Abkehr von Klaviermelodien und Melancholie – ein Versuch!

Das dritte Album Perfect Symmetry der Brit-Pop-Band Keane

Die Musikwelt hat sich zwei Jahre gedulden müssen, bis das neue Album der Brit-Pop-Band aus East-Sussex überhaupt erschienen ist: Trennungsgerüchte und vor allem Drogenprobleme des Sängers Tom Chaplin kündigten ohnehin eine noch längere Wartezeit an. Aber nein, das neue Album ist kein Befreiungsschlag von den bisherigen gewohnten piano-dominanten und melodiösen Klängen, die für Keane so charakteristisch sind. Aber er ist zumindest ein bemerkenswerter Versuch, wie die überraschend neue Orientierung an absolut oppositionellem Einfluss – nämlich an elektronischem Pop-Sound – beweist.

Überzeugte Keane-Anhänger mussten sich bislang mit den Neuerscheinungen anderer, stilähnlicher Gruppen des Brit-Pop-, Rock- und Indie-Himmels beglücken. 2007 versuchte die schottische Band Travis an ihre frühen Erfolge anzuknüpfen, doch Indie-Rockbands wie die Kaiser Chiefs oder vor allem Größen wie The Verve oder Coldplay, mit denen Keane oft verglichen werden, stellten mit ihren Neuerscheinungen 2008 eine harte Konkurrenz dar. Fest steht: Genres wie der Brit-Pop, Rock(-pop) und sämtliche Indievariationen aus Pop und Rock florieren.

Die 1997 gegründeten Keane lassen sich vor allem als Brit-Pop-Band kennzeichnen. Zum Entstehungszeitpunkt der Band hatten Rockgruppen wie Radiohead, Blur und Oasis, die mit ihren musikalischen Werken den Zeitgeist der 90er Jahre mitprägten, ihren Zenit bereits erreicht. Sie wurden von neuen Bands verdrängt, die mit der neuen Brit-Pop-Welle um die Jahrtausendwende auftauchten. Von dieser neuen Welle mitgetragen, fanden auch Keane, trotz der massenhaften Konkurrenz, die mediale Aufmerksamkeit des ausgehungerten Musikmarktes. Die neuen Gruppen konnten sich vor allem dank ihres Melodiereichtums und melancholischer Texte etablieren. Elemente, die auch Keane stark prägen. Die Indiebewegung, die sich mit markanterem Alternative-Rocksound vom Brit-Pop absetzt, folgte nur wenige Jahre später mit Bands wie Franz Ferdinand oder The Artic Monkeys. Im ersten Album von Keane, »Hopes and Fears« (2004), krönte die berührende Stimmgewalt des Sängers Tom Chaplin tiefmelancholische Texte über Liebesgeschehen, begleitet von einer bewegenden Klaviermelodie. Damit profilierten sie sich und übertrumpften viele Gruppen, die im Brit-Pop-Strom mit geschwommen waren. Bei Keane ist nämlich einiges anders. Bekannt sind sie als »Band ohne Gitarre«, denn den Ton dieser Band gibt das Klavier an. Das macht ihren verträumt-melodischen Stil so besonders, und durch diesen waren sie bis jetzt erfolgsverwöhnt: Allein »Hopes and Fears« wurde mit zwei Brit-Awards ausgezeichnet und bewies, dass sie sich auf dem Markt und in der Szene durchgesetzt haben. Das zweite Keane-Album wies wiederum mit Liedern wie »Is it any wonder?« einige energischere Tendenzen auf, bleibt sich dem dynamisch-traurigem Stil der Ersterscheinung jedoch treu. Wer den Titel des neun Albums »Perfect Symmetry« spontan mit dem Symmetrie-Grundmotiv der achtziger Jahre assoziiert, liegt mit dieser Ahnung völlig richtig. Das Warten auf das dritte Album hat sich zumindest insofern gelohnt, als dass es keine einfallslose Fortsetzung des bisherigen Stils ist. Eine ständige, gewaltige Traurigkeitsdosis, die mit Piano-Gewitter aufgeladen wird, macht schließlich auch den hartgesottensten Melancholiker einfach nur müde. Offensichtlich war dieser Form der Musikalität selbst Keane zu langweilig; denn anders lassen sich die neuen dynamischen Töne nicht erklären. »Spirraling«, der erste Track auf dem Album, der gleichzeitig auch die erste Singleauskopplung ist, bildet die Exposition der Platte und zugleich eine Einführung in die neue Stilebene. Den treuen Keane-Hörer wird wahrscheinlich der scharfkantige Achtziger-Jahre-Sound irritieren, der durch die Dominanz von Synthezisern geprägt ist. Auch der Background-Gesang ist überraschend anders. Er begleitet den Hauptgesang auf eine herausstechende Art durch markante Flüge auf Sopran-Höhen. In diesem Album ist das insgesamt keine Seltenheit. Man muss diesem Stück die Tendenz zum Dance-Potential zugestehen, auch wenn man dies bislang Keane kaum hat zubilligen wollen. Doch die Veränderungsambitionen der Band sind nicht nur durch den wesentlich energischeren Sound in allen Songs zu erkennen, sondern erklären sich auch bei der genaueren Betrachtung der musikalischen Mitwirkung. Um die Dynamik zu verstärken, wurde ein zusätzlicher Musiker (Jesse Quin) hinzugenommen, der für Bass, Gitarre und Schlagzeug zusätzlich verantwortlich war. Damit wird dem Ruf von der »Band ohne Gitarre« der Todesstoß versetzt. Das Besondere dieses Albums ist jedoch vor allem die Co-Produktion von Stuart-Price, der bereits für Gwen Stefani, Depeche Mode, Goldfrapp und Madonna gearbeitet hat. Zeigt sich aber mit »Perfect Symmetry« tatsächlich ein endgültiger Paradigmenwechsel? Bei Stücken wie »Better than this« oder »Pretend that you’re alone« beeinträchtigt der nicht völlig entfaltete und penetrant mitklingende Sound die Wirkung der Texte. Deren Qualität hat die vorherige ausschließlich emotional-amourösen Ebene um gesellschaftskritische Aspekte ausgeweitet und ereichen damit eine neue Dimension und Tiefe. Die Texte erzählen oftmals von Individuen, die Teile einer oberflächlichen Gesellschaft sind oder ihr begegnen. Diese Gesellschaft ist eine unreflektierte, nur automatisch funktionierende und durch die Fixierung auf äußerliche Merkmale sich selbst verblendete Masse von »beautiful dolls«, wie es in »You don’t see me« heißt. Die Spannbreite der Art und Weise ist weit, wie die Ablehnung der gesellschaftlichen Haltung musikalisch in Szene gesetzt wird. Mal wird der auf der Oberfläche schwimmende Mensch auf den Boden der evolutionären Tatsachen geholt, wenn Keane in »Pretend that you’re alone« daran erinnert: »We are just the monkeys who fell out of the trees«. Andere Male werden die Zuhörer wie im Lied »Perfect Symmetry« mit existentielle Fragen wie »Who are you? What are you fighting for?/ Holy truth? Brother I choose this mortal life« direkt konfrontiert. Oft steht aber das Individuum selbst aufgrund seiner Banalität im Zentrum der Kritik, und es wird unmittelbar angesprochen, was Passagen aus »Better than this« veranschaulichen:

