»Just singing a song won’t save the world«

Mit seinem Album Fork on the Road wagt sich Neil Young erneut an ein politisches Thema der Zeit

»Weggabelung« als Übersetzung würde nicht ganz das Bildmotiv ergeben, das der Titel von Neil Young kürzlich erschienenem Album im englischen Original ausdrückt: Fork in the road. Zwar sind die USA, das Land, um das es in seinen politischen Songs immer geht, mit dem Sieg Obamas und seinen schnellen Handlungen nach seiner Machtübernahme an einer Weggabelung angekommen. »Maybe it's Obama/ But he thinks that he's too young« sang er 2006 in »Lookin’ for a leader« auf dem Album Living with war. Jetzt aber, wo diese Möglichkeit eines Nach-Bush-Präsidenten wahr geworden ist, ist es Zeit, sich neuen Themen zu stellen. Und so ist die »road« des Albumtitels nicht nur der Weg des Wandels, der beschritten wird, sondern auch der Ort, auf dem der Wandel noch zu vollziehen ist: die Straße. Zu einem großen Teil geht es Neil Young in Fork in the Road denn auch um einen Inbegriff amerikanischen Lebensgefühls – um Autos. »Fuel line«, »Get behind the Wheel« oder »Off the road« heißen die Songs, aber auch kaum ein anderer Song auf dem Album kommt ohne autobezogene Textzeilen aus. Young weiß genau: »Just singing a song won’t change the world«, dazu bedarf es mehr. Und so hat er sich eine seiner Vorlieben zur Mission gemacht. Er will zeigen, daß man auch mit schweren Autos weniger Treibstoff braucht als bisher üblich. 2,5 Tonnen wiegt sein Lincoln Continental Baujahr 1959, der entsprechend umgebaut wurde und mit dem er auf Werbetour durch die USA ziehen will. Dabei geht es weniger um sein neues Album, sondern um die notwendige Veränderung in der Welt, ohne die Symbole des amerikanischen Traums aufgeben zu müssen. Doch sein Ziel, der Verbrauch von 2,4 Litern auf 100 Kilometer, hat er noch nicht ganz erreicht. Road-Feeling mit gutem Gewissen. Auch im Falle von Living with war auch es ein amerikanisches Lebensgefühl, das die Platte zu einer seiner frischesten der letzten Jahre machte, doch im Vergleich dazu wirkt Fork in the Road emotional leer. Als Konzeptalbum fehlt der Platte aufs Ganze gesehen das Herzblut. Zwar ist das Album nach seinem Vorgänger Crome Dreams wieder rockiger und die Produktion im Ganzen sehr viel rauher, aber die Energie, die gerade seine Rock-Alben oftmals ausmacht, fehlt. Das könnte daran liegen, daß seine Texte wenig erzählen. Am interessantesten ist der Titel »Cough up the Bucks«, der neben der Wiederholung der Titelzeile wiederholt die Frage stellt »Where did all the money go« und mit wenigen weiteren Textzeilen auskommt:

It’s all about my Car It’s all about my Girl It’s all about my World Cough the Bucks

Das ist dann vielleicht doch ein wenig eintönig für einen Song von viereinhalb Minuten. Mit ähnlich wenig Text experimentierte er bereits 1981 auf Re ac tor, mit dem Titel »T-Bone«. Hier kam er bei einer Spieldauer von neun Minuten auf nur zwei Zeilen Text – jedoch auch zu energiegeladener, wenn auch musikalischer Eintönigkeit.

Ain’t got no T-Bone Got mashed Potatoes

Die rhythmische Wiederholung der Zeile »Cough up the Bucks« ist das spannend, verschmelzen Gitarren und Gesang hier sehr gut und Neil Young erweitert einmal mehr, seinen Stil ein wenig, der auf dem Album selbst ansonsten eher eng ist. Daher ist es gut, daß er mit »Light a candle« einen ruhigeren Akzent setzen kann. Wobei auch das letztlich nicht reicht, das Album als Ganzes zu einem wichtigen Werk des Amerikaners zu machen, bleibt es doch zu konventionell und dabei zu unemotional. Neil Young: »Fork in the Road« (Cover)Living with war wirkte wie ein Befreiungsschlag und ein Blick in Richtung Zukunft – auch, wenn es fast schon wahrscheinlich war, daß Neil Young den späteren Präsidenten als möglichen Kandidaten seiner längeren Liste mit aufzählte. Fork in the road wirkt dagegen teilweise wie der fade Kommentar eines Mannes, der gemerkt hat, daß politische Songs wichtig sein können und man damit den Menschen auch viel geben kann. Aber Neil Young läuft mit seinem musikalischen Kommentar der Realität hinterher: Daß beispielsweise die Verkehrspolitik seitens der Autohersteller nicht aufgeht, sehen wir allein schon an den schlechten Umsatzzahlen der amerikanischen Hersteller und den daraus entstehenden Konsequenzen. Die geplante Förderung zum Kauf neuer Autos wird nach den zeitweilig hohen Spritkosten auch in Amerika nicht zu einer Renaissance der Spritschlucker führen, die die Krise der Autoindustrie dort sicher mit ausgelöst hat. Neil Youngs Kommentar wirkt hier wie ein Hinterherhecheln, die visionäre Kraft vermißt man in den Songs. So ist Fork in the Road nur ein weiteres Neil Young Album – nicht weniger, aber auch nicht mehr! Neil Young: Fork in the Road. Reprise/Warner Brothers 2009. Ca. 39 Min. Spielzeit. Ca. 17,– Euro.

 

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