»Wenn die Neugier eines Menschen geweckt ist, gibt es keine Grenzen irgendeiner Art.«

Ein Interview mit Dirk Wehner

Wer schreibt heute noch Fantasy? Dirk Wehner tut es und beeindruckte mit seinem Debutroman Pilgervater. Nun stellt er sich den Fragen der Kritischen Ausgabe im ausführlichen Interview.

Kritische Ausgabe: Der Buchmarkt ist übersättigt an Elfen, Zauberkindern und Rittergestalten. Wie kommt man auf die Idee, gerade heute einen Fantasyroman zu schreiben?

Dirk Wehner: Ich habe mich relativ früh in meiner Kindheit mit Fantasy und Sci-Fi-Literatur, entsprechenden Filmen, Spielen und so weiter beschäftigt. Diese Inspiration führte zu harmlosen Kurzgeschichten, die in fremden Welten spielten. Auch die Idee zu Pilgervater begann als solche – nur, dass ich spürte, dass da mehr drin steckte.

K.A.: Hätte die Geschichte nicht auch in einem anderen Genre funktioniert?

Wehner: Das ist natürlich eine berechtigte Frage und gleichzeitig auch der Grund, warum Pilgervater entstanden ist. Bis auf wenige Ausnahmen laufen die meisten Fantasy-Geschichten nach demselben Schema ab: Ein junger, idealistischer Held erfüllt sein Schicksal und trifft dabei auf die üblichen Sagengestalten. Ich will das nicht schlecht reden, das ist ein gutes und bewährtes Konzept und hat viele Geschichten hervorgebracht; doch mich interessieren Fragen abseits der Standardgeschichten. Zum Beispiel: »Wie würde eine Fantasywelt mit einem Zeitalter der Aufklärung und der Wissenschaft umgehen?« Dies ist eine der Fragen, auf die ich in Pilgervater bereits eingehe und die in der aktuell entstehenden Fortsetzung noch mehr in den Fokus rücken wird.

K.A.: Dazu braucht es im Genre der Fantasy natürlich einen ausgearbeiteten, lebendig wirkenden Hintergrund. Bei Dir ist das die Welt Kelamir. Hast Du Notizzettelberge wie Tolkien?

Wehner: Anfangs gab es die Handlung, dann kamen immer mehr Orte, die ich mit historischer Bedeutung füllte, mit eigenen Bauwerken, Flora und Fauna. Leider bin ich mit dieser Arbeit beim ersten Buch noch nicht fertig gewesen. Im zweiten Band wird es dafür einen Anhang geben, der die komplette Welt  beschreibt, samt der 12000 Jahre alten Geschichte von ihren mythischen Anfängen bis zu dem Punkt, an dem Pilgervater spielt.

K.A.: Eine so ausgearbeitete Welt lädt natürlich zum Träumen ein. Da liegt eine Kritik am Genre der Fantasy ganz nahe: Eskapismus, das sich flüchten in eine andere Parallelwelt, in der Helden und Magie alle Probleme lösen. Ist Kelamir eine Welt, in die man sich flüchten kann?

Wehner: Natürlich ist das ein Bestandteil des Genres, welcher zu einem gewissen Grad einfach dazugehört. Nichts desto trotz entwerfe ich eine Welt mit realistischen Anleihen. Eine Prise Magie macht das ganze einfach interessanter. Dabei geht aber vielmehr um Situationen, in die sich der Leser hineinversetzen kann – doch hineinflüchten würde ich nicht sagen. Ich möchte halt ein wenig zum Nachdenken anregen.


K.A.: Einem nachdenkenden Leser werden natürlich auch Parallelen zwischen Pilgervater und anderen Werken der Fantasy auffallen. Bei einem so vielbeschriebenen Genre lässt sich das kaum vermeiden, oder?

Wehner: Ich versuche beim Schreiben bewusst darauf zu achten, aber das, was man gelesen hat, ist prägend und wird 

sich in der eigenen Arbeit auf die eine oder andere Art wiederfinden. Umso mehr bin ich bemüht, meine eigene Fantasie und meinen Wissensfundus zu nutzen und mir eigene Schöpfungen einfallen zu lassen, die so noch in keinem anderen Werk vorgekommen sind. Ein Volk wie die Erechtawni etwa, die das Sumpfland an der östlichen Grenze Kelamirs bewohnen, ist mir bisher nicht untergekommen. Abgesehen davon finde ich es als Autor okay, sich aus verschiedenen Quellen Inspiration zu holen, solange die eigene Kreativität nie auf der Strecke bleibt. Am Ende ist man dem Leser schließlich schuldig, ihm etwas Neues zu bieten.

K.A.: Tatsächlich beeinflussen sich Texte in kaum einem anderen Genre so stark gegenseitig, wie in der Fantasy. Viele Begriffe wie Elfen und Orks sind mittlerweile Allgemeingut. Hat man da als Autor nicht auch Angst um die eigenen Schöpfungen? Wie fändest Du es, wenn Du Elemente aus Pilgervater demnächst in einem anderen Fantasy-Buch wiederfinden würdest?

