Anbruch einer neuen Ära?

Razorlight oder die Schwierigkeit des zweiten Albums

Razorlight: RazorlightBekanntermaßen ist das zweite Album ein besonders schwieriges. Man kann es handhaben wie die Strokes, die nach ihrem Debüt bereits herausposaunten, dass ihr zweites Album genau so klingen werde wie das erste und sie erst beim dritten klanglich Neues bieten würden. Gesagt, getan. Ähnlich hielten es Franz Ferdinand: Außer ein, zwei Balladen hat sich der Sound der Schotten auf »You could have it so much better« nicht wirklich verändert. Die Resonanz zwar durchweg positiv, aber bei weitem nicht so begeistert wie bei ihrem Debüt. Und genau da liegt das Problem: Durch das erste Album geweckte Erwartungen werden schnell enttäuscht. Beide Bands standen nach ihren unglaublich erfolgreichen Erstlingen unter enormem Druck. Razorlights erstes Album, »Up all night«, hatte auf der Insel zwar auch großen Erfolg, kam in Deutschland aber nie über den Status eines Geheimtipps hinaus. Zu sehr wurde es damals von den alles dominierenden Libertines überschattet, bei denen der Sänger von Razorlight, Johnny Borrel, den Bass bediente. Dies tat er zwar nur kurz und für ein Demo und hatte dabei keinen kreativen Einfluss auf die Band, aber das lässt man für eine Rezension schon mal gerne unter den Tisch fallen – ist der Kritiker doch froh, somit einen Bezug zum Drogen-Skandal-Musiker Pete Doherty von den Libertines herstellen zu können. Und doch kann man sagen, dass Borrels Musik von dem Traumduo Doherty/Barât beeinflusst wurde. »Up all night« klang wie eine cleane Version, ja die Popvariante der Libertines, weswegen Razorlight in Deutschland als deren Abklatsch wahrgenommen wurden. Damit tut man ihnen jedoch Unrecht. Sicher klingt diese Band britisch, doch haben die Libertines diesen Sound nicht erfunden, sondern lediglich wiederbelebt. Zudem sind die Libertines stark beeinflusst von The Clash, wohingegen Razorlight einen deutlich amerikanischen Einschlag hat. »In the morning«, erste Single und Opener des neuen Albums, schlägt noch eine gute Brücke zum Vorgänger. Mit einer starken Rhythmusfraktion und Ohrwurmmelodie könnte der Song durchaus zu einem Indie-Diskohit avancieren. Doch schon hier merkt man, dass die neue Platte deutlich poppiger ist als das Debüt. Hall- und Delayeffekte, die auf Gitarre und Gesang liegen, wecken Erinnerungen an die achtziger Jahre à la Nena. Daran stoßen mag man sich jedoch nicht – zu sehr wird man von dem Lied in den Bann gezogen. Der Text erzählt von den wilden, rücksichtslosen Feiern der Jugendzeit: »In the morning you know you won't remember a thing. In the morning you know it's gonna be alright.« Doch wird dabei auch Kritik geübt:

I don't know what I'm doing wrong maybe I've been here too long. The songs on the radio all sound the same everybody just looks the same.

Ob Razorlight es schaffen, den Unterschied zu machen? Wenn man Johnny Borrel glaubt, dann mit Sicherheit, denn er setzt größtes Vertrauen in ihren Produzenten Chris Thomas, der auch schon am »White Album« der Beatles und für Pink Floyd gearbeitet hat:

Chris Thomas war an mindestens jeweils einem Album pro Dekade beteiligt, das eine Ära begründete. Meines Wissens hat er in diesem Jahrzehnt noch keines abgeliefert; es wäre also wieder an der Zeit.

Mit »In the morning« macht Razorlight einen Schritt in die richtige Richtung. Dieses Lied, ursprünglich für eine Dior-Homme-Fashion-Show geschrieben, wurde von der Band von einem 20-minutigen rhytmusorientierten Stück Musik zu einer Single zurecht gestutzt, die einen sofort die Tanzfläche stürmen lassen möchte. Mit »Who needs love« entfernt sich das Album dann schon ein ganzes Stück weiter von seinem Vorgänger. Mit dem monotonen Klavierpart und den simplen Gitarren kehren Razorlight zurück zur Basis des Rock 'n' Roll, was andere allerdings schon besser geschafft haben. Auch hier besitzt die Gesangsmelodie Ohrwurmpotential, doch klingt der Song insgesamt viel zu weichgespült, um wirklich überzeugen zu können. Insgesamt ist das Album sehr poppig ausgefallen. Ecken und Kanten wurden gemieden, wodurch ein absolut massenkompatibles Produkt entstanden ist, das manchmal haarscharf an der Grenze zum Kitsch vorbeischlittert. Daran kann auch der Kontrast zwischen zuckersüßer Musik und verbittertem Text (»Who needs love? Not I!«) nichts ändern. Bestes Beispiel dafür, dass das dennoch funktionieren kann, ist das Lied »America«. Die Gitarre wurde mit einem fast schon peinlichen Delay unterlegt und die »Oh oh ohhhh«-Parts könnten genauso gut auf einer Best-Of-Europe-Scheibe zu hören sein. Trotzdem erwischt man sich immer wieder dabei, wie man eben diese Stellen vor sich hinsummt. Selbst Hörer mit unbeirrbarem Indie-Anspruch, die Popmusik ablehnen, weil sie Popmusik ist, können sich diesen Melodien nur schwer entziehen, und so bleibt fast die Erkenntnis, dass das Songwriting wichtiger sein könnte als Alternative-Ansprüche. Doch so einfach ist es dann doch nicht, da erfahrungsgemäß die Melodien, die dem Hörer auf einem Silbertablett serviert werden, eine recht kurze Halbwertszeit aufweisen. Das zweite Album von Razorlight ist eines, das den Hörer eine ganze Jahreszeit lang nicht mehr loslässt, aber danach den Weg in den CD-Player nur noch zufällig findet. Razorlight sind also nicht nur von vornherein einen anderen Weg gegangen als die Strokes oder Franz Ferdinand, sondern haben schon mit ihrem zweiten Album eine wiederum neue Richtung eingeschlagen. Eines lässt sich allerdings schon jetzt sagen: Bei allen Stärken, die dieses Album hat, ist es insgesamt doch kaum mehr als solides Mittelmaß und wird keinesfalls eine neue Ära einläuten, egal welchen Produzenten man mit an Bord hatte. Razorlight: Razorlight. Mercury (Universal), 2006. Ca. 35 Min. Spielzeit. Ca. 13,– Euro.

Wow, meinen Respekt für diese

Wow, meinen Respekt für diese Rezension. Sie führt gut in das Thema ein, hält die Spannung und ist mit dem Schlussfazit gut abgerundet. Musikjournalismus vom Feinsten!

 

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