Über Gründer und andere Buchmessenwunder

Leipziger Buchmesse 2005Nein, über die Buchmesse zu berichten, das habe ich nicht vor, sagte ich auf die Frage hin, ob ich für die Kritische Ausgabe darüber schreiben würde. Denn eigentlich gibt es nicht wirklich etwas zu berichten, was nicht schon in der Tagespresse gestanden hätte. Natürlich sieht jeder die Dinge anders, aber ob deshalb gleich jeder etwas Wissenswertes zu den schon genannten Fakten hinzufügen kann, ist fraglich. Und so lasse ich denn auch die meisten Lesezeichen, die man mir unter die Nase gerieben hat, einfach in der Hand dessen, der dafür Geld bekommt, sie in das ein oder andere Feuilleton einzustreuen. Ähnlich die Verlagsprospekte, die spätestens vor der Frankfurter Messe endlich, meist ungelesen, ins Altpapier wandern, obwohl ich unter ihrer Last in den Leipziger Messehallen wahrlich geschwitzt habe. Nein, über dies alles berichten zu wollen, wäre ein Anfängerfehler, wie ihn viele begehen, die die Messe als unerhörte Begebenheit wahrnehmen. Ihre Besonderheit gibt sie aber wohl nur jenen preis, die sich ihrem jährlichen Turnus nicht schon selbst angepasst haben...

Natürlich habe ich einige der vielen, vielen Events und Happenings, Lesungen, Preisverleihungen und Empfänge besucht und mich nur selten gelangweilt, doch was gibt es von einer Lesung schon groß zu berichten? Und was hilft es, wenn ich Ihnen erzähle, dass die Messe dieses Jahr auf vier statt zwei Hallen verteilt, die Ausstellungsfläche allerdings nicht doppelt so groß war, obwohl die vier Hallen gleichgroß sind? Interessant daran ist eigentlich nur, dass dadurch der typischen Messeverstopfung vorgebeugt wurde, denn die Gänge sind um einiges breiter gewesen. Was freilich nicht vor den penetranten Aufforderungen der Druckkostenzuschussverlage ("Schreiben Sie doch mal ein Buch!") schützte, die erfahrungs- und erwartungsgemäß in Leipzig viel stärker vertreten sind als in Frankfurt.

Gründen, gründen, gründen! - © Leipziger MesseDas Hauptaugenmerk auf dieser Messe gehörte jedoch zweifellos den jungen Verlagen, auch "Independents" genannt – Unabhängige. Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren eine Vielzahl neuer Verlage gegründet. Ja, trotz des ständig beschworenen Lebens im Jammertal zwischen Polen und Frankreich, Dänemark und der Schweiz, gibt es Menschen, die sich nicht entmutigen lassen - und gründen! Auf der Diskussionsveranstaltung Gründerzeit. Independents im Aufwind wurde unter anderem darüber gesprochen, wieviel Geld man brauche, um einen Verlag zu gründen. Ergebnis: 50.000 Euro, ersatzweise "eine Wiese im Taunus", wie Klaus Wagenbach vom gleichnamigen Verlag und Daniela Seel von kookbooks übereinstimmend feststellten. Auf konkurrierende Vorstellungen, dass das Grundkapital sich doch besser auf 20 Millionen belaufen sollte, entgegnete Wagenbach in der ihm eigenen charmant-rauhbeinigen Art, dass Leute, die sowas behaupten, Marktführer werden wollten, mit schlechten Büchern, die man nur ein Jahr lang verkaufen könne. Außerdem stünden Banken Verlagsgründungen generell eher skeptisch gegenüber. Aber sollen sich die Großen ruhig weiter darum zanken, wer die meisten Bücher verkauft - denn wer gut gemachte und schön gestaltete Bücher mag, wird an den jungen, unabhängigen Verlagen sicher seine Freude haben, sofern sie es denn in die Buchhandlungen schaffen...

"Jede Generation muss eine Gründergeneration sein", meinte Frank Niederländer vom Verlag Tisch 7 zu mir, als ich denselben Satz ihm gegenüber einleitend mit einem "unsere" fallen ließ. Die Konzentration der Märkte lässt dies notwendig erscheinen, nicht nur auf dem Buchmarkt. Die großen Firmen werden auf Dauer keine Arbeitsplätze mehr schaffen. Wo es nur um Profit geht, hat der Mensch verloren - aber auch das Produkt, in unserem Fall also das Buch. Hoffen wir für unser Land und unsere Zukunft, dass es auch weiterhin Menschen gibt, die ihre Ideen umsetzen und damit, sozusagen als Nebeneffekt, den Arbeitsmarkt entlasten. Zum Scheitern ist man schließlich nie zu alt - so hat es Niederländer mit 50 noch gewagt, neu zu beginnen -, und wenn das Scheitern ausbleibt, werden wieder einige verdutzt schauen. Ob sie das Lamentieren aber sein lassen werden, das wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls wünsche ich den Marktführen viele kleine Konkurrenten und den Buchhändlern, die zu faul oder sich zu fein dafür sind, Bücher außerhalb des Sortimentes ihres Grossisten zu suchen, von ihren Kunden zunehmend verschmäht zu werden. Den Büchern der "Kleinen" aber wünsche ich den Erfolg und die Beachtung, die sie verdienen!

Und damit genug von Leipzig. Ich melde mich wieder aus Frankfurt, dann vielleicht auch mit Photos. ;)

 

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