Aschenputtel auf Jenseitstrip

Manfred Poser liest Grimms Märchen neu und erkennt, dass es überall nur um Liebe und Tod geht

Es war einmal eine Stadt, wie es seither mächtiger keine mehr gegeben hat. Dort, im Rom der Antike, begann regelmäßig just am 13. Februar aus Anlass des Festes Lupercalia eine eigenartige Zeremonie: Zwei Gruppen junger Männer liefen um den Palatin und schlugen dabei mit Peitschenriemen, die aus Ziegenhäuten gefertigt waren, auf Matronen ein, um sie fruchtbar zu machen. Das wiederholte sich täglich bis zum 21. Februar. Der italienische Ethnologe Carlo Ginzburg findet in seinem Buch »Hexensabbat« (1990) daran bedeutsam, dass genau an jenen Tagen dem römischen Kalender zufolge angeblich die Toten umgingen ...

 

Märchenfeen am Strand von Mojácar, Andalusien (Foto: Manfred Poser) Märchenfeen am Strand von Mojácar (Andalusien). Beim Karnevalsumzug im Februar 2008. Kalt blies der Wind vom Meer! (Foto: Manfred Poser)

 

Um das Jahr 500 machte sich Caesarius von Arles über Leute lustig, die sich als Hirsche, Ziegen oder Schafe verkleideten und dabei vor Freude außer sich gerieten: »gaudeantes et exultantes«. Damit wollte man zwischen Weihnachten und Epiphanias (Dreikönigsfest) mit den Toten in Kontakt treten. Ginzburg spricht von einer »tiefen Identität zwischen Tieren und Toten: Es handelte sich um zwei Ausdrücke des Andersseins«. Der Ahnenkult war der erste Kultus. Man wollte die Verstorbenen befragen. Die eurasischen Schamanen gingen in Trance; ihr Körper erstarrte, ihre »Seele« reiste ins Totenreich und kehrte mit Informationen zurück. »In den Mythen und Riten, die sich auf den Tod beziehen, kehrt beharrlich die Idee wieder, ins Leben zurückgerufen, neu geboren zu werden«, schreibt Ginzburg. In einem Märchen aus dem 8. Jahrhundert kriecht ein Schlänglein aus dem Mund eines schlafenden Königs und überquert, als ein Knappe ihm sein Schwert hinhält, einen Bach, erforscht einen Hügel und kehrt in den Mund des Königs zurück. Die Schlange steht für die Seele, sie ist das »chthonische« Tier par excellence, und Jakob Grimm spekulierte schon über einen Zusammenhang mit dem mythischen Motiv der schmalen Brücke hinüber die andere Welt. Die berühmte Sammlung von Jakob und Wilhelm Grimm, mit einer ersten Ausgabe 1812 begonnen, zeigt viele Male die Grundstruktur der Zaubermärchen: Laut Ginzburg ist dies das Thema der Reise (der Seele, des Initianden, des Schamanen) in die Welt der Toten. Der Wolf ist ein bekanntes Jenseitstier. In Orvieto wurde der Jenseitsgott Hades mit einer Wolfsmaske dargestellt. Da haben wir das Rotkäppchen und den »Wolf und die sieben Geißlein«. Beide Male verleibt sich der Wolf Lebewesen ein, die durch »Kaiserschnitt« wieder zutage gefördert werden. Bei den Balten und Skythen, Griechen und Iren erzählte man sich, dass Menschen tage- und sogar jahrelang in Werwölfe verwandelt würden und umgingen. Das ist eine Sage, womöglich auf einen Initiationsritus oder einen Geheimbund zurückgehend, die sich erhalten hat wie die Varianten von Zombies, Wiedergängern und Vampiren. Gefressenwerden ist eine Art Verwandlung, die zudem beide Partner betrifft: Der Wolf spielt zugleich die Großmutter. Bei »Hänsel und Gretel« will die Hexe die Kinder verspeisen. Wie man um das Jahr 300 der jungen Christengemeinde vorwarf, sie schlachte und opfere Kinder, so sagte man Nämliches später den Juden und dann den Hexen nach. Hänsel und Gretel sind Opfer. Ihre Eltern opfern sie, und die Hinführung bis zur Begegnung mit der Hexe ist lang; das Opfer kostet die Eltern Kraft. Dennoch handelt es sich immer nur um Motive, die sich nie zu einer »runden« Interpretation fügen. Ginzburg meint, die Märchen hätten sich nach einem in ihnen steckenden System selbst fortentwickelt; der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss sagte, die Mythen sprächen miteinander und führten ein Eigenleben.

