Am Abgrund

Szenenfoto: © Thilo BeuDass die Familie als Keimzelle der Gesellschaft nicht nur Zufluchtsort und Hort der Geborgenheit ist, sondern zugleich auch immenses Konfliktpotenzial birgt, zeigt Markus Dietz in seiner Inszenierung von Maxim Gorkis Drama Die Letzten, das derzeit an den Kammerspielen Bad Godesberg aufgeführt wird.

Erzählt wird die Geschichte vom Verfall einer Familie. Iwan Kolomijzew hat sein Geld versoffen und verspielt. Im Dienste der Polizei missbraucht er seine Stellung, ist korrupt und brutal. Als er zwei Gefangene – Kinder, wie sich später herausstellt – zu Tode prügeln lässt, verliert er Posten und Ansehen, ein Attentatsversuch auf ihn eröffnet ihm jedoch die Möglichkeit, sich als Opfer revolutionärer Geister darzustellen. Völlig willkürlich beschuldigt er einen Jungen, der Angreifer gewesen zu sein. In dieser Situation kehrt Iwan zurück in das Haus seines todkranken Bruders, wo er seine Frau und seine fünf mehr oder weniger erwachsenen Kindern aus Geldgier einquartiert hat und auf dessen Kosten er lebt. Die Familie leidet unter den Vorwürfen gegen den Vater und droht an Iwans Charakterlosigkeit und den unmoralischen Zuständen der Zeit zugrunde zu gehen.

Gorki verfasste sein Schauspiel um 1907, unmittelbar unter dem Eindruck der gescheiterten Revolution in Russland von 1905. Armut und soziale Ungerechtigkeit bestimmen das tägliche Leben. Nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) verschlechtert sich die politische und wirtschaftliche Lage des Landes zunehmend. Das Proletariat begehrt auf gegen die Zarenherrschaft, doch die Regierung verfolgt jegliche revolutionären Aktivitäten aufs Brutalste. Die Revolution scheitert, das Volk steht der staatlichen Übermacht, einem korrupten, von Geld regierten System, ohnmächtig gegenüber. Am Beispiel der privaten Familientragödie entwirft Gorki dieses finstere Bild einer verkommenen Gesellschaft. Deutlich zeigt sich dabei sein Pessimismus: Die Familie bietet keinen Schutz mehr vor dieser Gesellschaft, sie ist vielmehr ihr Spiegel.

Schon vor Beginn der Vorstellung wird das Publikum eingestimmt auf die folgende Tour de Force durch die düstersten Tiefen der menschlichen Seele: Bedrohliche Musik erfüllt den Raum, die Bühne ist sehr dunkel gehalten – ein mal grelles, mal blutrotes Licht wird sie im weiteren Verlauf auf unangenehme Weise erhellen. Nicole Kersten, die die verkrüppelte Tochter Ljubow spielt, kauert in einer Ecke – ihre Körpersprache spricht Bände: Offensichtlich ist dies kein Ort, an dem man sich gerne aufhält.

Szenenfoto: © Thilo BeuMarkus Dietz gelingt es, die Stimmung aus diesem starken Anfangsbild bis zum Schluss beizubehalten, und bietet dem Zuschauer über zwei Stunden ein Panoptikum menschlichen Makels dar: Da wird betrogen, gelogen, gesoffen, bestochen, gestritten und gehasst. Akt für Akt schreitet der Verfall der Gemeinschaft unaufhaltsam fort. Die Inszenierung tut sehr gut daran, den Fokus ganz auf die Charaktere zu richten, denn die Darsteller zeigen durchweg sehr überzeugende Leistungen. Herausragend vor allem Bernd Braun als Familienvater und Andreas Maier als sein jüngeres, noch viel verdorbeneres Pendant Alexander. Brauns Iwan schwankt zwischen Brutalität und geradezu »schwachen« Momenten, in denen er gar eine Mitschuld an der Misere eingesteht und die Frage stellt: »Bin ich ein schlechter Mensch?« Derart von Zweifeln und Selbstmitleid hingerissen, wirkt der grobe Tyrann eher jämmerlich.

