»Theoretisch alles im Griff«

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Eva Geulen und Prof. Dr. Rainer Kolk

Für die »Erstis«, wie die Studienanfänger liebevoll genannt werden, ist der Schritt in die Universität etwas ganz besonderes: Nicht nur, dass man jetzt kein Schüler, sondern eben Student ist – auch sonst ist alles fremd, neu und aufregend. Doch dank des neuen Bachelor-Studiengangs gilt dies in diesem Wintersemester auch für die »alten Hasen«, die Studierenden höherer Fachsemester und auch die Dozentinnen und Dozenten und Professorinnen und Professoren. – Mit dem Kustos und der ehemaligen Geschäftsführenden Direktorin des Instituts für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Prof. Dr. Rainer Kolk und Prof. Dr. Eva Geulen, sprach die Kritische Ausgabe über Sorgen und Probleme, aber auch Chancen und Herausforderungen, die mit dem neuen Studiengang einhergehen ...

Für die »Erstis«, wie die Studienanfänger liebevoll genannt werden, ist der Schritt in die Universität etwas ganz besonderes: Nicht nur, dass man jetzt kein Schüler, sondern eben Student ist – auch sonst ist alles fremd, neu und aufregend. Doch dank des neuen Bachelor-Studiengangs gilt dies in diesem Wintersemester auch für die »alten Hasen«, die Studierenden höherer Fachsemester und auch die Dozentinnen und Dozenten und Professorinnen und Professoren. Mit dem Kustos und der ehemaligen Geschäftsführenden Direktorin des Instituts für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Prof. Dr. Rainer Kolk und Prof. Dr. Eva Geulen, sprach die Kritische Ausgabe über Sorgen und Probleme, aber auch Chancen und Herausforderungen, die mit dem neuen Studiengang einhergehen.

 

Rainer Kolk und Eva Geulen im Interview

 

K.A.: Das erste Semester wird sicher spannend werden – auch zu sehen, wie sich die doppelte Struktur aus BA- und Magister-Studiengängen entwickelt und ob man sie so beibehalten kann. Momentan scheint die Verwirrung ja noch recht groß zu sein ... Eva Geulen: Alles im Griff! K.A.: Wirklich? Geulen: Abgesehen davon, dass wir nicht genau wissen, was jetzt passiert. Aber theoretisch ist alles im Griff. K.A.: Studierende aus höheren Semestern befürchten, dass peu à peu alles wegbröckeln wird, was für Magister gedacht war. Man denke nur an das Chaos bei der Abwicklung des Lehramts: dass Leute z.B. nach Köln fahren mussten, um dort Kurse zu belegen, die in Bonn nicht mehr angeboten werden konnten. Will man daraus bezüglich der Abwicklung des Magister-Studiengangs lernen? Welche Möglichkeiten bestehen überhaupt, um auf diese Entwicklung Einfluss zu nehmen? Geulen: Das ist eine Sorge, die wir in der Tat haben.

Zwischenprüfung: Anders als im Bachelor-Studiengang, wo bereits nach dem ersten Semester abschlussrelevante studienbegleitende Prüfungen stattfinden, müssen sich Magister-Studierende vor dem Eintritt ins Hauptstudium, das mit der Magisterprüfung abschließt, einer Zwischenprüfung (kurz »ZP« genannt) unterziehen.

 

Studiengebühren: Mitte dieses Jahres hat die Universität Bonn beschlossen, von ihren Studierenden so genannte »Studienbeiträge« in Höhe von 500 Euro pro Semester zu erheben. Für Studienanfänger gilt dies ab dem Wintersemester 2006/2007, für alle übrigen Studierenden ab dem folgenden Sommersemester. Über die Verteilung der Gelder an die einzelnen Fakultäten entscheiden paritätisch besetzte Kommissionen aus Studierenden und Lehrenden.

 

Tutorium und Mentorat: Tutorien sind Veranstaltungen, die begleitend zum regulären Lehrangebot aus Vorlesungen, Übungen und Seminaren angeboten werden. Unter der Leitung fortgeschrittener Studierender können hier Lehrinhalte geübt und vertieft und Probleme besprochen werden. – Mentorate sind demgegenüber Beratungsangebote von Lehrenden, die nicht an bestimmte Veranstaltungen gekoppelt sind.
 

 

 

 

Rainer Kolk: Wir geben im Grundstudium tatsächlich bestimmte Veranstaltungstypen auf. Jedes Semester bricht sozusagen ein Veranstaltungstyp weg, bis man dann am Ende bei der Zwischenprüfung angekommen ist, die 2009 aufhören wird. Und nach der jetzigen Übergangsfrist ist irgendwann tatsächlich mit bestimmten Veranstaltungen und Prüfungstypen Schluss. Beim zweiten Punkt geben uns, glaube ich, die Studiengebühren dann auch noch eine Möglichkeit. Ich verfolge keineswegs die Idee, dass wir diese Gelder nur für den Bachelor verwenden werden. Jetzt im Winter tun wir das deswegen, weil nur die Bachelor-Erstsemester zahlen, da, denke ich, ist es korrekt, wenn man sagt, die sollen was für ihr Geld kriegen. Aber wenn alle Studierenden zahlen, dann müssen auch alle Studierenden was davon haben. Das heißt, ich würde dann in der Studiengelder-Kommission vorschlagen, dass wir auch für den Magister-Studiengang etwas tun. Ob das fürs Grundstudium ist oder fürs Hauptstudium: Für den Magister-Studiengang etwas zu tun, halte ich für selbstverständlich. Und dann würde mich natürlich schon interessieren, was eben auch die Studierenden meinen: was man denn außer der Betreuung durch Personen, also Tutorienprogramme oder vielleicht zusätzliche Lehrangebote, noch tun kann. Ist es zum Beispiel sinnvoll, etwas für die Bibliothek zu tun? Ein Kritikpunkt, den ich immer mal wieder gehört habe, ist, dass wir da keine Notebooks und zu wenige Rechner haben, es gibt zu wenig Anschlüsse und, und, und. Wenn man die technischen Voraussetzungen verbessern würde, wären auch die Leute wieder mehr in der Bibliothek. Eine Verbesserung der Lehre ist doch auch, wenn man etwas für diese Art von Infrastruktur tut. Das muss sich die Kommission einfach mal überlegen. Ich glaube, es müssen nicht nur Tutorienprogramme sein oder – zum Beispiel – zusätzliche Angebote im Hauptstudium für den Magister-Studiengang, sondern das muss schon ein bisschen breiter sein. Sicherlich nicht Bücherkauf, das nicht. Aber das, was eben Infrastruktur im Institut betrifft, sollte man auch mit im Kopf behalten, denke ich.

