»Qualifikationen? Pah!«

Sarah Hakenberg ist eine »Germanistin, die es geschafft hat«

Wie bastelt man sich einen Beruf, in dem man Schauspieler, Pianist, Dramaturg und Schriftsteller zugleich sein kann? Sarah Hakenberg erfand nach dem Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik einfach das »Literarische Kabarett« kurzerhand neu und bereist nun Deutschland mit ihren Geschichten, die oft harmlos beginnen, aber immer skurril enden. Ihre Naivität sei nur Tarnung, warnte früh die Süddeutsche Zeitung, der Sexappeal ihrer Geschichten dagegen »absolut direkt«. Mit ihrem Programm »Knut, Heinz, Schorch und die anderen«, als Buch und als Hörbuch bei Eichborn erschienen, verblüfft sie ihr Publikum mit Absurditäten über nicht weniger als 206 Ex-Liebhaber, und auch in ihrem neuen Programm »Der Fleischhauerball« geht sie nicht eben zimperlich zur Sache.

Auf »Schlüsselqualifikationen« gibt die charmante Künstlerin nach eigenen Angaben nichts: In ihren Antworten zu unserem Fragebogen verrät sie lieber, womit sie angeben kann und wie sie zu einem dicken Schlüsselbund gekommen ist, mit dem sie nun offenbar recht erfolgreich allerlei Türen öffnet – nicht zuletzt die zu den Herzen der Besucher ihrer Kabarettabende.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Sarah Hakenberg:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? 4 ½ Jahre lang in München, ein Jahr in Dijon. Abschluss: Magister Artium. Theaterwissenschaft war mein Hauptfach, Germanistik und Philosophie waren die Nebenfächer.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Ganz klar: Es war das Fach, in dem man in München mit dem wenigsten Aufwand studieren konnte! Man musste nur zwei Proseminar-Scheine und einen einzigen Hauptseminar-Schein machen. Ach ja, das waren noch Zeiten …
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? Über Dialoge in zeitgenössischen Theaterstücken, anhand von drei Beispielen.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Zu ungemein Umstürzlerischen, die die gesamte Literatur- und Theaterszene in Wallungen hätten bringen sollen! Komischerweise hat das nicht geklappt.
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Da gab es nicht nur einen, es gab mehrere. Ich hätte unglaublich gern ein paar Jahre in Paris studiert, bei Derrida und Peter Brook! Aber dafür ist es jetzt wohl zu spät.
  6. Was war / ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Meine Lieblingsbücher sind zweifellos Ronja Räubertocher von Astrid Lindgren und Ich mach die gesund, sagte der Bär von Janosch! Klar, Thomas Mann, Erich Kästner und Uwe Timm sind auch nicht schlecht … Meine Lieblingsepoche war immer Sturm und Drang, heute ist es die zeitgenössische Literatur. Ich habe lange genug in der Geschichte herumgegraben.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Schlüsselqualifikationen – wenn ich dieses ekelhafte Wort schon lese, wird mir ganz anders. Als ich in Dijon war, hab ich eine lustige Kurzgeschichte geschrieben. Das war wohl der erste Schlüssel. In München hab ich sie dann mal auf einer Bühne vorgelesen. Das war der nächste Schlüssel. Inzwischen hab ich einen dicken Schlüsselbund, den ich immer mit mir herumtrage. Aber Qualifikationen? Pah!
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Ich wollte nicht. Es kam über mich.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Auf jeden Fall nützt das was!!! Zum Angeben.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Ganz ehrlich, ich habe es geliebt! Aber ich liebe auch Bücher über alles. Das Studium hat mir enorm viel Zeit gelassen, um zu lesen, und über das Gelesene nachzudenken – das war wunderbar. Heutzutage scheint das Germanistik-Studium allerdings viel weniger geistesfreundlich zu sein. Das ist furchtbar schade.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Ganz bestimmt werden im Bereich »literarisches Kabarett« und Artverwandtes noch enorm viele Germanisten und Geisteswissenschaftler gesucht! Da bin ich mir ganz sicher!
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Na gut, ein kleiner Rat: Lasst euch keine Angst machen! Und genießt euer Studium! Voraussichtlich wird es die schönste Zeit in eurem Leben bleiben …

 

Sarah Hakenberg (Foto: © Foto Behrbohm Augsburg)Sarah Hakenberg, geboren am 21. November 1978 in Köln, aufgewachsen in Oberbayern. Ihr Studium der Theaterwissenschaften, Germanistik und Philosophie in München und Dijon schließt sie 2005 als Magistra Artium ab. Im gleichen Jahr macht sie bei der ARD-Dokuserie Abenteuer 1927 – Sommerfrische mit. Bereits seit 2004 nimmt sie an verschiedenen Poetry Slams teil und nach dem Studium beschließt sie, fortan als »Literarische Kabarettistin« aufzutreten. 2007/08 gewinnt sie zahlreiche Slam-Wettbewerbe, darunter beim WDR, findet eine Agentin und avanciert zur gefragten Bühnenkünstlerin. 2009 erscheint ihr Tourprogramm »Knut, Heinz, Schorch und die anderen« als Buch und als Hörbuch im Eichborn-Verlag, mit dem sie ebenso wie mit ihrem neuen Programm »Der Fleischhauerball« seit Februar wieder durch Deutschland tourt1. Außerdem lotet sie gemeinsam mit Michael Feindler »Die Grenzen des Schlagers« aus (z.B. im Bonner Pantheon am 3. November 2011) und hat im Münchner Stadttheater Oblomow mit »Sarahs Dienstag« eine eigene Showreihe.

Foto: © Foto Behrbohm Augsburg

 

Seit 2006 geben ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten in der K.A. plus Auskunft über ihren Werdegang und über den Nutzen ihres literaturwissenschaftlichen Studiums. Die zwölf Fragen unseres Fragebogens beantwortete vor Sarah Hakenberg zuletzt der Filmregisseur Uwe Boll. Weitere »Germanisten im Beruf« werden folgen!
  • 1. Nächste Termine: 18. Februar: Paderborn, Amalthea; 27. Februar: München, Wirtshaus am Hart; 4. März: Schwechat/Österreich, Satirefestival; 6./7. März: Tübingen, Sudhaus (jeweils um 20 Uhr). Weitere Termine finden Sie hier.
 

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