»Später erfuhr ich, dass es Luhmann gibt«

Zugegeben: Der Journalist und Buchautor Jürgen Kaube ist gar kein Germanist. Er hat dieses Fach »nur« sechs Semester und ohne Abschluss studiert. Gleichwohl, dachten wir, könne der Diplom-Volkswirt und Soziologe, der Kaube tatsächlich ist, sicher aufschlussreiche Antworten geben. Zumal er als Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die »Forschung und Lehre«-Seiten ebenso verantwortlich zeichnet wie für die »Geisteswissenschaften«-Rubrik und demzufolge mit dem diesem Fragebogen zugrundeliegenden Thema gut vertraut sein dürfte …Zugegeben: Der Journalist und Buchautor Jürgen Kaube ist gar kein Germanist. Er hat dieses Fach »nur« sechs Semester und ohne Abschluss studiert. Gleichwohl, dachten wir, könne der Diplom-Volkswirt und Soziologe, der Kaube tatsächlich ist, sicher aufschlussreiche Antworten geben. Zumal er als Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die »Forschung und Lehre«-Seiten ebenso verantwortlich zeichnet wie für die »Geisteswissenschaften«-Rubrik und demzufolge mit dem diesem Fragebogen zugrundeliegenden Thema gut vertraut sein dürfte. Da genügen uns sechs Semester, die mehr auf schieres Interesse – ausgelöst übrigens durch Adorno, Szondi sowie einen Vortrag über das Gewissen in Büchners Woyzeck und später dann ausgebootet durch Niklas Luhmann – als auf akademische Weihen gerichtet waren, allemal. Wir haben ihm also unseren »Germanisten-Fragebogen« zugesandt, unter dem Stichwort »Beitrag zur Studienabbruchsfolgenforschung« haben wir ihn ausgefüllt von Herrn Kaube zurückerhalten. Und unsere hohen Erwartungen sehen wir – (nicht nur) empirisch betrachtet – ganz und gar erfüllt!