K.A.: Die Studierenden haben also ein Mitspracherecht, was die Verwendung der Studiengelder angeht? Kolk: Allerdings! Die Kommissionen zur Verteilung der Studiengelder sind zu fünfzig Prozent studentisch besetzt. Da sollten die Studierenden wirklich auch die Möglichkeit wahrnehmen, ihre Interessen zu vertreten. Ich glaube nicht, dass wir da zu Kampfabstimmungen kommen – darum geht es mir nicht. Aber darum, dass einfach auch klargestellt wird: Das sind die Interessen der Studierenden. Geulen: Ja, auch: Was wollen die? Man muss sich jetzt angesichts der Erfahrungen sofort überlegen, wie man die Gelder in den Studiengängen sinnvoll einsetzen kann. Und da sind die Studierenden natürlich gefordert, weil sie am besten wissen, was ihnen fehlt. K.A.: Dass Tutorien wieder eingeführt werden, ist aber schon beschlossene Sache? Geulen: Ja, die wird es mit Sicherheit geben. Außerdem wäre die Beratung ausländischer Studierender ein Punkt, wo man Gelder investieren könnte. Aber dafür gibt es jetzt eine Kommission in der Philosophischen Fakultät, die die Betreuung der ausländischen Studierenden von Grund auf zentralisieren möchte – einschließlich Sprachunterricht. Abgesehen von den Tutorien haben wir auch über Mentorate nachgedacht, also eine Beratung, die nicht unmittelbar an eine Lehrveranstaltung gekoppelt ist. K.A.: Haben Sie sich denn eigentlich im Zuge dieser ganzen Planung auch mal mit anderen Universitäten in Verbindung gesetzt, um Erfahrungen einzuholen, wie es dort mit der Umstellung auf die neuen Studiengänge gelaufen ist?

Modul: Das Bachelor-Studium setzt sich aus verschiedenen Modulen zusammen, d.h. Lehrveranstaltungen, die sich systematisch aufeinander beziehen. In Bonn gibt es im ersten Studienjahr neben dem Studienportal, das gewissermaßen als Einführungsmodul fungiert, die Basismodule, die die fachlichen Grundlagen für das weitere Studium vermitteln. Ab dem dritten Semester werden diese dann durch sogenannte Vertiefungsmodule, ein Optionalmodul aus dem Lehrangebot der Philosophischen Fakultät und ein Praxismodul ergänzt.
 

Kolk: Ich habe selbst in Bochum zwei Semester in modularisierten Studiengängen unterrichtet. Das war allerdings ein erheblich pragmatischer angelegter BA/MA. Der große Unterschied zur Bonner Konzeption scheint mir zu sein, dass wir für jedes Modul, also diesen Verbund von Lehrveranstaltungen, eine Abschlussprüfung haben. Das war in Bochum nicht so. Dort gab es, wenn man so will, ein additives Prinzip: Es gab einen großen Schein, da stand oben »Modul« drauf, dann kamen drei Einzelbescheinigungen aus drei Lehrveranstaltungen und unten stand eine daraus ermittelte Gesamtnote. Das vereinfacht die Sache natürlich. Der Schein ging sozusagen von einem Lehrenden zum nächsten, jeder machte seine Unterschrift, einmal für eine mündliche Prüfung, dann für eine schriftliche Hausarbeit, und das dritte war ein Teilnahmeschein. Wir haben aber Abschlussprüfungen mit einem Aufwand wie mindestens in der Zwischenprüfung, wenn nicht wie im Staatsexamen oder im Magister. Das heißt, diese Sache wird sich erheblich komplizieren, was die Vorbereitung und auch was jeweils die juristischen Implikationen angeht. Insofern sind so manche Erfahrungen nicht direkt übertragbar.

Geulen: Wir standen unter dem Druck der Vorgaben, nach denen jedes Modul eine Modulprüfung haben muss und jede Veranstaltung mindestens eine haben soll. Wenn jetzt das erste Semester angelaufen ist und dabei Schwierigkeiten entstehen und Erfahrungswerte ansagen, dass das so von der Logistik her einfach nicht geht, müssen wir gucken, ob wir da nicht andere Möglichkeiten schaffen. An anderen Universitäten wird das ja auch sofort korrigiert. Aber ich glaube, das sind Sachen, die man nur entscheiden kann, nachdem die Studiengänge angelaufen sind und wir unsere Erfahrungen und die ersten Studierenden ihre Erfahrungen gemacht haben. K.A.: Das heißt aber, die Möglichkeit, entsprechende Korrekturen vorzunehmen, besteht auf jeden Fall? Geulen: Ganz klar. Wenn das nicht funktioniert, dann müssen wir uns zusammensetzen. Kolk: Also, normalerweise sind die Evaluationsschritte ja auf fünf Jahre angelegt. Geulen: Aber dass man zwischendurch dann ad hoc umstellt ... Kolk: Ja, das muss auch möglich sein! Ich denke, es werden uns auch die Studierenden selbst noch den einen oder anderen Hinweis darauf geben – so sie es denn erleiden –, was es an formalen und an Strukturproblemen gibt. Ich kann nur immer wieder sagen: Wir wollen versuchen, das alles gemeinsam zu regeln. Geulen: Was uns wirklich Sorgen macht, ist der logistische Aufwand bei den Prüfungen, weniger die Inhalte. Kolk: Eines noch: In der Öffentlichkeit entsteht oft der Eindruck, die Magister-Studierenden seien die Verlierer der Reform. Das muss keineswegs so sein. Es gibt von anderen Universitäten durchaus die Rückmeldung, dass die Bachelor-Leute sich benachteiligt fühlen, weil sie stark verschult studieren, während die Magisterleute frei ihren Interessen frönen könnten. Der Bachelor erscheint plötzlich als »Light-Version« und der Magister als das erheblich angesehenere, etabliertere, weil ja auch länger dauernde Studium mit dem größeren Aufwand. Es gibt sehr wohl auch die Variante, dass Bachelor-Leute versuchen, nach ein, zwei Semestern in den Magister-Studiengang zu wechseln – was bei uns allerdings nicht gehen wird. Nicht immer erscheint also der Magister-Studiengang nur als der alte und obsolete und der Bachelor als der zukunftsoffene, der Studiengang des 21. Jahrhunderts.

»Unter gar keinen Umständen wird ein Studiengang hängen gelassen!«

K.A.: Der Wechsel von Magister auf Bachelor wird aber möglich sein? Geulen: Nein.

Credit Points: Der Begriff der Credit Points stammt aus den internationalen akademischen Austauschprogrammen und bezeichnet ein Punktesystem, nach dem einzelne Studienleistungen nach einem einheitlich bewertet werden können. Für den Bachelor-Studiengang hat man dieses Prinzip in Form von Leistungspunkten übernommen; der Magisterstudiengang kannte selbiges noch nicht.
 

