Als Germanist zur Buchmesse? Unbedingt!

22. bis 25. März 2007: Bei gefühlten minus 10 Grad Celsius sowie den Begleiterscheinungen Eis und Schnee begibt sich die Kritische Ausgabe nach Leipzig. Dort drängen sich zu dieser Zeit 2.348 Verlage auf 63.000 Quadratmetern zusammen, angereist aus 36 Ländern. 2.600 Journalisten berichten über Stars und Sternchen, Highlights und Flops des Tages. Der öffentliche Nahverkehr spuckt im Minutentakt Menschenmassen an die Ausläufer des Messegeländes, die 127.000 knacken den Besucherrekord des vergangenen Jahres. Wen diese unglaublichen Zahlengebilde in Verbindung mit dem Zauberwort »Literatur« noch nicht in tropische neuronale Temperaturlagen katapultieren, lässt sich vielleicht so für das Spezifikum Buchmesse erwärmen:

Buchmesse-Stand der dahlemer verlagsanstalt und  der K.A. (Foto: Stephanie Müller)
Gemeinsamer Messestand in Leipzig:
dahlemer verlagsanstalt und K.A.
(Foto: Stephanie Müller)

Der Germanist an sich beschäftigt sich nicht gerne mit Gegenwartsliteratur. Das mag gute Gründe haben. Zum einen ist es wichtig, im Studium an die Grundlagen der Schulzeit anzuknüpfen und diese zu verstärken und zu erweitern, zum anderen ist es ebenso schwer wie unbequem, im Gewühl der Neuerscheinungen Tendenzen auszumachen und zu unterscheiden, was wichtig ist und was schon in wenigen Jahren der Vergessenheit anheimfällt. Aus der schieren Masse die relevanten Texte für Gegenwart und Zukunft herauszufiltern, überlässt er daher lieber den Kritikern.

Trotz der fehlenden Nähe zur Gegenwartsliteratur im Studium haben viele im Literaturbetrieb Tätige eine universitäre Ausbildung als Germanisten hinter sich. Oft stellt sich schon während des Studiums die Frage, ob und auf welchem Wege man in den Journalismus oder ins Verlagsgewerbe einsteigen kann. Ein Ort, an dem schreibende und verlegende Zunft regelmäßig zusammentreffen, sind die beiden großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Während Frankfurt traditionell eher für Fachkreise eine Attraktion darstellt und seine Pforten nur an einem Tag für das gemeine Volk öffnet, lädt gerade Leipzig als betont publikumsfreundlicher Gegenpol jedermann und -frau ein, gerade auch um erste Schritte auf diesem unbekannten Terrain zu wagen. Der Leipziger Buchstabenbasar ist der wichtigste Treff der Branche im Frühjahr. Mit der Erfassung der Neuerscheinungen unter dem Motto »Frühling, erwachen: Alles neu macht der März« setzte er auch dieses Jahr Signale für innovative Trends der Saison. Parallel lockten 1.900 Veranstaltungen des Literaturmarathons »Leipzig liest« an verschiedene Orte der Stadt.

In erster Linie ist es das Anliegen dieser Modenschauen der Bücherrepublik, das Phänomen »Buch« verstärkt ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu rücken. Für die Beteiligten geht es neben Präsentation und Lizenzhandel aber auch darum, Kontakte zu knüpfen und zu erneuern. So manche Idee wird schon auf einer Buchmesse entstanden sein, wenn auch kaum ein Autor dort sein Manuskript losgeworden sein wird. Die Frage, die sich uns hier stellt, lautet: Was hat man als Germanistik-Student, jenseits des eigenen Interesses an Literatur, auf der Buchmesse zu suchen?

