszene, das ›Songwritertum‹ und die eigene musikalische Verortung

Das Pretty Vacant ist ein kleiner Club in der Düsseldorfer Altstadt. Hier gab die Münsteraner Band Samba am 8. September 2006 das erste Konzert ihrer aktuellen Tour zur neuen Platte »Himmel für alle«. Sänger und Texter Knut Stenert nahm sich nach dem Konzert Zeit, einige Fragen der K.A.-Redakteure Christian Struck und Benedikt Viertelhaus zu beantworten.

 

Knut Stenert (Foto: Diethelm Kröhl)K.A.: Als wir über eure Musik diskutiert haben, fragten wir uns, wie man euren Stil am besten einordnen könnte. Für Christian klang es ein bisschen nach Hamburger Schule. Den Eindruck hatte ich damals, als eure erste Platte herauskam, nicht unbedingt. Wie würdest Du das selbst einschätzen?

Knut Stenert: Also, dieser Begriff der Hamburger Schule ist ja schon seit Jahren ziemlich zerfasert. Man redet eigentlich kaum noch drüber, denn mittlerweile ist die deutsche Popmusik ja ein sehr nationales Phänomen geworden. Es gab Mitte der 90er Jahre einen kleinen Brennpunkt in Hamburg. Wir sind zwar nicht aus Hamburg, aber wir haben mit den Leuten beziehungsweise einem Produzenten, Chris von Rautenkranz, der einige Bands betreut hat, auch zusammengearbeitet. Deshalb sind wir auch häufig in diesen Zusammenhängen genannt worden, aber wir fühlten uns da nie so richtig wohl. Es ist eben gutes Marketing; es war so eine Zeit lang möglich, auf einem halbwegs coolen Wege Kultur-Pop zu verkaufen. Wenn man irgendwie über universitäre Begriffe kommt, ein bisschen Literatur mit reinbringt oder, wie ich damals immer gesagt habe, dem Feuilleton in den Arsch kriecht. Ja, es gab die Frankfurter Schule, und da hat Carol von Rautenkranz, oder war das sogar Diedrich Diederichsen von der Spex, oder sogar dieser Alfred Hilsberg, der das Label What’s so funny about gegründet hat, den Begriff »Hamburger Schule« geprägt, auf den alle Schreiberlinge, die gerade frisch von der Uni kamen, voll abgegangen sind. Es war irgendwie geil, aber wir hatten damit nie so viel zu tun, weil darin so eine gewisse stilistische Strenge mitschwang, die wir nie hatten. Wir hatten immer so ein leichtes Verhältnis zu Pop-Musik. Wenn zum Beispiel Jochen Distelmeier seine aus der Nachkriegsliteratur zusammengeschusterten Zitate zu Musik und zu Ohr gebracht hat, haben sich uns immer die Nackenhaare aufgestellt. Das war so eine Musik, mit der wir überhaupt nichts zu tun haben wollten. Oder wenn Dirk von Lowtzow, der Sänger von Tocotronic, immer so gern über Literatur redet, damit hab ich nichts zu tun. Ich bin Pop-Musiker und ich seh mich auch als deutscher Pop-Musiker eher in so einer anglo-amerikanischen Tradition, was für mich nichts mit Schriftstellerei zu tun hat, denn das ist etwas ganz anderes.

K.A.: Thees Uhlmann würde sich wohl auch in eine anglo-amerikanische Tradition einordnen. Da könnte man ja eine Verbindung herstellen …

K.S.: Bei Thees Uhlmann sind das aber Texte, die er wie Kurzgeschichten zuhause schreibt und zu denen dann erst die Musik hinzukommt. Da singt er zum Beispiel davon, wie er mit seinem Hund spazieren geht. Bei uns ist das so, dass die Worte ohne Musik überhaupt keinen Sinn ergeben würden, und sie entstehen auch zusammen mit der Gitarre. Ich könnte das gar nicht anders machen.

K.A.: Eure früheren Texte erscheinen teilweise sehr gebrochen, die Zeilen sehr unterschiedlich lang, der Gesang gestreckt oder gezogen. Insofern hat sich eure Musik schon verändert: Sie ist gradliniger geworden.

