Ansichten aus der rorwolfschen Welt

Manfred Poser gratuliert Ror Wolf schon eine Woche vorher zum achtzigsten Geburtstag

Am 29. Juni wird Ror Wolf achtzig. Bleibt also noch eine Woche, damit alle, die diesen großartigen Autor noch nicht kennen, zu ihrer Buchhandlung eilen und sich mit dem Wolfschen Werk vertraut machen. Es lohnt sich. Es sind kurzweilige, nicht dicke Bücher, die eine Menge Vignetten enthalten. Manche sind nur zehn Zeilen lang. Das liest man zwischen zwei Haltestellen der Tram.

Ich rate zu Nachrichten aus der bewohnten Welt (1992). Dieses Buch halte ich hoch. Zuletzt blätterte ich in einem neueren Buch von Wolf herum, und – darf ich das sagen? – die rasche Lektüre erinnerte zwar irgendwie an ihn, aber es kam mir wie eine schwächere Version der Nachrichten vor: als hätte jemand Ror Wolf nachzuahmen versucht. Das heißt nun nicht, dass seine neueren Werke per se schwach wären; es heißt für mich, dass die Nachrichten ein nie mehr erreichtes Meisterwerk darstellen.

Einmal habe ich ihn gesehen, es war bei einer Lesung 1996 in Frankfurt am Main, wo ich damals lebte. Der Schauspieler Christian Brückner (ja, der Name war plötzlich da) las aus dem Wolfschen Werk, und ein Jazzgitarrist spielte leise Rhythmen. Der Autor selbst saß im Publikum, ich wechselte sogar einige Worte mit ihm als echter Fan.

Ror Wolf ist in Saalfelde in Thüringen aufgewachsen, kam 1953 in den Westen und lebt seit Jahrzehnten in Mainz, wo er laut Wikipedia 30 Umzüge hinter sich brachte. Damit hat er mehr geschafft als Max Frisch in Zürich (19). Viele Jahre (ich glaube, es waren 16) hat er den deutschen Bundesliga-Fußball verfolgt, darüber Hörspiele und Bücher (Die heiße Luft der Spiele; Das nächste Spiel ist immer das schwerste) verfasst und aus der Sportberichterstattung die Dada-Komponente herausgeschürft.

Da bediente er sich bei der Wirklichkeit, die bei ihm (schön, Wikipedia!) »als hochmelodiöser Wortraum existiert«. Oder als Worttraum? An Samuel Beckett, Franz Kafka und Robert Walser habe er sich geschult, na ja, aber da fehlt der Autor, an den ich bei der Lektüre von Wolf oft denken muss: Jorge Luis Borges. Wie Borges setzt Ror Wolf zu Abenteuerreisen in Wortlandschaften an, bei denen er zu Beginn nicht weiß, wohin ihn der Ritt führen wird. Sebald dürfen wir auch nennen.

Wie Borges simuliert Wolf die Wirklichkeit und erfindet Forscher wie Raoul Tranchirer ebenso wie dessen Kollegen Wobser, Klomm und Collunder, die in dem fiktiven Ort Mol eine Laudatio auf den plötzlich verschwundenen Gelehrten anstimmen. Borges aber ist der Gelehrte, Wolf der Dadaist.

Kürzlich fand ich in der von Alfred Andersch herausgegebenen Zeitschrift Texte und Zeichen (1955–57) eine Erzählung des Expressionisten Karl Otten, Der gewesene Mensch, über den gestorbenen Forscher Lück, der die Kugelgestalt der Erde nicht akzeptiert und die Sahara bewässern wollte ... ganz eine Gestalt, die auch Ror Wolf hätte erdenken können.

In der Zeitschrift geht es 1957 (mein Geburtsjahr, darum habe ich sie erworben) immer um Heidegger und den Existenzialismus, und in den 1960er Jahren, noch unter dem Eindruck der Katastrophe des Krieges und des Massenmords an den Juden, beherrschten Albert Camus und Jean-Paul Sartre die Szene, und Samuel Beckett (Nobelpreis 1969) führte die Absurdität und Sinnlosigkeit zum Extrem. Im Jahr seines Preises veröffentlichte der Schweizer Peter Bichsel (geboren 1935) seine Kindergeschichten, auch sie: absurd. Ror Wolf war immer der deutsche einsame Streiter an einem solipsistischen Sprachwerk.

Gar nichts

Man sollte aus den Nachrichten die zwei Seiten von Gar nichts lesen, worin ein Bus verunglückt.

»Der Bus, der eine Zeitlang ausgestreckt in der Luft lag, langsam und lautlos in einem unbegreiflichen Bogen schwebend, hatte sich sanft gedreht und mit dem Dach das Wasser berührt, die biegsame Oberfläche des Wassers; sie hatte sich leicht geöffnet und ihn mit einem einzigen Schluck verschlungen. Oder es war ein jahrelanges Versinken gewesen; ein jahrelanges Hineindringen in die Tiefe, ein atemloses riesenhaftes Hinuntertauchen, bei dem die Menschen schweigsam, wie angefroren, staunend auf ihren Sitzen saßen, sprachlos, lautlos, ahnungslos, natürlich auch hoffnungslos, bis sie langsam den Grund berührten.«

Da gibt es Orte wie Trux und Most, Büx und Trün, aber auch Freiburg und Basel dürfen vorkommen, und der Zauberer schreibt, dass die Geschichte vielleicht doch anders gewesen sei, dass man das aufgetauchte Bild gleich wieder streichen solle, und dermaßen verwirrt gleiten wir im Traumreich der Sprache und der Geschichten umher, wo alles möglich ist und das Gegenteil davon.

Ror Wolf hat (wie übrigens auch W. G. Sebald) als Lehrer ein Jahr in der Ostschweizer Metropole St. Gallen verbracht, wo ich vier Jahre herumhing. Einen Niederschlag finden wir in Tranchirers letzte Gedanken über die Vermehrung der Lust und des Schreckens (1994), einem Lexikon, noch bevor die Lexikon-Manie das Verlagswesen ergriff.

»Graswachsen. In meinen in sämtlichen Erdteilen und mit besonderer Vorliebe für die Wahrheit gesammelten Beobachtungen habe ich niemals das Gras so rasch wachsen sehen wie in St. Gallen. Das Gras wächst hier mit einer unbegreiflichen Geschwindigkeit, in einer ganz unbegreiflichen Dichte und Höhe, es wächst einem in die Augen und in den Mund und über den Kopf hinaus in die Luft hinein, mit einer Leichtigkeit, über die man sich unbedingt wundern müßte, wenn man nicht durch die Mitteilungen Lemms und durch einen Bericht, den ich der Freundlichkeit Wobsers verdanke, darauf vorbereitet gewesen wäre.«

Lebender Rasenmäher bei St. Gallen. Gras darum: kurz. (Foto: Manfred Poser)

Nun komme ich selten mehr nach St. Gallen, um das Phänomen überprüfen zu können. Ich hatte damals keinen Garten, nur eine Buchshecke um das Haus herum, doch sie wuchs tatsächlich rapide. Sei es, wie es sei ... Herzlichen Glückwunsch!


 

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