Kolk: Jedenfalls nicht über eine Anerkennung der Studienleistungen. Man müsste sich im Moment als Magister-Studierender im zehnten Semester fürs erste Semester des Bachelor bewerben. Das liegt einfach daran, dass es wirklich zwei ganz unterschiedliche Studiengangstypen sind. So etwas wie eine Abschlussprüfung für bestimmte Veranstaltungen gibt es ja im Magister tatsächlich nicht, und vor allem gibt es diesen Verbund von Lehrveranstaltungen nicht – keine Module. Wie sollen wir das machen? Im Hauptstudium sozusagen zwei Hauptseminare und eine Literarische Übung als ein Modul? Wir vergeben da ja auch keine Credit Points. Deswegen gibt es da keine Kompatibilität.

Geulen: Mir ist auch nicht klar, warum jemand, der im Magister inzwischen bereits das Grundstudium hinter sich hat, jetzt noch hingehen und das für einen leicht höheren Abschluss mit sechs Semestern wiederholen sollte. Ich glaube nicht, dass das die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht. K.A.: Soweit bekannt, werden Magister-Studierende nicht ohne weiteres BA-Veranstaltungen besuchen dürfen ...

»E I« und »Synchronie«: Hinter diesen für Außenstehende etwas kryptischen Begriffen verbergen sich die beiden Lehrveranstaltungen, die für Magisterstudenten im ersten Semester obligatorisch sind bzw. waren. In voller Länge heißen sie »Einführung in das Studium der neueren deutschen Literaturwissenschaft I« und » Einführung in die synchrone Sprachwissenschaft anhand der deutschen Gegenwartssprache«.
 

Kolk: Für das Grundstudium erstelle ich gerade eine Analogliste: Die E I entspricht dem Studienportal, das jetzt für den Bachelor-Studiengang kommen wird, Synchronie bedeutet dann eine Übung in der Linguistik im Basismodul. Das gilt aber nur für das Grundstudium, weil da ja Pflichtscheine vorgegeben sind. Ich denke, fürs Hauptstudium stellt sich das Problem eigentlich noch nicht so dar, weil wir sicherlich auf Jahre hinaus selbstverständlich Hauptseminare haben werden. Es war gelegentlich schon mal etwas enger in den Hauptseminaren, deshalb müssen wir auch gucken, wie wir die Studiengelder hier sinnvoll für den Magister-Studiengang einsetzen können, also zum Beispiel zusätzliches Personal einsetzen.

Geulen: Aber dass plötzlich nur noch zwei Hauptseminare angeboten werden, das gibt es natürlich nicht. Wir haben wohl überlegt und gesagt, dass unter gar keinen Umständen ein Studiengang – wie es ja offenbar die Sorge ist – hängen gelassen wird. Studiengelder können so eingesetzt werden, dass alte und neue Studiengänge gleichermaßen profitieren. Kolk: Dass man Vorlesungen im Bachelor-Studiengang auch für Magister-Studierende öffnet, finde ich relativ problemlos, wenn es der Raum zulässt. Wir haben ja auch kleinere Hörsäle mit nur 120 Plätzen, die nicht sämtliche Bachelor-Studenten plus interessierte Magister-Studierende aufnehmen können. Das muss dann schon Hörsaal I, IX, XVII oder etwas in der Größenordnung sein, und die sind natürlich durch die zunehmende Zahl der Veranstaltungen auch immer stärker ausgebucht. Jetzt, im ersten Jahr, geht’s noch, aber die Zahl wird ja immer weiter steigen. Im zweiten, dritten Studienjahr gibt es dann sehr viele Pflichtveranstaltungen – plus solche für den Master –, das heißt, der Student kann nicht mehr, wie beim Magister, nach zwei Wochen sagen: »Das geht nicht. Ich sitze immer auf der Treppe, ich lass es gut sein und komm nächstes Semester.« Das funktioniert natürlich in den neuen Studiengängen nicht mehr, weil es Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht sind. Ob man diese Art von Liberalisierung – »wenn Sie sitzen können, nehmen Sie herzlich gerne teil« – durchhält, wird man sehen müssen. Ich wäre bei Vorlesungen auf jeden Fall dafür. K.A.: Mit den Studiengebühren ist ja auch eine rechtliche Verpflichtung verbunden. Kolk: Deswegen sollten wir gucken, dass wirklich die Verbesserung der Lehre, die jetzt immer auf den Fahnen steht, auch ernstgenommen wird – und ich hoffe, an uns wird es nicht scheitern.

Major- und Minor-Bereich: Die beiden Bezeichnungen meinen dasselbe wie Kern- und Begleitfach, was sinngemäß Haupt- und Nebenfach im Magisterstudiengang entspricht.
 

K.A.: Wie viele von den 1500 Bewerbern können denn angenommen werden?