K.S.: Ja, das kann sehr gut sein. Ich habe mich, was die Sprachauswahl und die Bildung von Vokalen angeht, immer mehr an das traditionelle Songwritertum angenähert. Als ich anfing, hatte ich da eher so eine Hip-Hop-Ästhetik. Damals hatten wir ja auch viel mehr Text und ich hab dann auch ganz schnell ganz viele Worte gebraucht. Das hatte in manchen Stücken einen gewissen Höhepunkt erreicht und war mir auch ein bisschen zu sehr l’art pour l’art. Das heißt, gar keine Bedeutung mehr zu schaffen, sondern nur noch Silben, physische Wellen zu erzeugen durch Sprache, ohne dass das noch irgendwie mit einem bestimmten oder mit einem melodischen Sinn unterfüttert ist. Davon bin ich schon bei der zweiten Platte, »T.B.A.«, langsam weggekommen. Jetzt sehe ich das so wie R.E.M. Ich versuche, Pop-Songs zu schreiben, aber mit einem deutschen Hintergrund. Dabei stehe ich im Gegensatz zu Thees Uhlmann, der ist mir immer wie ein riesiger Musik-Fan vorgekommen, ein riesiger Fan von Oasis, der sich wünscht, einmal eine England-Tour zu machen. Das hatte ich nie.

K.A.: Wie stehst du zur Musiktradition?

K.S.: Ich hab die Tradition immer als total bindend begriffen, das hat einfach das ästhetische Empfinden der Musik-Hörer und auch mein eigenes geprägt, aber ich war nie Fan von irgendwas. Ich wusste, wenn man Fan von irgendwas ist, dann ist man gefangen. Thees wird nie als Songwriter in England akzeptiert werden, das wird der einfach nicht. Und das ist doof, der macht sich klein damit. Die Instrumente, die Instrumentarien dieser Leute will ich wohl benutzen, aber ganz anders zusammengesetzt, in einem sehr deutschen Kontext. Ich hab das sogar mal so weit zusammengefasst, dass ich mich selbst als Kulturnationalist bezeichnet habe. Also, ich stehe auf die deutsche Schwere, ich stehe auf bestimmte Bilder, die die Engländer so einfach nicht haben. Wenn es irgendwelche emotionalen Bezüge gibt, dann eher etwas zu Country, also eher Amerika als England, eher ein bisschen Neil Young, weil der noch am ehesten so eine harte Romantik bringt, die wir in den letzten Jahren auch gebracht haben.

Samba (Foto: Diethelm Kröhl)K.A.: Wo wir gerade bei Referenzen und Inhalten sind: Viele eurer Stücke handeln von menschlichen Beziehungen. Hast du eine Motivation, eine Intention, die du den Zuhörern nahe bringen möchtest, oder singst du eher für dich selbst?

