Angst als Dialektik des inneren und äußeren Erlebens - das Alter

»und immer wieder diese geriatrische Sicht der Dinge, nicht wahr« (Friederike Mayröcker)1

Man könnte sich keine gegensätzlicheren Frauen vorstellen. Die eine, geboren 1908 in Paris, Kämpferin für Gleichstellung der Geschlechter, Philosophin. Sie ist kühl und distanziert sachlich, so auch die Beziehung zu ihrem Partner und geistigen Gegenüber Jean-Paul Sartre. Die andere, sechzehn Jahre später in Wien zur Welt gekommen, eine Hauptschullehrerin, zaghaft aber bestimmt. Sie ist etwas sonderlich aber intensiv; so auch ihre Beziehung zu ihrem Schreib- und Lebensgefährten Ernst Jandl. Simone de Beauvoir und Friederike Mayröcker: Beide Frauen müssen schreiben über Dinge, die sie beschäftigen. Die eine über soziale Missstände und Ungerechtigkeit. Die andere über sich; sie beklebt die Wände wahnhaft mit beschriebenem Papier. Ihre Wohnung ist ein Gedicht. Beide schreiben aus unterschiedlichen Perspektiven über den Körper. Simone de Beauvoir untersucht und zerlegt, sie befragt und kritisiert. Ihre Studie »Das Alter« ist radikal und unverblümt. Aus Friederike Mayröcker fließen die Worte heraus, sie verbastelt Gefühl mit Lauten. Immer häufiger beschäftigt sie sich mit dem Altwerden; und mit der Angst als etwas basal Menschlichem.

Angst

Ich habe nur Angst, ich kenne fast nur noch die Angst, die Angst […], täglich und stündlich die Angst […] zu haben ist ein schlimmer Zustand, sage ich, nichts zu machen, Tag und Nacht nichts als die Todes Angst wer kann das verstehen, wer kann das ertragen, Katarakt meiner Augen2

Was genau ist aber Angst? Eine Charakterschwäche, Emotion, Funktion des Unbewussten und Ausdruck der Psyche oder ist sie Resultat von chemischem Ungleichgewicht im Körper und damit ein biologisch erklärbares Phänomen? Die Parameter der Messbarkeit von Angst werden am Körper erstellt, und oft zeigt sich an ihm die innere Dringlichkeit: Schüttelfrost, Schweißausbruch und Herzrasen. Ihr Destillat ist ein Ort des »Heulens und Zähneknirschens«3. Die körperlichen Zustände stehen als symbolische Statthalter für das schwer Greifbare des inneren Erlebens. Der Körper wird zur Projektionsfläche eines inneren Ausnahmezustands.

(Foto: © Andy Scholz)
Foto: © Andy Scholz

Im Alter wird der Körper seinerseits Ursache der psychosomatischen Rückkopplung. Durch den Körper und die Wahrnehmung von ihm entsteht innere Bedrängnis. Er stellt dem Intellekt unlösbare Rätsel, scheint ihm voraus zu sein. Die Lyrik von Friederike Mayröcker holt diesen Prozess ins Bewusstsein. Ohne Anspruch auf Stringenz geben ihre eigenlogische Bildsprache und Sprechfragmente die Spannung von physischer und geistiger Realität wieder.

vielleicht weil das Auge zuerst bricht4 der Körper will sich ja schlieszen! rufst du Verdrusz und Krankheit der Witwe : Göttin aus der Maschine, die grünen Zigeunerkarten plötzlich aus der Tasche gezogen vermischt, dreimal abheben! linkshändig! die Rosalia sichtbar zu machen (bewaldet), wir essen kleine Drachen den Mond, das Land ist Löwe viel Hitze Pompeji Kunstwellen Kälber- leib Bekröter sogar : Wahrträume - wie mit vielen Augen aus jeder Pfütze getrunken, die Vögel picken das menschliche Auge zuerst aus, alles verflochten Krankheit Verdrusz Säge des Laubs, mein Gaumen krümmt sich aber es ist kein Schatz zugegen, die Treue Beständigkeit aus den Karten gelesen, Werktreue? rufe ich, Asche werden, Stativ deiner Beine, Schläfe mit Kappe, Oktoberkeule dein schnarrendes Maulhorn ach                                   wo unsere Schatten einander entgegen sind -

