Aspekte literarischer Darstellung von Altersdemenz

Arno Geigers Roman Der alte König in seinem Exil im Spiegel der Presse

Biografisches gehört zweifelsohne zu den kompliziertesten literarischen Themen – wenn man von einer (Auto-)Biografie spricht und nicht den jeweils anders gelagerten und vieldeutigen biografischen Anteil eines jeden Romans meint. ›Roman‹ – als ein solcher verkauft sich auch das neue Buch Arno Geigers, das zu den fünf in der Kategorie Belletristik nominierten Büchern für den Preis der Leipziger Buchmesse 2011 gehörte. Bei der Lektüre der ersten Seiten war mein spontaner Leseeindruck eine Verwirrung ob der Textart: ›Das ist ...ein Sachbuch, (k)ein Roman, eine Biographie vielleicht?!?‹ Eine Verwirrung, die von vielen Rezensenten in ähnlicher Weise geäußert wurde.

Autor und Plot

Arno Geiger, 1968 geboren und in den letzten Jahren ein erfolgreicher Schriftsteller (Anna nicht vergessen, der 2005 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman Alles über Sally und Es geht uns gut sind die bekanntesten Werke) erlebte die Demenz seines Vaters während der eigenen beruflichen Entwicklung. Der Vater stört zunächst mit ›Fehlverhalten‹, dessen Zusammenhang mit einem stetig fortschreitenden Verlust des Gedächtnisses nicht lange unerkannt bleiben kann. Die dem Roman zu entnehmende Lebensgeschichte des 1926 geborenen Vaters, der in der im Roman geschilderten Realität dement ist und nach Jahren häuslicher Pflege dann auch in einem Pflegeheim lebt, lässt sich wie folgt skizzieren: als Siebzehnjähriger wurde August Geiger eingezogen, mit 18 Jahren war er an der Ostfront, in russischer Kriegsgefangenschaft überlebte er knapp die Ruhr; zurückgekehrt, wurde er Beamter im österreichischen Wolfsfurt, gründete eine Familie und baute ein Haus; um Heimat und Haus kreiste sein eigenbrötlerisches Dasein, das seine Frau schließlich nicht mehr mit ihm teilen wollte und sich daher von ihm trennte. Im Alter erkrankt er an Demenz. Die Familie und osteuropäische Pflegerinnen kümmern sich um ihn, bis die häusliche Pflege unmöglich wird und der alte Mann in einem Pflegeheim weiterlebt. Der Sohn Arno, aus dessen Perspektive erzählt wird, hatte nie eine gute Beziehung zu seinem Vater – diese wandelt und intensiviert sich aber mit der Entwicklung der Alzheimer-Erkrankung des Vaters. Auch der Zusammenhalt der Familie wird gestärkt; das zumindest behauptet der Erzähler Arno Geiger. Der 192 Seiten umfassende Roman besteht aus 12 Absätzen oder Kapiteln. Vom ersten Kapitel abgesehen wird immer mit einem kursiv hervorgehobenen Dialog eingeleitet, der meist aus Fragen des Sohnes und Antworten des Vaters besteht. Einer dieser Vorspanne blendet verschiedene Aussagen nicht näher beschriebenen Personen ein; alle berichten von einer anderen Facette ihrer Erfahrungen mit Demenz in ihrer Familie. Der Leser ertappt sich dabei, seine eigenen Erfahrungen zu reflektieren. Es wird damit angedeutet, dass wohl die meisten Menschen schon einmal in irgendeiner Form in Berührung mit dem Thema Demenz waren. Der Autor verzichtet auf tagebuchartige Datierungen, dies kommt dem Thema des Orientierungsverlusts und des Überdenkens unserer Zeiteinteilung zugute.