Because the photographs show the wrong man Because there is no soap star holding your hand You don’t see yourself in the freeze frame Must be someone else using your name

Die Gesellschaftskritik bewegt sich nicht auf einer abstrakten Ebene, die fernab von jeglicher Lebensrealität ist. Die Texte thematisieren leichtfertige Handlungen, in denen sich der Zuhörer selbst wieder finden kann. Beispielhaft dafür stehen Passagen aus »Playing along«:

At the start of the news day The fires begin In words and in pictures But I’m not listening I’m not taking it in

Trotz aller Gesellschaftskritik überragt die Band mit einem harmonischen Gewebe aus Musik und Text, um Geborgenheit und Vertrautheit zu erzeugen. In ihnen erreicht der gewohnte und vertraute Keane-Sound durch großartige Breaks wie in »I’m going to turn up the volume« pathetisch-explosive Höhepunkte. Auch »Black burning heart« berauscht und erinnert an frühere tiefsinnige, wunderbare klaviermelodische Lieder des ersten Albums wie »Somewhere only we know« und bricht damit die angelockte Erwartung des Zuhörers auf eine völlige musikalische Veränderung. Ganz im Gegenteil untermauern Tracks wie »Love ist the end« die melancholisch-stillen Facetten der Musik von Keane. Es hat sich einiges bei Keane verändert, vor allem die Orientierung am Achtziger-Sound. Damit findet Keane den Anschluss an die Indieszene, die ebenfalls mit Klangelementen dieser Epoche spielt. Doch die Eigenschaft als klavier- und melancholieliebende Brit-Pop-Band konnte Keane mit diesem Album nicht abschütteln. Und das ist auch besser so, da diese Band sonst im Retro-Strom der Indieszene untergehen und sich lösen würde von dem, worin sie wirklich groß ist: klangvolle Melancholie. Keane: Perfect Symmetry. Universal Island Records. Ca. 51 min. Spielzeit. Ca. 18,- Euro.

 

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