»Jeder kann den Stefan Andres finden, den er sucht«

Immer wieder, so verrät die Statistik dieser Homepage, gelangen Leser per Suche nach »Stefan Andres« bei Google und anderen Suchmaschinen hierher: zur Kritischen Ausgabe. Um dann oft – so ist jedenfalls zu vermuten – mit Enttäuschung feststellen zu müssen: Da bedient sich einfach jemand and'res dieses Namens!
 
Damit diese Seite endlich auch allen Suchenden nach dem Stefan Andres gerecht wird, hat K.A.-Redakteur Stefan Andres den 100. Geburtstag seines großen Namensvetters am 26. Juni zum Anlass genommen, den Präsidenten der Stefan-Andres-Gesellschaft, Georg Guntermann, Professor für Germanistik an der Universität Trier, sowie den Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats der Gesellschaft, Prof. Michael Braun, zugleich Andres-Biograph, zu Werk und (Nach-)Leben des Schriftstellers Stefan Andres zu befragen.

 

K.A.: Herr Professor Guntermann, am kommenden Montag, den 26. Juni würde Stefan Andres 100 Jahre alt. Sie sind Präsident der Stefan-Andres-Gesellschaft. Wie wird dieses Jubiläum bei Ihnen begangen?

Georg Guntermann: Vielfältige Aktivitäten haben einen bunten Strauß von Veranstaltungen zusammenkommen lassen: Reden und Vorträge werden gehalten, unter anderem vom Enkelsohn des Dichters, dem Münchner Historiker Christopher Andres, über »Stefan Andres und die deutsche Nachkriegsgeschichte«, in Schweich an der Mosel. Ein Denkmal wird enthüllt, in Trittenheim. Ein wissenschaftliches Symposium abgehalten, im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. Artikel für Zeitungen und Zeitschriften werden geschrieben, Interview-Wünsche von Rundfunk und Fernsehen sind zu bedienen. Im übrigen ist Andres seit der Ausgabe einer Sonderbriefmarke am 8. Juni – wenn auch nicht mit übermäßig markant gezeichnetem Profil – in aller Munde.

K.A.: Die Rezeption des Werks von Stefan Andres ist eher mäßig munter. Bereits zu Lebzeiten verlor die Literaturwissenschaft das Interesse an Andres, wie Hans Hennecke bereits 1961, neun Jahre vor dessen frühem Tod, beklagte. Was könnten Ursachen dafür sein?

Michael Braun: Die These von der nachlassenden Rezeption zu Lebzeiten ist nur zur Hälfte richtig. Der bedeutende, in Bonn lehrende Nachkriegsgermanist Benno von Wiese, den Andres »Big Ben« zu nennen pflegte, hat sich noch in den sechziger Jahren für die Novellen eingesetzt. Einerseits. Stefan Andres hat sich andererseits auch selbst nolens volens ins Abseits manövriert: durch seinen Umzug von Unkel nach Rom 1961, durch sein voraussehendes, aber unzeitgemäßes Engagement im »Kuratorium Unteilbares Deutschland«, durch die Selbststilisierung des »Einsiedlers als Kritiker«, durch seine vergleichsweise nachlassende Produktivität – 1949-1961 erschienen 22 eigenständige Werke, im Jahrzehnt darauf nur fünf! – und entscheidend wohl vor allem durch seine eher ›traditionalistische‹, Experimenten abgeneigte Ästhetik, die von der Forschung oft kritisiert worden ist. Aber ein Urteil ist damit nicht gesprochen. Inzwischen haben die Germanisten Andres wiederentdeckt.

K.A.: Würden Sie Stefan Andres heute als einen vergessenen Autor bezeichnen?

Michael Braun: Vor etwa zehn Jahren war Andres ein ›back list‹-Autor: kaum Neuauflagen, wenige lieferbare Bücher, etliche Ladenhüter. Im Jubiläumsjahr 2006 gibt es deutliche Anzeichen einer Renaissance: Soeben hat der Deutsche Taschenbuch-Verlag seine berühmtesten und bedeutendsten – was ja nicht immer gleichzusetzen ist – Werke neu aufgelegt: den autobiographischen Kindheitsroman »Der Knabe im Brunnen«, eine ganz unnostalgische, humorvolle und poetische Heimatgeschichte, und die Novellen »Wir sind Utopia« und »El Greco malt den Großinquisitor«, exemplarische Auseinandersetzungen mit dem aktuellen Thema Religion und Gewalt. Die Kurzgeschichte »Das Trockendock«, ein Schulbuchklassiker, gibt es im Klett-Verlag, und eine von international renommierten Andres-Forschern herausgegebene Ausgabe ausgewählter Werke und Schriften ist in Vorbereitung.