Da es nur wenige geisteswissenschaftliche Studiengänge gibt, die sich direkt und mit entsprechendem Praxisbezug auf einen konkreteren Berufsweg konzentrieren (eine solche Ausnahme ist etwa der Studiengang Buchwissenschaft), ist der Literaturbetrieb ein wahrer Tummelplatz für Quereinsteiger. So sehr auch in letzter Zeit im Zusammenhang mit der »Generation Praktikum« über mangelnde Bezahlung gestöhnt und zu Recht auf die teilweise so entstehenden inakzeptablen Zustände hingewiesen wird, ist es doch unabdingbar, praktische Erfahrung zu sammeln, und zwar schon während des Studiums. Denn schließlich ist es ja auch wichtig, möglichst frühzeitig zu erfahren, ob einem der Traum vom Traumberuf nicht zu süß geraten ist und man später nicht womöglich in den sauren Apfel beißen muss – und ob man das, was man machen will, überhaupt kann. Nicht jeder hat das Zeug dazu, ein guter Lektor zu werden, und nicht jeder ist ein geborener Journalist.

»Einblicke« – K.A.-Sonderheft zur Leipziger Buchmesse 2007
»Einblicke« – das K.A.-Sonderheft zur Leipziger Buchmesse (Inhalt s.u.)

Die Möglichkeit, einen ersten Eindruck vom Literaturbetrieb zu bekommen, bietet sich zumindest zum Teil auf der Buchmesse. Zwar ist sie im Vergleich zur praktischen täglichen Arbeit nur eine Randerscheinung, aber hier trifft letztlich alles zusammen: Journalisten und Verleger, Autoren und Leser, Buchhändler und Kritiker – die ganze Welt des Buches an einem Platz. Hier geht es, wie in anderen Branchen auch, vordringlich um wirtschaftliche Aspekte, Übernahmen werden ausgehandelt und so manch kleiner Verlag gerät glücklich in den Fokus der Medien, was ihm hoffentlich eine sicherere Existenz ermöglicht.

Einem dieser Buchmesse-Zufälle ist es auch zu verdanken, dass die Kritische Ausgabe in diesem Jahr als Mitausstellerin in Leipzig vertreten war. Bereits in früheren Jahren konnten wir dank des Kranichsteiner Literaturverlags unsere Hefte in Frankfurt zeigen, doch 2007 war unsere Präsenz in Leipzig deutlich größer. Michael Fischer von der Dahlemer Verlagsanstalt ermöglichte es uns, an einem Gemeinschaftsstand all unsere Hefte zu präsentieren, die in den letzten Jahren entstanden sind, von der »Popliteratur« bis zum jüngsten Heft »Verbrechen«. Eigens zur Buchmesse hatten wir außerdem ein kostenloses Sonderheft mit Einblicken in die vergangene Nummer sowie Ausblicken auf die nun vorliegende »Werkstatt«-Ausgabe zusammengestellt.1

Der günstig positionierte Eckstand diente jedoch nicht nur der Bewerbung des eigenen Produktes, sondern ermöglichte auch unmittelbaren Erfahrungsaustausch über die Erlebnisse auf dem Tummelplatz Buchmesse. Neun Redaktionsmitglieder mitsamt K.A.-T(eam)-Shirts und bedeutungsschwangeren Presseausweisen begaben sich in diese impressionistische Wechseldusche zwischen Besucher- und Expertenrolle. Aus dem Interviewer wurde der Befragte, aus dem Neugierigen der Fachmann und Repräsentant, der Fragen beantworten musste wie: Was ist eigentlich die Kritische Ausgabe? Wer seid ihr? Und wo wollt ihr hin?

