Anna Maier sagt nein

Manfred Poser tritt 40 Jahre nach Woodstock für Love und Peace ein

Anna Maier hat Courage. Die »attraktive Fernsehlady« (so die Gratispostille »20 Minuten«) hielt die Sendung »Die 10« über die erotischsten Frauen der Schweiz für schlecht. Inhaltliche Änderungen kamen für den Sender 3+ nicht in Frage, also lehnte sie es wegen »Unzumutbarkeit« ab, die Sendung zu präsentieren. Die 10 erotischen Frauen würden »auf primitive Weise ins Lächerliche gezogen«. Sie sei »eine Moderatorin und keine Sprechpuppe« und müsse hinter dem Inhalt einer Sendung stehen können. Es wird sich wohl eine Sprechpuppe finden. Bravo, Anna!

 

»LOVE« – Aufschrift am Haus des kurdischen Lebensmittelhändlers im Osten St. Gallens (Foto: Manfred Poser) Wirkt fast anachronistisch: Aufschrift am Haus des kurdischen Lebensmittelhändlers im Osten St. Gallens, März 2009. (Foto: Manfred Poser)

 

Auch der »Spiegel« macht manchmal Leute nieder. In meinem Keller lagen sechs »Spiegel«-Ausgaben. Ich habe die zweite aufgeschlagen und zufällig einen Artikel herausgegriffen: »Witwen und Waisen« von Ende Januar 2009. Schauen wir mal. Wie geht es los? »Gerade seine Leute in L. A., sagt Th. D. [Name abgekürzt] und klingt ein wenig stolz, rufen ja auch mal mitten in der Nacht an.« Gesprochen wurde der Satz im Vorort einer deutschen Kleinstadt, und dafür kriegt der Sprecher gleich im nächsten Absatz die Quittung: »Seine Leute in L. A. Vermutlich passte selten ein Satz so wenig zu der Küche, in der er gesagt wurde.« Das ist eine smart verpackte Beleidigung, einer jener schicken Designer-Sätze, über die lange gegrübelt wurde. Vor der Tür des Pulloverträgers steht ein »neuer blauer Polo. Fünftürer, Kombi. Der Praktische.« Stünde dort ein neuer gelber Ferrari, hieße es: »Vermutlich passte selten ein Wagen so wenig zu dem Parkplatz, auf dem er stand.« D., ein Zappa-Fan, arbeitet akribisch, ist also »ein sehr gründlicher, sehr deutscher Fan«. Wäre man ihm gewogen, könnte man seine Akribie auch Leidenschaft nennen. Der Interviewpartner müsste nun eigentlich angezählt werden ... Man muss die ganze Geschichte nun nicht herunterbeten, in der ein Autor dem Leser zu verstehen geben will, dass er es mit einem verirrten Idealisten zu tun hat, der nichts von Geld versteht: Verdikt des Pfeffersacks. Das hat es schon immer gegeben: Ein nettes Interview in der Küche, man trennt sich in Sympathie, und in der Redaktion wird dann zur Enthauptung geschritten. Leider zählt heute der Unterhaltungsaspekt mehr als die Würde eines Menschen. Jemanden vor versammelter Mannschaft abkanzeln wie bei DSDS und GNTM (die Teilnehmerin T. B.: »In dieser Show wird vergessen, dass man ein Mensch ist.«) oder Witze auf Kosten anderer reißen wie die Helden der New Comedy: Schadenfreude zeigen und Hohn und Spott ausgießen. Kein Wunder, dass immer mehr Leute meinen, dieses »Bashing« sei okay. Dass es nur für Bierzeltniveau reicht, liegt an der mangelnden Intelligenz der Beleidiger. Ohne gezielte Grenzüberschreitung, ohne Tabubruch wird man wohl nicht bekannt. Leider gehen die Opfer den Tätern gerne zur Hand. Es gibt ja Leute, denen ihre »Sichtbarkeit« in den Medien vor ihrer Würde geht. Sie machen sich zum Narren. Und merken es nicht. Selig die Armen im Geiste. Im braven St. Gallen sind die Trunkenheitsfahrten im vergangenen Jahr um 20 Prozent gestiegen, die Übergriffe auf Polizisten um 30 Prozent. In Deutschland lässt sich Ähnliches feststellen. Ein Bekannter erzählte mir, sein Sohn habe zwei Semester in Ungarn studiert (Szeged) und sei überrascht gewesen, wie friedlich es da zugehe; in Deutschland herrsche hingegen viel Aggressivität, was sich ja auch an den Schulen zeigt. Aggressivität heißt: wahrgenommen werden, Präsenz beweisen, sich Raum verschaffen, einen Herrschaftsbereich abstecken. Wer in seiner Position keine Chance hat, aggressiv zu sein, braucht gute Nehmerqualitäten. Zu Boden gehen und wieder aufstehen. Das Comeback als säkulare Wiederauferstehung nach dem sozialen Tod, einer Periode der Erfolglosigkeit. Etwas herunterschlucken können muss man – zum Beispiel eklige Dinge in einem Dschungelcamp. Das ist »die Bereitschaft zur Selbstpreisgabe, durch die einzig man noch die Selbsterhaltung zu garantieren ahnt« (Adorno).