Sprache und Stil

Geiger erzählt in einer unaufgeregten, klaren Sprache von der Entwicklung der Alzheimerkrankheit seines Vaters. Er versucht, frei von vorgefertigten Meinungen und bekannten Urteilen oder Vorurteilen, sich auf die Beschreibung einer Sohn-Vater-Beziehung vor diesem Hintergrund einzulassen. Er versucht auch, die Geschichte seines Vaters zu erzählen und ihm Achtung zu zollen. Geiger möchte sich auf Derrida berufen: »dass man stets um Vergebung bittet, wenn man schreibt.« »Kaum ein Mann schaffte es, dem Bild gerecht zu werden, das Kinder sich vom Vater machen.« – dies will der Autor offenbar als eine Botschaft ausdrücken. Die eher schlechte Greifbarkeit dieser These zeigt sich bereits mit der schwammigen Syntax des vorausgehenden Satzes: »Fast jeder und jede scheitert an der Idee, die man vom Vater hat.« Geiger ist sich bewusst, von einer Krankheit zu schreiben, die seinen Vater zerstört und nur für die Angehörigen lehrhaft sein könne. Natürlich sind auch andere Assoziationen im Themenfeld ›Pflegeheim‹ denkbar: die medikamentöse und/oder mechanische Fixierung von ›Problemfällen‹ beispielsweise; das Weinen oder Schreien vieler dementer Menschen; der verlorengegangene Bezug zur Hygiene. Unappetitliche Passagen präsentiert dieses Buch jedoch nicht. Man mag es als Rücksichtnahme oder als euphemistische Darstellung werten. Mit Methode positiver Assoziationen läuft der Autor Gefahr, nicht so sehr Achtung vor dem Vater zu kommunizieren, sondern vielmehr einen ausgestopften Tanzbären darzustellen, was in der aktuellen Kritik oft als negativer Aspekt gesehen wurde1. In der Rezension der Süddeutschen Zeitung behauptet der Rezensent, bereits die Art der Einführung in den Sohn–Vater-Dialogen sei eine Anmaßung: »Dabei setzt Geiger den Vater so in Szene, wie es ehrgeizige Eltern mit ihrem Wunderkind tun: Der Sohn führt Regie und gibt die richtigen Stichworte, und darin liegt auch schon eine unterschwellige Aggression.« Problematisch kann man auch die Stilisierung des Vaters empfinden, die stark an Shakespeares König Lear erinnert – was sowohl vom Titel (Der alte König in seinem Exil) transportiert wie auch innerhalb des Romans explizit aufgegriffen wird. Der letzte Satz lautet: »Es heißt, wer lange genug wartet, kann König werden.« Der Rezensent der Süddeutschen Zeitung beschwert sich darüber, dass der Vater die Krone »nur von Gnaden des Sohns empfängt« und wertet das als »verbrämte Abrechnung«. Ansprechend ist derweil die leider auch überlesbare Rücknahme dieser Pathetisierung: »Zwei Handtücher hatte er sich martialisch um den Hals gebunden, in der einen Hand hielt er eine nach oben aufgerichtete langstielige Rückenbürste, in der anderen Hand einen Nagelzwicker, dessen Nagelfeile ausgeklappt war. Er sah jetzt tatsächlich wie ein König aus – mit Zepter und Schwert. Doch im Gesicht trug er den Stempel des Irrsinns.« Tatsächlich gestelzt wirkt der Vergleich des Vaters mit Lewin (Anna Karenina) als literarischer Figur – wenn der Autor hier auch explizit von dem Vergleich mit König Lear ablenkt. Ja, Geiger greift gar die krankheitsbedingten Neologismen und Sätze poetischer Qualitäten auf (»Aus zukünftig machte er kuhzünftig, das Ende des Lateins, das ich bekundete, konterte er, er selber befinde sich nicht am Ende des Lateins, sondern am Ende des Daseins.«) und rückt sie in die Nähe des literarischen Ausdruck eines Joyce, eines Bernhard. Kann man hier die Debatte um Kunst und Leben sehen; hat das Leiden des Vaters einen Sinn, wenn es ins Medium der Kunst transportiert wird? Oder ist es nur legitim, wenn Geiger die Worte des Vaters wahrnimmt und ernstnimmt, und deren wahrhaft literarischen Charakter nicht leugnet? Braucht es nicht auch eine unverkrampfte Sicht, ein Lächeln über einen Wortdreher, dem man in einem Roman applaudiert hätte? Darf man applaudieren? Die für die FAZ schreibende Felicitas von Lovenberg bejaht: »Überhaupt ist die Sprache des August Geiger die heimliche Heldin dieses Buches [...]« 2. Die Möglichkeit einer Beantwortung der Frage hängt vom eigenen Standpunkt ab: Ist das Bewertungskriterium ästhetisch/ stilistisch, moralisch, literaturwissenschaftlich, biografisch oder medizinisch?

Die Perspektive des schreibenden Sohnes: Probleme des Erzählens

Die Geschichte des Vaters, die eher missglückte Ehe, die Heimatlosigkeit des dementen Mannes, erkennbar als krankheitsbedingtes Aufbrechen der traumatisch bedingten Heimattreue des Kriegsveteranen wird erwähnt; aber ebenso werden – ausgewählte – Teile der Biografie des Autors erzählt. Seltener berichtet der Sohn von sich und seinem Erfolg, meist in Zusammenhang mit der Entwicklung des Vaters. Auch erzählt er von der Entrümpelung vom Haus des dementen Vaters: die Kinder werfen den angesammelten Abfall auf einen Container.

