»Lieber in einer anderen Zeitung«

Hermann Peter Piwitt wird 75

75 Jahre alt wird der Hamburger Schriftsteller Hermann Peter Piwitt heute. Grund zum Feiern, und hier eine Aufforderung zum Tanz: »Die lesende Welt bekommt noch einmal die Chance, einen Autor zu entdecken, den bislang nicht entdeckt zu haben ihr zum eigenen Schaden gereicht: einen der größten Stilisten, einen der berückendsten Erzähler der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.« So schreibt Matthias Altenburg in der ZEIT über Piwitt - freilich bereits Ende der 90er Jahre. Heute, mehr als zehn Jahre später, gilt Piwitt – immer noch oder schon wieder - als der »Geheimtipp«, als der er bereits 1965 mit seinem literarischen Debüt Herdenreiche Landschaften" gehandelt wurde.

Hermann Peter Piwitt (Foto: © Wallstein Verlag)
Warm angezogen im »Totenhaus« Hamburg: der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt (Foto: © Wallstein Verlag)

Das war zwischenzeitlich freilich anders. Mitglied der späten Gruppe 47, gehörte Piwitt zu den Autoren, die den literarischen Sound zu den 68ern lieferten: Mit Romanen wie Rothschilds oder Die Gärten im März, mit zahlreichen Essays. Sein erst kürzlich veröffentlichter, intensiver Briefwechsel mit Nicolas Born zeugt von dieser Zeit, in Rolf Dieter Brinkmanns Collageroman Rom. Blicke fliegen die Fetzen zwischen den beiden Autoren. Piwitt ist im literarischen und im politischen Diskurs präsent, im SPIEGEL ebenso wie in linksliberalen Feuilletons. Aber der Geist der Zeit wählt eine andere Richtung, Piwitt gerät ins Abseits. Während er sich zurückgezogen habe, so beschrieb er die Zeit um die deutsch-deutsche Wende einmal selbst, habe man »von außen, ohne, dass ich es bemerkte, den Schlüssel herumgedreht«. Bei seinem Verlag Rowohlt fällt er bald aus dem Raster. Piwitt-Bücher stehen nicht oft auf den »Topseller«-Listen. Seit wenigen Jahren verlegt der Göttinger Wallstein-Verlag seine Bücher, hier erschien unter anderem 2006 sein jüngster und übrigens viel gelobter Roman Jahre unter ihnen. Und nun, zu seinem Jubiläum, veröffentlicht Wallstein mit Heimat, schöne Fremde. Geschichten und Skizzen ein »Bilanzbuch«. Während seine Erzählerfiguren zunehmend nach allen Regeln literarischer Kunst den Boykott üben, zeigt Piwitt sich hier unvermindert gallig. »Schöne Werkstücke machen«, darum sei es ihm stets gegangen, schreibt Piwitt in dem neuen Essayband. Doch die Bewertung der literarischen Qualität muss hintenanstehen bei der Einordnung Piwitts: Das Angebot eines Kritikers an einen Chefredakteur, über einen Roman Piwitts eine Besprechung zu schreiben, erfährt Piwitt, beantwortet der Angeschriebene so: »Ihren alten Kampfgenossen Piwitt sähe ich lieber in einer anderen Zeitung.« Als kommunistischer Kampfgenosse gilt er den einen, als »linksbourgeoiser Flaneur« den anderen. Da sitzt jemand, wenn vielleicht nicht völlig unverschuldet, so doch unbefleckt von Parteizugehörigkeiten jedweder Art, zwischen den Stühlen. Und in das schicke, nachgerade mondäne Literaturhaus der »Seestadt«, wo auf der Getränkekarte ein simpler Korn nicht vorgesehen ist, will Piwitt auch nicht recht passen. Das ist beklagenswert. Aber Piwitt tröstet sich mit Nossack, der schon eine Hassliebe zu dem »Totenhaus« Hamburg pflegte. Erfreulich ist: Jubiläen setzen derlei Inkompatibilitäten, zumindest vorübergehend, erfolgreich außer Kraft: Einen »Geburtstagsabend« widmet das Literaturhaus Hamburg dem Schriftsteller, und mit Piwitt feiern dort am kommenden Donnerstag (4. Februar, 20 Uhr) Weggefährten wie Matthias Altenburg, Gerd Fuchs, Sabine Peters, Marie-Luise Scherer, Bruno Schrep, Verleger Thedel von Wallmoden, Lektor Thorsten Ahrend und Joachim Kersten. Zum Jubiläum finden wir im Netz Beiträge über Piwitt im Titel-Magazin, bei ZEIT Online, in der Jungen Welt, im Tagesspiegel sowie beim Deutschlandfunk. Zudem ist ein umfangreicher Band mit K.A.-Interviews in Planung, in dem auch ein neues, ausführliches Interview mit Hermann Peter Piwitt erscheinen wird. Hermann Peter Piwitt: Heimat, schöne Fremde. Geschichten und Skizzen. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 246 Seiten. ISBN 978-3-8353-0621-9. 19,90 Euro.

Hallo Manfred! Naja,

Hallo Manfred! Naja, "Piwitt-Kenner"... Spontan möchte ich die jüngsten zwei Veröffentlichungen empfehlen. "Jahre unter ihnen" wird Dir gefallen: Ein Erzähler, der sich zum Ende hin selbst in den Wahnsinn verabschiedet. Überhaupt sehr anspielungsreich, ein Belesener wie Du wird da viel wiederfinden. Und das eben erschienene Buch "Heimat, schöne Fremde" scheint mir als Einstieg sehr hilfreich, da es unterschiedlichste Texte von Piwitt aus unterschiedlichen Zeiten versammelt. Übrigens wirst Du Dich als passionierter Radfahrer und Zivilisationsskeptiker in Piwitts Naturverbundenheit wiederfinden können. Schöne Grüße, Stefan

Hallo Stefan! "Schöne

Hallo Stefan! "Schöne Werkstücke" machen wollen, das ist ein gutes Ethos. Und Schriftsteller müssen einfach links sein! Dass man ihm das zum Vorwurf macht, na ja, so kindisch und engstirnig sind die Leute; er soll froh sein, dass sie ihn in Ruhe gelassen haben. (A propos: Es hat mir Leid getan, dass Kempowski in seinen letzten Interviews gejammert hat, man würde ihn ignorieren. Ich dachte mir: Das hat er nun wirklich nicht nötig.) Sag: Was würdest du mir als Piwitt-Kenner denn ans Herz legen wollen (quergelesen habe ich ja schon den d'Annunzio-Roman)? Servus Manfred.

 

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