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Jürgen Kaube:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? Germanistik war mein erstes Nebenfach in einem nicht abgeschlossenen, sondern nach sechs Semestern abgebrochenen geisteswissenschaftlichen Studium an der Freien Universität Berlin, das ich 1983 begonnen hatte. Abgeschlossen habe ich das Studium der Wirtschaftswissenschaften mit dem Volkswirtschafts-Diplom und die Zeit an der Universität in Bielefeld als Assistent in der Soziologie.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Der Deutschunterricht und Lektüren während der Schulzeit in den späten siebziger Jahren, ästhetische Theoriediskussionen, die damals geführt wurden, Adorno- und Szondi-Eindrücke also, der Wahlverwandtschaften-Essay und solche Dinge. Beeindruckt hatte mich ein Vortrag über das Gewissen im Woyzeck von Hans-Dieter Kittsteiner und Helmuth Lethen 1981 beim Gründungssymposion der Georg-Büchner-Gesellschaft in Darmstadt, wo ich gerade Abitur machte.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? Was die Germanistik angeht, zu gar keinem, siehe oben. Insofern waren Seminararbeiten das abschließende Wort, über Goethes Iphigenie als Oper, darüber ob Kleists Novellen eine Vorform von Detektivgeschichten sind, sowie über die Frage, ob George oder Kraus Shakespeares Sonette besser übersetzt hat. Als Volkswirt habe ich die Diplomarbeit über »Ökonomie universitärer Forschung« geschrieben.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? So weit ich mich erinnere dazu, dass Universitäten keinesfalls typische Dienstleistungs-Firmen sind, sondern eher wie eine Mischung aus Genossenschaften, Anwaltskanzleien und Symphonieorchester funktionieren.
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? In der Germanistik fand ich damals, Mitte der achtziger Jahre, niemanden, den ich besonders bevorzugt hätte. In meiner ersten Seminarstunde überhaupt verwechselte der Professor Jamben und Trochäen. Eine gute Vorlesung hielt Joachim Wohlleben über den Faust; die machte aus, dass er den Text kannte und mochte. Viel gehört habe ich bei dem Philosophen Jacob Taubes, und später erfuhr ich dann eben, dass es Niklas Luhmann gibt.
  6. Was war / ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Buch: Flegeljahre und Der Titan – Autor: Jean Paul / -in: Jane Austen – Epoche: Die Austen- und Paul-Zeit – Lieblingsgattung: keine.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Praktika: keine. Die erste berufliche Erfahrung außerhalb der Universität war die Tätigkeit für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und vorher eine kurze Zeit als freier Journalist.
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Durch glückliche Zufälle, Bekanntschaften, unvorhersehbare Begegnungen. So bin ich zur Volkswirtschaft und zur Soziologie gekommen, so auch nach Bielefeld und so zur Zeitung: Ich hatte einmal etwas eingeschickt, Henning Ritter nahm es an, und dann wurde langsam mehr daraus. Journalist werden wollte ich aber erst sehr spät, kurz bevor ich es wurde.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Ja, es nützt, mehr als ein Fach studiert und jahrelang gelesen zu haben. Das Studium begünstigt außerdem ein Gefühl für interessante Wissenschaft, gute und schwache Argumente, Techniken der Bibliotheks- und Registerbenutzung.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? (a) Ja, wenn ich wüsste, was ich jetzt weiß: dass es in diesem Fach noch viel Interessantes zu tun gibt. Aus der Soziologie kommend erscheint mir das ganze Verhältnis zwischen hermeneutischer, philologischer und empirischer Orientierung noch offen. Ich bewundere sehr den Literaturwissenschaftler Franco Moretti aus Stanford für seine empirische Gattungsanalyse, oder das Buch von Lennart Davis über »Factual Fictions«, also die Referenz auf Realität in der frühen Romankunst der Engländer. In dieser Art gibt es hundert germanistische Forschungsthemen, die noch nicht untersucht worden sind. Und es gibt viele Anregungen aus anderen Disziplinen (etwa Ideen- und Kunstgeschichte, Evolutionstheorie, Linguistik, Konversationsanalyse), die noch unausgeschöpft sind, diesseits des ebenso naiven wie fruchtlosen Klassiker-Imports, dem die Germanisten oft in Gestalt einer Warburg-, Derribarthfoucault- oder Luhmann-Germanistik anhängen. Ob und wo man jemanden findet, der solche Fragen untersuchen möchte, ist eine andere Frage. (b) Nein, denn man muss Germanistik nicht studieren, das meiste oder jedenfalls vieles kann man sich auch so beibringen, und ich finde die Zeit an der Universität zu schade, um mit Leuten, von denen sich viele nicht für das Fach interessieren, und angeleitet durch Leute, von denen die meisten keine Fragen, sondern nur Themen und Textkenntnisse haben, darüber zu diskutieren, was Rilke mitteilen wollte und auf wen Thomas Mann anspielte, als er einmal gerade nicht auf sich selbst anspielte.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Viele, naturgemäß vor allem im Literatur-Ressort. Als im engeren Sinne Nicht- oder nur Randgeisteswissenschaftler ist man im Feuilleton in der Minderheit. Und selbstverständlich werden ab und zu, wenngleich nicht händeringend, denn es gibt sie ja, auch neue Leute gesucht.
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Interessante Fragen kann man nicht an Kollektive, sondern nur konkreten Personen stellen, von denen man etwas weiß. Rat hingegen lässt sich allgemein erteilen: Lesen ist eine gute Methode; die andere: in eigenen Sätzen fremde Gedanken zusammenfassen und das, was man gelesen hat; eine dritte: nicht themenorientiert, sondern problemorientiert studieren, also nicht »über« Heideggers Hölderlindeutung, oder die Natursymbolik beim späten Mörike oder die Körperinszenierungen im Barock »arbeiten«, sondern sich fragen, was eigentlich die Frage ist, wo ein lohnendes Problem liegt und wie seine Lösung aussehen könnte. Lassen würde ich die Teilnahme an Tagungen, das Anbeten von Klassikern, vor allem aber das Bemühen um einen bedeutsamen Stil, also die Nachahmung von Walter Benjamin oder französischer Vieldeutigkeitsvirtuosen.

