Über das »Stumme Spiel« in die Karriere gestartet

Nach langer Pause setzen wir heute endlich unsere Reihe mit »Germanisten, die es geschafft haben« fort. Wir freuen uns, dass mit Christine Henschel eine junge wissenschaftliche Redakteurin beim Verlag Walter de Gruyter unseren Fragebogen ausgefüllt hat ...»Die Zahl der Germanistik-Studenten an Universitäten weltweit ist in den vergangenen Jahren um etwa zwei Drittel von rund 10.000 auf 4000 zurückgegangen!« Das erklärte Prof. Ulrich Ammon vor wenigen Wochen in Münster. Der Präsident der Gesellschaft für Angewandte Linguistik wollte anlässlich deren Jahrestagung mit diesen Zahlen freilich aufgrund eines weiteren »Vordringens der englischen Sprache« Alarm schlagen. Und nicht nur den Elfenbeinturm der Geisteswissenschaft sah er bedroht, nein, er prophezeite auch »gravierende Folgen für die deutsche Wirtschaft«. Nun, an der Kritischen Ausgabe soll es nicht liegen: Wir setzen heute, nach langer Pause, endlich unsere Reihe mit »Germanisten, die es geschafft haben« fort. Wir freuen uns, dass mit Christine Henschel eine junge wissenschaftliche Redakteurin beim Verlag Walter de Gruyter unseren Fragebogen ausgefüllt hat. Übrigens, immerhin: Im Internet setze sich das Vordringen des Englischen nicht fort, erklärte Ammon noch. Auch dieser Fragebogen konnte von jeglichen Anglizismen nur diesen einen nicht vermeiden: »Trainee«. Viel Spaß bei der Suche! ;-)

 

