»Wir liefern das Lesefutter!«

Criminale 2006 in KoblenzHeute beginnt in Koblenz die »Criminale«, das größte deutschsprachige Krimi-Festival Europas. Bis zum kommenden Montag präsentieren sich rund 200 Autorinnen und Autoren bei mehr als 100 öffentlichen Veranstaltungen an fast 80 Orten in Stadt um Umgebung.

Seit 1987 trifft sich das Who-is-Who der Krimi-Szene jedes Jahr an einem neuen Tatort. Veranstalter ist die Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur »Das Syndikat«. Der Startschuss zur 20. »Criminale« fällt heute um 11:45 Uhr mitten im Herzen von Koblenz, am Schängel-Brunnen vor dem Rathaus.

K.A.-Redakteur Marcel Diel sprach im Vorfeld mit Gabriele Keiser, Krimiautorin und mitverantwortlich für die Organisation der »Criminale« in Koblenz, über die Beliebtheit des Genres und die Bedeutung des Festivals.

 

Frau Keiser, auf Ihrer Homepage ist zu lesen, dass Sie sich ganz diszipliniert jeden Morgen um spätestens halb neun an Ihren Schreibtisch begeben. Lässt die Vorbereitung der »Criminale« Ihnen überhaupt noch Zeit für die eigene literarische Arbeit?

Momentan sitze ich ungefähr ab sechs oder sieben Uhr in der Frühe am Schreibtisch. Allerdings weniger, um zu schreiben, sondern, um mein neues Buch »Apollofalter« korrekturzulesen, das im Sommer erscheint – und natürlich, um die vielen Aufgaben zu bewältigen, die die Organisation eines so großen Festivals wie die »Criminale« mit sich bringt. Natürlich mache ich das nicht alleine: Wir haben eine »Soko« gebildet, zu der neben mir noch zwei Autoren aus der Region, Mona Misko und Heinz-Peter Baecker, gehören sowie viele weitere Helfer. Alles ist äußerst zeitaufwändig, macht aber auch viel Spaß. Ich glaube, niemand von uns hat vorher gewusst, was er sich da auflädt. Aber was wir bis jetzt auf die Beine gestellt haben, kann sich sehen lassen und erfüllt uns mit Stolz.

»Syndikat« und »Criminale« haben sich beide die Förderung der deutschsprachigen Kriminalliteratur auf die Fahnen geschrieben. Inwiefern ist eine solche Förderung in Zeiten des (Regional-)Krimi-Booms überhaupt noch notwendig? Gibt es nicht längst ein Überangebot an Krimis, eine Schwemme an Krimi-Autoren?

Überangebot? Davon kann keine Rede sein. Der Krimi ist das beliebteste Literaturgenre, das von allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen gelesen wird. Wobei Frauen in der Mehrzahl sind. Die brauchen Lesefutter – und das liefern wir! Wenn man das kontinuierliche Wachstum der »Criminale« betrachtet, lässt sich daran deutlich ein Ansteigen des Beliebtheitgrades ablesen. In Koblenz feiern wir das 20-jährige Jubiläum. Nicht nur, dass sämtliche Veranstaltungen bei jeder »Criminale« ausgesprochen gut besucht sind – inzwischen reißen sich Städte und Regionen darum, dieses größte deutschsprachige Krimifestival ausrichten zu dürfen. Übrigens findet die »Criminale« auch im nächsten Jahr wieder in Rheinland-Pfalz statt, nämlich in Neustadt an der Weinstraße, und im Jahr darauf in Wien.

Sie erwähnen, dass das Interesse des Publikums an Kriminalliteratur ungebrochen, ja noch immer im Wachstum begriffen zu sein scheint. Gleichzeitig wird dieses Genre von Kritikern und Wissenschaftlern oftmals als »Trivialliteratur« geschmäht bzw. mehr oder minder wohlwollend ignoriert. Wie begegnen Sie als Autorin (und Leserin) solchen Vorwürfen? Und worin besteht für Sie persönlich der Reiz von Krimis?