Onkel Josef sagte einmal: »Bei uns daheim war auch vieles nicht recht. Wenn man ein Problem in der Schule hatte, erzählte man es nicht einmal dem Bruder. Und wenn man sich über etwas freute, versteckte man es und ging nach oben in die Kammer und machte dort Luftsprünge.« Als Jugendlicher beurteilte ich die Situation zu Hause ähnlich. Heimisch werden konnte ich hier nur in einer demonstrativen Ausgrenzung, und am Ende hatte jeder von jedem die Schnauze voll, jedenfalls soweit es mich betraf.

Dass der Satz grammatikalisch unkorrekt ist, mag gewollt sein. Man mag es aber auch als Hilflosigkeit des Erzählers deuten, der viele Missstände einfach nur schildert. (Soll das Vergessen, wie im Anschluss angespielt, etwa ein probates Mittel gegen Isolation sein?) Der Erzählende erwähnt seinen Ärger, seinen Hass, seine Fehler, schafft es aber, sich Peinlichkeiten zu ersparen. Dass der Vater im Zentrum steht, geht nicht zu Lasten des schreibenden Sohnes.

Der Aspekt Zeitkritik: Alzheimer als Sinnbild der Gesellschaft?

Viel Nachdenkliches erhält das Buch freilich, und dankenswerterweise wird jeder Hang zur Ratgeberliteratur vermieden. Auch die ›Magie‹ einer Katharina Hagena (Der Geschmack von Apfelkernen) erspart er dem Leser. Schicksal: diesen Begriff lässt Geiger zu. Was sympathisch wäre, wenn er keine Deutungsalternativen gäbe: Alzheimer als Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft? Wenn man den sachlichen Stil beibehalten will: Statistisch ist dies falsch, und auch betrifft Alzheimer größtenteils nur die ältere Bevölkerung. Nichts von dieser Statistik wissen die Schriftsteller der Gegenwartliteratur, die Alzheimer zum wichtigen Thema ihrer Romane machen (wie zum Beispiel auch Tilman Jens, Jonathan Franze und Martin Suter). Offenbar gibt es viele demente Menschen in ihren Familien, die sich zur literarischen Verarbeitung eignen. Ein seltsamer Trend? Ist auch Zeitkritik hier ein Thema? »Man muss auch das Allgemeinste persönlich darstellen«, lautet das dem Roman vorangestellte von Hokusai stammende Motto und verlangt die Bejahung der Frage. Vergessen, Erinnern: Elementare Kategorien des Lebens und des Schreibens, Ausdruck des Selbstverständnisses, der Weltanschauung, der Zeitgeschichte. Seit der literarischen Moderne kann man die Thematik des Erinnerns in Zusammenhang bringen mit einer sich immer schneller wandelnden Welt, die keine Erinnerungskultur mehr kennt und ihren Fokus auf eine menschenverachtende Aktualität (Wachstum, Erfolg, Innovation) zu verlagern droht. Ob es aber einen Zugewinn bringt, diese Problematik zu verbinden mit dem Symbol einer Krankheit, die sich auf zwar nicht erklärbare, aber doch medizinische Ursachen zurückführen lässt? Nur in esoterisch orientierten Heilungsversuchen werden (für jede Krankheit) seelisch-geistige Gründe angeführt 3. Alzheimer ist eine unheilbare und tödlich verlaufende Krankheit, die von einer aktiven Mitbestimmung des gesellschaftlichen Lebens ausschließt. Der Zerfall der Persönlichkeit ist für die Angehörigen grauenvoll zu sehen und bringt Schwierigkeiten, die zu meistern möglicherweise gewinnbringend für den Gesunden sein kann. Erkenntnisse lassen sich bekanntlich aus jeder Krisensituation ziehen, jede Randgruppe der Gesellschaft kann auf deren Probleme hinweisen. Von Demenz betroffenen Menschen, die meist nicht die bestimmende Schicht unserer Gesellschaft darstellen, kann man aber weniger als anderen Außenseitern das Kompliment oder den Vorwurf des eigenen Verschuldens machen. »Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung.« Alzheimer als Sinnbild unserer Gesellschaft zu sehen, verlangt Ausführungen und scheint zunächst als Gratwanderung. Einige Rezensenten setzen hier mit ihrer Kritik an 4.

