Über den Fluss und in die Wälder

Manfred Poser traut sich nach Max Frisch nun auch an Ernest Hemingway heran, der vor 50 Jahren starb

Der Artikel über Ernest Hemingway, der dieser Tage vor 50 Jahren aus dem Leben schied, schrieb sich gerade in meinem Kopf, die Sätze mussten schnell aufnotiert werden, und dazu gehörte es sich, dass neben der Tastatur ein Glas mit braunem Rum aus Kuba stand (Havana Club: el Ron de Cuba); das war ich Hemingway schuldig.

 

Ernest Miller Hemingway

Diese Zeilen habe ich schon Ende Januar verfasst, es war kalt draußen, und ich dachte an seinen Roman Über den Fluss und in die Wälder (Across the River and into the Trees), der in einem winterlich-verdüsterten Venedig spielt. Der Oberst und das Mädchen – the colonel and the girl. Das Buch erschien im September 1950 und wurde verrissen. Aus dem Band 10 der Gesammelten Werke bei Rowohlt: »Die Kritik ist enttäuscht; sie findet – mit wenigen Ausnahmen – das Buch geschwätzig, trivial, kitschig, eine Parodie seines eigenen Stils und das charakteristische Hemingway-Thema ›Verzweiflung, durch Mut und Männlichkeit gestützt‹, außer Mode.«

 

Torcello (Foto: Manfred Poser)
Die Ponte del Diavolo auf Torcello in der Lagune von Venedig. (Foto: Manfred Poser)

 

Das traf den Autor hart; doch im Januar darauf beschreibt er in sechs Wochen den Kampf des alten Fischers Santiago mit einem Riesenmarlin. Das Buch kommt im September 1952 auf den Markt, in 48 Stunden werden 5 Millionen Exemplare verkauft. Hunderte Leserbriefe. Von seinen 40.000 Dollar Honorar frisst die Steuer 24.000 Dollar weg; da ging es Hemingway fast wie seinem Helden, der am Ende vor einem Skelett steht. Sein großer Kampf war ein ideeller Sieg, nicht mehr. Am 22. Januar 1954 verunglückt der Autor in Afrika schwer mit seiner Frau bei einem Flugzeugabsturz. Im selben Jahr wird ihm der Literaturnobelpreis zugesprochen, aber er kann nicht zur Verleihung kommen. Seine letzte Arbeit ist A Dangerous Summer über den Stierkampf, der wieder in einem September (1960) veröffentlicht wird. (Paris – Ein Fest fürs Leben (A moveable Feast) erscheint postum.) Im August 1960 fährt er zur Stierkampf-Saison, aber es nervt ihn, er findet alles sinnlos. ›Hem‹ fühlt sich verfolgt und verlassen. Er sitzt stundenlang vor einem Manuskript, ohne auch nur einen Satz schreiben zu können. Nach einem Aufenthalt in der Mayo-Klinik geht es ihm besser, aber im April 1961 unternimmt er zwei Selbstmordversuche. Wieder aus dem Rowohlt-Band: »Bei einem zweiten Aufenthalt in der Mayo-Klinik scheinbar wiederhergestellt, wird er Ende Juni entlassen und fährt mit Mary [seiner Frau] und einem Freund nach Ketchum zurück. Nach einem gesellig und heiter verbrachten Abend setzt er dort am 2. Juli 1961, offenbar wohlüberlegt, seinem Leben ein Ende, indem er sich eine Doppelladung Schrot in den Mund schießt – ein letzter Akt der Selbstbestimmung.« Es war drei Wochen vor seinem 62. Geburtstag. Oberst Richard Cantwell (aus Über den Fluss und in die Wälder) ist todkrank, hat sich von seinem Mädchen verabschiedet und lässt seinen Fahrer Jackson in der frühen Dunkelheit von der Landstraße abbiegen. Der Oberst sagt zu sich: »Du bist der Armee der Vereinigten Staaten nicht mehr von wirklichem Nutzen. Das ist klipp und klar festgestellt worden. Du hast deinem Mädchen Lebewohl gesagt und sie dir. Das ist einfach genug.« Er steckt Jackson eine Notiz zu, kriecht auf den Rücksitz, »und er schloss die Tür. Er schloss sie ordentlich und sorgfältig.« Dann nimmt er die Waffe. Wohlüberlegt. Von September 1948 bis April 1949 hielt sich Ernest Hemingway in Italien auf: auf Torcello, in Venedig und Cortina. Im Dezember lernte er die 19-jährige Adriana Ivancich kennen. Im nächsten Winter »Wiedersehen mit Adriana und Zuneigung«. Sie ist vermutlich die erwähnte Senora Ivancich auf dem Bild von Paco Cano am 60. Geburtstag Hemingways. Paco Cano, der große Stierkampf-Fotograf, der noch lebt und heute 98 Jahre alt ist …

 

(Foto: Paco Cano)
Dieses Bild stammt von Paco Cano. Vorne links ist angeblich Adriana Ivancich zu sehen.