K.S.: Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Religion, in der wir seit etwa 40 Jahren, zumindest im Westen, überwiegend leben, die ich als die Liebes-Religion bezeichnen würde. Alle Vernunft und alles Rationale, was man im Alltag anwenden muss, was auch »state of the art« ist, wird überkuppelt von einem religiösen Liebesgedanken. Das ist eine Vorstellung, dass das wahre Glück auf der Erde durch die romantische Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau oder vielleicht zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts zu erreichen ist. Damit überfrachtet man natürlich die Partnerschaft ungemein, die das dann im wirklichen Leben bedeutet, und es entsteht wieder jede Menge Leid, das man wiederum mit diesem Liebesbegriff zu bändigen versucht. Von daher hat mich die Liebe oder diese Liebesbeziehung oder die Leere zwischen zwei Menschen in den letzten Jahren am meisten interessiert. Ich fand das immer sozial sehr relevant und auch immer sehr politisch. Und noch eine weitere Komponente ist dazugekommen: Seit einigen Jahren ist es so, dass dieser Liebesbegriff durch eine große andere Kultur in Gefahr gebracht worden ist. Die mag totgeschwiegen werden, aber sie existiert. Sie hat diesen Liebesbezug nicht so, sondern bezieht sich direkt auf Gott; für die ist Gott noch Zentrum der Liebesbeziehung. Seit dem 11. September herrscht plötzlich ein Kampf um die Deutungshoheit der Welt. Auf der einen Seite steht die Freiheit und die Liebe, und auf der anderen Seite gibt es die Kultur, für die Freiheit ein leerer Begriff ist, die die Bestimmung durch Gott sucht. Unser Liebebegriff wird massiv bedroht von Leuten, deren Überzeugung in Sätzen gipfeln wie: »Ihr lebt das Leben, wir leben den Tod.« Da werden dann plötzlich alle Begriffe, die man selber hat, in Frage gestellt. Spätestens seitdem finde ich es umso interessanter und umso relevanter, über die Beziehungen der Menschen zu singen, die geschmiedet werden, auch um das Auseinanderdriften der Welt irgendwie zu bändigen. Ich hab zum Beispiel auch eine Fernbeziehung und ich fahre immer mit der Mitfahrzentrale einige hundert Kilometer zu meiner Freundin – immer mit Leuten, die auch eine Fernbeziehung haben. Ich finde das immer wieder faszinierend, wie deren ganzes Leben durch diese Liebesbeziehung geordnet und mit Inhalt gefüllt wird. Die sagen dann auch immer, dass sie mit jemandem zusammen sind, mit dem sie eigentlich gar nicht zusammen sind. Die sind jeden Tag alleine – aber in ihrer Vorstellung sind die mit jemandem zusammen. Ich könnte mir sogar vorstellen, genauso wie man sich heute fragt, wenn man die Zeit von vor 600 Jahren erforscht: »Hey, wie konnten die denn glauben, dass, wenn man eine Frau gefesselt ins Wasser schmeißt und die dann wieder hochkommt, die eine Hexe ist. Und wenn die untergeht, dann stirbt sie zwar, aber sie war keine Hexe. Die waren doch völlig bescheuert.« – genauso wundert man sich vielleicht in 500 Jahren, wenn man irgendwelche Daten ausgräbt, über diese Leute, die heute sagen: »Wir waren 20 Jahre zusammen.« Da kratzt sich dann ein Student am Kopf und fragt sich: »Aber waren die nicht 500 Kilometer auseinander für zehn Jahre? Da waren die doch gar nicht zusammen. Wie kommen die denn darauf?«

K.A.: Das müsstest du für dich dann ja letztlich auch akzeptieren, wenn du sagst, du hast eine Fernbeziehung, dass du eigentlich …

K.S.: Na klar, deshalb interessiert mich das Ganze ja auch. Auf der anderen Seite wiederum hat eine Bekannte von mir ein Kind von einem Typen, mit dem sie nicht mehr zusammen ist. Sie sagt aber, sie ziehen das Kind gemeinsam groß, wohnen in einer Wohnung, frühstücken zusammen und sie ist finanziell abhängig von ihm. Und sie sagt, sie ist nicht mit ihm zusammen. Naja, ich will das jetzt nicht auf so eine Patchwork-Sache herunterbrechen, aber diese Begriffe sind von unglaublicher sozialer Relevanz, und deswegen interessieren die mich so. Ich erzähle deshalb so lang darüber, weil ich eigentlich nicht über das tolle Gefühl, verliebt zu sein, singe, denn das hab ich noch nie gemacht. Was ich mache, ist was anderes als die Liebeslieder von Buddy Holly oder so …

K.A.: Eher das Gegenteil. Samba: Himmel für alle

K.S.: Ich hab auch, glaube ich, bei der neuen Platte, »Liebe kommt zurück«, das erste Mal überhaupt das Wort Liebe verwendet.

K.A.: Nein, das war in »Liebe lügt«.

K.S.: »Liebe lügt«, okay. K.A.: Aber es ist drin und es drückt ja im Grunde genau das Gegenteil dessen aus, was Verliebtsein ausmacht oder was man heutzutage darin sucht, dieses Hochgefühl. Eher die Abhängigkeit …

K.S.: …oder den Kummer.

K.A.: In »Über den Rhein« auf dem neuen Album singst du vom »Erlebnisteam d’amour« und jubelst: »Die Kriege sind um«. Da wird also eine persönliche, individuelle Ebene mit der politischen verbunden.

K.S.: Ja, ich vermische manchmal. Manche Lieder widmen sich einem Thema, bei manchen Stücken lasse ich auch zwei oder drei Bedeutungsebenen sich überlagern.

K.A.: Was ist dir dabei wichtiger? Das Politische?

