Am Rande der Sprachlosigkeit

Spaziergang in phantastischen Dichterlandschaften: Zu den Poetikvorlesungen Urs Widmers
Eine Warnung aber zuvor: Glauben Sie keinem, der Ihnen weismachen will, dass das Schreiben schrecklich sei.

Urs Widmer: Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das (Cover)Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das – die Vorlesungen über Poetik, die Urs Widmer im Januar und Februar 2007 an der Universität Frankfurt hält, sind eine Spurensuche. Eine Suche nach den Spuren, die Sprache in der Literatur hinterlässt – bei dem, dem sie entrinnt, bei dem, dem sie entgegeneilt. Die Suche wird zur Sehnsucht. Sehnsucht: tief und klar in gleicher Weise. Seine Poetikvorlesungen hält der gebürtige Baseler, Germanist und Romancier Urs Widmer an einem Ort der Erinnerung: 1959/60 beginnt die poetische Vorlesungsreihe mit Ingeborg Bachmann, u.a. folgen Christa Wolf und Ernst Jandl. Ein Ort der Erinnerung also, und der Sehnsucht.

Ich will vom Leiden der Dichter sprechen. Denn ohne ein Leiden geht es nicht ab in der Literatur. Ohne Schmerzen.

Widmer konstruiert Dichterlandschaften. Irgendwo zwischen Höllenfahrt und Himmelsleiter. Dichterlandschaften, in denen Leiden Blüten treibt. Er sucht Zuhause und Heimat der Dichter. Katalogisiert akribisch Gefühl um Gefühl. Wort um Wort. Wendet sich gedankenverloren dem Übrigen zu. Spricht hie und da über Leben und Tod – ebenso direkt wie diskret. Dabei driftet er gelegentlich ab in Schwärmereien: das Schweigen Robert Walsers, das Grün Gottfried Kellers, die Schwellfüße des Ödipus.

Es ist immerhin ein Trost, dass alles, auch das sorgsam Antizipierte, bei uns normalen Sterblichen dann nochmal anders ist.

Wie er schreibt, so beschreibt er sich selbst; den normalen Sterblichen. Der Abweichungsprozess von der Norm der Sprache, der Sprachfindungsprozess nach 1945, das sich Befreien von der Trostlosigkeit nicht vorhandener Ambivalenzen beschäftigen ihn. Urs Widmer gibt sich liebevoll-einfühlsam der Psyche der Dichter und der Literatur hin.

Keiner kann sein Sprachschicksal frei wählen. Die eigenen, oft so wundersamen Sprachmöglichkeiten sind auch das Gefängnis, in dem die Dichter eingesperrt sind. Lebenslänglich. Wie glanzvoll sich der Sprachraum, den der Einzelne beherrscht, auch ausnehmen mag, er hat für jeden seine Grenzen. Kein Ausbrechen möglich.

Widmer warnt deutlich vor der Idealisierung des Leidens des Dichters an sich. Es ist nicht so, dass das Schreiben selbst beschwert, das Beschwerende ist vielmehr die Erfahrung, die Erinnerung des Dichters. Die Erinnerung an das Nicht-Schreiben-Können.

Die Dichter, die übers Schreiben klagen, meinen gar nicht das Schreiben. Sie sprechen vom Nicht-Schreiben. Nicht schreiben können, das tut weh, und die Schnittstellen allerdings schmerzen, an denen das Schreiben-Müssen und das Nicht-Schreiben-Können aneinander stoßen.

Der ›horror vacui‹ – die Angst vor dem weißen Blatt, der ›horror linguae‹ – die Angst vor der Sprache, ist es, der den Dichter an den Rand der Verzweiflung bringt; manch einen verzweifeln, gar verstummen lässt. Verstummen ist, so Widmer, die radikalste aller Methoden um der Sprachskepsis zu entkommen, gleichzeitig ihr Höhepunkt. Arthur Rimbaud schrieb von seinem 21. Lebensjahr bis zu seinem Tod im Jahr 1891 kein Wort mehr. Robert Walser starb 1956, sein Verschwinden war dem Tod allerdings Jahre vorausgeeilt, lange schon hatte er aufgehört zu sprechen, stand sich, seiner Welt sprachlos gegenüber. Irgendwann also scheint der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergeht, an dem sich die Sprache erschöpft, an dem das Sprechen, das Schreiben versagt, die Worte versiegen und neue Ausdrucksformen gefunden werden müssen, selten jedoch gesucht werden. Das Leiden der Dichter: Verstummen. Stumm werden. Nicht ganz folgerichtig. Konsequent der Gedanke des im Tod Verstummens. Der Dichter aber verstummt im Sterben – also in dem, was wir gemeinhin als Leben bezeichnen und das doch als ein unvermeidlich dem Ende entgegeneilendes Sterben bedeutet – und krankt an der eigenen Sprachlosigkeit, bis sie ihn real einholt – am Ende. Stumm ist nur der Tod. Schweigen ist dem Sterbenden – also dem Lebenden – gegeben. Das Schweigen, das Stumm werden als Sprechen in sich zeichnet den Dichter einer schweren Erkrankung gleich, soll Heilung sein und birgt doch Verderben.

