»Wenn Du singst, bis die Lunge blutet«

Leben an der Kitschgrenze: Tomtes neue CD Buchstaben über der Stadt

Tomte: Buchstaben über der StadtDas »Strukturmoment der Sorge sagt doch unzweideutig, dass im Dasein immer noch etwas aussteht, was als Seinkönnen seiner selbst noch nicht wirklich geworden ist. Im Wesen der Grundverfassung des Daseins liegt demnach eine ständige Unabgeschlossenheit. Die Unganzheit bedeutet einen Ausstand an Seinkönnen.« Schreibt Martin Heidegger in seinem Hauptwerk Sein und Zeit. Man kann es auch einfacher formulieren: Der Mensch hat verschiedene Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten bis zu dem Moment, in dem das »Dasein so existiert, dass an ihm schlechthin nichts mehr aussteht, dann« aber »auch schon in eins damit zum Nicht-mehr-da-sein geworden« ist, sprich: er (der Mensch) tot ist. Nicht gerade eines der naheliegendsten Themen für eine Popband. Könnte man nicht sogar fragen, ob sich das nicht von vornherein ausschließt: Pop und eine tiefsinnige Beschäftigung mit dem Leben? Thees Uhlmann, Sänger und Texter der Band Tomte, jedoch gelingt es, das in gewisser Weise zu verbinden. In »Die Schönheit der Chance« auf dem Vorgängeralbum Hinter all diesen Fenstern spricht er vom Leben und von den Möglichkeiten, die sich noch bieten, trotz all dem »Krach und Schmutz und Staub [...] Die Schönheit der Chance / Dass wir unser Leben lieben, so spät es auch ist« zu nutzen. Und sie haben sie wieder genutzt. War der Vorgänger noch ein kleines bisschen krachiger, kommt ihr viertes Album Buchstaben über der Stadt wie die logische Fortsetzung daher. Lebensfreude wird hier nicht nur zum Trotz dargeboten: »Wir gaukeln uns vor, wir könnten den Grad / unsrer Zerstörung kontrollieren« – auch in aller Ehrlichkeit: »durch die Straßen, durch die Gassen weht ein heißer Wind, der dir sagt, bitte bleib am Leben«, ein positives Lebensgefühl an der Kitschgrenze. Das Leben, die Liebe und einen Teil des Restes kitschfrei zu besingen, ist eine große Kunst, die Uhlmann tatsächlich beherrscht. Vielleicht ist es mitunter etwas nervig, wie er die Wörter langzieht, sie nicht verklingen lässt, mit seiner Stimme, die an den typischen Gesang der Hamburger Schule (Tocotronic, Die Sterne etc.) erinnert, doch ist gerade dieses eben auch schönheitsfreie Singen ein Grund dafür, dass er mit Sätzen wie »Ich lebe mich durch eins der schönsten Leben mit den schönsten Songs der Welt« nicht in die seichten Gefilde des Nonsens abrutscht. Der schlagerhafte Anspruch, »den Traurigen die Welt« zu »erklären«, bleibt zwar präsent, aber die sonst allzu schnell eintretende leichte Übelkeit bleibt aus. Im Gegenteil: Es macht Freude, sich diese Platte öfter anzuhören. Die Musik der Band, deren Mitglieder mittlerweile fast alle in Berlin wohnen, ist eher untypisch für die Stadt, in der sie zur heutigen Formation fanden. Andere Hamburger Bands wie Tocotronic oder auch Fink haben einen weniger lebensfrohen Stil. Da passt die Gitarrenpopband Tomte schon eher nach Berlin, von wo aus auch Wir sind Helden ihren Erfolgszug antraten, zwar auch mit kritischen Texten, aber fröhlicher Musik. Bei Tomte passen Texte und Musik deutlich besser zusammen. Dass Uhlmann nicht viel von Liedern mit politischem Anspruch hält, betont er in Interviews immer wieder – und singt trotzdem über Amerika und dass er den Hass auf dieses Land nicht verstehen kann: »In einem verwirrten Land / mit gekränktem Herz / über das jeder lacht oder hasst« (»New York«). Das Lied als Lied ist ihm dafür umso mehr Thema, häufig ist vom Singen die Rede oder, wie in »Geigen bei Wonderful World«, von der Musik an sich. Thees Uhlmann wird uns natürlich nicht die Welt erklären, er wird sie sicherlich mit seiner Musik nicht verändern können, will es auch gar nicht. Dennoch schafft er es mit seiner Band, über 43 Minuten eine eigene Welt aufleben zu lassen, die einen nach alter Schlagermanier in die Mitte eines anderen, besseren Lebens wirft. Wenn man danach wieder die Augen öffnet, ist der letzte »Seinsausstand« (Gott sei Dank) noch nicht behoben, aber es scheint erträglicher zu sein, und ein wenig fühlt man mit, wenn Uhlmann singt: »Man fühlt sich, als habe man die Liebe erfunden.« Das kann Musik selten. Und auch wenn hier sicherlich kein großer Sprung für die Popmusik gelingt, kommen wir dem doch schon recht nahe – vor allem dann, wenn Tomte merken, dass noch so eine Platte zu machen vermutlich langweilig wäre. Tomte: Buchstaben über Stadt. Grand Hotel von Cleef 2006. Ca. 43 min. Spielzeit. Ca. 17,- Euro. Tomte im Internet: www.tomte.de; Tomte-Weblog: http://croc.antville.org

 

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