»Die eigene Phantasie geht in den Köpfen der Anderen spazieren«

Im Atelier NRW im Literaturhaus Bonn stellen sich sechs Autoren ihrem Publikum

Die Nervosität im Haus der Bildung war am vergangenen Samstagabend im Literaturhaus Bonn spürbar. Die sechs Teilnehmer und die Initiatoren des Atelier NRW, Dorian Steinhoff und Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin, betreten die Bühne. Dazu tritt Almuth Voß vom Literaturhaus Bonn, die auch gleich den Abend eröffnet. Die Abschlusslesung des Atelier NRW, das seit August stattfindet und neben den beiden Initiatoren sechs Autoren vereint, thematisiert diesmal deren Verhältnis zur Öffentlichkeit.

Zuständig für den »Gründungsmythos« innerhalb des Atelier NRW ist Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium gewesen. Er sortierte gerade Manuskripte für die Autorenwerkstatt Prosa, welche jährlich seit 1999 im Literarischen Colloquium Berlin stattfindet, als Dorian Steinhoff fragte, wieso sie nicht mal so eine Werkstatt in NRW machen würden? Geboren war das Atelier NRW, welches dieses Jahr nun schon zum zweiten Mal stattfand. Das Atelier NRW ist eine Textwerkstatt, die jedoch nicht als Nachwuchsförderung gedacht ist. Der Grundgedanke sei eher gewesen, so Initiator Dorian Steinhoff, die Wirkung der Texte vor Kollegen und Publikum auszuprobieren, da Autoren – aufgrund des alleinigen Schaffens – nur eine Binnensicht auf ihr Schaffen haben. Die Teilnehmer sind sich einig, dass man in den vier Stunden Lektorat, in denen jeweils ein Text eines Autors diskutiert wurde, eine neue Perspektive auf das eigene Schaffen erhält. In der Werkstatt, die aus drei Wochenenden bestand, wurden Fragen gestellt wie: Was will dieser Text? Was braucht dieser Text? Wodurch kann ein Text so stark wie möglich werden, in dem was er will? Die Gespräche mit Kollegen seien anders, so Teilnehmerin Barbara Zoschke, als wenn man seinen Text Freunden und Familie vorstellen würde und die Antwort bekäme: »Joa, das ist sehr schön.«

Als Erster an diesem Abend liest Felix-Emeric Tota aus Wuppertal, der Kreatives Schreiben in Hildesheim studiert hat und, wenn er nicht an seinem Romandebüt arbeitet, für der Freitag, jetzt.de und die F.A.Z. schreibt. Der Auszug aus seinem Roman, aktuell noch mit dem Arbeitstitel Das Minutentalent des potentischen Lächelns, beschäftigt sich mit dem Verschwinden aus Gründen der Sozialhygiene und Fragen wie »Was ist das Gegenteil von einer Hälfte?«, »Kann man rückwärts sitzen?« und »Was ist der Plural von ›Ananas‹?« Ein Text, der viele Fragen aufwirft, aber Lust auf mehr macht. Tota sagt selbst über den außergewöhnlichen Titel: »Die Leute haben immer gefragt, was das denn heißen soll. Daraufhin habe ich den Titel zeitweise verworfen. Aber die Kollegen im Atelier haben Klöster angezündet und Fahnen rumgeschwungen, damit ich diesen Titel behalte.«

Von der Rolle des Autors in die des Lesers wechseln

Barbara Zoschke aus Köln, die ebenfalls am Atelier NRW in diesem Jahr teilnahm, hat schon einige Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht (u. a.: Supercat, Flanke ins Weltall, Caroline) und schreibt außerdem Geschichten für das Radio. Sie hat sich mit ihrem ersten belletristischen Text Heimatroman beworben. Dieser sei jedoch kein Heimatroman, sondern handele von einer Autorin, die Heimatromane schreibt. Man kann diesen Text, so Almuth Voß vom Literaturhaus, auch als Text im Text sehen. Dieses komplizierte Konzept wurde im Atelier ein wenig entwirrt, so die Autorin. Zur Inspiration wurden auf Anregung aus dem Atelier natürlich auch echte Heimatromane gelesen.