Geulen: Im Major- und Minor-Bereich zusammen 240. K.A.: Also erfolgt die Auswahl per NC? Geulen: Ja, und wir hoffen auch, dass es dabei bleibt. Und dass nicht irgendwelche bösen Überraschungen auftauchen. Denn 240 Leute, das wird schon allein wegen der Raumfrage schwierig. Kolk: 190 sind es im Kernfach und zwischen 40 und 50 im sogenannten Begleitfach – pro Studienjahr, muss man dazu sagen. Es kommen ja nur noch einmal im Jahr Erstsemester. Das bedeutet eine drastische Reduzierung unserer Erstsemesterzahlen. K.A.: Widerspricht das nicht eigentlich dem allfälligen Wunsch, die Zahl der Studierenden und der Absolventen zu steigern? Kolk: Ja. Die Wissenschaftspolitik fordert, dass zwischen 40 und 50 Prozent aller Abiturienten an die Unis gehen sollen – finnische Verhältnisse, sozusagen. Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Jahren entwickeln wird. Dieser Trend, den wir im Moment in Bonn haben und der uns von den Akkreditierungsagenturen ja so vorgeschrieben wurde, ist keiner, der zur offiziellen wissenschaftspolitischen Aussage passt. Geulen: Denn natürlich macht es uns Sorgen, dass die Politik vielleicht sagen wird: »Wir haben versprochen, dass kein Studienplatz verloren gehen soll – im Gegenteil.« Wenn man vergleicht, wie viele Erstsemester wir sonst im Jahr hatten und wie viele wir jetzt haben, dann ist das bedenklich. Auf der anderen Seite bin ich froh – und zwar nicht aus politischen, sondern aus internen Gründen –, dass es nicht mehr sind. Denn mehr können wir weder von den Räumen noch von der Lehrkapazität und von der Prüfungsbelastung der Dozenten her leisten. K.A.: Gibt es denn schon Gedanken zur Übergangsquote zwischen Bachelor und Master? Haben Sie sich schon überlegt, wie das geregelt werden soll? Geulen: Das ist im Ministerium gerade aufs heftigste debattiert worden, da kursierten die absurdesten Zahlen. Die Universität Bonn hat natürlich ein Interesse daran, diesen Einstieg relativ leicht zu machen – aus Gründen, die mit ihrem Profil zusammenhängen: Wir sind eine international kooperierende Forschungsuniversität. Ich glaube, da müssen wir abwarten. Es gibt also keine festen Regelungen, es gibt immer mal wieder Zahlen und Prozentsätze, aber wir können es noch nicht absehen. Und nicht nur auf den MA haben wir natürlich ein Auge, sondern auch auf den geplanten Promotionsstudiengang. K.A.: Wird der Abschluss dann, analog zu Bachelor und Master, »PhD« lauten oder ist das dann ein ganz normaler »Doktor«? Geulen: Also, ich nehme mal an, dass der schon noch Doktor heißen wird. (lacht) PhD-Programm wird eben übersetzt als Promotionsstudiengang. Und ehrlich gesagt, finde ich das eine prima Idee, dass man Promovenden nicht einfach sich selbst überlässt, sondern den Prozess in einen Studiengang integriert. Kolk: Also, die Quoten für Bachelor/Master sind noch umstritten und ich nehme an, innerhalb der nächsten drei Jahre wird sich da auch wissenschaftspolitisch noch das ein oder andere tun. Wir haben in der Masterprüfungsordnung sogenannte studiengangsspezifische Bestimmungen, das heißt, es gibt bestimmte Voraussetzungen, die ganz unabhängig von solchen Quoten erfüllt sein müssen. Das ist zum einen ein Examen besser als 2,5, zum anderen sind das bestimmte Sprachvoraussetzungen. Im Wesentlichen geht es dabei auch wieder um das berühmte Latinum: Wenn man es als Bachelor-Student noch nicht vom Gymnasium mitbringt, muss oder kann man es in einem sogenannten Optionalmodul der Fakultät nachmachen. Und das ist ja durchaus eine ernsthafte Herausforderung. Dafür bekommt man natürlich auch Leistungspunkte gutgeschrieben, aber man muss es eben schon machen. Und alle Magister-Studierenden, die das haben machen müssen, berichten davon, dass es mit großem Aufwand verbunden ist. K.A.: Aber »optional« bedeutet demnach schon, dass es fest in den Studiengang integriert ist? Kolk: Ja. Sie bekommen Punkte dafür. Nicht zusätzlich – sozusagen nach Feierabend –, sondern es gehört zum Studiengang dazu. Geulen: Allerdings wird man sich in den neuen Studiengängen von der Vorstellung verabschieden müssen, dass man das Latinum mal eben so nebenher machen kann. Denn wenn man im Studienportal schon drei Vorlesungen besucht und dann zusätzlich noch Übungen dazu, wird es ein bisschen schwierig. Aber es wird angeboten, und ich glaube, das ist wichtig und auch richtig so. Wer Mittelhochdeutsch im MA machen will, der kommt nicht ohne Latein aus, das ist klar.

»Workload«, »Dead Week« und der Verlust einer gewissen Liberalität

Rainer KolkK.A.: Wir haben den Workload für die Bachelor-Studenten einmal ausgerechnet: Dabei kommt man auf etwa 60 Arbeitsstunden pro Woche. Geulen: Aber mit Vor- und Nachbereitung! K.A.: Trotzdem ist das ja enorm viel. Kolk: Diese Zahl gilt wohl nicht für das ganze Semester, sondern nur für die Vorlesungszeit. Die Workload-Berechnungen beziehen sich allerdings immer auf Studienjahre, das heißt einschließlich Urlaub und Feiertagen. Da reduziert sich der Workload dann tatsächlich auf die – für den Arbeitnehmer – normalen 38 bis 40 Stunden. Geulen: Dabei muss man aber natürlich auch überlegen, dass man bisher manche Hausarbeiten in die Semesterferien hineinziehen konnte. Wenn nun der Prüfungsmodus in so vielen Veranstaltungen eine Klausur ist, fällt das natürlich weg. Dadurch hat man wiederum mehr freie Zeit in den Semesterferien. Aber dafür geht es dann während der Vorlesungszeit wirklich hart zur Sache. Obwohl: Ich glaube, wenn man von Anfang an weiß, dass die Uhr läuft und die Sachen zählen, kann das wirklich auch ein Motivationsfaktor sein, den wir nicht unterschätzen sollten. K.A.: Und wie wird das dann praktisch umgesetzt? Muss man sich das so vorstellen, dass es dann eine Woche gibt, in der die Studenten jeden Tag eine Klausur schreiben? Kolk: Im Prinzip müssen wir für jede Modulprüfung zwei Termine vorsehen, wie bei der Zwischenprüfung bisher: einer also direkt nach der letzten Vorlesungswoche des Semesters und einer kurz vor Semesterbeginn. Jetzt ist die Frage, was heißt dieses »kurz vor«? Kurz vor der Vorlesungszeit wird ja wohl gemeint sein, also entweder wie bei der Zwischenprüfung tatsächlich in der Woche vor dem Beginn des nächsten Semesters oder, weil das auch wieder ein Raumproblem geben wird – die Universität vergibt ja immer mehr Räume auch an Externe für große Konferenzen und so weiter –, wir gehen in die erste Woche des neuen Semesters, weil da ja wegen der Infoveranstaltungen für Erstsemester etliche reguläre Veranstaltungen noch gar nicht stattfinden. Geulen: In den USA gibt es die sogenannte »Dead Week«. Das ist am Ende jedes Semesters, bevor die richtigen Ferien losgehen, da finden keine Veranstaltungen mehr statt, aber alle schreiben Klausuren. Kolk: Bei unserem Magister-Studiengang ist es da erheblich liberaler, denn man kann sich ja immer zur Magisterprüfung melden. Auch diese Liberalität geht im Bachelor-Studiengang zunächst mal verloren. K.A.: Wobei es ja auch von Vorteil sein kann, dass man einen rigiden Studienplan hat und den Abschluss nicht, wie es viele heute tun, vor sich herschiebt. Geulen: Ja, dem wird mit Sicherheit abgeholfen werden. Das war ja auch ein Wunsch von vielen Studierenden, vor allem in den Geisteswissenschaften, die sagten, sie hätten es gerne etwas durchorganisierter. Aber man wird sich überlegen müssen, was das für didaktische Implikationen mit sich bringt. Das Studienportal zum Beispiel: Ich glaube nicht, dass man sich als Dozent wie beim alten Typus Vorlesung vorne hinstellen wird. Das wird nicht mehr gehen, weil es so viele Plenumsveranstaltungen geben wird. Wer soll denn da noch zuhören können? Also, ich könnte das nicht. Da muss man also bei der Darstellung experimentieren. Kolk: Ja, und auch das Vor- und Nacharbeiten von Vorlesungen wird für die Studierenden zwangsläufig entfallen müssen. Es gibt nur noch die Prüfungsvorbereitung. Entsprechend muss in den Studienportalen und in den Basismodulen drei bis vier Wochen vorher gesagt werden, dass das jetzt der Prüfungsstoff ist, der in den Klausuren drankommen wird. Und darauf kann sich dann der einzelne Studierende vorbereiten. Aber man kann nicht verlangen, dass Vorlesungen im traditionellen Verständnis vor- und nachgearbeitet werden. Geulen: Bei den Einführungsveranstaltungen für Erstsemester, die wir bislang gemacht haben, war der Standardsatz: »Dieses Studium ist zu weiten Teilen ein Selbststudium.« Das ist es beim BA nur bedingt, jedenfalls kann man das bei der Belastung nicht mehr verlangen. Ich glaube aber auch, dass sich das einspielen wird – sowohl von der Dozentenseite, als auch vonseiten der Studierenden. Man wird sehen, wie flexibel man so etwas gestalten und wie man seine Studierenden auch dazu motivieren kann, dass sie doch noch mal in den »Wilhelm Meister« reingucken, auch wenn das nicht direkt Prüfungsstoff ist. Aber natürlich ist das für die Studierenden erst mal alles genauso neu wie für uns. Kolk: Andererseits kennen sie ja auch nichts anderes. Der Übergang zur Universität war ja schon immer durchaus auch eine biografische Zäsur. Insofern ist die Verwirrung sicher in Teilen auch nur die eines jeden Erstsemesters. Und ich hoffe, dass das Beratungsangebot dem entgegenkommt. Erfahrung kann man ja nur schlecht teilen: Weder die Fachschaft noch ältere Geschwister werden einem da helfen können. Aber dass die Beratung so ist, dass wir nach, sagen wir mal, drei Wochen so etwas wie Vertrautheit oder jedenfalls Verwirrungsminderung erzeugt haben werden. Dazu gehört auch, dass wir ein bisschen liberal sein müssen, was bestimmte Formalitäten angeht, also etwa die Anmeldung zu Veranstaltungen, was ja immer auch Anmeldung zur Prüfung der entsprechenden Veranstaltung heißt – das Juristische muss man ja jetzt immer mitbedenken. Man kann ja nicht einfach wegbleiben – dann wäre man automatisch durch die Prüfung gefallen –, sondern die Studierenden müssen eben immer bedenken, dass es eine Prüfungsanmeldung ist. Das erste, was die Studenten hier machen, ist, dass sie sich zur Bachelor-Prüfung anmelden, die sie erst in drei Jahren machen wollen. Warum? Weil alles prüfungsrelevant ist. Aber dass wir bei den Anmeldungen zu den Modulen, wo es Wahlmöglichkeiten gibt, in den ersten zwei bis drei Wochen gucken müssen: Da gibt es Korrekturwünsche, da gibt es Änderungen, da hat sich jemand einfach nur verschrieben – ich glaube, das ist eine Selbstverständlichkeit und wird auch jeder in der Fakultät so sehen. K.A.: Wie wird denn das Beratungsangebot für die Erstsemester konkret aussehen?