Das Gedicht beschreibt den Körper als fremd und mächtig. Der Wille des Geistes ist ihm unterlegen. Beschrieben wird eine Verdinglichung des Subjekts: Es wird zu Aas, zu Asche, zum Opfer; seine Körperteile sind instrumentenhaft statisch, fragil und außerhalb der Kontrolle. Das Auge reduziert sich auf seine ökologische Materie (vgl. V. 12). In der Literatur wird das Auge oft als Spiegel der Seele bezeichnet und steht symbolisch für die Essenz des menschlichen Geists, Erkenntnis oder das Göttliche. Das Gedicht stellt diese metaphysische Bedeutung in Frage, indem es die Fragilität des Augapfels, das Beobachten durch unzählige Facetten und den Blick in offenbarende Karten nennt. Die Richtung des Blicks ist dabei selbstreflexiv. Das Du richtet sich nicht an einen außen liegenden Ort, sondern an das am eigenen Leib als fremd erfahrene Andere. Es beobachtet und nimmt sich als fremd, befallen und unnatürlich wahr, bis es sich schließlich selbst zum eigenen Gegenüber wird (vgl. Vv.18–20). Die entstehende Klaustrophobie verdichtet sich durch Zeilensprünge und hektische Aneinanderreihung von Substantiven. Die Satzzeichen lesen sich dabei wie eine emotive Notatio. Das doppelte Auftreten von ›Verdrusz‹ und ›Krankheit‹ betont das Ohnmachtsgefühl. Die Anrufung an ein wir ist dabei der Versuch, die Angst zu bekämpfen, den eigenen Zustand mit dem Allgemeinen zu identifizieren. ›Wahrträume‹ brechen dann mit dem Versuch eines gemeinschaftlichen Erlebens. Der Traum als etwas radikal Individuelles bündelt die Kraft der vorausgegangen Verse um sie wieder in ›tausend Augen‹ zu zerlegen. Das Ich sieht sich aus zahlreichen Blickwinkeln beobachtet.

Alter

Das Alter ist ein dialektischer Bezug zwischen meinem Sein in den Augen anderer, so wie es sich objektiv darstellt, und dem Bewusstsein meiner selbst, das ich durch das Alter gewinne. Es ist der andere in mir, der alt geworden ist, das heißt jener, der ich für die anderen bin: Und dieser andere bin ich.5

Nach Simone de Beauvoir erkennt der Mensch den anderen in sich durch die intersubjektive Umgebung, in der er sich widerspiegelt. Der Geist hat für sich genommen keine Erfahrung vom eigenen Ende und kann deswegen seine Endlichkeit nicht denken. Wie auch im behandelten Gedicht scheint ihm diese unwirklich und außerhalb seiner selbst. Dadurch wird das Bewusstwerden der zeitlichen Unterworfenheit des Menschen behindert. Aus diesem Grund belegt Beauvoir das Alter mit Sartres Terminus des »Unrealisierbaren«6. Weiterhin benutzt sie seinen Begriff des »Für-Sich«7 als das reine Erleben des Subjekts und bezeichnet die dem Subjekt ausgelagerte und von ihm unabhängige Wirklichkeit als »An-Sich«8. Beide Bereiche werden ihrer Meinung nach zeitlebens ohne Erfolg versucht zu fusionieren, denn das allgemeine, hier physische, An-Sich steht im Widerspruch zu dem individuellen, hier geistigen, Für-Sich.

Wir stoßen uns da an einem intellektuellen Ärgernis: Wir müssen uns einer Realität stellen, die unzweifelbar wir selber sind, während sie doch von außen erfasst und unbegreiflich für uns bleibt. Es besteht ein unüberwindbarer Widerspruch zwischen der inneren Evidenz, die unser Fortdauern verbürgt, und der objektiven Gewissheit unserer Verwandlung. Wir können lediglich von einer zur anderen schwanken, ohne jemals beide fest zusammenhalten zu können.9

Zeitlichkeit ist ein konstitutiver Bestandteil der Wirklichkeit außerhalb des Individuums. Als Wesen in der Zeit ist der Mensch ihrer Linearität unterworfen und kann sie nicht durchbrechen: Sein Leben hat einen Beginn, ein Ende und ein Dazwischen, das sich gradlinig von dem Einen zum Anderen zieht. Der Geist denkt in diesen kausal stringenten Zusammenhängen, kann die Endlichkeit aber nicht an sich entdecken und das Alter bleibt unrealisierbar.

