»Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat.«

Alina Bronskys Debutroman Scherbenpark liefert brutale Nachrichten aus dem Solitär

Träume und Schicksale prallen im Solitär aufeinander. Ein Mädchen träumt blauäugig davon, dass sie ein reicher Richter heiraten wird. Sascha indessen, die Protagonistin und Erzählerin des Romans, Scherbenpark, dem Debütroman von Alina Bronsky, träumt versessen davon, ihren Stiefvater Vadim zu töten. Diesen Wunsch hat Sascha nicht ohne Grund, denn Vadim erschoss Saschas Mutter Marina und deren Freund Harry. Marina hatte zuvor Vadim rausgeworfen, nachdem er die Familie jahrelang terrorisierte. Im Gegensatz zu den Eltern Harrys, die in einer Starre verharren, schmiedet Sascha voller Hass Mordpläne. Allerdings kommen dem Leser schnell Zweifel, ob sie den Mord wirklich begehen wird, da sich ihr schon beim Anblick eines toten Hamsters der Magen umdreht. Die entsetzliche Tat sorgte dafür, dass Journalisten deutschlandweit über das Schicksal von Saschas Mutter berichteten. Daher möchte Sascha ein Buch über ihre Mutter schreiben, um dafür zu sorgen, dass diese nicht nur aufgrund ihres Todes berühmt wurde. Sascha, eigentlich Alexandra Naimann, ist 17 Jahre alt. Sie wohnt mit ihren beiden jüngeren Geschwistern und einer Verwandten, die als Ersatzmutter fungiert, in dem Frankfurter Ghetto Solitär. Hier regieren Hoffnungslosigkeit und Gewalt. Sascha kam mit ihrer Familie vor einigen Jahren aus Russland in die Stadt. Im krassen Gegensatz zu den Bewohnern des Solitärs kann Sascha sehr gut Deutsch und ist auf ihrem Katholischen-Elite-Gymnasium Jahrgangsbeste. Daher wird sie von einigen Bewohnern des Solitärs ehrfurchtsvoll »Goldene« genannt. Doch nicht nur Saschas Leistungen beeindrucken, sie präsentiert sich dem Leser zu Beginn ohne jedes Selbstmitleid, knallhart und ohne jede Angst: »Nerven sind kein Thema für mich.« Am Anfang des Romans wirkt Sascha sehr stark, doch dass diese Stärke nur Fassade ist, zeigt sich dem Leser nach knapp 60 Seiten des Romans, als ein rührseliger Zeitungsartikel über den Mörder Vadim, der von seinen Liebeserklärungen an die von ihm getötete Mutter Saschas erzählt, erscheint. Wenn Sascha den Artikel ironisch mit »die Leiden des nicht mehr ganz so jungen Vadim E.« kommentiert, wird ein starker Kontrast zu dem Schock und der Wut geschaffen, die sie beim Lesen des Artikels empfindet. Die Autorin greift in ihrem Roman öfter zu solchen sprachlichen Mitteln, die die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen. Die Sprache wirkt auf diese Weise sehr lebendig, sie ist abwechslungsreich und unterhaltsam und es ist nahezu unmöglich, nicht von ihr in den Bann gezogen zu werden. Ein Grund dafür ist, dass an vielen Stellen auf das epische Präteritum verzichtet wird, wodurch das Geschehene sehr unmittelbar und nah wirkt. Die Protagonistin benutzt eine direkte und selbstbewusste Sprache und erzählt die Ereignisse des Romans achronologisch. Aufgrund dieser Erzählstrategie enthüllt sich dem Leser erst Stück für Stück das Grauen der zwei Jahre zurückliegenden Tat Vadims. Dadurch wird zu Beginn des Buches Interesse und Spannung aufgebaut. Als Sascha in die Redaktion der Zeitung fährt und dort die Autorin des Artikels zur Rede stellt, lernt sie den Ressortleiter Volker Trebur kennen. Obwohl er mit dem Artikel nichts zu tun hat, entschuldigt er sich mehrfach bei ihr und bittet sie »von ganzem Herzen um Verzeihung«. Volker Trebur kommt eine wichtige Rolle in der Geschichte Saschas zu, denn er ist das absolute Gegenteil von Vadim, Saschas verhasstem Stiefvater. Daher fragt sich Sascha, als sie Volker das erste Mal sieht: »Hasse ich Männer?