Glaskasten: Der sogenannte »Glaskasten« ist das Aufsichtshäuschen am Eingang zur Institutsbibliothek im 2. Obergeschoss. Er ist die erste Anlaufstelle, wenn man Formulare etwa zur Anerkennung von Studienleistungen, Informationen zum Studium und zum Lehrangebot oder einen Schlüssel für die Schließfächer im 3. Obergeschoss braucht. Außerdem ist am Glaskasten auch das jeweils aktuelle Heft der »Kritischen Ausgabe« erhältlich. ;-)
 

Kolk: Ich habe eine Broschüre erstellt, acht bis zehn Seiten, auf denen allgemeine Informationen stehen: Was ist das hier für eine Universität? Was ist das für ein Institut? Was muss ich machen im Bachelor? Davon wird es auch eine Kurzversion geben, die man am Glaskasten bekommen kann, und das Ganze kommt natürlich auch auf unsere Homepage. Die erste Woche ist zur Hälfte für Informationen reserviert, das heißt, am Montag, Dienstag und Mittwoch gibt es keine regulären Bachelor-Veranstaltungen. Diese drei Tage sind von der Fakultät für Informationsveranstaltungen gesperrt worden – also nicht nur für unsere, sondern auch für Psychologie, Geschichte, Philosophie und so weiter, damit eben auch der Nebenfachstudent – Begleitfachstudent, wie es jetzt treffend heißt – die Möglichkeit hat, sich zu informieren. Am Donnerstag und Freitag gibt es dann die Möglichkeit, sich in den Veranstaltungen beraten zu lassen, das heißt, wir haben die Kollegen gebeten, nicht sofort in den Lehrstoff einzusteigen, sondern fachliche Beratung anzubieten. Und dann finden in der Woche darauf, am Montag und Dienstag, die Anmeldungen zu den Modulen statt.

Geulen: Außerdem gibt es einen studentischen E-Mail-Verteiler, der ebenfalls zur Verbreitung von Informationen genutzt werden kann.

Profil: Nach dem ersten Studienjahr können die Bachelor-Studenten mithilfe der »Profile« einen Studienschwerpunkt nach den jeweils eigenen Interessen bilden. Zur Wahl stehen in Bonn das Profil Germanistik, das neben der Neueren deutschen Literaturwissenschaft auch die Mediävistik und die Linguistik umfasst, und die Profile Skandinavistik, Komparatistik und Kulturanthropologie/Volkskunde.
 

Kolk: Zuerst erhält man also schriftliche Informationen, dann kommt man in die erste Woche, dann schläft man noch mal drüber, dann kommt die zweite Woche, da meldet man sich an – und falls man dann merkt, dass man eine falsche Wahl getroffen hat, müssen wir versuchen, solche Anmeldungen, auch wenn sie schon im Prüfungsamt gelandet sein sollten, wirklich liberal zu handhaben. Es kann ja nicht sein, dass jemand, der nach vier Wochen den Eindruck hat, sich für den falschen Schwerpunkt, das falsche Profil – so heißt das ja bei uns – entschieden zu haben, damit verbindlich drei Jahre Studium strukturiert hat. Aber im Prinzip ist es ja im ersten Studienjahr so, dass die Wahlmöglichkeiten relativ gering sind. Das Studienportal – also diese Dreiheit von Vorlesungen – ist für alle verpflichtend, und dann kann man vier von fünf Basismodulen wählen. Eigentlich geht es nur darum, zu entscheiden: Welches nehme ich nicht? Und die anderen vier nehme ich dann.

