»Seine Radikalität und Lebensintensität sind bewundernswert«

Der Regisseur Stefan Herrmann im Gespräch über seine Inszenierung des Werther von Johann Wolfgang von Goethe in der Brotfabrik

Nach ersten Regieversuchen in Stuttgart macht Stefan Hermann die Theaterlandschaft in Bonn unsicher. Am 4. März erfolgt die zweite Aufnahme der Leiden des jungen Werther in der Brotfabrik in Bonn. Regisseur Stefan Herrmann spricht im Interview über seine erfolgsgekrönte Inszenierung, über Werthers unbedingte Liebe, sein Augenblicksbewusstsein, seine Radikalität. Am 4. März erfolgt die zweite Aufnahme der Leiden des jungen Werther in der Brotfabrik in Bonn. Der Regisseur Stefan Herrmann spricht im Interview über seine erfolgsgekrönte Inszenierung, über Werthers unbedingte Liebe, sein Augenblicksbewusstsein, seine Radikalität. 

Kritische Ausgabe: Wieso hast du gerade Goethes Werther, diesen Klassikertext, inszeniert?

Stefan Herrmann: Zum einen ging es darum, schnell etwas auf die Beine zu stellen ohne Geld. Ich selbst bin nach meiner Arbeit am Staatstheater Stuttgart mit der Frage konfrontiert gewesen, wer ich eigentlich bin und was ich eigentlich für eine Kunst machen will. Ich wollte zu mir selbst und meinen eigenen (Kunst-) Instinkten zurückfinden. Ich habe dann viel gelesen, alle möglichen Texte aller Gattungen, und was ich als Ziel dabei vor Augen hatte war, eine Geschichte zu erzählen. Den Werther hatte ich nie zuvor gelesen, das Stück und dessen Sprache haben mich von der ersten Sekunde an begeistert. Ich wusste: Das Stück willst du auf die Bühne bringen.

K.A.: Welche Ideen liegen deiner Inszenierung des Stückes zugrunde, welches Anliegen hat dich während der Arbeit geleitet?

Szenenfoto mit Philip Schlomm als Werther (Foto: Stefan Herrmann)
Szenenfoto mit Philip Schlomm als Werther
 

S.H.: Mich interessiert Theater dann, wenn es den Bezug zu heute herstellen kann. Das heißt nicht, dass man Laptops und Videos mit einbezieht. Eine moderne Inszenierung ist eine Inszenierung, welcher der Transport der Vergangenheit in die Gegenwart gelingt.

K.A.: Würdest du also sagen, Werthers Schicksal ist ein überzeitliches Phänomen? S.H.: Auf jeden Fall. Es handelt sich ja zunächst einmal um eine ganz simple Liebesgeschichte. Um eine Liebe, die unerfüllt, wenn auch nicht unbedingt unerwidert bleibt, und Werther in die Verzweiflung treibt. Die Geschichte ist universell, weil sie von einem universellen Phänomen, der Liebe, handelt.

K.A.: Liebt man denn so kopflos wie Werther – unbedingt und absolut? Handelt es sich bei einer Figur wie Werther nicht eher um einen Ausnahme- und Extremfall als um einen exemplarischen Fall von Liebe?

S.H.: Ich glaube, jeder liebt anders – das kann man nicht pauschalisieren. Ich kann nur von mir ausgehen und du nur von dir. Entscheidend ist eher die Frage, ob es gut ist, so zu lieben oder schädlich. Auf der Bühne wird uns das Scheitern einer Liebe, die in den Tod führt, vorgestellt. Daraus kann dann jeder seine Schlüsse für seine Definition von Liebe ziehen.

K.A.: Ist Werther eine bewundernswerte Figur?

S.H.: Ja! Was ich an ihm bewundere, ist die Konsequenz seines Handelns. Er nimmt sich etwas vor und zieht das durch. Zu Beginn ergreift er den Vorsatz, ab jetzt nur noch im Hier und Jetzt zu leben, sich weder um das Gestern noch um das Heute zu kümmern. Seine Radikalität und Lebensintensität sind bewundernswert, wenn auch zum Scheitern verurteilt. Wenn man sich sagt, dass man nie mehr lügt, ist es schwierig, das durchzuhalten. Werther aber kann sich etwas vornehmen und hält es dann auch durch.

K.A.: War von vornherein klar, dass du den Werther als monologisches Stück inszenieren willst oder hast du auch in Erwägung gezogen, Lotte und Albert auf die Bühne zu bringen?