«, obwohl sie sich bis dahin sicher war. Nachdem Sascha die Affäre ihrer Ersatzmutter mit einem Nachbarn aufdeckt, ist sie mit der Situation überfordert und möchte das Solitär verlassen. Volkers Angebot sie bei sich aufzunehmen kommt zum richtigen Zeitpunkt und Sascha verbringt einige Tage im Haus des sympathischen Journalisten und dessen 16-jährigen Sohn Felix. In dieser Zeit entwickelt sich zwischen ihnen eine verworrene Dreiecksliebesgeschichte. Die Autorin arbeitet geschickt mit Gegensätzen. So wird die kleine Wohnung in dem Ghetto Solitär Volkers großem Haus in einem ruhigen Dorf gegenübergestellt. Sascha muss sich ihren Platz erkämpfen, nirgendwo scheint sie völlig hinein zu passen: in ihrem Gymnasium wegen ihrer Herkunft, in dem Solitär aufgrund ihrer schulischen Leistungen und dem Aufbegehren gegen das Scheitern, das sie im Solitär umgibt. Als Sascha in das Solitär zurückkehrt, nimmt die Geschichte weiter an Fahrt auf. Nun werden auch andere Bewohner des Ghettos ausführlicher beschrieben, so etwa »Peter der Große«, der mit seiner Gang Sascha auflauert. Sascha gibt sich unerschrocken. Selbst in gefährlichen Situationen ist sie nicht einzuschüchtern. Als Peter sie mit seiner Gang bedroht und ihr eröffnet, dass er sie für eine nette Abwechslung hält, gelingt es Sascha sich unbeeindruckt von der Bedrohung zu zeigen und ihm schlagfertig entgegen zu schleudern: »Daran wird es scheitern, Peterchen. Hartz IV und gebrochenes Deutsch machen mich einfach nicht an.« Doch sie ist auch verletzlich und schutzsuchend, so dass der Leser ihr gerne beistehen möchte als sie sich bei einem Telefonat mit Volker eingesteht: »Jetzt habe ich wieder Angst. Und habe Angst vor noch mehr Angst.« Sie schwankt zwischen zwei Extremen, zwischen der äußeren Stärke und inneren Verletzlichkeit. Nicht nur die Bedrohung im Solitär zerrt an Saschas Nerven. An vielen Stellen des Romans bricht die Verzweiflung und der Schmerz Saschas an die Oberfläche, den die Ermordung ihrer Mutter ausgelöst hat.  »Scherbenpark« (Cover)Scherbenpark ist ein analytischer und aufwühlender Roman. Die Autorin, die unter dem Pseudonym Alina Bronsky veröffentlicht, verbrachte ihre Jugend in Marburg und Darmstadt und stellt in Interviews klar, dass der Roman nicht autobiographisch ist. Überhaupt ist die in Jekaterinburg/Russland geborene Autorin, Jahrgang 1978, erstaunlich ehrlich, wenn sie in einem Interview in Bezug auf inhaltliche Kritik zu ihrem Roman mit der KÖLNER Illustrierten erzählt: »Es gibt aber auch Stellen, die ich selbst als schwach empfinde.« Dies bildet ein auffälliges Gegenstück zu den Lobeshymnen über die Autorin und ihr Debüt, mit denen der Leser zugedeckt wird: »Witzig, rührend, fesselnd – der neue Bronsky-Beat macht lesesüchtig«, heißt es beispielsweise von der Zeitschrift PRINZ. Der Roman erzählt die Geschichte Saschas und fesselt ungemein. So ist der Roman auch beim mehrfachen Lesen aufwühlend. Die Geschehnisse, die im Ghetto spielen, wirken beklemmend. Nachdenklich macht die Darstellung der deutschen Gesellschaft in dem Roman. Sie wirkt so naiv, dass sich der Leser Sorgen macht, dass sie nicht die blasseste Ahnung davon hat, was in der Parallelwelt des Ghettos vor sich geht. Trotz, oder gerade wegen des einfachen Satzbaus, in dem erzählt wird, überzeugt auch die Sprache. Sascha erzählt ihre Geschichte temporeich und mit großer Energie. Man ist geneigt den Titel Scherbenpark, der vor allem einen existierenden Ort beschreibt, auf Sascha zu beziehen, die in ihrem Inneren durch den Tod ihrer Mutter viele Scherben mit sich herum trägt. Alina Bronsky: Scherbenpark. Roman., Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2008. 288 Seiten, 16,95 Euro. ISBN 978-3-462-04030-2. Diese Rezension entstand im Wintersemester 2009/2010 am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn im Rahmen der Übung »Kritik und kritische Öffentlichkeit. Am Beispiel der Literaturkritik«.

 

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