14.12. - Die Zeit, ein fortwährendes Mysterium

Im Jahr 2011 spürt die Kritische Ausgabe dem Rätsel der Zeiterfahrung nach
Das Buch für den modernen Menschen darf daher nicht etwas Zeitraubendes sein, sondern es muß Zeit ersparen. Bücher sind Surrogate für Erlebnisse, Notbehelfe für Menschen, die keine Zeit haben. Daher ist Knappheit und Kürze die erste Forderung, die das moderne Buch erfüllen muß, aber nicht die dürftige oder die aphoristische Kürze, sondern die gehaltvolle, gedrängte Kürze, die gerade dem gedankenreichsten Schriftsteller ein stetes Bedürfnis ist. (Egon Friedell)

Geht es nach Egon Friedell, so steht die Literatur der Gegenwart wohl ziemlich unzeitgemäß und überkommen da – zum Glück! Bereits 1912 stellt der aus Wien stammende Schriftsteller diese These auf und versucht damit, seine Zeitgenossen in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit auf den richtigen Pfad zu lenken, damit sie nicht vom Schnellzug der Moderne überrollt werden. Nachdem im Frühjahr ein Heft zum Thema »Gedächtniskunst« erschienen ist, beschäftigt sich die zweite Ausgabe im Jahr 2011 mit der Zeit – einem Thema, das besonders zu und seit Beginn des 20. Jahrhunderts literarisch hochinteressant verarbeitet wurde. Friedell zählte zum Wiener Literatenkreis, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Kaffeehäuser der Stadt, insbesondere das Café Central, bevölkerte. Die Wiener Kaffeehausliteraten, so beschreibt es Isabell Mandt im Thementeil dieser Ausgabe, schrieben von ihrem Mikrokosmos aus kleinformatige Texte für die hart arbeitende Masse, die die neue Zeiterfahrung der Jahrhundertwende einfingen. Das Leben im Augenblick und das Gefühl von Zeitmangel spiegelten sich in diesen Texten besonders.

Die Tyrannei des Augenblicks

Bemerkenswert ist, dass schon Anfang des 20. Jahrhunderts dieses Gefühl von Zeitmangel aufkam, obwohl die meisten technischen Erfindungen doch gerade Zeit einsparen sollten. Diese Diskrepanz sehen wir auch heute: Trotz der vielen technischen Hilfsmittel und der in vielen Bereichen optimierten Arbeitsweise scheint heutzutage keiner mehr Zeit zu haben und sich stattdessen nach Entschleunigung zu sehnen.

Wie es ist, die Zeit nicht verfliegen zu sehen, sondern das Zeitgefühl komplett zu verlieren, davon handelt Thomas Lehrs Roman 42, der bereits 2005 erschienen ist, mit dem sich Johannes Pause auseinandergesetzt hat. Er nennt es »Tyrannei des Augenblicks« und diskutiert in diesem Zusammenhang den Gegensatz von Sprache und Bild, von der Zeitlichkeit, die die Sprache erschaffen kann, und der Zeitlosigkeit des Visuellen. Stephanie Müller wirft in dieser Ausgabe einen Blick in die Vergangenheit und zeichnet das Leben des österreichischen Schriftstellers Hugo Bettauer nach, der mit den Prüderien und politischen Extremen seiner Zeit zu kämpfen hatte. Am Puls der Gegenwart liegt hingegen ein Themenbeitrag, der sich mit der Zeiterfahrung in Videospielen beschäftigt. Und auch ein Seitenblick auf den Film fehlt nicht: Tanja Prokić untersucht, welche Schwierigkeiten die Figuren in David Lynchs Filmen mit den von der Gesellschaft vorgegebenen Zeitverhältnissen haben.

Das Thema »Zeit« in seiner ganzen Vielseitigkeit – wer jetzt neugierig geworden ist, kann sich die Ausgabe von 2011 in unserem Shop bestellen! Im gleichen Jahr sind übrigens auch die ersten beiden Bände der Edition Kritische Ausgabe erschienen: Prinzip Synthese: Der Comic und Bauen für die Bundeshauptstadt

 

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