Mitglieder der K.A.-Redaktion am Messestand (Foto: Volker Oppmann)
Mitglieder der K.A.-Redaktion am Messestand – v.l.n.r.: Benedikt Viertelhaus, Stephanie Kurka, Katrin Uelpenich, Katja Moses, Marcel Diel
(Foto: Volker Oppmann)

Es ist interessant zu sehen, wie sich die Branche auf der Messe präsentiert. Begegnungen mit den Goliaths und Davids der deutschen Literaturszene in Form von prominenten Autoren, Schauspielern oder Politikern sind nur eine Ecke entfernt. Hier feiert Martin Walser seinen 80. Geburtstag. Dort liest Thomas Brussig. Ein paar Meter weiter Ulrich Wickert, dann Christoph Hein. Ein fast vergessener Autor, Werner Bräunig, und dessen zu Lebzeiten unveröffentlichter Rummelplatz beleben die Gespräche. Jungautor Saša Stanišić diskutiert über Europa. Auf dem »Blauen Sofa« in der Glashalle, seit seiner Premiere 2000 zur Institution geworden, präsentieren sich in halbstündigen Kurzprogrammen über sechzig Stunden hinweg Autoren aus aller Welt. Hier gibt Günter Grass abermals dem Drang nach, sich zu profilieren. Im reizvollen Kontrast dazu Saul Friedländer, Gewinner des diesjährigen »Preises der Leipziger Buchmesse« in der Kategorie Sachbuch/Essayistik für Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945 (Verlag C.H. Beck). Ebenfalls am 22. März zur feierlichen Eröffnung ausgezeichnet, von über 700 eingereichten Vorschlägen: Swetlana Geier für ihre Übersetzung von Dostojewskis Ein grüner Junge (Ammann Verlag). Bei der Belletristik setzte sich Ingo Schulze mit Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier (Berlin Verlag) durch und glänzte während der Messetage mit schierer Omnipräsenz.

Bei weitem ist jedoch nicht alles so perfekt wie es scheint. Da sind angekündigte Bücher nicht erschienen, Verlage, obwohl angemeldet und trotz der teuren Standplätze, erst gar nicht auf der Messe aufgetaucht. Dazwischen soll sich nun noch der unerfahrene Germanist tummeln und erste Erfahrungen sammeln? Er muss! Denn wo wie hier und allgemein in der Verlagsszene Bewegung ist, da besteht bekanntlich auch die Möglichkeit, sich selbst einzubringen, z.B. sich für ein Praktikum zu bewerben. Nicht gleich an Ort und Stelle, versteht sich – aber wo, wenn nicht hier, ließe sich besser Feldforschung betreiben! Gerade kleinere Verlage, deren Programme nicht in den Buchhandlungen ausliegen, sind interessant im Hinblick auf Praktika. Der Vorteil, den sie bieten, ist nicht nur, dass die Menge der Anfragen dort geringer sein dürfte als bei einem Branchenriesen – auch die Erfahrungen, die man dort sammeln kann, sind oft ungleich reicher. Häufig sitzt man mit dem Chef im gleichen Büro und hat somit die Möglichkeit, einen recht genauen Eindruck von der Verlagsarbeit zu bekommen. Eigenverantwortliches Arbeiten sollte man ohnehin nicht scheuen, aber die Chance, dazu gedrängt zu werden, ist in einem kleinen Unternehmen wohl um einiges größer. Um einen Verlag zu finden, dessen Schwerpunkt auch mit den eigenen Interessen einhergeht, ist die Buchmesse ein wichtiger Ort. Wer einmal den Fuß in der Tür stehen hat, dem öffnen sich mitunter andere Türen, denn man kennt sich untereinander und wenn nicht, so lernt man sich hier sehr schnell kennen.

Für die K.A. bringt der Blick nach vorn neue Spannung und Freude mit sich: Denn mit der Frankfurter Buchmesse vom 10. bis zum 14. Oktober 2007 steht bereits der nächste wichtige Termin vor der Tür. Im Rahmen des »Treffens junger Magazine«, einem freien Verbund von derzeit neun Literaturzeitschriften, wird die Kritische Ausgabe dort in Halle 4.1 am Gemeinschaftsstand der Jungen Magazine vertreten sein.

Die jungen Magazine auf der Frankfurter Buchmesse 2007

Auf Ihren Besuch freuen wir uns!

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Kritische Ausgabe, Sommer 2007, »Werkstatt«hier als PDF-Dokument

 

 

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