 

Jürgen Kaube (Foto: © privat)Jürgen Kaube, geboren 1962 in Worms am Rhein; Studium an der Freien Universität Berlin, danach Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der Universität Bielefeld. Seit 1999 Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dort zuständig für Wissenschafts- und Bildungspolitik, für die Seiten »Forschung und Lehre« und seit Juli 2008 auch für die »Geisteswissenschaften«. Lehrt an der Universität Luzern Soziologie und lebt in Berlin, ist verheiratet und hat drei Kinder. Zuletzt erschien: Otto Normalabweicher. Der Aufstieg der Minderheiten (Verlag zu Klampen, 2007).

Foto: © privat

 

In unserer Serie Germanisten im Beruf haben seit 2006 bereits mehr als zwei Dutzend ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten Auskunft über ihren Werdegang und den Nutzen ihres Studiums gegeben; der Reihe nach: Martin Sonneborn (Titanic-Redakteur) – Jan Sting (freiberuflicher Journalist) – Axel Joerss (Journalist und Fotograf) – Christine Henschel (Wissenschaftslektorin) – Nikola Richter (Schriftstellerin und Journalistin) – Burkhard Spinnen (Schriftsteller) – Kathrin Passig (Autorin und Geschäftsführerin der »Zentralen Intelligenz Agentur«) – Adam Soboczynski (ZEIT-Redakteur) – Cornelia Schu (wiss. Referentin beim Wissenschaftsrat) – David Eisermann (Kulturjournalist und WDR-Radiomoderator) – Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und – seit Frühjahr 2007 – Professorin an der FH Düsseldorf) – Carla Christiany (Deutschlektorin an der Università di Bologna) – Christoph Wenzel (Mitbegründer und -herausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) – Christian Eichner (promovierter Rechtsanwalt und Germanistik-Habilitand) – Olaf Kutzmutz (Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel) – Andreas Wilink (Mitbegründer, -herausgeber und leitender Redakteur des Magazins K.WEST – das Feuilleton für NRW) – Tilman Krause (Literaturkritiker und leitender Literatur-Redakteur bei der Welt) – Andrea Vetsch (TV-Moderatorin im Schweizer Fernsehen) – Axel von Ernst (Schriftsteller und Verleger) – Bernd Draser (freiberuflicher Dozent) – Yvonne Büdenhölzer (Dramaturgin) – Reiner-Ernst Ohle (Theaterreferent) – Antje Schnadwinkel (Lektorin) – Maxim Hofmann (Kabarettist) – Sandra Heinrici (Organisationsassistentin der Biennale Bonn 2008) – Nicole Maus (PR-Beauftragte des Goethe-Instituts London) – Marius Kursawe (Unternehmensberater) – Barbara Wermann (Lektoratsassistentin) – Volker Oppmann (Verleger). – Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Bei Deutschlandradio Kultur

Bei Deutschlandradio Kultur präsentierte Jürgen Kaube heute (es war genau 10.33 Uhr) ein Buch, das sein Postulat nach problemorientierter statt themenorientierter literaturwissenschaftlicher Forschung erfüllt und daher offenkundig ebenso den Literaturwissenschaftler als auch den empirischen Sozialforscher in ihm begeistert: "Die Vermessung der Literatur" von Franco Moretti, auf den er ja auch in unserem Fragebogen verweist.
Kaube schreibt zu dem Buch: "In seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Aufsatzband 'Kurven, Karten, Stammbäume' führt Moretti vor, wie viel man bei solchen Problemen weiterkommt, wenn man sich als Literaturwissenschaftler für formale Modelle und Zahlen zu interessieren vermag." In der Sendung spricht Kaube gar von einem "Befreiungsschlag für die Literaturwissenschaft." Das Fazit in seiner Besprechung zu Morettis Buch: "Nicht die Schwärmer, so liest man zwischen den Zeilen seines Buches, sondern die Empiriker werden unsere Kenntnis der Literatur vermehren."

 

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