Das Alter ist etwas, das jenseits meines Lebens liegt, etwas, wovon ich keine innere Gesamterfsahrung habe kann. Allgemeiner gesehen ist mein ego ein transzendentes Objekt, das nicht in meinem Bewusstsein lebt und das nur aus der Erfahrung anvisiert werden kann. […] Unser Unterbewusstsein weiß nichts vom Alter, […]; es nährt die Illusion von einer ewigen Jugend.10

Das Erkennen des eigenen Endes ist also nicht intellektueller Natur. Das Subjekt nimmt Zeitlichkeit sinnlich wahr: Er sieht gealterte Menschen, schaut in den Spiegel und fühlt seine eigenen nachlassenden Kräfte. Die so entstehende Spannung zwischen Körper und Geist ermöglicht eine Reflexion über die Endlichkeit des Für-Sich. Durch das Reflektieren der Physis, wie es auch das Gedicht beschreibt, kommt der Mensch zu einem Bewusstsein seines Wesens. »Denn die menschliche Realität ist von einer zweifachen Endlichkeit betroffen; die eine ergibt sich aus der Faktizität: Die Existenz hat ein Ende, das ihr von außen gesetzt wird. Die andere ist eine ontologische Struktur des Für-Sich.«11 Auch ohne dass sie begriffen wird, muss Endlichkeit gelebt werden. Der Mensch ist sterblich eben durch seine Menschlichkeit. Es ist also ein konstitutiver Bestandteil des Humanen, dass seine Zeit begrenzt ist. Die Vergangenheit wächst und die Zukunft schmilzt zu einer überschaubaren Menge an Momenten zusammen. Sartre beschreibt diesen Umstand als die »Klebrigkeit der Zeit«12. Gegen das Vergangene kann sich das Individuum nicht wehren, es ist ihm Geschichte und geschehen. Die Zukunft birgt noch Möglichkeiten zur Freiheit, doch im Voranschreiten durch die Zeit wird das Vergangene des Für-Sich größer und seine Zukunft nimmt ab. Die verbleibende Zeit wird zu einer bewahrungswürdigen Kostbarkeit. Der Wunsch nach Präservation wird in Mayröckers Gedicht durch das Motiv der Mumifizierung ausgedrückt: ›Rosalia‹ Lombardo (vgl. V. 7) gilt als die schönste Mumie der Welt. Das italienische Mädchen wurde nach ihrem Tod 1920 mumifiziert und sieht noch heute aus, als würde sie schlafen. Hundert Jahre lang zweijährig geblieben ist sie eine Antithese zum körperlichen Verfall. Die Aschewolke von ›Pompeji‹ fügt dem Motiv eine Komponente hinzu: lebendig begraben zu werden. Das Subjekt wird überdeckt; es ist hilflos wider ›Maschine‹, ›Löwe‹ und ›Hitze‹ sowie Verwesung. Gleichzeitig wird versucht, Kontakt zu der metaphysischen Welt herzustellen. Esoterische Elemente bestärken dabei den Eindruck einer Befragung. Das Legen von Tarotkarten, Einverleiben des Mondes und Deuten von Träumen sind zukunftsgewandte Handlungen. Sie sollen eine Brücke schlagen zwischen dem unausweichlichen aber abstrakten Lebensende und der erfahrbaren Realität. Das Ich befragt schließlich seine Körperzustände, um mit dem Anderen in sich ins Gespräch zu kommen. Durch die Distanz zu seinem Für-Sich kann die Sterblichkeit des Subjekts angenommen werden: »Und ich höre eine Stimme sagen: ›Du musst weitergehen, ob du willst oder nicht, du musst sterben‹, was ein Äußerstes ist, gegen das die Natur sich sträubt.«13 Der Körper ist zwar individuell und damit Teil des Für-Sich, durch seine Materialität ist er aber den Gesetzen des An-Sich unterworfen. Die empirische Wirklichkeit des Menschen ist sein eigener Körper und die Materie siegt letztendlich im Tod über das geistige Für-Sich. Sartre bezeichnet es als Triumph des An-Sich über das beständige Widersetzen des freien Willens. Indem er die empirische Welt dergestalt personalisiert, verdeutlicht Sartre, was in Friederike Mayröckers Gedicht thematisiert wird: Der Widerstreit vom Willen des Geistes und biologischer Gesetzmäßigkeit. Was also ist Angst? Sie ist weder ganz körperlicher Zustand noch rein seelisches Erleben, sondern fällt in den Zwischenraum. Sie ist die Entfremdung, die von außen herangetragen wird und sich des Geistes bemächtigt, ohne für diesen unmittelbar erkennbar zu sein. Gerade der fehlende Zugriff macht Angst zu einem ebenfalls Unrealisierbaren. Wie das Alter entzieht sie sich der unmittelbaren Wahrnehmung und behindert dadurch das Verstehen. Die Angst in Friederike Mayröckers Gedicht entsteht aus der Dialektik des Für-Sich und des An-Sich. Die Wienerin schrieb es 1981. In den darauf folgenden Jahren widmete sie sich zunehmend dem Thema Altern, insbesondere nach dem Tod von Ernst Jandl.