Georg Guntermann: Und auch die inzwischen vergriffene Stefan-Andres-Biographie von Michael Braun wird im Bouvier-Verlag neu aufgelegt.

K.A.: Je näher wir dem Jubiläum aber kommen, desto mehr Anfragen unter dem Stichwort ›Stefan Andres‹ treffen über Suchmaschinen bei der Kritischen Ausgabe ein. Nach welchem Stefan Andres, glauben Sie, wird da gesucht?

Michael Braun: Da kann man nur spekulieren: dem fabulierlustigen Erzähler, dem Grenzgänger zwischen Antike und Christentum, dem moselländischen Dichter, vielleicht auch dem ›inneren Emigranten‹ wider Willen.

Georg Guntermann: Jeder kann den Andres finden, den er sucht. Dafür ist sein Werk, das an Umfang dem von Thomas Mann in nichts nachsteht, groß genug.

K.A.: Andres wird häufig im Zusammenhang mit der Literatur der ›Inneren Emigration‹ genannt. Wird das dem Schriftsteller, der einen Großteil seines Werks nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat, gerecht? Wie würden Sie Andres' Werk literaturhistorisch einordnen?

Georg Guntermann / Michael Braun: Zwischen Klassizität und Moderne, Antikenrezeption und Zeitkritik, Heimatdichtung und Weltbürgertum. Andres gehört zu den literarischen Emigranten und Remigranten, die es traditionell schwer haben in der deutschen Literatur. Und die Literatur der so genannten ›Inneren Emigration‹ bedarf ohnehin einer Neuinspektion.

K.A.: Die Stefan-Andres-Gesellschaft besteht seit 1979 und hat ihren Sitz in Schweich an der Mosel. Wie fördert die Gesellschaft das Andenken des Schriftstellers?

Georg Guntermann: Auch außerhalb von Jubiläumsjahren: durch beharrliches Bohren in dicken Bretten, auf denen etwa ›Traditionalist‹ steht oder ›Heimatschriftsteller‹. Anders gesagt: durch den Versuch, das Motto der letztjährigen Tagung der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften, »Zukunft braucht Herkunft«, praktisch umzusetzen.

K.A.: Die Gesellschaft vergibt auch alle drei Jahre den Stefan-Andres-Literaturpreis. Wer wählt die Preisträger aus und nach welchen Kriterien?

Georg Guntermann: Den Preis vergibt die Stadt Schweich auf Vorschlag eines Kuratoriums, dem Vertreter aus Literaturwissenschaft, Schule und Buchhandel, der Stadt, der Gemeinde und der Kirchen angehören. Bisher ist keiner der Vorschläge aus der Jury von der Stadt in Frage gestellt worden. Die Reihe der Preisträger – unter ihnen Christoph Hein, Barbara Honigmann, Johannes Kühn und Arnold Stadler – steht für das, was in Andres' Werk aufgegeben bleibt: unkündbaren Bezug zur regionalen Herkunft und zugleich unablässige Suche eines Unbehaust-Getriebenen in Ländern und Zeitaltern nach (geistiger) ›Heimat‹.

K.A.: Welche Möglichkeiten bieten Sie Studierenden und Wissenschaftlern sowie anderen Besuchern im Niederprümer Hof in Schweich, dem Sitz der Gesellschaft?

Georg Guntermann: Einblick in derzeit circa 43 Regalmeter Bücher – Primärtexte, Übersetzungen in 16 Sprachen, Sekundärliteratur –, Archivboxen mit Zeugnissen zur Rezeption und Wirkungsgeschichte, Briefe, Essays, Korrespondenzen, Rezensionen sowie Bild- und Tondokumente, unter anderem Filme und Video-Aufzeichnungen von Lesungen und Diskussionen. Eine ständige Ausstellung mit Erstausgaben, Handschriften, Büsten, Gemälden und Möbeln aus Leben und Werk des Autors bis hin zu seiner letzten Schreibmaschine – all dies zusammengestellt mit fortwährender Unterstützung der Witwe Dorothee Andres (1911-2002) und der Familie des Dichters. Und: womöglich eine Erstbegegnung mit Andres als Maler und Zeichner.

