»Philologiemarketing« & »professioneller Masochismus«

Hier einige abschließende Urteile der Presse über den Deutschen Germanistentag 2004:

Die "Gelassenheit professioneller Masochisten" diagnostiziert Roman Luckscheiter in der Frankfurter Rundschau bei den anwesenden, zumeist im Staatsdienste stehenden Germanist/inn/en etwa anlässlich einer "unflätigen" Festrede des Schriftstellers Robert Menasse, über die sich vor einigen Tagen bereits die FAZ ereifert hat. Luckscheiters Betrachtung widmet sich des weiteren einem der beiden schon im Vorfeld als "Highlights" kenntlich gewesenen Foren, nämlich dem zum Verhältnis von Literaturwissenschaft und Literaturkritik, "eine paradoxe Podiumsdiskussion", die verdeutlicht habe, "welch tiefliegende Ressentiments gegen die Disziplin gerade in ihren benachbarten Gebieten existieren":

Obwohl sich das Feuilleton maßgeblich aus studierten Germanisten rekrutiert und gleichzeitig die Hochschullehrer zunehmend über Rezensionen und kulturwissenschaftliche Essays in den Zeitungen präsent sind, wurde hier die traditionelle Opposition von Kritiker und Gelehrtem inszeniert.

Immerhin, auch das "Signal einer Zeitenwende" vermochte der Rezensent auszumachen, nämlich

[...] in einem "Workshop" [...], der überdurchschnittlich gut besucht war und sich mit dem so genannten Bologna-Prozess beschäftigte: Zu Zwecken der Koordinierung und Mobilisierung des europäischen Bildungswesens wird den Universitäten derzeit die Konzeption neuer Studiengänge auferlegt, die über schlanke Stoffeinheiten ("Module") das Studium stark verschulen, international verknüpfbar machen und interdisziplinär öffnen. Hinter dem dynamisch klingenden Konzept verbirgt sich freilich ein gigantisches Sparprogramm, das in einigen Ländern bereits drastische Qualitätsminderungen mit sich gebracht hat [...].

Luckscheiters Fazit:

Ohne zu wissen, wie die anstehende Verberuffachschulung der Philologie überhaupt personell und finanziell durchgeführt werden soll und für welchen Bedarf sie überhaupt ausbildet, legt der Eifer der Technokraten den Titel eines der nächsten Zunfttreffen nahe: Europa ohne Germanistik.

Ähnlich pessimistisch äußert sich Richard Kämmerlings in der FAZ. Für ihn beginnt die Kritik jedoch schon bei der Titelgebung:

Ob man aber über Oberammergau oder aber über Unterammergau anreiste, ist ganz einerlei, wenn man sich den Tagungstitel "Germanistik und / in / für Europa" genüßlich auf der Zunge zergehen läßt. Was denn nun? "Und" wäre völlig nichtssagend, "in" eine Banalität, während "für" wie ein Wahlwerbeslogan klingt.
Das war aber wohl nicht mit Öffentlichkeitsarbeit gemeint, als Thomas Anz (Marburg), der neue Vorsitzende des Deutschen Germanistenverbands, vom schwierigen Verhältnis des Fachs zur Öffentlichkeit sprach und - nur halb im Scherz - die Einrichtung einer neuen Teildisziplin dafür forderte. Wie muß es um die Vermittlungskompetenz eines Fachs bestellt sein, wenn man noch nicht einmal ein auch nur semantisch sinnvolles Thema formulieren kann? Die künftigen Absolventen eines Master-Studiengangs "Philologiemarketing" erwartet viel Arbeit.

Die noch bei den vergangenen beiden Germanistentagen in Bonn (1997) und Erlangen (2001) thematisierte Faszination der Neuen Medien, konstatiert Kämmerlings, sei nun offenbar ebenso verflogen wie der Methodenstreit der neunziger Jahre:

Die Schwerpunkte des Kongresses trugen deutlich die Handschrift des organisierenden Münchner Institut für "Deutsch als Fremdsprache" und "Transnationale Germanistik". Und was immer letzteres auch sein mag, es kommt unaufhaltsam auf uns zu. Die Vorstellung, das schon zersplitterte Fach weiter auf eine internationale und interdisziplinäre Zukunft hin überschreiten zu müssen, ist offenbar die neueste Utopie einer tief in teleologischen Denkmustern verhafteten Zunft.

... die sich noch dazu denkbar schlecht zu präsentieren wusste: Mangel an "Brillanz" und "Engagement", "uninspirierte Moderationen, lustlose Vortragende, Gruß- und Dankrituale" wirft Kämmerlings den Beteiligten vor, die den Germanistentag somit zu "eine[r] riesige[n], die immer wieder behauptete Relevanz des Fachs selbst dementierende[n] Kongreßmaschine" hätten ausarten lassen. Und hinsichtlich des Bologna-Prozesses ergreift ihn vollends der unheilige Zorn: Nicht nur stehe auf Dauer "die Einheit von Forschung und Lehre auf dem Spiel", auch wolle "die Germanistik" offenbar der Rationalisierung des Wissenschaftssektors gar noch zuarbeiten und "statt einer Konzentration auf ihre Kernkompetenz [...] weiter in Berufsvorbereitung dilettieren".

Sein düsteres Fazit:

Die heutige Germanistik sieht fatalistisch ihrem eigenen Bedeutungsverlust zu.

Weitere, nicht sehr viel euphorischere Beiträge finden sich u.a. in der Welt und im Neuen Deutschland.

Und der Tagesspiegel schließlich bringt ein Gespräch mit "dem Nestor der Literaturwissenschaft" und Protagonisten des 1966er Germanistentages Eberhard Lämmert zu dessen 80. Geburtstag. (Herzlichen Glückwunsch natürlich auch von uns!)

 

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