Es ist die Frage, welchen Wert wir dem zumessen, ohne das wir nicht leben können, der Sprache.

Absurd verkehrt. Radikal. Schmerzhaft. So wird die beschwerte zur leichten Sprache, zum tänzelnden Wort, die Radikalität einfühlsam, zurückhaltend – weich – der Schmerz verkehrt sich in elendes Wohlgefühl. Ausdruck verspricht eben immer auch Eindruck. Urs Widmer ist ein Meister der Ambivalenz. Er stellt nicht bloß dar, er sucht tiefer. Findet Einsichten, jenseits:

Kafka. Wo wohnt Kafka? Er hat gar kein Haus mehr, er ist über die Abgrundkante ins schwarze Nichts gesprungen und schreibt im freien Fall.

Es ist wohl dem Genre der Vor-Lesung geschuldet, dass Urs Widmer mit dem Gedanken des Zur-Sprache-Kommens des Dichters hinter sich und dem eigenen Zur-Sprache-Kommen zurückbleibt. Die Fähigkeit absorbiert als Dichter zu leben, sich in die ihm eigene Sprache zu verlieren, kommt ihm in seinen Vorlesungen abhanden. Auch wenn er mit seiner tiefen wie klaren Sprache humorvoll auf Spurensuche geht, bleibt es eine Spurensuche, nicht mehr und nicht weniger. Es ist ein findiges Detektivspielen in einer diffus-phantastischen Dichterlandschaft und in einer Landschaft dieser Art geht Urs Widmer nun auch verloren. Der spontane, bissig-leichte Charme seiner Romane verliert sich in der Koketterie des Vorlesers mit der Geisteslandschaft.

Wahrscheinlich kann man die sogenannte Moderne, für die manch eine Definition gefunden worden ist, mit diesen zwei letzten Sätzen fassen: »Es ist der Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: Ich bin gerettet!«

Widmer führt akribisch Protokoll und trifft nicht ganz den ihm gewohnten Ton. Protokoll der Elite – literarischer Natur. Der Dichter an sich findet sich wieder in den elitären Reihen des Widmerschen Geistes. Einer neben dem anderen. Hübsch aufgereiht wie Zinnsoldaten. Mal in die Untiefen des Geistes stürzend, mal in Erinnerung betrachtet. Das Zeichnen einer Dichterlandschaft muss uneben um der Fülle Willen bleiben. Und auch wenn Widmer tiefe Einblicke gibt, den Raum der Sprache durchmisst, ihn förmlich vermisst, Dichter in Reih und Glied antanzen lässt, betrachtet, seziert, beschreibt, liebevoll psychologisches Profil beispielsweise von Gottfried Keller formuliert: Die Vor-Lesung muss hinter dem, über den gesagt wird, zurückbleiben. Es müssen lose formulierte Gedanken sein, ehrlich und offen, befreiend; und doch fehlt ihnen das Leben. Leben, das nur der Dichter selbst dem Wort einhauchen kann, das über ihn gesagt wird. Das Gesprochene, das das Zwischenlesen geforderter macht denn je. Zwischen. Lesen. Die Vorlesung Widmers muss unterbrochen werden durch den Gang an das heimische Bücherregal und den Griff in ebendieses. Nachlesen. Eine Nachlese der Widmerschen Gedanken muss der geneigte Frankfurter Hörer und der Leser betreiben um Widmer in Leben und Tod und in allem Übrigen folgen zu können, dies und das zu sagen zu haben und nicht angesichts der verzweifelnden Fülle das Werk Vergangener in Erinnerung und Sehnsucht zu betrachten und stumm zu bleiben gegenüber dem sich daraus Entwickelnden. Lesen und Widerlesen! Lesen, aber niemals die »Originale« aus den Augen verlieren. Der literaturwissenschaftlich-psychologische Aufriss Widmers kann nur Essenz eines langen Lebens voller Erfahrung und Erinnerung mit und an Dichter und Dichtung sein. Widerlesen, um nicht zu vergessen, wie eigen- und widersinnig Sprache und ihre Schöpfer sind.

 

Urs Widmer: Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das. Frankfurter Poetikvorlesungen. Zürich: Diogenes, 2007. 152 Seiten. ISBN 978-3-257-06598-5. 18,90 Euro.

 

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