Abenteuer hinter dem Wall

Dirk Wehners Debutroman Pilgervater ist überzeugende Fantasyliteratur

Eragon, Herr der Ringe, Narnia, Die Orks, Drachenbeinthron - Das Genre der Fantasy ist viel beschrieben. Da ist es schon erstaunlich, wenn der Debutroman eines jungen Autors sich von der Masse abhebt und phantastische Welten schafft, die noch neugierig machen. Dirk Wehner ist eine solche Ausnahme gelungen. Dass Pilgervater sein Erstlingswerk ist, merkt man dem Roman dabei kaum an.

Mehaldrich Becker, der Lord von Tahl, hat ein Problem mit Namen: den Pilgervater. In einer Taverne hat dieser Mörder in Mönchsroben Becker aufgespürt. Doch bevor er sein Opfer umbringt will er noch genau wissen, wie alles begonnen hat, wie sein Gegenüber zum Verräter am Kellamairischen Reich wurde, warum er die Grenzen des Landes verlassen hat und was er dort fand. Und Becker berichtet von Anfang an. So beginnt Dirk Wehners Fantasyroman mit einem alten Erzähltrick, der die eigentliche Handlung als Klammer umfasst. Vierzehn Kapitel und rund 240 Seiten trennen den Leser von Beckers Schicksal am Ende des Buches. Wehner will die Fantasy dabei nicht neu erfinden, er will eine Geschichte erzählen. Dass er sich dabei der unausweichlichen Klischeehaftigkeit einiger Elemente bewusst ist und sich auch nicht scheut, dies vor dem Leser zuzugeben, macht das Ganze umso ehrlicher: 

»Beinahe jede zweite Taverne in dieser Gegend hieß »zum Raben« […] Diese Taverne war so klischeehaft, dass sie einem Bilderbuch entsprungen zu sein schien.«

 

Der Fall des Lords von Tahl

Lord Beckers Fall beginnt drei Jahre vor der Begegnung mit dem Pilgervater in Tahl, dem Grenzland im Norden von Kellamir. Hier bewachen Becker und seine Männer den Bruch, den einzigen großen Pass im Hornrücken-Gebirgswall, dar dem Reich als natürliche Grenze nach Norden dient. Nördlich davon lebt das »wilde Volk der Kipten«, über das Becker und seine Männer kaum etwas wissen (oder wissen wollen). Es genügt, die Krieger der Kipten zurückzuschlagen, wenn sie sich wieder einmal durch den Bruch wagen. Als eine Kiptenhorde im Norden gesichtet wird, handelt Mehaldrich pflichtbewusst, versammelt seine Soldaten und zieht ihnen entgegen. Ausführlich schildert Wehner die Vorbereitungen, die Zweifel im Angesicht einer Übermacht und die aufkommende Kriegsstimmung. Dabei ist das langsame, von vielen Beobachtungen und Gesten getragene, Erzähltempo typisch für Pilgervater. Für ungeduldige Leser mag das ermüdend sein; doch gerade durch die Details gewinnen die präsentierten Charaktere an Tiefe und ihre Handlungen an Bedeutung. Sei es der derbe und vernarbte Leibwächter Gebenall, Hindrich der alte schlaue Priester oder Reginald, der schlanke und schweigsame Bannerträger – sie alle scheinen eher alten Epen wie dem Nibelungenlied entsprungen zu sein, als einem Fantasybuch. Dieser Eindruck wird durch eine bodenständige Sprache der Figuren (»Heute schlafen wir, und morgen reißen wir den Kipten gehörig den Arsch auf, so sieht’s mal aus!«) und Anspielungen auf historische Begebenheiten (Kipten – Pikten, Hornrücken – Hadrianswall) noch verstärkt. Hier agieren keine überzeichneten Dunkelelfen eines R.A. Salvatore in einer beliebigen Kerker-Zauberer-Drachen-Welt, sondern glaubwürdige Figuren mit sympathischen Schwächen und Kanten.

Ein moralisches Lehrstück 

»Jetzt gilt es! […] Zeigt keine Furcht! Zeigt keine Gnade! Für Thal, Gott und den König!«