K.A.: Herr Professor Braun, Sie sind Andres-Biograph und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Stefan-Andres-Gesellschaft. Was gibt es über Andres noch zu erforschen, welche Themen könnten Sie Germanisten für wissenschaftliche Arbeiten empfehlen?

Michael Braun: Eine von Georg Guntermann betreute Dissertation widmet sich dem ›Zeitreisenden‹ Stefan Andres, ein Heine-Forscher hat die »Sintflut«-Trilogie, Andres' symbolisch verhülltes opus magnum über die Hitler-Diktatur, als Deutschland-Epos interpretiert, auf die religiösen Dimensionen dieses fast zweitausendseitigen Werkes haben britische Forscher – Eric Sigurd Gabe und John Klapper – hingewiesen. Die literarhistorischen Kontexte der »Zwischenreiche und Gegenwelten« (Rotermund), die sich die Autoren der ›Inneren Emigration‹ aus verschiedenen Gründen aufgebaut haben, werden von neuen Seiten erhellt. Der Marbacher Nachlass mit den zahlreichen Korrespondenzen, unter anderem mit Ernst Jünger, und Handschriften des Autors ist als Fundgrube erst noch auszuwerten. Und auch Andres' Verhältnis zu Politik und Zeitgeschehen ist ein noch nahezu unbeschriebenes Blatt.

K.A.: Ohne sich gleich wissenschaftlich mit Andres auseinandersetzen zu wollen: Welche Werke würden Sie jemandem empfehlen, der Andres bislang nicht kennt?

Georg Guntermann: Trotz seiner Bekanntheit den bereits erwähnten Roman »Der Knabe im Brunnen« aus dem Jahre 1953 – eines der schönsten Entwicklungsbücher, das ich kenne. Es zeigt, was Erzählen auf Augenhöhe einer (wachsenden) Figur bedeuten kann.

K.A.: Und wenn man die beiden (anlässlich des Jubiläums auch neu aufgelegten) Novellen »Wir sind Utopia« und »El Greco malt den Großinquisitor« dann durch hat?

Michael Braun: Für dionysische Leser: »Main nahezu rhein-ahrisches Saarpfalz-Mosel-Lahnisches Weinpilgerbuch« (zuletzt aufgelegt 1976). Für apollinische: den Roman »Die Versuchung des Synesios«, in dem man nicht nur viel über den frühchristlich-neuplatonischen Konflikt der Kulturen lernen kann, sondern auch viel über den Autor selbst erfährt, für den Mythos und Moderne, Utopia und Welterfahrung unversöhnliche Gegensätze blieben.

K.A.: Gesetzt den Fall, Sie könnten Stefan Andres heute eine Frage stellen, welche würde das sein?

Michael Braun / Georg Guntermann: Die Fragen stellt Stefan Andres. Aber seine Antworten auf den berühmten Fragebogen der FAZ wären bestimmt sehr interessant. Als Motto hätte er vielleicht unterschrieben, was der Andres-Preisträger Arnold Stadler augenzwinkernd preisgab: »Man muß beim Aufbauen auch ans Abreißen denken.«

 

In den Medien wird der 100. Geburtstag des Dichters bereits seit einigen Tagen begangen: Aus der Feder von Michael Braun stammt der erste Artikel, der zum Thema erschienen ist, im Rheinischen Merkur: »Irdisches Utopia«. Als »kritischen Denker« würdigt Südtirol Online Stefan Andres und ebenso die Süddeutsche Zeitung in ihrem Reiseteil (Artikel in der Ausgabe vom 22.06., leider nicht online).
 
Auch K.A.-Redakteur Stefan Andres hat sich mit seinem großen Namensvetter ausführlich auseinandergesetzt. Sein Beitrag erscheint in der nächsten Kritischen Ausgabe unter dem Titel: »Nicht schlecht. Aber haben Sie nicht Andres
 

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