Als Nächste ist Kristina Leicht aus Düsseldorf dran. Sie arbeitet eigentlich als Rechtsanwältin und kann schon einige Veröffentlichungen als Ghostwriterin und in Literaturzeitschriften vorweisen. Ihr kam eine Sonderrolle an diesem Abend zu, wie Almuth Voß es formulierte, da der Text erst an dem Wochenende kurz vor der Lesung diskutiert wurde. Die Eindrücke seien also noch sehr frisch, so die Autorin. Ihr Romanprojekt Teufelszwirn handelt von Milla, die sich danach sehnt, intensiver zu leben und Zugehörigkeit sucht. Jedoch hat sie keine Erfahrung mit Bindungen und verstrickt sich so in einige Beziehungen mit einer Reihe von exzentrischen Persönlichkeiten.

Mit Yannic Federer aus Bonn tritt ein junger Autor mit vermeintlichem Heimvorteil an. Er promovierte und arbeitet derzeit an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Sein Romanprojekt, welches zunächst sechs Kurzgeschichten umfasste, trägt den Arbeitstitel Funpark. Es geht, so der Autor, um einen Kreis von Menschen, die sich in ihrer Schulzeit kannten, sich und den gemeinsamen Ort jedoch verloren. Federer schreibt, was er als Leser gerne lesen würde. Denn sobald er den Stift hinlege, wechsle er von der Rolle des Autors in die Rolle des Lesers. Federer wollte im Atelier herausfinden, ob sein Text noch funktioniert, wenn ein weiterer Leser hinzukommt. Er bezieht sich in seinem Text auf verschiedene popkulturelle Phänomene, wie zum Beispiel den Song Durch den Monsun von der Band Tokio Hotel und erwähnt im Text, dass dieser im Sommer 2005 auf dem Abiball seines Protagonisten liefe. Daraufhin Tota: »Das kam doch erst etwas später raus«. Federer taufte seinen Autorenkollegen deshalb »Popkultur-Polizei«.

»Im Roman muss man Sprache ›auswälzen‹, in der Lyrik jedoch verdichten«

Aus Bochum bereicherte Monika Buschey die Runde der Autoren. Dass sie gelernte Schauspielerin ist, fällt bei ihrem Vortrag sofort auf. Buschey arbeitet als freie Journalistin für den STERN, die WAZ, den WDR und war mehrere Jahre in der Jury des Adolf-Grimme-Preises tätig. Sie stellte im Rahmen der Veranstaltung einen Text vor, der nicht im Atelier bearbeitet wurde, sondern ein neues Projekt mit dem Titel Mönch im Meer. Der Text stammt aus einer Reihe, in der die Autorin bedeutenden Figuren der Literaturgeschichte eine neue Geschichte verpasst hat. Somit entwickelt sich eine ganz neue Perspektive und auch Figuren, die sonst wenig Beachtung finden, erhalten durch ihre Arbeit eine neue, gänzlich andere Stimme. Zum Beispiel hat sie der Figur des Pater Lorenzo aus Romeo und Julia einen Monolog geschrieben. Die Außergewöhnlichkeit ihres Projektes begründet die Autorin damit, dass sie mit ihrem Schreiben Grenzen überschreiten und Literatur als Risiko zeigen wolle.

Als Letzter liest Stan Lafleur aus Köln aus seinem Romanprojekt. Der Lyriker wagt sich zum ersten Mal – wie er selbst sagt – auf die Prosa-Insel. Im Gespräch mit Almuth Voß wird der Unterschied zwischen Lyrik und Prosa deutlich: »Im Roman muss man Sprache ›auswälzen‹, in der Lyrik jedoch verdichten«, so der Autor. Das seien zwei völlig verschiedene Arbeitsweisen. Sein Textausschnitt lässt sich als experimentell einordnen oder um es mit einem Zitat aus dem Text zu beschreiben, »irrer als jeder Traum«. Er hat viel aus dem Atelier an Eindrücken mitgenommen, müsse jedoch schauen, ob er den Text in Zukunft »in Form presse oder doch in die Tonne kloppe«. Fast alle Autoren schließen mit den Worten: »Es arbeitet in mir.« Auch im Publikum arbeitet es nach der Lesung. Ein Abend, an dem man sehr viel über die persönliche Motivation, aber auch die Zweifel, die einen literarischen Prozess begleiten, erfahren konnte.

 

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