»Im Vorprogramm der Band, die man leider besser kennt«

Das neue Album der Gruppe Sport

 Aufstieg und Fall der Gruppe SportNachdem im Laufe der letzten 12 Monate neue Alben der Hamburger Bands Blumfeld, Tomte, Kante, Die Sterne sowie ein Best of von Tocotronic erschienen sind, veröffentlicht nun auch die Band Sport ihr selbstironisch betiteltes Zweitwerk »Aufstieg und Fall der Gruppe Sport«. Bei der Auflistung dieser Bands erinnert man sich gerne an die Schublade »Hamburger Schule«. Aber was haben diese Bands eigentlich außer ihrer Heimatstadt gemeinsam? Blumfeld selbst geben zu, dass sich ihr Sound zu naturpoetischen Texten immer mehr nach Schlager anhört, Tocotronic haben sich vom nöligen Geschrammel ihrer Anfangstage zu differenzierter Gitarrenmusik mit mystischen und märchenhaften Texten entwickelt, Kante klingen auf ihrem aktuellen Album teilweise nach Queens of the Stone Age, und Tomte gelten ohnehin als befindlichkeitsfixierte Version der eigentlich verkopften Hamburger Schule. Der Begriff Hamburger Schule spielt auf die Frankfurter Schule um die Philosophen Horkheimer und Adorno an. Er entstand Ende der 80er und behielt seine Aktualität etwa bis Mitte der 90er Jahre. Die Hamburger Schule zeichnet sich durch die Verwendung deutschsprachiger Texte mit oft hohem intellektuellem Anspruch aus und zielt auf Gesellschaftskritik, weswegen dafür zeitweilig auch der Begriff »Diskurs-Rock« kursierte. Mitte der 90er zählten Tocotronic, Blumfeld und Die Sterne zu dessen wichtigsten Vertretern und profilierten die Hamburger Schule als Inbegriff des deutschen Indie-Pop. Die offensichtlichen, weil personalen Gemeinsamkeiten von »Sport« mit einigen großen Hamburger-Schule-Bands sind schnell ausgemacht. Songschreiber und Frontmann Felix Müller ist auch Bassist bei Kante und war in diesem Jahr an dem von der Musikpresse und den Feuilletons vielbeachteten Album »Die Tiere sind unruhig« beteiligt. Die Endabmischung des Sport-Albums wurde vom Tocotronic-Produzenten Chris von Rautenkranz besorgt. Bei diesen Verbindungen stellt sich automatisch die Frage nach der Eigenständigkeit des Sounds. Sport selbst geben als musikalische Vorbilder hauptsächlich amerikanische Bands an, so zum Beispiel die Mitbegründer des Grunge, Soundgarden, oder zwei Bands, die das Genre Indie-Rock entscheidend geprägt haben, Pavement und Dinosaur Jr. Diese Einflüsse sind unverkennbar. Ein kantiger, dissonanter, teilweise noisiger Sound mit großer Experimentierfreude, durchaus vergleichbar mit dem, was für Rockmusik Anfang der 90er Jahre typisch war. Die hervorragende Produktion, die Felix Müller in Zusammenarbeit mit dem Live-Mischer der Band selbst in die Hand genommen hat, bannt die Powerchords, das Feedback und den verzerrten Bass in angemessener Lautstärke und mit entsprechendem Druck auf Platte. Dabei fällt auf, dass ein akustisches Textverständnis kein primäres Anliegen der Band ist. So ist es ohne weiteres möglich, das Album als reine Rockplatte zu hören, ohne den Texten besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Der Gesang trägt zwar die Melodie, aber auch bei Sport tritt ein als »typisch undeutsch« bezeichnetes Phänomen zutage, nämlich ein Im-Vordergrund-Stehen der Musik, wobei die Texte nicht ins Gewicht fallen. Tatsächlich wird dieser Effekt live noch sehr viel deutlicher, denn auch dort sind die Texte nur mit Mühe zu verstehen. Bei aller Rockattitüde, die sich durch das Album und die Konzerte zieht, sind es am Ende aber doch die Melodien und nicht die Gitarrenriffs oder die Bassläufe, die ihm Ohr bleiben. So zum Beispiel die simpel erscheinenden Melodielinien aus »Die Hände«, die sich aber so raffiniert zu einem Ohrwurm entwickeln, dass man sie und das rhythmische Klatschen nicht so schnell vergisst. In ruhigen Momenten des Albums wird eine Nähe zu Kante deutlich, besonders »Der Weg hinab« zeigt, was Felix Müller in Sachen Songstruktur und Atmosphäre von Kante mitgenommen hat. Der Song plätschert mehr als drei Minuten vor sich hin, der Spannungsbogen baut sich fast unbemerkt auf, der Ausbruch beginnt mit einem bedrohlichen Basslauf und die Spannung entweicht auf der langen Zielgeraden des siebenminütigen Songs. Musikalisch bedienen sich Sport geschickt bei ihren englischsprachigen Vorbildern, ohne aber offensichtlich abzukupfern. In welche Richtung aber gehen die Texte? Gibt es eher eine Bewegung in Richtung Gesellschaftskritik, wie Blumfeld und Tocotronic es in den 90er Jahren vorgemacht haben, oder doch eher in eine befindlichkeitsfixierte Richtung à la Tomte, Kettcar oder inzwischen auch Kante? Die Antwort ist eindeutig: weder noch. Gerade textlich zeigt sich die Eigenständigkeit der Band. Im Grunde ist »Aufstieg und Fall der Gruppe Sport« ein Konzeptalbum übers Abschiednehmen. Sport beschreiben die einzelnen Stationen des Abschieds anhand des Lebenszyklus' einer Band. Das sind mal Sport selbst:

»Im Vorprogramm der Band, die man leider besser kennt, meint hinterher ein A & R, ihr hättet schon Talent; zum Nummernaustausch dann, ist es leider nie gekommen ...«   (»Wie Ameisen«)

oder auch mal die Beatles, wie im großartigen Song »Ein Ende«:

»John lebt jetzt irgendwo am Meer George treibt dies und das Ringo macht jetzt irgendwas mit Internet Paul spielt als einziger noch in einer Band auf Hochzeitsfeiern«.

Hier wird der Unterschied zu den Bands der Hamburger Schule deutlich: die Art des Humors. Mal launisch über die Beatles, dann spürbar bissig, wie im zynischen Kommentar über die Probleme der Musikindustrie in den letzten Jahren im selben Song: »Doch die Krise der gesamten Industrie / Macht auch vor Sympathie nicht halt.« War auf dem Debütalbum »These rooms are made for waiting« der Rockappeal noch Selbstzweck, so ist für »Aufstieg und Fall der Gruppe Sport« zu konstatieren, dass der teils raue Sound nur noch das Gerüst für die Melodien ist, die wiederum die intelligenten und komischen, aber nie kalauernden Texte transportieren. Sport sind in der ersten Liga der deutschsprachigen Bands angekommen, auch wenn sie im Hinblick auf die transportierte Stimmung oder die erzeugte Atmosphäre noch nicht ganz an ihre großen Brüder von Kante heranreichen. Doch der Emanzipationsprozess ist in vollem Gange. War Sport auf der Tour im September nur Vorgruppe für Kante, so ist laut Felix Müller für den Winter eine eigenständige Tour mit Sport als Headliner geplant. Der Konzertbesuch ist nur zu empfehlen.

 

Sport: Aufstieg und Fall der Gruppe Sport. Strange Ways/Indigo 2006. Ca. 46 min. Ca 15,– Euro. Die Gruppe Sport im Internet: www.diegruppesport.de

 

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