K.S.: Ich kann jetzt höchstens sagen, welche Vorstellungen ich dabei gehabt habe. Ob das dann nachher so ankommt? »Über den Rhein« war für mich erstmal ein großes romantisches Lied über einen total ergreifenden Fluss. Wieder einmal eine Fernbeziehung, denn meine Freundin hat eine Zeit lang auch in Köln gewohnt. Damals war das Bahnfahren noch billig, ich bin dann immer mit einem 50%-Ticket von Norden nach Köln gefahren. Dabei fährt man – das ist total geil – über diese Rheinbrücke, sieht diese super Kölner Skyline und weiß, jetzt kommt man 90 Meter weiter im Bahnhof an. Da ist man erst einmal gut aufgehoben. Das war so die eine Vorstellung. Dann hat mich dieser Rhein gereizt, weil es einfach eine weitreichende Tradition gibt. Heine hat sehr schöne Lieder darüber gesungen. Damit verbindet sich einfach, unabhängig von jeder weiteren Bedeutung, Schönheit. Dann hat der Rhein eine geschichtliche Rolle gespielt.. Zumindest hatte ich das so im Hinterkopf, dass eine der entscheidenden letzten Barrieren zur Befreiung Deutschlands der Rhein war, der von den Alliierten überquert wurde. Ich hab mich häufiger schon gefragt, warum es in der deutschen Pop-Musik keine positiv besetzten Befreiungslieder gibt. Ich meine, es gibt genauso wenig Poplieder über die deutsche Wiedervereinigung. Das war supergeil, was da passiert ist, das war etwas weltweit Einzigartiges, eine friedliche Revolution. Ich meine, dafür ist Pop-Musik doch da! Warum hat es kein positives, fröhliches Lied über die eigene Befreiung gegeben? Schließlich ist uns nur Gutes widerfahren: Wir wurden von dem Tyrannen Hitler befreit. Wir haben trotzdem während der tyrannischen Zeit unglaubliches technisches Know-how angehäuft, das sich dann schlagartig ausgebreitet hat und in Freiheit existieren konnte. Wir haben einen Boom sondergleichen erlebt und wurden von der ganzen Welt unterstützt. Warum gab es kein positives, freudiges Befreiungslied? Hätte man ja auch machen können, unabhängig natürlich von den Verbrechen, die auch begangen worden sind. Aber gerade deshalb ist einem im Grunde unberechtigterweise Gutes widerfahren, und es gibt es kein Lied darüber. Das hat mich gereizt. Das sind im Grunde so die Ebenen, die da zusammenspielen. Das vermischt sich und wird zum Text.

K.A.: Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg waren ja auch gar keine Kapazitäten vorhanden, um Kunst zu schaffen. Und später, könnte man genauso gut sagen, war es eben diese Schwere, die du vorhin angesprochen hast, die eher dazu neigte, das Negative an den Dingen, das Gewichtige an ihnen zu sehen und eben nicht zu sagen: »Wir schreiben leichte Lieder, die das Vergessen – oder das Verarbeiten des Geschehenen – leicht machen«. Vielleicht gibt es deshalb keine positiven Lieder über die Befreiung …

K.S.: … und wir gucken uns Fassbinder-Filme an, ja. Das sehe ich ähnlich, so erkläre ich mir das natürlich auch. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Warum hat es nicht einer mal gemacht, es wäre ja geil gewesen. Dass das der kulturelle Mainstream war, der so gedacht hat, ist mir auch klar, daran merkt man ja, dass eine deutsche Pop-Musik-Tradition eigentlich gar nicht besteht …

K.A.: Wie würdest du das denn heute sehen? Ich glaube eben, dass, wie du es eben schon andeutetest, sich das gerade wandelt.

K.S.: Aber wirklich. Nach meinem Dafürhalten geht das seit 1995 zaghaft los, daher kann man noch nicht von Tradition sprechen. Manche feiern Kraftwerk ja so ab, aber seien wir mal ehrlich: Kraftwerk war eine stinklangweilige Band – danach kräht kein Hahn mehr. Die haben natürlich ein paar marketingmäßig geile Einfälle gehabt und haben aus dem von außen an die Deutschen herangetragenen Klischee des Technokraten, genauso wie Rammstein das ganz clever machen, Kapital geschlagen. Aber Kraftwerk hat kein tolles, grooviges Lied, das du heute noch spielen kannst, von dem die Leute heute noch ergriffen sind, keinen tollen Text und keine tolle Melodie. Ausnahmen bestätigen die Regel: »Das Model« ist ganz nett, aber ansonsten ist Kraftwerk nur Style. Sonst ist wenig dahinter. Ähnlich ist Rio Reiser, der hat so viele doofe Lieder gemacht, da muss man echt suchen, bis man mal ein gutes findet, und Trio, die eine Platte. Die Leute wollen in letzter Zeit immer so eine geile deutsche Musiktradition und suchen sie sich dann aus den tollen Sachen, die es mal gegeben hat, zusammen. Aber Can, Kraftwerk, Rio Reiser und Trio waren jetzt echt nicht besonders toll. K.A.: Dann sollten wir aber auch von den Einstürzenden Neubauten sprechen, denn mit denen haben wir doch wirklich was relativ Großartiges.