Das Werk und seine Rezensenten

Die kontroversen Meinungen zu Geigers Roman sprechen eigentlich für ihn, nur schlechte Literatur ist eindeutig. Felicitas von Lovenberg ist so begeistert, dass sie den Artikel (tituliert Wenn einer nichts weiß und doch alles versteht, eine nicht eben günstige Umformulierung einer Aussage Geigers) mit einer lobenden Biografie des Vaters beginnt und darin unter anderem schreibt: »Er besitzt Humor, Güte und Weisheit. Er singt gern. Er ist freundlich und dankbar für jede Freundlichkeit, die ihm erwiesen wird – solange man ihn nicht herumhetzt. Wenn er lächelt, geht einem das Herz auf. August Geiger ist dement. Ich habe ihn gern« (FAZ)). In der sachlicher bleibenden Rezension der NZZ heißt es: »Arno Geigers Der alte König in seinem Exil ist ein taktvolles, filigranes und fabelhaft einfaches Buch, ein Monument für einen Lebenden«. Damit lässt sich die Kritik der NZZ (die immerhin darauf hinweist, dass »Geigers Buch sich nicht als Erzählung ausgibt«) als am wenigsten textferne bezeichnen, wenn sie auch eine uneingeschränkt positive Beurteilung enthält. Ganz anders die – bereits zitierten – Rezensionen von der Zeit und der Süddeutschen Zeitung; letztere bezeichnet beispielsweise den Hinweis auf die lange Entstehungszeit als »eine windelweiche poetologische Rechtfertigungspirouette. Denn Geiger hat sich das Buch nicht zusammengespart, sondern dafür den Vater ausgeplündert.« Am deutlichsten aber verweisen diese Divergenzen in der Rezeption auf die literarische Brisanz des Themas. Die Geigers Ton in puncto Sentimentalität weit übertreffende empathische Beschreibung von Lovenbergs steht Besprechung der Zeit diametral entgegen, die dem Text eine berechnende Pathetisierung unterstellt – »Arno Geigers Gestus ist ein demütiger, bescheidener, liebevoller, dankbarer« (FAZ) versus »Material Vater« (Zeit): ein Hinweis auf die Ängste, die Darstellung von Demenz könne auf die Extrempole von Sterilität und Ausbeutung auf der einen und auf Pathos und Rührseligkeit auf der anderen Seite zusteuern. Diese teils überlauten Kritiken erschweren eine sachliche Auseinandersetzung mit einem sicher nicht perfekten Werk, das jedoch, ebenso wie sein komplexes Thema, ganz unterschiedliche Facetten aufweist. Arno Geiger: »Der alte König in seinem Exil« (Cover)Ein unproblematisches literarisches Sujet ist die Beschreibung einer Alzheimerkrankheit sicher nicht. Dieses schwer in eine Gattung einzuordnende Werk beschreibt und bemerkt mehr als es wertet und deuten will oder kann. Von einem das Leben nachstellenden Gesellschaftsspiel, das die Kinder angeblich spielten, heißt es: »Auch hatten wir keine Vorstellung, wie sehr es tatsächlich oft Glückssache ist, ob einer zurückfällt oder nach vorne kommt. Wenn jemand einen Unfall baute oder wegen Krankheit aussetzen musste, lachten wir schadenfroh.« Zwei unvollständige Biografien, eine Stenographie der Entwicklung einer Altersdemenz, Gesellschaftskritik, Fragen nach den Kriterien von Leben und Literatur: das Werk enthält viele locker nebeneinandergeschichtete Ebenen, die nicht leicht zu verbinden sind oder sein sollen. Die beste Botschaft, die man dem Buch entnehmen kann, ist die Aufforderung, anders mit alten und kranken Menschen umzugehen. Vielleicht sogar jene sachte angedeutete, Menschen gegenüber generell eine andere Haltung einzunehmen: weniger werten, sich mehr einlassen auf den Anderen (und sich selbst), zuhören. Diese Botschaft findet einen Ausdruck. Insgesamt aber lassen sich meiner Meinung nach zu viele Schwächen, zu viele Themen, die literarisch nicht überzeugend vermittelt werden können, ausmachen, um dieses durchaus lesenswerte Buch zu einem überragenden Werk der Gegenwartsliteratur zu bezeichnen. Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. München: Carl Hanser Verlag, 2011. 192 Seiten. ISBN 978-3-446-23634-9. 17,90 Euro.