Zwölf Fragen an Christine Henschel:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? Ich habe fünf Jahre lang studiert (1996-2001), an den Universitäten Bonn (bis zum Ende des Grundstudiums) und Jena. Germanistik war mein Hauptfach, in den Nebenfächern habe ich Philosophie und Romanistik studiert. Anschließend habe ich vier Jahre an der Uni Saarbrücken gearbeitet und dort auch promoviert, allerdings in Italienischer Philologie.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Literatur und Literaturgeschichte haben mich schon immer interessiert. Bereits in der Schule stand für mich fest, dass ich das auch studieren möchte. Es ist klar, dass Germanistik nicht zu den Fächern zählt, mit denen man (vermeintlich) schnell einen guten Job findet, aber ich habe mir gedacht, ich möchte etwas machen, das mir wirklich etwas bedeutet, ich möchte mehr wissen über die deutsche Literatur- und Kulturgeschichte. Und ich habe mir überlegt, dass es besser ist, etwas zu studieren, das mich wirklich interessiert, als irgendein Fach auszusuchen, das mir vielleicht den Berufseinstieg erleichtert, das aber nichts mit mir zu tun hat. Es ist mir nicht schwer gefallen, am Ball zu bleiben. Etwas gestört hat mich schon, dass es in Seminaren oft zu ewigen bodenlosen Diskussionen kommt, bei denen man keinen Bezug mehr zur Wissenschaft erkennt. Aber das ist ja nicht nur in der Germanistik so. Daran, mein Studium abzubrechen, habe ich nie gedacht.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? Ich habe meine Magisterarbeit über Lessing geschrieben und die Darstellung der Figuren in seinen Dramen, über das so genannte »Stumme Spiel«: wie Lessing in seinen Bühnenanweisungen oder auch in den Dialogen Mimik und Gestik darstellt und so eine ›psychologische‹ Zeichnung seiner Figuren erreicht, mit vielen charakterlichen Brüchen.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Ich habe herausgefunden, dass Lessing in seiner Zeit ganz Neues schafft. Er bricht völlig mit der barocken Figurendarstellung und Schauspielkunst, wie sie noch bei Gottsched greifbar ist. Lessings Figuren sind nicht einfach ›nur gut‹ oder ›nur schlecht‹ und zeigen ihre Gefühle und ihren Charakter nicht durch fest geregelte und vorgeschriebene Körperhaltungen auf der Bühne (jemand hält den Arm in diesem und jenem Winkel und zeigt dadurch Stolz oder Trauer), sondern sie sind ›lebendige‹ Charaktere mit Widersprüchen. Gestik und Mimik offenbaren bei Lessing oft anderes als das, was die Figuren selbst über sich sagen – sie offenbaren die tatsächlichen Wünsche und Gefühle.
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Der Professor, der in Jena meine Magisterarbeit betreut hat, Gottfried Willems, ist für mich der Idealtyp eines Literaturwissenschaftlers. Er ist nicht nur sehr kompetent, sondern hat auch sehr viel Humor, hat es immer verstanden, uns zum Lachen zu bringen und uns zu ›packen‹, dabei aber nie die Fragestellungen aus den Augen verloren. Er war auch sehr fair. In Bonn habe ich noch Prof. Peter Pütz miterlebt; seine Vorlesungen (zu Thomas Mann und zur Aufklärung) fand ich sehr eindrucksvoll.
  6. Was war/ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Da gibt es verschiedene. Schon in der Schule mochte ich Franz Kafka sehr, Thomas Mann auch, dessen eigentlich unsympathische Persönlichkeit ich immer sehr faszinierend fand. Eigentlich aber halte ich andere Epochen in der Literaturgeschichte für ›spannender‹ als das 19./20. Jahrhundert, z.B. die Aufklärung. Lessing mag ich sehr, auch Wieland. Auch das Mittelalter, auch wenn es sich nicht so direkt erschließt, ist eine faszinierende Zeit. Ich fand immer die Zeit der ersten französisch-deutschen Kultur- und Literaturkontakte spannend, wie man in dieser Anfangszeit Stoffe aufgenommen und weitergedichtet hat, etwa den höfischen Roman und den Artusstoff.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Ich habe eigentlich während meines ganzen Studiums als studentische Hilfskraft gearbeitet, erst in Bonn in der Germanistik (mediävistische Sprachwissenschaft), dann in Jena in der Romanistik (italienische und französische Sprachwissenschaft). Ich habe davon viel mitgenommen, z.B. wie es ist, mit vielen Kollegen in einem Projekt zusammenzuarbeiten, aber auch im Umgang mit den Professoren. Ihnen mit Höflichkeit und Respekt zu begegnen, gleichzeitig aber auch selbstbewusst und kritisch. Außerdem habe ich während des Studiums zwei Praktika gemacht, eins in Bonn in einer Zeitschriftenredaktion, eins in Rom in einem Museum (Casa di Goethe). Da habe ich gelernt, sorgfältig und auch unter Zeitdruck zu arbeiten, aber auch Vorträge zu konzipieren und Führungen zu machen, was mir auf Anhieb nicht so leicht gefallen ist. Wichtig war für mich wahrscheinlich in erster Linie, dass ich verschiedene Ortswechsel mitgemacht habe. Arbeitgeber haben mir hinterher immer wieder gesagt, dass das positiv auffällt, dass diese Flexibilität, über den Tellerrand zu schauen, auch räumlich, sehr geschätzt wird.