Der Sänger, Marathonläufer und Buddhist Sakyong Mipham fragt: »Was wird mit mir?«, und wünscht sich: »First you, then me.« (via)

 

Es gibt aber auch Arme im Geiste, bei denen unter Alkohol sämtliche Sicherungen durchbrennen. In der Fasnacht 2008 wurde im Tessin der sympathische Student Damiano Tamagni von drei jungen Leuten totgeschlagen. Er wehrte sich nicht und wurde zu Tode geprügelt. Vielleicht hatte Damiano in seiner humorvollen Art etwas, was sie ihm neideten; vielleicht hatte er einfach Pech und bezahlte für etwas, was wir nie erfahren werden und womöglich die Täter selbst nicht wissen. Im Januar 2009 wurden sie verurteilt, aber auch vor Gericht gaben sie sich noch arrogant und uneinsichtig. Das sind die Gefährlichsten: die Sprachlosen, Frustrierten; die, die sich für ein diffuses ihnen geschehenes Unrecht rächen. Sie sind wie Maschinen mit dämmerhaftem Bewusstsein, bei denen Drogen einen Killerinstinkt wecken, der beim Menschen sonst nur in höchster Todesgefahr zur Selbsterhaltung freiwird. Diese Menschen leben unter uns, und irgendwie ist es unser aller Verantwortung. Wenn wir die Würde des Menschen antasten, um Einschaltquoten oder die Verkaufszahlen zu heben, werden wir mitschuldig; wenn wir miese Sendungen anschauen und im Privatleben gegen Gewalt nicht vorgehen, auch. Es ist die allgemeine Stimmung, die ihr den Boden bereitet. Die Familie von Damiano Tamagni hat als Reaktion eine Stiftung gegen Jugendgewalt ins Leben gerufen: Fondazione Damiano Tamagni, Postfach 1312, CH-6596 Gordola, www.damianotamagni.ch.

Hallo Dieter! Nein, wir geben

Hallo Dieter! Nein, wir geben nicht auf. Aber uns muss klar sein, dass wir in "höheren Sphären" operieren, dass Romane von einer gewissen Schicht für ein gewisse Schicht geschrieben sind und viele - vielleicht sind es ja die 20 Prozent - im wahrsten Sinne des Wortes keine Stimme haben. Manchmal denkt man sich, wie wichtig doch die Schulen sind. Auch eine irgendwie geartete Religion wäre gut, Musik machen, Bilder malen. Es können und müssen ja nicht alle Stars und Helden sein, aber dass der Alltag wenigstens ein bißchen Freude macht, das liegt an uns allen. Servus Manfred.

Hallo Manfred, ich kann

Hallo Manfred,

ich kann deinen Gedanken folgen. Aber mit Handeln im guten Sinne von Zivilcourage wird es nicht mehr reichen, diese Flut der Gewalt in den Griff zu kriegen. Nach zwanzig Jahren extremer neoliberaler Politik, bei denen man das "Absaufen" von Bevölkerungsschichten befürwortet hat mit der gleichzeitigen Verhöhnung dieser Schichten ( erinnert sei an den Schweizer Vorstandsvorsitzenden Maucher von Nestle, der 20% der Bevölkerung als Wohlstandsmüll bezeichnet hat ) war dies zu erwarten. In diesem Prozess haben diese Personen die Fähigkeiten verloren, ihre Wut agressiv zu kanalisieren. Jetzt ernten wir die Früchte. Ich hoffe, Du kannst eine Erklärung von einer Rechtfertigung unterscheiden.

Trotz alledem nicht die Hoffnung und den Glauben an den Menschen aufgeben.

Grüße Dieter

 

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