Auf der Suche nach Liebe

Navid Kermani bedient sich in Sozusagen Paris bei den großen französischen Literaten

Was ist eigentlich Liebe? Ist sie das Leben, das man miteinander teilt, das Sorgen um das gemeinsame Kind oder doch etwas ganz Anderes – etwa jenes Mysterium, das in unzähligen Romanen bereits verarbeitet wurde? Fragen wie diesen widmet sich der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani in Sozusagen Paris, der eine Fortsetzung seines 2014 erschienenen Romans Große Liebe ist, doch kann er damit nicht gänzlich überzeugen.

Navid Kermani ist vieles: Publizist, Schriftsteller, habilitierter Orientalist  und seit 2015 gehört er auch zum Kreis der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. In seinem neuesten Roman Sozusagen Paris, der als Fortsetzung seines Romans Große Liebe aus dem Jahr 2014 konzipiert ist, trifft ein Schriftsteller bei einer seiner Lesungen plötzlich auf die Hauptfigur seines Buches: seine Jugendliebe Jutta. Als er sich in sie verliebte, war es ihr Traum, die Welt oder zumindest ein paar arme Menschen zu retten. Heute ist sie Bürgermeisterin, Ärztin, seit langem verheiratet und Mutter von drei Kindern.

In ihrem Wohnzimmer hinterfragt er in einer langen Nacht nicht nur seine Vorstellung von ihr, sondern auch die über Liebe und alles, was er dachte, vom Leben zu kennen. Die Themen reichen weit: Von scheiternden und gescheiterten Ehen über Tantra bis hin zur großen Frage, was denn nun eigentlich Liebe sei. Eine besondere Rolle spielt auch das Alter; wie es unsere Sicht auf die Dinge und vor allem auf die geliebten Menschen verändert. Während des Gesprächs stellt er fest, wie gefühllos Juttas scheinbar perfektes Eheleben in Wahrheit ist. Ist Liebe doch nur ein Machtspiel, welches von Zärtlichkeit überdeckt und vom Hass zusammengehalten wird?

Der Zwang, ein Autor zu sein

Während der langen Unterhaltung, die abseits des Zeitgefühls stattfindet, spielt Kermani immer wieder mit dem Beruf des Protagonisten. Dieser reflektiert ständig darüber, dass er über diese Begegnung ein Buch schreiben wird und analysiert, wie er welchen Dialog verfremden möchte. Er gesteht sich sogar ein, dass er manche Dinge vergessen und vertauscht hat, als er dann anfängt, das Buch zu schreiben. Er fragt sich sogar, ob er das Ganze überhaupt einen Roman nennen darf, da es ja nicht fiktiv ist, sondern eine literarisch verfremdete, aber in seiner Welt wahre Begebenheit. Zudem bringt er immer wieder Gedankenspiele mit ein, in denen er auf seinen eifrigen Lektor trifft, der so manchen Dialog aufgrund fehlender Logik oder fehlenden Sinnes auseinandernimmt.

Auf der Suche nach den Antworten auf die großen Themen wie das der Liebe oder der Ehe bedienen sich die Protagonisten allerdings nicht ihrer eigenen Gedanken, sondern zitieren vornehmlich aus der französischen Literatur. Neben Balzac und Zola hat es dem Schriftsteller besonders Marcel Prousts Recherche angetan. Beinahe fehlerfrei zitiert er seitenlange Zitate aus dessen Buch, als ob er es aufgeschlagen auf dem Schoß liegen hätte. Dieser Umstand wird natürlich auch auf der übergeordneten Ebene vom Autor reflektiert. Die Dauerverweise ermüden im Laufe des Buches und sind zu viel des Guten. Sozusagen Paris schildert zwar in einer schönen und anregenden Sprache die Geschichte einer Nacht, die man so nicht oft erleben wird. Der Roman büßt die Innovation seiner Stilmittel auf lange Sicht jedoch ein und überstrapaziert sie, sodass das Ende der Geschichte nur ein lauer Schluss sein kann, der dadurch begründet wird, dass es bald Morgen wird und jede noch so unterhaltsame Nacht irgendwann enden muss.

Navid Kermani: Sozusagen Paris. Hanser Verlag: München, 2016. 288 Seiten. ISBN 978-3-446-25276-9. 22,00 Euro.

 

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