K.S.: Na, ich sag ja, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein paar Sachen sind natürlich ganz nett, aber statt Kraftwerk würde ich doch eher Deutsch-Amerikanische Freundschaft geil finden. K.A.: Zu einem anderen Punkt: In der FAZ war vor kurzem ein Artikel darüber, wie sich deutsche Bands heutzutage durchschlagen müssen. Das wird euch ja ähnlich gehen.

K.S.: Ich bin Jurist. Ich habe Mitte Mai mein zweites Staatsexamen fertig gemacht. Und jetzt wird es langsam problematisch. Ich bin mit der Musik inzwischen so weit gekommen, dass es tatsächlich schwierig ist. Bislang konnte ich mich da ganz gut drumherum mogeln. Doch jetzt bin ich endgültig Volljurist, und wenn ich anfange, richtig zu arbeiten, dann hab ich keine Zeit mehr für die Musik. Das ist schon frustrierend. Ich bin von vorne bis hinten Musiker. Das Studium hab ich nur gemacht, um irgendwas zu haben, vor allem das Referendariat, weil es ein bisschen Geld bringt für relativ wenig Arbeit, vorausgesetzt, dass man gut lernen kann. Kurz vor dem Referendariat habe ich überlegt, ob ich mich durchjobben soll, so richtig, wie man das so hört von anderen Musikern, also im Call-Center oder in der Kneipe. Und dann habe ich mir mal verschiedene Jobs angeguckt und das durchgerechnet – da hätte ich noch weniger Zeit gehabt als jetzt beim Referendariat.

K.A.: Und nun stehst du wieder vor der Frage?

K.S.: Ja, ich muss echt einmal sehen. Es wird eng, weil ich jetzt wirklich arbeiten muss. Mal gucken. Ich hoffe, dass ich irgendwas finde, was mir noch genügend Zeit für die Musik lässt. K.A.: Zehn Jahre seid ihr nun schon im Geschäft und habt keinen großen, richtigen Erfolg gehabt. Frustriert das nicht auch ein bisschen?

K.S.: Ich hab die Verbitterung nie siegen lassen, aber dafür hab ich auch diese anderen Sachen gemacht. Es macht ja dann auch ein bisschen Spaß. Und es relativiert immer wieder die eine oder andere finanzielle Niederlage. Aber manchmal, wenn ich fernsehe und sehe, dass die Vertreter der deutschen Kultur es offenbar für richtig halten, Jeanette Biedermann auf Händen zu tragen, und ich merke als jemand, der lange damit zu tun hat, das wird auch kommerziell keinen Erfolg haben … Da werden Leute gefördert, die schaffen damit keinen Back-Katalog. Also, die schaffen nicht das, was englische Plattenfirmen gemacht haben, nämlich Künstler aufzubauen, die einen gewissen Wert haben und die auch über zwanzig Jahre noch verkaufen, sondern da wird Scheiße gemacht.

K.A.: Aber das ist ja kein rein deutsches Phänomen. Bei Britney Spears ist es ja auch eher Zufall, dass die heute noch Platten verkaufen kann. Damals war die Diskussion in Amerika und Großbritannien ähnlich.

K.S.: Ich weiß nicht, Britney Spears hat dieses Lied in dem Flugzeug, dieses … (summt »Toxic«) Also musikalisch ist das top, das ist voll abgefahren. So was in Deutschland? Das ist nicht mit Jeanette Biedermann zu vergleichen, das ist wirklicher Kack. Und da fragt man sich dann schon mal: Warum mussten wir den Zweiten Weltkrieg verlieren? Oder noch besser: Warum mussten wir den überhaupt anfangen? Ich könnte jetzt schön von der Musik leben. Aber mit diesem ganzen schlechten Geschmack – und die bekannteste deutsche Rockband ist eine Witzband. Oder findet ihr es etwa normal, dass Die Ärzte … also, ich finde, das ist ein Armutszeugnis für die drittgrößte Industrienation der Welt.