Zeigt sich der Vater somit noch als in sich zerrissener Charakter, ist dessen Boshaftigkeit in der Figur des Sohnes Alexander bereits so weit potenziert, dass sie jeden Anflug von Gewissen im Keim erstickt, ihn auch das traurigste Schicksal nicht berühren kann. Alexander ist nur noch selbstverliebter Säufer und Brutalo, der die eigene Familie ausnimmt, so dass selbst der gutmütige Onkel Jakow (Volker Weidlich) erkennt: »Das ist kein Mensch, das ist ein Albtraum.« Die eisige Kälte, die Maier seinem Alexander verleiht, lässt erahnen, wohin sich die Gesellschaft entwickeln wird, wenn seine Generation erst die Macht übernommen hat. Zusammen mit seiner ältesten Schwester, der schönen, aber moralisch völlig verdorbenen Nadesha (Patrycia Ziolkowska), bildet er ein teuflisches Duo. Nadeshas Schönheit und erotische Ausstrahlung ermöglichen ihr, in der eindeutig patriarchalischen Gesellschaft zu bestehen – und dazu ist ihr jedes Mittel recht.

Optisch sind diese bösartigen Kinder von ihren »guten« jüngeren Geschwistern bereits durch die Kostüme zu unterscheiden: Eine klassische Schwarz-Weiß-Gestaltung lässt keinen Zweifel daran, wer hier zu welchem Lager gehört. Die Älteren haben bereits ob der Hoffnungslosigkeit der Situation resigniert, die Jüngeren hingegen – Peter (Roland Riebeling) und Vera (Verena Bukal) – verkörpern das Aufbegehren gegen die Tyrannei. Nach Liebe und Halt suchend kämpfen sie gegen den Verfall der Familie an – ein hoffnungsloses Unterfangen.

Tatjana Pasztor steht als Mutter Sofja dem Ganzen machtlos gegenüber – gelähmt durch einen unüberwindbaren Ballast an Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern bleibt ihr am Ende nichts, als sich bei ihnen zu entschuldigen, sie überhaupt in diese schreckliche Welt hineingeboren zu haben. Besonders eindringlich in ihrem abgrundtiefen Hass gegen Iwan spielt Nicole Kersten die bucklige Ljubow: Sie kommentiert das Geschehen mit beinah orakelhafter Weisheit von außen, ist aber ein ebenso gebrochener Charakter wie alle anderen. Diese Anhäufung menschlicher Problemfälle prallt im Hause Jakows immer wieder aufeinander.

Szenenfoto: © Thilo BeuFranz Lehr gestaltet die Bühne als unheilvollen Ort, von dem es kein Entrinnen gibt. Ähnlich wie in Lars von Triers Film Dogville wird dabei auf die Ausgestaltung einzelner Räume verzichtet. Trennende Wände sowie das Mobiliar sind lediglich umrissartig auf den Boden gezeichnet. So macht das Haus den Eindruck eines einzigen Raumes, aus dem zu entfliehen unmöglich ist. Ein Rückzug ist den Figuren verwehrt und damit auch die Flucht voreinander.

Nur wenige Möbelstücke befinden sich zunächst auf den für sie markierten Positionen. Doch diese anfängliche »Ordnung« zerfällt zunehmend. Akt für Akt werden die Möbel weiter aus ihrer ursprünglichen Position ver- und näher aneinander gerückt. Am Ende stehen sie so eng zusammen, dass sich die Schauspieler regelrecht durch Stühle, Tische und Sessel hindurchwinden müssen, um aus dem Haus zu gelangen – ein sehr einfallsreiches Bild für die »Enge« der Familie und der Gesellschaft, in der sich niemand frei zu bewegen vermag.

In diesem Raum kämpfen die Figuren einen verzweifelten Kampf um ihr physisches und psychisches Überleben. Doch was zählt der Mensch noch, wenn Frauen nur wegen der Mitgift geheiratet, Ämter erkauft werden und Geld politische Unversehrtheit sichert, während unschuldige Kinder als Sündenbock herhalten müssen! Ein Ausweg scheint für die Charaktere nicht in Sicht, sie haben den Kampf bereits verloren: Sie sind die »Letzten«. Was danach kommen mag, ist ungewiss.

 

Die Letzten. Schauspiel in vier Akten von Maxim Gorki. Aus dem Russischen von Andrea Clemen. Kammerspiele Bad Godesberg.
Premiere: 12.04.2006. Inszenierung: Markus Dietz.
Weitere Termine unter: www.theater-bonn.de

(Fotos: Thilo Beu)

 

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