Und es wirbelt in meinem Kopf also die schweifende Sehnsucht der Flügelrosen, und es fegt mich hinweg und manchmal denke ich ich stehe schon an der Pforte des Todes und nun werde ich bald wissen ob es ein Jenseits gibt oder nicht, und was wird mit mir dann geschehen und ich grübelte über mein Ende.14

Sie verarbeitet ihre innere Wirklichkeit in Texten, die sie der äußeren Welt entgegensetzt. Von dieser werden sie wiederum ein Teil und unabhängig von ihrer Autorin. Simone de Beauvoir nennt in »Das Alter« eine andere Möglichkeit, mit Worten auf die scheinbare Ungerechtigkeit des Todes zu reagieren:

Das Bild […] - nichts drängt uns innerlich, uns darin zu erkennen. Deshalb können wir es durch Worte und auch durch unser Verhalten zurückweisen; die Ablehnung ist dann selbst eine Form der Bewältigung.15

Beauvoir verneint die Existenz einer Welt außerhalb der empirischen. Der Tod ist für sie das Ende des Lebens, es gibt kein Weiterbestehen der Seele nach diesem Zeitpunkt. Mit dem Existenzialismus negiert sie jede transzendente Hoffnung. Nach dem Tod herrscht Stille, Abwesenheit von Präsenz. Wörter haben bei Mayröcker eine andere Macht. Nach der Stille folgt bei ihr ›Wo unsere Schatten einander entgegen sind‹. Am Ende steht eine ästhetische Selbstentgrenzung und das Abstand-Nehmen von der egozentrischen Fixierung auf die eigene Endlichkeit. Das letzte Wort hat nicht der verfallende Körper, sondern das, was ihn übersteigt, seine ambivalenten Schatten und das Unerklärbare der Welt.

 

 

Mit diesem Text endet der erste Teil des Online-Schwerpunkts zum Thema »Angst«. Fortgesetzt wird die Artikelreihe ab dem 10. Januar 2011. Dann erwarten Sie Texte zu Daniel Kehlmann, Georges Bataille und Günter Grass.

 

  • 1. Mayröcker, Friederike: Und ich schüttelte einen Liebling. Frankfurt a. M. 2006. S. 171.
  • 2. Ebd., S. 186.
  • 3. Die Bibel: Schlachter Edition 2000. CLV Bielefeld 2004. Matt. 13, 50.
  • 4. Mayröcker, Friederike: Gesammelte Gedichte. 1939 – 2003. Hrsg. v. Marcel Beyer. Erste Auflage. Frankfurt a. M. 2004. S. 414.
  • 5. Beauvoir, Simone de: Das Alter. Hamburg 2000. S. 364.
  • 6. Ebd., S. 373
  • 7. Ebd., S. 469
  • 8. Ebd.
  • 9. Ebd., S. 373.
  • 10. Ebd., S. 374.
  • 11. Ebd., S. 491
  • 12. Ebd., S. 486
  • 13. Ebd., S. 370
  • 14. Mayröcker, Friederike: Und ich schüttelte einen Liebling. [wie Anm. 1]. S. 182.
  • 15. Beauvoir, Simone de: Das Alter [wie Anm. 5]. S. 378.
 

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