 

Ernest Hemingway war das Gegenteil von Robert Musil, seinem Zeitgenossen, den ich ebenfalls verehre und der wie kein zweiter so über die Sprache gebot, dass er Sachverhalte in feinsten Nuancen ausdrücken konnte. Hemingway beschenkte uns mit einem anderen Tonfall, einer herben, eingängigen Melodie, die fast ein Volkslied war (im Vergleich zu den Sonatensätzen des überfeinerten Klagenfurter Ingenieurs). Er liebte das Leben, die Liebe, die Frauen, den Sport und die Jagd, und er schaffte es, diese Leidenschaften den Lesern weiterzuvermitteln. Forellenfischen und Skifahren im Schwarzwald, die Fiesta von Pamplona, der Weißwein an einem Abend in Paris ... Es steht so da und wirkt ganz schlicht und ehrlich; diese Lebensfreude packt dich, reißt dich mit, macht dich glücklich, doch der Zauber wirkt nur auf der Folie der Melancholie, die auch schön ist – doch wenn einmal die Batterie leergelaufen ist, sind auch die schönsten Dinge nichts mehr: Windhauch. Gerade das Fischen hatte es ihm angetan, es war vielleicht. Gegenüber der Großwildjagd, der ehrlichere Kampf Mann gegen Tier. Er fischte in der Rhône, im Aarö in Norwegen und im Schwarzwald. Man sollte noch einmal in den 49 Depeschen seinen Artikel Deutsche Gastwirte (veröffentlicht am 1. September 1922) lesen, wo er erzählt, wie der Gastwirt im Oberprechtal im Schwarzwald ihnen ein Zimmer verweigern will, weil sie Ausländer sind, und wo sie am selben Abend von zwei »blondhaarigen Deutschen« angepöbelt werden, die sich über Ausländer mokieren, die »Schweinehunde« und »Schieber« seien. Eine Schlägerei wird vermieden.

 

Margot Louise Hemingway

Seine Enkelin Margaux (eigentlich: Margot Louise), 1955 geboren, nahm sich exakt 35 Jahre nach ihrem Großvater das Leben, am 1. Juli 1996. Sie wurde 41 Jahre alt. Sie war 1976 mit dem Film Eine Frau sieht rot (Lipstick) berühmt geworden (im Jahr des Taxi Driver von Martin Scorsese) und erhielt einen Vertrag von Fabergé. Das Landei aus Ketchum, Idaho, verfiel dem Alkohol. Nach einer ersten Ehe heiratete sie den französischen Filmemacher Bernard Foucher, der 15 Jahre älter war als sie. Im Februar 1988 erzählte sie der Zeitschrift People:

»Es war Bernard, der 1981 vorschlug, wir sollten einen Dokumentarfilm über meinen Großvater drehen. Ich sollte all die alten Plätze auf Kuba, in Idaho und in Europa [der Staat Idaho ist fast so groß wie die alte Bundesrepublik] besuchen und Leute interviewen, die ihn kannten. Es hätte ein großes Abenteuer sein können, aber das Filmen lief nicht gut. Bernard, der der Regisseur war, hatte keine klare Vorstellung und war mit dem Projekt überfordert. Da habe ich dann sehr viel getrunken.«

Dann wird es hemingwayesk:

»Bald redete Bernard schlecht über meinen Großvater und sagte, er sei bloß ein Alkoholiker gewesen. Er benahm sich mir gegenüber feindselig, und so begriff ich, dass er das Projekt nur des Geldes wegen [for the bucks] verfolgte. Ich verlor jeden Respekt vor ihm. [Gibt es bei Hemingway nicht auch bei der Fiesta einen Nichtsnutz und Schaumschläger, Cohn?] Ein Wendepunkt war für mich Pamplona 1985. Wir sahen einen fürchterlichen Stierkampf, in dem der Matador schlecht arbeitete. Blut drang aus der Nase des Stiers, er sank auf die Knie und starb langsam. Ich war darüber so entsetzt, weil es mir vorkam, als passiere dasselbe mit meinem Leben. Ich wollte nicht mehr, dass Bernard mit dem Film weitermachte. Also haben der Produzent und ich ihn gefeuert. Am Tag darauf verließ ich ihn.«

Margaux geht zum Entzug in die Betty-Ford-Klinik, und natürlich hören wir, dass danach alles wieder gut läuft, dass sie ihre Karriere neu starten will (1988 war sie erst 32 Jahre alt) und voller Hoffnung ist. Das hinterher zu lesen, ist schlimm, als läse man einen Roman, dessen Ende man kennt. Endet es so? Wo bleibt die Lebensfreude? In Hemingways Büchern ist sie konserviert, hochprozentig, doch sie im Leben aufzubringen und am Glühen zu erhalten, ist etwas anderes, ist eine andere Geschichte.

Liebe Leserinnen und Leser!

Liebe Leserinnen und Leser! Bei einem Bücherflohmarkt fand ich eine englische Ausgabe von "Islands in the Stream", an dem der Autor Hemingway kurz vor seinem Tod arbeitete und das 1970 posthum erschien. Man liest sich wieder gut hinein, und gäbe es nicht seine großen Romane, wäre es ein tolles Buch. Der Held heißt Thomas Hudson und ist Maler, lebt bei Havanna, und wir erfahren, wie er dort gelebt hat. Einige Aussagen dürfen wir auf den Autor selbst beziehen: "It would be nice to be like they think, though." Und: "There's only one thing you don't get over and that is death." Er hat es überstanden, großartiges Leben, grandiose Passagen. Viele Grüße Manfred Poser.

 

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