  • 1. Vgl. z.B. die Rezension der Zeit: Ulrich Stock moniert hier nicht nur den »pathetischen« Titel, sondern auch die mit dem Layout (ein hellgrüner Buchenwald, mit montiertem Bild eines alten Mannes) suggerierte Botschaft: »Wer ein Buch über Alzheimer verkaufen will, muss es lecker gestalten« und »Der Vater wurde ihm Material. Und was für ein Material!« (Ulrich Stock: Material Vater. Der Schriftsteller Arno Geiger schreibt einen Bestseller über den demenzkranken August Geiger, dessen Sohn er ist. In: Die Zeit v. 17.2.2011. – Im Folgenden im Text belegt als: Zeit.) und die der Süddeutschen Zeitung, in der Schmidt schimpft: »Geiger [schiebt] seinen Vater einfach an die Rampe und schöpft den ästhetischen Mehrwert ab, der sich von selbst ergibt« (Christopher Schmidt: Die Krone des Sohnes. Falsche Idylle: Arno Geiger hat ein rührseliges Buch über seinen demenzkranken Vater geschrieben. In: Süddeutsche Zeitung v. 11.2.2011. – Im Folgenden im Text belegt als: SZ.)
  • 2. Felicitas von Lovenberg: Wenn einer nichts weiß und doch alles versteht. Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 4.2.2011. – im Folgenden zit. als: FAZ.
  • 3. L. Hay nennt als wahrscheinlichen Grund für Alzheimer: »Weigerung, mit der Welt so umzugehen, wie sie ist. Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Wut.« (Louise Hay: Heile deinen Körper. Seelisch-geistige Gründe für körperliche Krankheit und ein ganzheitlicher Weg, sie zu überwinden. 4. Aufl. Bielefeld 1989. S. 22.)
  • 4. Die Süddeutsche Zeitung spricht von einer »Überhöhung« und der Deutung der »Auflösung als heroische Verweigerung der Zumutung der Leistungsgesellschaft«. Stock beschließt den Artikel über Geigers »belletristisches Sachbuch« in der Zeit naserümpfend mit: »Für einen Roman reicht die Erfindungshöhe nicht, aber als in seiner Gegenwartslyrik recht idyllisches Pamphlet mag es durchgehen.«

... tödlich verlaufende

... tödlich verlaufende Krankheit - der Vater von Arno Geiger - ob er noch immer lebt? - wird ziemlich alt und wird wohl eher MIT seiner Krankheit sterben. Aber uns wird es derzeit unheimlich, weil viele lange genug leben, um Alzheimer zu bekommen. Und weil die Großfamilien wegfallen, die früher alte oder wunderlich gewordene Menschen auffingen. Aber muss man, wenn dies Thema in einem kleinen Bändchen aus einer bestimmten Perspektive heraus geschildert wird, immer gleich darüber debattieren, welch literarische Form hier nicht / oder doch erfüllt wird? Eins ist mal klar: Arno Geiger gehört zu denen, die schreiben wollen - als Beruf. Also muss er immerzu schreiben und wachsam sein, nichts, was er (be)schreiben kann, auszulassen. Und hier scheint es erstmals gelungen zu sein, Demenz als etwas 'Normales' zu erleben.
Was mir wichtig erschien an diesem Text und weswegen ich das Buch auch sofort ausführlich besprochen habe, war das Gewinnen eines neuen Ausdrucks. Die Welt war und ist ständig im Wandel; erstaunlich ist dabei nur, dass man es jedesmal wieder erstaunlich findet. Aber man muss Worte finden, die JETZT dazu passen, die eindeutig sind. Und in der Wortwahl kann dann auch - wie hier - etwas passieren, was versöhnlicher klingt als das Bisherige. Während z.B. Tilman Jens die Situation seines Vaters beschreibt - klingt es fast wie der Bericht einer 'gerechten' Exekution.

Wenn aber jemand seinen dementen Vater als ein - zwar alten - aber eben 'König' bezeichnet und dessen Zustand als 'Exil', da könnte manch einer die eigene Familien-Konstellation vielleicht neu überdenken und Könige oder Königinnen zu erkennen versuchen und darüber nachdenken, wie man es als 'Exil' erkennt bzw. gestaltet anstatt als Kerker.
Es gab ja gehässige Kommentare zum 'Alten König' - ein paar der Personen dahinter kenne ich: Es sind solche, die überaus gern ein Haar in jeder Suppe finden - insbesondere dann, wenn es so wenig Text ist wie hier, der schnell gelesen ist. Ich mag die, die alles kleinreden wollen, einfach nicht. Sie sind wie Kleinbürger, die ständig des Nachbars Garten im Blickfeld haben - und wehe - da blüht was! An allem kann man meckern: Standort, zu groß - zu klein, Farbe.. bloß einfach zu sagen: Das blüht was Besonderes/Anderes -
das geht unmöglich ohne einen 'sachverstädingen Kommentar.' Eisgekühlt und unumstößlich. Von Fachleuten.
Nun denn ...
Ingeborg Gollwitzer www.buchwelt.de

 

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