Als es zur Schlacht kommt, stehen Lord Becker und seine Männer voll Hochmut gegen die fremden Wilden. Wehner gelingt es, das blutige Chaos des Augenblicks einzufangen und mit der gängigen Fantasy-Überzeichnung von Helden als »G[ötter] auf einem Schlachtfeld von Sterblichen« mit »vollendeter Kampfkunst« zu spielen. Natürlich kommt es zum unvermeidlichen Duell zwischen den Anführern beider Heere. Doch genau hier versagt Mehaldrich und die Aura der Überlegenheit zerbricht. Sein Gegenüber ist Mircha, eine Kiptin, die er im entscheidenden Moment verschont und damit den Sieg verschenkt. Damit gewinnt der Roman neuen Sinn und Dynamik. Lord Becker wird für sein Zögern und die Niederlage bestraft, vom Anführer zum Außenseiter, zum Verräter. Kaum ein Bewohner Kellamirs versteht seine Beweggründe (und er zunächst nicht einmal selbst). Um seine Ehre zu wahren beschließt er Mircha hinter dem Bruch zu suchen. Mehr und mehr verändert sich dabei Beckers Perspektive. Bei den wilden Kipten findet er eine erstaunliche Zivilisation, während ihm Kellamir bald als ignorantes Königreich erscheint, das sich von der Welt abschottet. Backers Zögern in der Schlacht, der entscheidende Moment von Pilgervater, ist der Beginn eines Abenteuers, einer Liebesgeschichte und einer Bildungsreise. Deutlich hat Wehner dem Roman aufklärerische Züge und ein Plädoyer für Toleranz und das Überprüfen der eigenen Perspektive eingeschrieben. Durch den übergeordneten Prolog nimmt der Leser leicht selbst die Rolle des Pilgervaters ein, als Richters über Lord Beckers erzählte Taten. Hat der Adlige richtig gehandelt, als er die Kiptin verschonte? Rechtfertigt eine neue Perspektive im Rückblick den vermeintlichen »Verrat« am eigenen Heimatland? Kann er auch seinen Mörder davon überzeugen? Auch in und um Kellamir klingen die ersten Züge einer Aufklärung wider alte Gewohnheiten, Ansichten und der Religion an. Damit wirkt Pilgervater moderner als Fantasy vom Schlag eines Der Herr der Ringe und den immer gleichen Kampf gegen die (von Natur aus bösen) Orks und ihren Herrn im schwarzen Land. Die Moral bleibt aber unaufdringlich. Auch dem wirklichkeitsflüchtenden Leser bieter der Pilgervater genug zum träumen.

Bei Instrich, Olexes und Kohendres!

Ein erzählerisches Problem vieler Fantasybücher ist die Religion. J.R.R. Tolkien oder C.S. Lewis Die Chroniken von Narnia blenden diese ganz aus und konzentrieren sich auf die Abenteuer der Figuren. Zu austauschbar und verwirrend wirkt ein Götterpanheon etwa in der Welt Aventuriens bei Bernhard Hennen (z.B. im Roman Die Amazone basierend auf dem Rollenspiel Das Schwarze Auge). Wehner wählt für Pilgervater einen dritten Weg nach dem Vorbild von Tad Williams Drachenbeinthron. Der Götterglaube von Kellamir ist eng an das Christentum angelehnt. Das Konzept der Dreieinigkeit wird wörtlich genommen und jedem Aspekt ein passender Gottessohn zugeordnet, die »göttlichen Drei«. Statt einem Kreuz lässt Wehner seine Charaktere ein Dreieck schlagen und die Geburt der drei Söhne des Teufels befürchten. Begriffe wie Ketzerei, Kirche oder Mönchstum wirken dadurch in der Welt selbstverständlich verankert, ohne zungenbrecherische Götter und Orden als Hilfskonstruktionen einzuführen (etwa »Aes Sedai« in Robert Jordans Rad der Zeit). Das hat seine Vorteile, muss aber nicht jedem Leser gefallen. In Pilgervater spielt die Religion nur eine untergeordnete Rolle. Das Ende des Buches deutet aber darauf hin, dass die Religion in folgenden Bänden mehr Gewicht haben wird.

Kleine Patzer seien verziehen

Pilgervater erfordert Ruhe und Zeit zum Lesen. Wehners Text zwingt dem Leser eine angenehm langsame Lesehaltung auf, erzählt über Details, Gesten und viele kleine Gespräche. Dabei vergisst man leicht, dass man das Erstlingswerk eines jungen Autors in den Händen hält. Nur an wenigen Stellen schwächelt dieser: etwa bei den Damen. Die Beschreibung von Mehaldrichs Frau Lentra als aufbrausende rothaarige Schönheit ist kaum mehr als der passende Stereotyp. Auch Mircha bedient als schöne Kriegerprinzessin zu deutlich platte Klischees und bestätigt das Genre-Problem der Fantasy-Literatur, in der realistische Frauenfiguren noch immer Mangelware sind. Einen Bechdel-Test würde Pilgervater, bei nur zwei weiblichen Figuren in verschiedenen Ländern, sicher nicht bestehen. Auch die eingestreuten Textfragmente aus den heiligen Schriften von Kellamir wirken wenig überzeugend. Zusammen mit dem Liedgedicht »Auf der Pirsch, ein Geist im Wald« bleiben sie hinter dem Rest der Erzählung zurück. Die Sprache des Nordens hingegen ist gelungen (»Mi ech cennet Mircha. Tis ech in flaent hej doedt echten«) und erhält im Anhang ein eignes Glossar. Auch die ausführliche Personenliste ist vorbildlich. Die obligatorische Weltkarte wiederum trübt den sonst guten Gesamteindruck. Anstatt eines pixeligen Produkts von Paintshop und Co. wäre eine selbstgezeichnete Karte mit Tusche deutlich stimmungsvoller gewesen. 

Über kleine Patzer sieht man bei einem Erstlingswerk mit glaubwürdigen Charakteren und spannender Geschichte dennoch gerne hinweg. So ist Pilgervater ein überraschend gelungenes Fantasybuch, dessen größte Tugend die Sprache der Erzählung ist. Dabei hat Wehners Fantasywelt (besonders vor dem Hintergrund aktueller Weltereignisse von Iran bis Palästina) mehr Sinn zu bieten als manch andere Geschichte von Drachen, Orks und Elfen. Den geplanten Fortsetzungen der Serie steht also nichts im Wege.

 

Dirk Wehner: Pilgervater. Fantasy-Roman. Frankfurt: Fischer Verlag, 2011. 480 Seiten. ISBN 978-3-89950-692-1. 15,80 Euro.
 

 

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