S.H.: So eine Dreiecksgeschichte wäre mir zu banal gewesen. Der Roman selbst ist ja nicht dialogisch, sondern monologisch gestaltet. Es gibt darin nur Werther, der Briefe schreibt und darin berichtet, was er erlebt hat. Werther lebt in seiner eigenen Welt, wie auf einer einsamen Insel. Wir erfahren von anderen Figuren nie unmittelbar; alles, was wir über Lotte und Albert erfahren, erfahren wir nur mittelbar durch Werther. Dieser hat in seinen Briefen das Anliegen, sich zu erleichtern. Man muss sich das in etwa so vorstellen, wie wenn man etwas erlebt hat, das einen nicht mehr loslässt, und man muss es unbedingt erzählen, um es loszuwerden.

K.A.: Besteht bei dieser Herangehensweise nicht die Gefahr, dass das Stück undramatisch und unter Umständen langatmig wirkt?

S.H.: Meine oberste Maxime als Regisseur ist: Du sollst nicht langweilen! Ich habe mich daher bemüht, immer einen direkten Anlass für Werthers Rede zu finden. Das Stück ist in 12 Szenen gegliedert, dazwischen gibt es Projektionen in Form von Kapitelüberschriften. Dadurch ist eine klare Struktur vorgegeben und man driftet nicht so schnell in den Märchenstil ab. Auch das Publikum wird direkt mit einbezogen und angesprochen.

K.A.: Liebt Werther die Liebe oder Lotte? Fungiert Lotte nicht als bloße Projektionsfläche seiner eigenen Leidenschaften und Wünsche?

Szenenfoto mit Philip Schlomm als Werther (Foto: Stefan Herrmann)
Szenenfoto mit Philip Schlomm als Werther

S.H.: Diese Frage hat mich auch beschäftigt und in der Tat ist Lotte nicht nur in Form von Worten auf der Bühne präsent, sondern auch als kopflose Schaufensterpuppe. Aber ich will trotzdem glauben, dass Werther wirklich in Lotte verliebt ist. Seine Leidenschaften sind echt und auf Lotte gerichtet. Schließlich gibt es in seinem Leben auch noch andere Frauen, z.B. das Fräulein von B., die, hätte Werther nur eine Projektionsfläche gesucht, ebenso als solche hätte fungieren können.

K.A.: Goethes Roman hat seiner Zeit starke Reaktionen hervorgerufen: ein regelrechtes Werther-Fieber ist ausgebrochen. Man hat Werther-Mode getragen, der Roman hat sogar eine regelrechte Selbstmordwelle ausgelöst. Soll Kunst so wirken, sind Publikumsreaktionen ein Maßstab für gute oder schlechte Kunst?

S.H.: Ich denke, man sollte nicht um jeden Preis provozieren wollen. Es muss um die Geschichte selbst gehen und um die Frage, wie diese erzählt wird, weniger um die Wirkung, den Effekt. Kunst soll inspirieren, muss aber nicht unbedingt provozieren. Außerdem: Was provoziert heute schon wirklich? Ok, die Inszenierungen von Volker Lösch beispielsweise. Aber solche Provokationen lösen meist auch nur kurzweilige, schnelllebige Reaktionen aus. Was von Werther bleibt, ist seine gefühlsintensive Sprache. Diese Figur spricht aus, was man selbst vielleicht schon gefühlt, aber nicht über die Lippen gebracht hat. Und indem Werther ausspricht, was man selbst schon erfahren hat, beginnt man über sich und seine eigenen Erlebnisse zu reflektieren, sich seiner selbst bewusst zu werden. So einen Prozess auszulösen ist meiner Meinung nach wertvoller, als durch Kunst Schockwirkungen hervorzurufen.

K.A.: Vielen Dank für das Interview – ich bin gespannt auf die nächsten Werther-Vorstellungen in der Brotfabrik.

 

Die Leiden des jungen Werther. Ein Monolog mit Philip Schlomm. Inszenierung: Stefan Herrmann. Die Bühne in der Brotfabrik, Bonn (Theatersaal). Weitere Termine: 4.–6. März 2009, jeweils 20 Uhr, und 7. März 2009, 19 Uhr.

Fotos zur Verfüngung gestellt von Stefan Herrmann.

Habe die Premiere gesehen und

Habe die Premiere gesehen und war total begeistert. Unheimlich emotional gespielt von Philip Schlomm. Super Inszenierung von Stefan Herrmann. Hoffe noch mehr von Ihm zu sehen. Weiter so !!

 

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