 

Die Vögel und das Vögeln
Die Bremer Stadtmusikanten (Foto: Manfred Poser)
Die Bremer Stadtmusikanten als Großplastik auf einem Verkehrskreisel. Gesehen in Bazenheid südlich von Wil, Ostschweiz. (Foto: Manfred Poser)

Dann: der Vogel. Er und der Schmetterling standen immer für die Seele. Jorinde und Joringel kommen dem Zauberwald zu nah; sie wird in eine Nachtigall verwandelt, er wird versteinert (Tod), darf aber eine Viertelstunde ins Leben hinaus. Der Mond als dämonisches Gestirn entscheidet darüber: »Wenn’s Mondel ins Körbel scheint«, ist Joringel frei (das Vampir-Motiv). Die beiden waren Brautleute. »Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren. Es war ein schöner Abend ...« Dann weint Jorinde, scheinbar grundlos, und Joringel klagt auch. »Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen: Sie sahen sich um, waren irre und wussten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten.« Was war ihnen denn zugestoßen, dass sie meinten, sie müssten sterben?

Das »Vögeln« kommt anscheinend aus dem Mittelalter. Damen höheren Standes hielten sich Vögel und stellten den Vogelbauer ins Fenster, wenn die Luft rein war. Kurios, dass in dem Film »Stirb an einem anderen Tag« (2002, Regie: Lee Tamahori) James Bond (Pierce Brosnan) sich als Vogelkundler ausgibt. Der Mann mit der Lizenz zum Töten ist eine Märchengestalt; er begegnet oftmals dem Tod und überlebt immer. Die Zahl des Agenten ist im Mythos bedeutsam: Bei den Grimms gibt es die sieben Geißlein, Raben und Schwaben. Bond trifft auf Kuba eine schöne Frau (Halle Berry) und sagt: »Ich bin wegen der Vögel hier. Ornithologe.« Aber bis Sonnenaufgang tue sich draußen nichts. Sie fragt, was Raubtiere bis dahin täten; er antwortet, sie vergnügten sich. (Den Subtext könnte man noch mehr genießen, wenn Miss Berry nicht sich in Großaufnahme lüstern die Lippen lecken müsste, damit auch der Letzte kapiert, dass sie ein nächtliches Treffen ausmachen.) Überall geht es um die Liebe und den Tod. Bei den Bremer Stadtmusikanten sagt der Esel: »Etwas Besseres als den Tod findest du überall.« Und so gründen die vier eine Senioren-WG in dem Haus, das sie den Räubern abgejagt haben. Das Spinnrad in »Dornröschen« (sie sticht sich, fällt um und die ganze Besatzung des Schlosses schläft ein) geht gewiss auf die drei Parzen des Altertums zurück: Lachesis spinnt den Faden, Klotho hält den Nocken, Atropos schneidet den Lebensfaden durch. Der Tod auf Zeit erinnert an die Starre während einer Ekstase (Katalepsie) bei der Jenseitsreise. Der Prinz ist nur Komparse; Dornröschen wäre ohnehin an jenem Tag aufgewacht. Ein Frosch hatte übrigens den Tiefschlaf prophezeit. Den Frosch oder die Kröte nennt Carlo Ginzburg einen »symbolischen Mittler zum Unsichtbaren«. In vielen Ländern gibt man der Kröte Beinamen wie »Fee«, »Hexe«, »Zauberer«, zudem gibt es eine etymologische Verbindung zum halluzinogenen Pilz Amanita muscaria. Das Märchen vom Aschenputtel ist in vielen Ländern verbreitet. Sie besucht das Fest des Prinzen im Totenreich und verliert bei der Rückkehr ihren Schuh; Ginzburg weist darauf hin, dass alle, die im Jenseits waren, irgendwie »markiert« sind durch Verletzungen oder Behinderungen. Schlimmer trifft es da freilich die beiden bösen Stiefschwestern. Diejenigen, die »drüben« waren, hinken oft, was als erstem Lévi-Strauss aufgefallen war. In der Bibel verletzt sich Jakob beim Ringen mit dem Engel am Bein. Ins Jenseits und zurück, das ist kein Vergnügen. Ein Vergnügen jedoch ist es, »Hexensabbat« von Carlo Ginzburg zu lesen. Das ist hundert Mal spannender als jeder Krimi.

 

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