K.A.: Nichts gegen die ersten beiden Alben!

K.S.: Ja, ja, da wird immer noch gesagt: »Ganz toll.« Aber Die Ärzte, das muss man sagen, ist eine verkrampfte Witzband. Der Farin Urlaub hat es noch nie in seinem Leben geschafft, ein wahres Lied über sein Innenleben zu schreiben. Der ist ein Otto Waalkes. Oder jetzt die Sportis (Sportfreunde Stiller; Anm. d. Red.) mit ihrer … Ich will gar nicht anfangen damit. Die Engländer machen ein wunderschönes Pop-Lied über Leidenschaft, Hoffnung und Bestehen des Einzelnen, des kleinen Mannes, die Sehnsucht des kleinen Mannes nach der Größe, dieses »Three Lions«, und die Deutschen übersetzen das in ein total banales, blödes Wir-wollen-gewinnen-Lied, mit diesem »98 96 10«, oder wie war das? Das ist so bitter zu sehen. Ja, ich habe schon diese Momente leichter Melancholie, bezogen auf den eigenen Erfolg. Aber vielleicht wendet sich das Blatt ja noch. Wir sind da auf jeden Fall noch nicht ans Ende angekommen; da wird noch einiges passieren. Inzwischen haben wir auch sehr schöne freundschaftliche Bande zu Berliner und Hamburger Musikern geknüpft. Also, unser jahrelanger Nachteil, so ein bisschen Außenseiter in Münster zu sein, ist mittlerweile ganz gut aufgehoben worden.

K.A.: Welche Bands sind das?

K.S.: Delbo, Klez.E, also Bands, die ich sehr schätze. Die haben ja teilweise auch mitgespielt auf der neuen Platte. Da kann noch einiges passieren. Und die neue Platte war auf jeden Fall ein großer Schritt in eine sehr gute Richtung.

K.A.: Die Presse scheint euch ja zu lieben?

K.S.: Wir kriegen schon seit drei, vier Jahren, nachdem wir früher nur geprügelt wurden, auch sehr gute Kritiken. Auf der anderen Seite kann es meines Erachtens noch etwas besser, noch etwas mehr sein. Mich stört zum Beispiel, dass wir eine Platte rausbringen und es kommen sehr kleine, zum Teil sehr gute Rezensionen, aber eben kleine Rezensionen. Dann bringen Kante eine Platte raus und alle flippen aus. Dabei ist das, was wir gemacht haben – ich bin da natürlich etwas befangen –, wesentlich interessanter und wesentlich schwieriger. Nämlich einige fröhliche Pop-Songs in deutscher Sprache zu machen, statt wieder diese relative Düsternis zu bedienen.

K.A.: Ich kenne das Album »Die Tiere sind unruhig« von Kante nicht. Ich fand nur schon das zweite so furchtbar …

K.S.: Ich fand es auch furchtbar. Aber das nicht, weil ich irgendwelche Konkurrenz-Bands schlechtmachen will. Ich freue mich immer, wenn ich eine richtig toll finde. Es gibt übrigens jetzt Lichter – die finde ich super. Das ist eine Band hier aus Köln. Die zweite Platte von Delbo, »Innen/Außen«, ist auch total geil. Es gibt also auch gute Sachen.

 

Samba (Foto: Diethelm Kröhl)

Samba treten am 14.10.06 im MTC in Köln auf Samba im Internet: www.samba-pop.de (Fotos: Diethelm Kröhl. – Weitere Bilder des Samba-Konzerts im Pretty Vacant gibt es hier.)

 

Wirklich ein sehr

Wirklich ein sehr interessantes Interview. Es ist immer wieder toll direkte und ehrliche Antworten von Menschen zu hören, welche direkt aus der Musikbranche stammen. Was ich ein bisschen Schade finde ist, dass Knut Stenert Tradition der Musik als total bindend versteht. Meiner Meinung nach muss man auch mal neue Dinge wagen oder alte bestehende kombinieren.

 

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