Wehner: Es kommt denke ich auf die Art und Weise an, wie meine Ideen verwertet werden würden. Wenn ich schlau umgesetzte Einflüsse aus meiner Arbeit in einem anderen Buch fände, würde ich mich sogar darüber freuen - Würde mir hingegen jemand stumpf etwas klauen, wäre das schon sehr ärgerlich. Was Begriffe angeht, die Allgemeingut sind - Die kann natürlich jeder verwenden, wie er will. Als Autor sollte man sich aber Gedanken darum machen, wie man diese mit eigener Sinnbildlichkeit füllt. Alles in allem mache ich mir wenig Gedanken, dass man meine Charaktere wie Lord Becker plagiieren könnte. Dafür bin ich natürlich außerdem auch längst noch nicht populär genug.

K.A.: Wo wir bei Lord Becker wären, dem Protagonisten von Pilgervater. Er ist ein verkannter Held, der auszieht, seine Ehre wiederherzustellen. Muss das für heutige Leser nicht romantisch und anachronistisch wirken?

Wehner: Ich denke, der Begriff »Ehre« ist nur zum Teil ein Anachronismus. Den Willen, das Richtige zu tun und dafür anerkannt zu werden, trägt jeder von uns noch in sich. In der Geschichte stellt Mehaldrich Becker auch fest, dass das häufig mehr als eine Frage von Schwarz und Weiß ist. Hier kommt wieder die Aufklärungsfrage ins Spiel – statt solche Begriffe wie »Ehre« und ihre Bedeutung als Gegeben hinzunehmen, muss man sie hinterfragen. So kommt es dazu, dass Becker im Verlauf der Geschichte nicht das tut, was von ihm erwartet wird, aber trotzdem moralisch klug und »ehrenvoll« handelt, indem er seinen Verstand einsetzt.

K.A.: Das entspricht mehr der Moral einer modernen Fantasy alla George R.R. Martin. Ist Pilgervater da mit ein Buch für Erwachsene, ganz im aktuellen Trend des Düsteren und Ernsthaften?

 

Wehner: In der Fantasy, Comics und Videospielen sorgt diese aktuelle Tendenz zum Düsteren und erwachsenen Look teilweise für frischen Wind. Klar steckt da auch der Anspruch dahinter: »Wir wollen zeigen, dass das auch was für Erwachsene ist.« Nehmen wir Comics als Beispiel: Weniger romantisiert-patriotische Abenteuer wie beim frühen Captain America und mehr innere Konflikte, wie bei Ironman und seinem Alkoholproblem – so etwas wollen die Leute heute lesen, sehen, spielen. Ein simples schwarzweißes Weltbild reicht da einfach nicht mehr. Die Welt ist ein Ort der Grauzonen und es ist nur richtig, dass sich dies auch in fantastischen Geschichten wiedergespiegelt. In der Fantasy bleibt beides erhalten in der Aufteilung nach Subgenres: romantisierte »High Fantasy« oder düsteres Mittelalterflair der »Low-Fantasy«. Beides genießt seine Vorzüge. Auch Pilgervater ist nicht nur für Erwachsene – die Geschichte kann jeden ansprechen, ganz unabhängig von Typ und Alter. Neulich hatte ich zum Beispiel eine Lesung vor zwanzig Kids im Alter von zehn bis fünfzehn mit  schwierigem sozialen Hintergrund, die in ihrem Leben noch kein Buch gelesen hatten. Ich spürte eine Katastrophe heraufziehen, doch mein Publikum stellte viele Fragen und war ungemein interessiert. Wenn die Neugier eines Menschen geweckt ist, gibt es keine Grenzen irgendeiner Art.

K.A.: Zu einer realistischeren Erzählweise gehören natürlich auch starke Frauenfiguren. Diese kamen in Pilgervater ja bisher zu kurz; was bei weitem kein Einzelfall ist. Hat die Fantasy überhaupt zu wenig Frauengestalten?

Wehner: Ich muss zu meinem Leidwesen auch eingestehen, dass mir erst nach Pilgervater klar wurde, wie klischeehaft die weiblichen Charaktere manchen Lesern erscheinen mögen. Auch kennt das Fantasy Genre generell nur wenige weibliche Protagonistinnen, die hervorstechen – was  häufig daran liegt, dass der Hauptcharakter ein Mann ist und Frauen vor allem als dessen Liebschaften vorkommen. Großartige Figuren wie George R.R. Martins Cersei Lennister, Dhanaerys Thagaryen oder Catelyn Stark findet man zu selten. Ich hoffe, meine weiblichen Charaktere in Zukunft so ausarbeiten können, dass sie dieses Erbe antreten können.

K.A.: Und was passiert mit Deinen Charakteren, wenn Fantasy in einigen Jahren „out“ sein sollte?

Wehner: Ich stehe im Moment natürlich noch ganz am Anfang meiner Karriere als Autor und hoffe, irgendwann meinen Lebensunterhalt damit verdienen zu können. Da will man natürlich nicht an so was denken. Aber das Genre Fantasy an sich wird auch so schnell nicht an seine Grenzen stoßen oder sein Ende finden. Es sind diese komplett anderen, detailverliebten Welten, die ihren Reiz einfach nie verlieren werden. Sie müssen nur einfach richtig gut sein, um zu funktionieren.

 

Dirk Wehner ist ein junger Autor und lebt und studiert in Marburg. Ende 2011 erschien mit Pilgervater sein erster Roman im Fischer Verlag. Den zweiten Band seiner Fantasyreihe will er im 2. Quartal 2013 veröffentlichen.

 

 

 

 

 


 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!