Theorie und Praxis: Räumliche und zeitliche Logistik, Auslandssemester und Praktika

K.A.: Bislang gab es ja öfter mal das Problem, dass Veranstaltungen, besonders die Pflichtveranstaltungen, sich zeitlich miteinander überschnitten haben. Kolk: Also, ich habe mir da einen Plan erstellt, nach dem das alles funktionieren müsste. Nur wie das zu den Begleitfächern passt, das kann ich natürlich nicht abschätzen. Da Überschneidungsfreiheit herzustellen, muss also den Studierenden überlassen bleiben. Ob das ein Problem wird, das muss man sehen. Geulen: Theoretisch müsste es ja so sein, dass alle Veranstaltungen von der Philosophischen Fakultät unabhängig voneinander stattfinden können, so dass es gar keine Überschneidungen gibt. Aber selbst wenn man 24 Stunden unterrichtet, wäre das noch nicht zu schaffen. Und das ist, glaube ich, auch ein Erfahrungswert, zu sehen, mit welchen Fächern es Überschneidungen gibt und wie sich das beheben lässt. Was mir am meisten Sorgen macht, ist die Logistik der Räume. Kolk: Auch der Zeiten! Geulen: Ja, Räume und Zeiten! Kolk: Wenn wir sagen, wir stellen uns auf die Anglisten ein, wird sich herausstellen, dass es Überschneidungen mit den Historikern gibt. Es wird alle möglichen Kombinationen geben, die wir nie alle auf Anhieb werden zufrieden stellen können. Geulen: Solche Überschneidungsprobleme gibt es natürlich theoretisch immer, wenn ich ein Zweitfach studiere. Nur dass ich nicht ausweichen und sagen kann: »Okay, wenn ich das dort mache, mache ich hier eben eine andere Veranstaltung im Grundstudium.« So anders als beim Magister ist es aber auch nicht, denn da gab es auch Pflichtveranstaltungen in obligatorischer Folge: Im ersten Semester musste ich Synchronie und die E I belegen … Jetzt sind es eben mehr Veranstaltungen. Kolk: Und es sind alles Pflichtveranstaltungen. Man hat sich in der jeweiligen zur Prüfung angemeldet. K.A.: Der Bachelor wird ja auch immer damit propagiert, dass er die Studienzeit erheblich verkürzt. Der Bonner Magister-Studiengang liegt allerdings im Moment in den Rankings schon ziemlich weit vorne, was die Quote zur Regelstudienzeit angeht. – Ist es tatsächlich realistisch, dass durch Bachelor und Master die Studienzeit noch einmal drastisch reduziert wird? Geulen: Es bleibt ja gar nichts anderes übrig. Das ist so strukturiert. Man hat zwar die Möglichkeit, eine Prüfung zu wiederholen … Kolk: Das heißt, es wird jeweils zwei Ersatztermine geben. Man schreibt einmal und dann noch zweimal, wenn man beim ersten Mal durchgefallen ist. Geulen: … aber die Möglichkeit, zu sagen: »Ich mache eine Veranstaltung, bis ich dort einen Schein erwerbe«, die gibt es nicht mehr. Das heißt also, wenn ich jetzt beim ersten Mal nicht dabei bin und auch noch zwei Nachholtermine in den Sand gesetzt habe ... Kolk: Na, dann muss man sich, glaube ich, mal überlegen, ob das wirklich der richtige Studiengang ist. Das würde ich auch in der Beratung immer so sagen. Und das ist ja nun doch vielleicht ein Vorteil des Bachelor, dass relativ schnell vor Augen geführt wird, ob es das richtige Studium ist. Geulen: Ein großer Vorteil! Kolk: Nach einem Jahr hat man doch schon klarste Rückmeldung, denn man hat fünf Lehrveranstaltungen mit Prüfung abgeschlossen. Geulen: Und deshalb ist das BA-Studium auf drei Jahre und der MA auf zwei Jahre berechnet. Das geht gar nicht anders. Man muss das in diesem Zeitraum durchziehen – und damit schneller, als es der jetzigen Regelstudienzeit entspricht. K.A.: Wobei sich eine Frage aufdrängt: Sowohl Praktika als auch Auslandssemester werden den Studierenden dringend empfohlen. Das scheint aber doch in diesem recht strengen Muster nur schwer unterzubringen zu sein … Eva GeulenGeulen: Ja, das ist richtig. Das Praxismodul ist aber ja immerhin in den Studiengang integriert – also nicht einfach ein Praktikum zusätzlich zum Pensum. Und gerade weil wir großes Interesse daran haben, möglichst vielen Studierenden einen Auslandaufenthalt zu ermöglichen, haben wir überlegt, wie sich das am besten integrieren ließe. Theoretisch gilt natürlich, dass Sie von Edinburgh bis nach Lissabon Ihre Module studieren und die auch angerechnet bekommen können – theoretisch. Das ist auch, was ich an der Konzeption des Studienganges nicht begreife: Wie jemand die Illusion hegen konnte, dass allein dadurch, dass man alles BA nennt und Module produziert, schon die Kompatibilität der Gegenstände gegeben ist. Selbst in Amerika, wo es dieses System gibt, ist natürlich der BA von Harvard nicht zu vergleichen mit dem BA eines Community-Colleges. Das ist einfach so. Aber diese Anrechnungsmöglichkeit besteht, und wir werden gesondert Beratungskapazitäten einsetzen, um sicherzugehen, dass die Studierenden wirklich die Möglichkeit des Auslandsaufenthaltes haben. Deshalb haben wir ja auch diverse Programme: mit Edinburgh, mit Oxford, die Kontakte zu Florenz und Paris durch die internationalen Studiengänge – und im Augenblick gibt es, glaube ich, zumindest auf der MA-Ebene, die Überlegung zu einer Kooperation mit Wisconsin. Wir können ja die Studierenden nicht einfach in die Welt hinausschicken, sondern es müssen Unis da sein, mit denen man Kooperationen pflegt und auch persönliche Kontakte unterhält. Denn durch diese persönlichen Kontakte ist die Sache mit den Auslandssemestern wesentlich einfacher zu regeln. K.A.: Voraussetzung ist aber immer, dass man durch den Aufenthalt im Ausland keine Studienzeit verliert, sondern alle Module so belegt, wie man das in Deutschland hätte machen müssen. Geulen: Theoretisch ja. Da wird natürlich von uns eine gewisse Flexibilität gefordert. Aber man muss sehen, mit wem und mit welcher Universität man das macht. Vielleicht lässt sich dann auch vorhersagen, dass da immer dieses Seminar oder jenes Modul angeboten wird. Ich glaube, das kann man alles regeln, wenn der jeweilige Kontakt zu den Institutionen da ist. Kolk: Aber das macht auf ein Problem aufmerksam: Was es von Seiten der Wissenschaftspolitik gegeben hat, waren solche Normalitätsvorstellungen: Wenn es überall Leistungspunkte und Module gibt, dann müssen die kompatibel sein! Und nun müssen die Universitäten sozusagen die inhaltliche Präzisierung dieser formalen Vorgaben leisten. Das macht die Wissenschaftspolitik nicht – Argument: »Das wisst ihr ja vor Ort am besten!« Da entsteht Reibung, es gibt sozusagen einen Zielkonflikt. Effizienzsteigerung, Verkürzung der Studienzeit, Internationalisierung, das sind die formalen Vorgaben, aber was vor Ort damit gemacht werden kann – da entstehen dann die Probleme. Und dann darf es ja nicht nur an einem Ort so gemacht werden, sondern muss es in Aachen ebenso wie in Bonn und in Bonn ebenso wie in Wisconsin sein. Das ist die Theorie ... Geulen: Nehmen wir mal ein naheliegendes Beispiel: Das Studium der Germanistik in Bonn beruht auf mehreren Säulen. Nun wage ich zu behaupten, dass an den meisten Unis, wo BA/MA-Studiengänge angeboten werden, diese Säulen in dieser Vielfalt nicht existieren. Da kann man sich fragen, inwieweit das der Flexibilität zugute kommt. Auf der anderen Seite glaube ich, dass, wenn Studierende von einer Universität zu einer anderen wechseln wollen, sich die Universitäten schon irgendwie dazu bequemen werden müssen. Weil die Studierenden einklagen können, dass die größere Kompatibilität der europäischen Universitäten untereinander ein Grund für diese Studienreform gewesen ist. Vielleicht läuft das ja darauf hinaus. Die Politiker haben jetzt erst einmal die Strukturen geschaffen und hoffen dann, dass die Inhalte nachziehen – ist nicht so sinnvoll, aber ... Kolk: Ja, das wird in der Wissenschaftspolitik wohl getrennt gesehen: formale Vorgaben, die dann vor Ort präzisiert werden sollen. Es ist eben die Frage, ob es dadurch nicht zu Zielkonflikten kommen kann. Aber die Hochschullandschaft wird sich insofern verändern, als dass ja auch nicht mehr unbedingt jedes Institut in der Lage sein wird, einen Bachelor-Studiengang anzubieten, oder, wenn es das kann, auch einen Master-Studiengang anzubieten. Das hängt ja nicht nur von den Kapazitäten ab, sondern natürlich auch von wissenschaftspolitischen Vorgaben. Die Agenturen haben relativ strikte Vorgaben, die werden dann eben den einen oder anderen Antrag ablehnen – und dadurch kommt es dann zu einer Art Differenzierung in der Hochschullandschaft: Es gibt die Bachelor-Ausbildung, breit gestreut, und dann gibt es, wenn man so will, Zentren für die Master-Ausbildung. Kein Zweifel, das wird die Hochschullandschaft verändern. Das könnte sogar, wenn man die dritte Säule, den Promotionsstudiengang, noch mitbedenkt, zu einer Art Zweiklassengesellschaft führen. Es liegt ja nahe, nach dem Bachelor den Studienort noch mal zu wechseln – nach dem Master mit Blick auf die Promotion halte ich das schon eher für unwahrscheinlich. Da muss man schauen, ob es zu einer Zweiklassengesellschaft kommt: Die einen Unis, die das Komplettprogramm haben, und die anderen, die sozusagen in der Fläche ausbilden, aber jenseits des Bachelor kein Angebot mehr machen können. Geulen: Die Wissenschaftspolitik hat damit ja auch nicht hinterm Berg gehalten. Ein Ziel war natürlich die Differenzierung der Universitätslandschaft. Nur solange diese Bund-Länder-Kommission so zu Werke geht, wie sie im Augenblick zu Werke geht ... Kolk: Insofern wäre meine Befürchtung oder Vermutung, dass Mobilität zumindest im Bachelor erst einmal eingeschränkt wird. Ob man das wirklich machen will, im fünften Semester ins Ausland oder auch an eine andere deutsche Hochschule gehen, um dann quasi zu den abschließenden Klausuren wiederzukommen – das muss man sich, glaube ich, doch sehr überlegen.

