»Let’s impeach the president for lyin’«

Neil Young: Living With WarKritik an den USA ist in Europa populär. Sei es, um sich gegen die amerikanische Überkultur zu wehren, sich von ihr abzugrenzen oder um an dem Freund jenseits des großen Teiches unliebsame Eigenschaften aufzuzeigen, nicht erst, aber ganz besonders seit dem Regierungsantritt George W. Bushs. Wir sind solche Kritik gewohnt. Ungewöhnlich deutlich fand sie sich allerdings 2001 bei Konstantin Wecker wieder:

»Wir jubeln dir von Ferne zu
endlich regiert dich Dabbelju
der wäre uns erspart geblieben
hätt man in Texas abgetrieben
er ist kein großer Denker
dafür ein Freund der Henker
er kriecht der Wirtschaft in den Arsch
und bläst dem Rest der Welt den Marsch
und will die Welt sich noch befrein
muss sie amerikanisch sein«,

   heißt es in seinem auch konsumkritischen Lied »Amerika«. »Wir heben ab, wie die USA im Krieg,« sang Ben Becker auf seinem letzten Album, wenige Monate vor den Terroranschlägen, die die USA dazu veranlassten, erst Afghanistan und dann den Irak anzugreifen. Aber Kritik aus Deutschland ist nur die eine Seite. Auch in den USA mehren sich die Stimmen derjenigen, die mit der Politik ihrer Regierung unzufrieden sind. Die Schockstarre, die nach dem 11. September eingesetzt hatte, ist überwunden. Green Day äußerten sich 2004 mit ihrem Album American Idiot und erst vor wenigen Wochen protestierten Pearl Jam mit ihrem Song »World Wide Suicide« – um nur zwei populäre Beispiele zu nennen.

So tauchte vor etwa einem halben Monat auch Neil Young wieder in den Schlagzeilen auf – mit der Nachricht, er habe ein Album gegen den Präsidenten aufgenommen: Living With War. Eine Art Schnellschuss, wie immer wieder betont wird, innerhalb von nur zwei Wochen geschrieben und aufgenommen. Zwei Wochen vor Veröffentlichung des Tonträgers wurde das Album im Internet als Audio-Stream zugänglich gemacht. Ein Zeichen: Hier geht es nicht ums Geldverdienen an den schlechten Umfragewerten Bushs. Produziert wurde das Album zudem sinnigerweise von »The Volume Dealers« (Neil Young und Niko Bolas), die schon This Note’s For You (1988) produziert hatten, bei dem es im Titelsong auch um die Käuflichkeit einiger Musikerkollegen geht:

»Don’t want no cash
Don’t need no money
Ain’t got no stash
This note’s for you.

Ain’t singin’ for Pepsi
Ain’t singin’ for Coke
I don’t sing for nobody
Makes me look like a joke
This note’s for you.«

Entsprechend schmucklos ist auch das Booklet der aktuellen CD ausgefallen. Die Beschriftung erinnert an ein Carepaket, Bilder der Band: Fehlanzeige. Im Begleitheft finden sich neben den Texten lediglich Angaben zu den mitwirkenden Musikern. An dieser eindringlichen Schnörkellosigkeit zeigt sich bereits, dass die politische Intention im Vordergrund stehen soll.

Schon früher hat Young sich in Liedern politisch geäußert, so zum Beispiel 1970 in »Ohio«, das die Erschießung von Studenten an der Kent State University durch die Nationalgarde thematisierte:

»Tin soldiers and Nixon coming,
We’re finally on our own.
This summer I hear the drumming,
Four dead in Ohio.«

Dem Problem, dass Protestsongs allzu schnell allzu gewollt zu klingen, unterliegt er allerdings auf dem Album Sleeps With Angels (1994), wo er in »Piece of Crap« recht ungeschickt die zunehmende Umweltverschmutzung anprangert. Nun hat seine Wut also den Präsidenten erwischt: »Lets impeach the president for lyin’ / And leading our country into war«, heißt es da. Starke Worte, für jemanden, der sich einst hinter den Patriot Act stellte. Solche Kehrtwendungen aber gehören zu Neil Young. Das Besondere an Living With War ist, dass der Fokus ganz auf die Zustände in Amerika gerichtet wird. So blickt Young nicht nur kritisch auf Gegenwart und die Folgen des Krieges, sondern thematisiert z.B. in »Lookin’ For A Leader« die Frage, wer nach Bush das Land führen soll:

»Someone walks among us
And i hope he hears the call
And maybe it’s a woman
Or a black man after all.«

Die Anfangszeilen des Liedes gehölren sicherlich zu den bezeichnendsten des Albums: »Looking for a leader / to bring our country home.« Nicht nur »thousands of bodies in the ground / brought home in boxes to a trumpet’s sound« (»Shock and Awe«), die ganze Nation hat sich von ihren Idealen entfernt und versucht nun sich wiederzufinden. Living With War ist nur ein Beitrag dazu.

Musikalisch bietet das Album nichts Neues. Einziges bei Young eher selten gehörtes Element ist eine Trompete, die mit der Gitarre gemeinsame Solos plärrt, vor allem aber schief klingt. »The Restless Consumer« weist in seiner Machart starke Parallelen zu »Be the Rain« auf dem Album Greendale (2003) auf. »Let’s Impeach the President« zitiert die Melodie des Folk-Klassikers »City of New Orleans«. Doch Musik und Texte passen zueinander: Hier entlädt sich die Gewalt eines Moments. Hier bleibt die Wut spürbar, aber auch die Freude an der gemeinsamen Sache. Ein Chor, der Neil Youngs mittlerweile mitunter recht zittrige Stimme begleitet, tut ein übriges, in dieses Album ergreifende Momente einfließen zu lassen. Doch vor allem in der übermittelten Spontaneität liegt die Kraft vonLiving With War.

Mit diesem Album beweist Neil Young, nach dem sehr gefälligen Prairie Wind vor acht Monaten, dass mit ihm noch zu rechnen ist, er noch überraschen kann. Schon Greendale, die Geschichte der Familie Green in einem kleinen amerikanischen Städtchen, war zum Teil ein Protestalbum, das unter anderem die Umweltverschmutzung und die hohe Kriminalität thematisierte. Aufgenommen zusammen mit Crazy Horse, seiner treuesten Begleitband, war es vor allem geprägt von den Qualitäten einer wirklich ernst gemeinten und geplanten Produktion. Jetzt aber geht es darum, »Ideen auszutauschen«, wie er sagt. Kein erfundenes Dorf, kein Anspruch auf ein Meisterwerk, das man in Jahren noch mit Begeisterung hört. Die Begeisterung für Living With War ist in der Aktualität begründet, die es zu einer in sich schlüssigen Songsammlung macht und auch die kitschige Version von »America the Beautiful« mit 100-Voices-Chor verzeihlich macht. Uns Europäern mag diese Art Patriotismus teilweise befremdlich erscheinen. In seiner Energie aber, in seiner rohen Produktion sowie bestechenden Einfachheit gehört Living With War dennoch zum Besten, was Young überhaupt je veröffentlicht hat.

 

Neil Young: Living With War. Reprise/Warner Brothers 2006. Ca. 41 Min. Spielzeit. Ca. 18,- Euro. – Das komplette Album als Audio-Stream unter www.hyfntrak.com.

 

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