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Ich wollte schon immer im Verlagsbereich arbeiten. Nach dem Magisterexamen hatte ich die Möglichkeit zu einem Praktikum in einem großen Verlag, habe aber nicht angenommen, weil ich mit den Konditionen nicht glücklich war. Hinterher habe ich das sehr bereut, weil ich dachte, damit hätte ich mir meinen Berufseinstieg in diesem Feld verbaut. Ich habe mich trotzdem, als ich nach der Promotion wieder auf Stellensuche war, auf viele ausgeschriebene Stellen in Verlagen beworben, aber zunächst hat nichts geklappt. Im Nachhinein muss ich sagen, dass viele dieser Stellen nicht auf mein Profil passten (z.B. im Kinderbuchbereich). Geklappt hat es dann mit einer Initiativbewerbung um ein Volontariat bei einem Wissenschaftsverlag. Dort plante man gerade für ein großes Projekt und suchte jemanden mit ähnlichen Projekt- und Arbeitserfahrungen, wie ich sie bei meiner Arbeit an der Uni gesammelt habe. So habe ich schnell die Chance bekommen, mich vorzustellen und ein Volontariat zu beginnen, und das war mein Einstieg. Es kommt darauf an, kritisch zu überlegen, was wirklich zu einem passt, und dann auch nicht gleich die Traumstelle anzusteuern. Ein Praktikum, eine Stelle als Volontär oder Trainee gibt einem die Chance, sich erst einmal vorzustellen und zu ›beweisen‹, auch wenn es zunächst keine Übernahmeaussichten gibt. Klar ist aber auch, dass man das nicht ewig machen kann, irgendwann braucht man eine längerfristige Perspektive. Mir hatte man anfangs gesagt, dass mittel- und langfristig keine Chance für mich besteht in diesem Verlag, und ich habe mich trotzdem mit all meinen Unterlagen dort vorgestellt. Auch Hartnäckigkeit kann ein ›Rezept‹ sein.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Ich arbeite jetzt im Lektorat Sprach- und Literaturwissenschaften in einem Wissenschaftsverlag. Das heißt nicht, dass man in allen Gebieten der Germanistik absolut ›fit‹ sein muss, aber man sollte das Fach schon kennen und auch neue Themen, die sich entwickeln. Handwerker oder Physiker hätten da keine Chance. Ebenso wichtig ist aus meiner Sicht aber auch, dass man in der Lage ist zu kommunizieren und mit den unterschiedlichsten Menschen umzugehen und zu verhandeln. Dafür wiederum muss man kein Germanist sein.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Ich denke schon, bin mir aber nicht ganz sicher. Als die Stellensuche erst einmal schwierig war, habe ich schon mehrfach gedacht, ich hätte doch ein ›sichereres‹ Fach studieren sollen, dann hätte ich bessere Aussichten. Ich habe gedacht, wenn mich Literatur und Philosophie und all die Dinge interessieren, hätte ich mich doch in meiner Freizeit damit beschäftigen und dabei etwas ›Richtiges‹ studieren können. Aber ich bin immer noch überzeugt, dass man aus dem Germanistik-Studium viel mitnehmen kann und dass es einfach bereichert. Und es kommt darauf an, was man draus macht, das heißt, was man nebenher macht und welche Wege man sich damit erschließt.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Soweit ich weiß haben einige meiner Kollegen Germanistik studiert. Natürlich die, die die Germanistik im Lektorat inhaltlich betreuen, aber auch Kollegen, die in anderen Bereichen arbeiten (Rechte und Lizenzen, Presse, Marketing, Sekretariat). Dass explizit Germanisten gesucht werden, ist mir nicht bekannt, aber wenn Stellen zu besetzen sind, die nicht notwendig eine andere Ausbildung voraussetzen, kann man mit einem Abschluss in Germanistik durchaus Chancen haben.
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Fragen habe ich eigentlich keine. Und Ratschläge zu geben ist auch schwer. Ich halte es für wichtig, dass man früh die Augen aufmacht und sich überlegt, was möchte ich machen, was kann ich machen, und wie kann ich vielleicht dorthin kommen? Praktika, Nebenfächer, die einen bestimmten Akzent setzen, Fremdsprachenkenntnisse, Ortswechsel, Auslandsaufenthalte, all das sind Dinge, mit denen man sich ›von der breiten Masse absetzen‹ und einen Arbeitgeber auf sich aufmerksam machen kann. Man sollte zeigen, dass man motiviert ist und etwas machen möchte und dass man konkrete Ziele hat. Ich hatte in meinem Germanistik-Studium so viele Freunde, die den Berufswunsch »Journalismus« hatten, aber nichts in der Richtung unternahmen. So ist es natürlich schwer. Und einen konkreten Tipp habe ich doch, ohne Schleichwerbung betreiben zu wollen: Es gibt einen Stellenmarkt-Anzeiger für Geisteswissenschaftler vom Wissenschaftsladen Bonn, der wöchentlich als kleine Zeitung erscheint, die man abonnieren kann und die auch in einigen Arbeitsämtern ausliegt. Darüber habe ich zwar nicht meine jetzige Stelle gefunden, aber doch viele neue Ideen gewonnen, wo Geisteswissenschaftler überhaupt eingesetzt werden oder werden könnten, Ideen, auf die ich nie gekommen wäre, auch weil ich mir vieles auf Anhieb gar nicht zugetraut hätte.

 

Hinweis: Im ersten Teil unserer Serie Germanisten im Beruf gab Martin Sonneborn Auskunft über seinen Werdegang, im zweiten der Journalist Jan Sting, im dritten der Journalist und Fotograf Axel Joerss. Weitere Teile folgen!

 

Christine Henschel (Foto: privat)Christine Henschel, geboren 1976 in Düren, ist wissenschaftliche Redakteurin beim Verlag Walter de Gruyter in Berlin. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik von 1996 bis 1998 an der Universität Bonn und von 1998 bis 2001 an der Universität Jena. 2005 promovierte sie in Italienischer Philologie an der Universität Saarbrücken.

(Foto: Christine Henschel)

 

 

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