 

Die Bonner Germanistik: Vorteil traditionsreicher Vielfalt

 

K.A.: In Deutschland und Europa vergleichbare Studiengänge und -abschlüsse zu schaffen, ist ja an sich schon ein schwieriges Unternehmen. Aber die Probleme beginnen ja schon im Kleinen. So sind etwa die Semesterzeiten allein in Deutschland sehr, sehr unterschiedlich geregelt.

Kolk: Das wird sich, glaube ich, auch nicht ändern – die Länder sind ja in ihren Kompetenzen im Hochschulbereich bestärkt worden. International wüsste ich nicht, dass da Absprachen getroffen werden, die Hochschulsysteme zu synchronisieren. Ja, das wird ein zusätzliches Problem sein.

Geulen: Man könnte aber auch argumentieren, dass man dadurch, dass der BA primär in Studienjahren gerechnet wird, vom Semester als Einheit wegkommen wird. Das macht die Sache zwar, was die Flexibilität angeht, nicht unbedingt einfacher. Aber dass da eine gewisse Annäherung möglich wird – nur, solange die Länder so bestärkt werden, ist da nichts zu machen. Ich wäre ja sowieso dafür, dass wir das ganze Semestersystem komplett ändern.

Kolk: In Trimester?

Geulen: Nein, nach amerikanischem Muster: Im September anfangen, durchmachen bis kurz vor Weihnachten und dann von Ende Januar bis Anfang Mai durcharbeiten. Dann ist Schluss, alle gehen nach Hause von Mai bis Anfang September. Auf die Weise bekämen alle mehr geschafft, alle! Denn diese sechs Wochen zwischen Winter- und Sommersemester mit dem ganzen Nachhang an Klausuren und so weiter, der sich bis März hinzieht, und dann hat man nur noch drei, vier Wochen, bis man schon wieder an die Vorbereitung des nächsten Semesters denken muss, das bringt doch nichts. Viel sinnvoller sind große Blöcke. Aber dazu wird es kaum kommen.

K.A.: Bonn gilt ja als Traditionsuniversität, und einzelne Fachbereiche versuchen auch, sich durch bestimmte Schwerpunktsetzungen zu profilieren. Ist das ein Ziel, das auch für die hiesige Germanistik angedacht ist? In welcher Art und Weise möchte man sich hier profilieren?

Geulen: Zunächst einmal haben wir ja einen neuen Namen: »Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft«. Und dabei handelt es sich natürlich nicht um den Sammelnamen für die Fächer, die unter diesem Dach versammelt sind, sondern er steht auch für einen programmatischen Anspruch. Ein Schwerpunkt, den wir im Rahmen der Kulturwissenschaft längerfristig setzen wollen, ist Medientheorie und Medienwissenschaft. Dazu gehört die Berufung der Kollegen Wetzel und Weingart.

Kolk: Man kann sich aber auch für das Gegenteil stark machen: Die Breite des Angebots scheint mir ein besonderes Kennzeichen unseres Instituts zu sein. Von der Skandinavistik bis zur Volkskunde – das muss man erst mal in einem Institut und in einem Studiengang haben! Ich bitte um Konkurrenzangebote! Man kann Dänisch lernen und man kann sich mit der Alltagskultur des 18. Jahrhunderts beschäftigen – im selben Studiengang! Man muss es aber nicht. Man kann seine Schwerpunkte wählen. Natürlich kann man Goethe und Medienwissenschaft und Walther von der Vogelweide auch noch machen – und Gegenwartssprache, Sprache der Werbung, Sprache der Jugend. Das finde ich ein relativ ambitioniertes aber eben auch ernstzunehmendes Angebot.