Nun, Herr Reich-Ranicki und Frau Heidenreich haben sich darüber eindeutig geäußert: Krimis finden in ihren Regalen keinen Platz. Anders Tobias Gohlis von der »Zeit«, der – nachdem er anfangs deutsche Krimis geschmäht hat – immer wohlwollender über einzelne Werke spricht. Und viele andere namhafte Kritiker kommen an dem Phänomen nicht mehr vorbei, dass Krimis ernstzunehmende Literatur und sprachlich höchst anspruchsvoll sein können. Hierfür möchte ich stellvertretend drei Namen nennen: Jan Costin Wagner, Oliver Bottini und Anne Chaplet. Alle drei wurden mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet.

Für mich als Autorin besteht der Reiz des Genres darin, dass man einerseits handwerklich ziemlich versiert sein muss, um der Vorgabe eines Krimiplots gerecht zu werden. Aber auch darin, mit Sprache und Inhalt zu spielen. In meinem neuen Krimi »Apollofalter« habe ich zum Beispiel viel Wissenswertes über die Region zwischen Koblenz und Winningen und diesen seltenen Schmetterling, der dort zuhause ist, eingestreut und dies thematisch mit einem meiner Lieblingsschriftsteller, nämlich Nabokov, verknüpft. Solch eine Mischung aus Unterhaltung und Vermittlung von Wissenswertem macht mir viel Freude – aber auch die vielen Gespräche im Vorfeld, die ich beispielsweise mit Winzern, Rechtsmedizinern, Biologen und Polizisten geführt habe, bereichern mich und fließen in meine Arbeit mit ein, die ja doch bei allen Freiheiten, die sich ein Künstler herausnehmen darf, authentisch sein soll.

Ich gestehe, mein persönliches Interesse an Krimis ist über den sonntäglichen »Tatort« hinaus nicht besonders ausgeprägt. Warum sollten Leute wie ich trotzdem die »Criminale« besuchen?

Genau das ist unser Anliegen: Da wir viele sehr ungewöhnliche Orte für unsere Lesungen und Veranstaltungen ausgewählt und alle mit »kriminellen« Überschriften versehen haben, fühlen sich auch Besucher angelockt, die sonst nicht so viel mit Literatur am Hut haben, aber neugierig genug sind, sich mal so einen verrückten Krimiautor aus der Nähe anzuschauen. Da räkeln sich beispielsweise Nina George und Jörg Juretzka auf einem Wasserbett (im Schängel-Center), es gibt eine Veranstaltung mit Domina Domenica und den für den Glauserpreis nominierten Autoren Petra Würth und Jürgen Kehrer im erotischen Ambiente (in der Kulturfabrik Koblenz) und sehr vieles mehr. Insgesamt sind es über 100 Veranstaltungen. Die beiden wichtigsten sind wohl die Eröffnungsgala im Café Hahn und die Abschlussgala in der Rhein-Mosel-Halle mit Klaus Doldinger. Vergangene »Criminalen« haben gezeigt, dass es unabhängig vom Austragungsort keine Veranstaltung gab, bei der das Publikum ausgeblieben wäre. Das lässt uns auf einen sehr großen Besucherstrom hoffen, zumal wir viel Unterstützung von den Medien erfahren. Die »Rhein-Zeitung« ist unser Partner und der SWR (Fernsehen und Radio) haben bereits Sendetermine angemeldet.

Nähere Informationen zum Programm der »Criminale« 2006 finden sich unter www.die-criminale.de.

 

Gabriele Keiser (Foto: Frederik J. Steinmetz)Gabriele Keiser wurde 1953 in Kaiserslautern geboren. 1998 erschien ihr erster Kriminalroman, »Mördergrube«, bei Reclam Leipzig, darauf folgten bisher drei weitere Krimis, die sie gemeinsam mit Wolfgang Polifka geschrieben hat (zwei davon unter dem gemeinsamen Pseudonym »Lea Wolf«), sowie zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien. Im Frühjahr 2006 ist, wiederum als Gemeinschaftsproduktion mit Wolfgang Polifka, der Thriller »Puppenjäger« im Gmeiner-Verlag erschienen.
Außer im »Syndikat« engagiert sich Gabriele Keiser im Landesverband deutscher Schriftsteller in Rheinland-Pfalz. Unter ihrem bürgerlichen Namen Gabriele Korn-Steinmetz ist sie als Rezensentin und Kulturjournalistin tätig. Sie hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Andernach am Rhein.
Nähere Informationen unter www.gabrielekeiser.de.

(Foto: Frederik J. Steinmetz)

 

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