Geulen: Ja, genau! Man muss einerseits die Palette sehen, man muss andererseits aber auch sehen, dass es da sozusagen Schneisen hindurch gibt, die ein fächertranszendentes Moment konstituieren. Dazu würde dann eben die Medienwissenschaft gehören.

K.A.: Das heißt also, dass eine fundierte Ausbildung gewährleistet ist, und dass man am Ende mit Fug und Recht »Germanist« sein darf – oder wie auch immer der Abschluss jetzt genau lautet …

Geulen: BA, und der Abschluss lautet in der Tat auf … Kolk: Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft.

Geulen: Und dann gibt es zusätzlich die Möglichkeit der Profilbildung. Es geht ja nicht nur um Verschulen und Beschleunigen, sondern auch um den Erhalt der Fachbestände und der Wissensbestände, die damit zusammenhängen.

K.A.: Auch der thematischen Vielfalt?

Geulen: Auch der thematischen Vielfalt! Aber gestrafft. Ein großer Vorteil des Studienportals ist, dass es versucht, Wissen verschiedener Fächer zusammenzubringen. Da sind ja nun alle drin, egal, was sie als Profil wählen. Mit einem rein germanistischen Fachwissen kommt man also nicht weit. Und da ist die Gelegenheit im Studienportal genutzt worden, etwas breiter und auch mit Blick aufs Propädeutische Grundlagen zu schaffen. Diese Grundlagen werden ja auch von den Studierenden eingeklagt, die zum Beispiel sagen, dass sie in bestimmten Bereichen – zum Beispiel Bibelexegese – Defizite haben, die sie gerne beseitigen möchten. Diese Gratwanderung zwischen Erhalt des Fachwissens und Nachschieben der Basics ist nicht ganz einfach. Ich glaube aber, das ist mit dem Studienportal wirklich sinnvoll gelöst worden, weil alle Fächer daran beteiligt sind. Also kann ich nicht einfach meinen neugermanistischen Stiefel machen, sondern muss meinerseits ein bisschen über den Tellerrand gucken. Und das ist eine der großen Möglichkeiten, die dieser Studiengang bietet.

Kolk: Das ist ja auch ein Vorteil der traditionellen Bonner Ausrichtung: dass es relativ problemlos möglich ist, Module auch innerhalb der Philosophischen Fakultät auszutauschen. Das haben wir teilweise auch so verabredet – mit den Philosophen beispielsweise. Diese Art von interdisziplinärem Austausch kann hier tatsächlich relativ leicht und selbstverständlich gemacht werden. Wir haben also kein im engeren Sinne germanistisches Studium mehr, sondern es ist eines, das tatsächlich breit in der Kultur- und Medienwissenschaft angelegt ist. Und das hängt eben mit dieser Bonner Tradition zusammen, damit, dass es hier schon immer diese Vielfalt der Unterdisziplinen gegeben hat. Das erhöht natürlich auch den Koordinationsbedarf – wir haben ja eine ganze Reihe von Disziplinen, Theologie, Volkskunde, Germanistik und so weiter –, aber ich hoffe, dass sich das für die Studierenden tatsächlich auszahlt.

K.A.: Alles in allem klingt das ja sehr hoffnungsvoll!

Geulen: (lacht) Ja, jetzt zu jammern, wäre ja auch ganz falsch!

Kolk: Ich glaube, es ist ein Problem, dass Bachelor- und Master-Studiengängen in der Hochschullandschaft intern mit einer gewissen Reserve begegnet wird. Aber der größte Fehler, den wir machen könnten, wäre, unsere Skepsis, die ja teilweise auch berechtigt sein mag – Thema Verschulung – jetzt an die Erstsemester weiterzugeben. Das wäre völlig kontraproduktiv – für die Studierenden, aber auch für uns Lehrende!

Geulen: Ich meine, man muss vor allem die Chancen sehen. In den Studienportalen gibt es zum Beispiel den Nebeneffekt, dass Professoren und Dozenten des Mittelbaus zusammenarbeiten, eine Möglichkeit, mit der bisherigen rigiden Trennung – zum Beispiel, dass man keine Assistenten, obwohl sie bereits promoviert sind, im Hauptstudium einsetzen durfte – zu brechen. Gerade die Dozenten des Mittelbaus, die Assistenten, auch die Doktoranden sind ja teilweise viel näher an der aktuellen Forschung dran als manch anderer. Davon können wir jetzt alle profitieren. Und das finde ich großartig.

K.A.: Zumal durch die Einführung der neuen Studiengänge ja auch die Möglichkeit gegeben wird, noch einmal alles neu zu überdenken und sich selbst zu hinterfragen. Geulen: Ja, das ist vollkommen richtig. Es bietet die Chance zur Reflexion des eigenen Fachs. Auf der anderen Seite ist es aber natürlich auch so, dass man das Wissen, das hier an dieser Uni akkumuliert ist, nur erhalten kann, indem man es weitergibt. Betroffen sind hier vor allem die kleineren Fächer.

Kolk: Und das ist ein Problem, das die Hochschullandschaft in den nächsten Jahren bedenken muss: ob nicht die kleinen Fächer, die wir ja auch hier in Bonn in reicher Zahl an der Philosophischen Fakultät haben, die Verlierer der Bachelor-Studiengänge sein werden, weil sie nicht in der Lage sind, einen eigenen anzubieten, sondern sozusagen nur zuliefern, also Module für bestimmte, aber anders heißende Studiengänge stellen. Das wird zwar nicht für die Germanistik oder die Geschichte, aber für kleinere Fächer durchaus problematisch werden.

Geulen: Wobei die Hochschulrektorenkonferenz immerhin ein Bewusstsein dafür entwickelt und sich dieser Frage angenommen hat. Eine Möglichkeit, die vor allem hier im Rheinland funktioniert, ist, dass man versucht, kleinere Studiengänge an verschiedenen Unis miteinander zu kombinieren, also beispielsweise einen Austausch zu schaffen zwischen Köln, Bonn und Aachen. Bei anderen bietet es sich an, sie zu integrieren, weil sie so zumindest ihre Fachidentität erhalten können. Deswegen ist die Volkskunde bei uns – das hat lange Tradition. Aber ganzen Disziplinen das Wasser abzugraben, das wäre ein Desaster – das wäre forschungspolitischer Selbstmord.

 

Rainer Kolk und Eva Geulen im Interview

 

»BA/MA-Woche« vom 16. bis 21. Oktober in der K.A. plus! – Nähere Infos hier.


[...] Für die Redaktion der

[...] Für die Redaktion der Kritischen Ausgabe ist dies Anlass und Ansporn genug, die Umstellung der Studiengänge auf das Bachelor/Master-System zu beleuchten. Herausgekommen ist ein Themenschwerpunkt, der als »BA/MA-Woche« die erste Vorlesungswoche des Semesters in dem feinen Online-Magazin mit Berichten und Kommentaren begleiten soll. Bis zum 21.10. soll täglich ein Beitrag folgen… Abgelegt unter: downtown by — Mark @ 7:25 --> [...]

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!